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Kindliche Entwicklung
29.11.2017  Barbara Vorsamer

Jungs sind halt so

#MeToo für Eltern: Wie man Söhnen Respekt vor Frauen beibringt, und warum es wichtig ist, sie Puppenbuggys schieben zu lassen.
Neulich mit der sechsjährigen Tochter zu Besuch bei einer befreundeten Familie. Der Sohn des Hauses scheucht seine Mutter durch die Küche, verzichtet auf „bitte“ und „danke“ und zerrt seine widerstrebende Klassenkameradin in sein Zimmer, um mit Lego-Bauten anzugeben. Die Mutter zuckt nur die Schultern: „Wenn ein Mädchen da ist, will er Eindruck schinden.“ Jungen sind eben so?

 In den vergangenen Wochen wurde unter dem Hashtag #metoo über Sexismus und sexuelle Belästigung diskutiert. Es ging dabei um zotige Witze und Vergewaltigung, um Machtverhältnisse und Rollenklischees und um die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die sich ja nicht nur als Kolleginnen und Kollegen gegenüberstehen, sondern auch als Freundinnen und Freunde, als Partnerinnen und Partner, als Liebende – und nicht zuletzt als Eltern von Jungen und Mädchen.

 Wir sind weit gekommen mit der Gleichberechtigung, denken wir und schauen auf Männer in Elternzeit, die Kinderwagen durch Parks schieben. Gleichzeitig kaufen wir dem Einjährigen keinen Puppenbuggy, weil es die nur mit rosa Schmetterlingen gibt. Um beim Laufenlernen nicht umzukippen, schiebt er nun einen Plastik-Rasenmäher über den Gehweg. So wird auch die nächste Männergeneration zu einer Generation von Sexisten.
  So ein Schwachsinn, denken jetzt bestimmt einige. Was hat denn Spielzeug damit zu tun, ob jemand später Frauen respektiert? Es wäre schön, könnte man hier hinschreiben: gar nichts, keine Sorge. Die Forschung legt leider etwas anderes nahe. Männliche Jugendliche werden umso eher übergriffig, je stereotyper ihre Rollenbilder sind, das konnten zum Beispiel die Psychologinnen Jennifer Jewell und Christia Brown nachweisen. Platt ausgedrückt: Wer als Kind lernt, dass Mädchen mit Puppen spielen und viel weinen, wohingegen Jungs sich ständig kloppen und Autos mögen – der haut später eher sexistische Sprüche raus und begrapscht Frauen.

Eltern, die das vermeiden wollen, müssen in der Erziehung drei Dinge beachten: Rollenklischees vermeiden, Frauen wertschätzen, Grenzen respektieren. Klingt alles selbstverständlich? In der Welt, in der wir leben, ist es leider ganz schön schwierig. Noch nie war das Warenangebot für Kinder so rigide in weiblich und männlich aufgeteilt wie heute. Es geht nicht mehr nur darum, ob man Ritterburgen oder Prinzessinnenschlösser kauft. Inzwischen ist es eine Herausforderung, ungegenderte Socken oder Kindershampoos zu finden.

Sind doch nur Farben, lautet das Gegenargument. Oder: Mädchen und Jungen sind nun mal unterschiedlich. Beides ist richtig. Neurowissenschaftlerin Lise Eliot hat für ihr Buch „Pink Brain, Blue Brain“ zahlreiche Studien zum Thema ausgewertet und kommt zu dem Schluss: Ja, es gibt schon bei der Geburt kleine Unterschiede zwischen den Geschlechtern, zum Beispiel, dass Jungen ein größeres Bewegungsbedürfnis haben. Danach sind es aber Umwelt und Erziehung, die die Differenzen immer weiter verstärken. Was außerdem oft übersehen wird, ist, dass sich Jungen untereinander und Mädchen untereinander viel stärker unterscheiden als die beiden Gruppen voneinander.

Das ständige Aufteilen in zwei Kategorien verstellt den Blick auf individuelle Eigenschaften. Psychologinnen aus Texas haben Vorschulkinder per Zufall in eine rote und eine blaue Gruppe eingeteilt, ihnen die entsprechenden T-Shirts angezogen und die Farben drei Wochen lang bei jeder Gelegenheit angesprochen. „Guten Morgen Rote, Guten Morgen Blaue!“ Am Ende des Experiments bevorzugten alle Kinder die Mitglieder ihrer eigenen Gruppe und werteten die andere Gruppe ab. Minimalgruppenparadigma heißt dieser Effekt, er wurde seitdem in zahlreichen ähnlichen Experimenten bestätigt.

Was bedeutet es also für unsere Kinder, wenn sie hunderte Male pro Tag daran erinnert werden, zu welchem Geschlecht sie gehören? Morgens im Bad, wenn sie mit der Piraten-Zahnpasta Zähneputzen. In der Schule, wenn sie sich ihr Material aus dem Jungsregal holen. Nachmittags beim Fußball, wenn weit und breit kein einziges Mädchen zu sehen ist. Wenig Berührungspunkte mit „den anderen“ zu haben, schürt Vorurteile und Verachtung. Wann immer möglich, sollten Eltern also dazu ermuntern, mit Kindern des anderen Geschlechts Zeit zu verbringen – allerdings unbedingt ohne den Faktor Geschlecht dabei zu erwähnen.

„Zu sagen ,Lade doch mal ein Mädchen ein‘, ist kontraproduktiv“, findet Almut Schnerring, Co-Autorin des Buches „Die Rosa-Hellblau-Falle“. Besser wäre ihrer Meinung nach: „Mit Max hast du dich das letzte Mal so gestritten. Magst du nicht Luisa einladen? Ihr versteht euch doch gut.“

Generell beugt man Sexismus vor, indem man das Geschlecht möglichst wenig thematisiert. Eine Falle, in die gerade Eltern gerne tappen, die alles richtig machen wollen. Vor lauter Bewusstsein für Genderfallen loben sie Jungen, die Perlenketten basteln, ganz besonders und vermitteln dadurch versehentlich, dass es etwas Ungewöhnliches ist. Besser, man tun so, als wäre nichts. Mädcheneltern fällt das meistens leichter als den Eltern von Jungen, was daran liegt, dass das Übertreten der Norm in diese Richtung akzeptierter ist. Ein wildes Mädchen, das Hosen trägt und Fußball spielt? Ungewöhnlich, aber warum nicht. Ein Junge, der Glitzer liebt und gerne tanzt? Schon viel schwieriger. Woran man sehen kann, dass es hier nicht nur um eine Aufteilung, sondern auch um eine Hierarchie geht. Nicht zu sortieren und nicht zu bewerten, kann man im Alltag mit Kindern gut üben. Am Spielplatz zum Beispiel „das Kind möchte auch mal schaukeln“ sagen statt „der Junge“.

Was Eltern sagen, hat eine Wirkung auf Kinder. Viel größer ist aber der Effekt von dem, was sie vorleben. In puncto Rollenklischees bedeutet das, dass Eltern ihren Kindern hundertmal erzählen können, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Wenn zu Hause immer nur Frauen die Hausarbeit machen und der Mann nicht einmal seine Kaffeetasse in die Spülmaschine stellt, werden sie andere Schlüsse ziehen.

Heißt das nun, dass jede Mutter den Abfluss reinigen und das Wlan einstellen muss, nur um zu zeigen, dass Frauen alles können? Jein. Für das Rollenverständnis ihrer Söhne ist es sicher günstig, das zu sehen. Doch keine Familie muss aus Prinzip die eigene Arbeitsteilung über den Haufen werfen, auch dann nicht, wenn sie eher traditionell ist. Wichtiger ist hier, zu betonen, dass es sich um individuelle Entscheidungen handelt. Wenn Mama den Router nicht bedienen kann, dafür aber jede Eigenheit des Backofens kennt, sagt das viel über Mama aus – und wenig über „die Frauen. Sexistisch wird es erst, wenn man die Aufgaben unterschiedlich bewertet.

Leider passiert genau das häufig. Laut einer OECD-Studie von 2017 erledigen Frauen zwei Drittel aller Tätigkeiten rund um Haushalt, Kindererziehung und Pflege. Manchmal werden sie dafür schlecht bezahlt. Noch öfter gar nicht. Es erscheint aber vielen Menschen als gerecht, dass Programmierer mehr verdienen als Hebammen. Diese unterschiedliche Bewertung von Tätigkeiten zeigt sich schon in der Kindheit. Studien zufolge müssen Töchter wesentlich mehr im Haushalt mithelfen als Söhne, zudem bekommen Jungen häufiger Geld für das, was sie tun. „Fürs Abspülen gibt es nichts, fürs Rasenmähen fünf Euro“, erklärt Almut Schnerring den Kinderzimmer-Pay-Gap.

Sich dessen bewusst zu werden und es künftig zu vermeiden, ist der erste Schritt. Der zweite ist, Weiblichkeit – und alles, was Mädchen und Frauen sind und tun – positiv zu bewerten. Dass der Einjährige keinen Schmetterlings-Buggy bekommt, sondern einen Spielrasenmäher, liegt schließlich nicht nur daran, dass es ein Spielzeug aus der falschen Kiste ist. Es ist darüber hinaus die minderwertige, die Mädchen-Kiste. Zur Wertschätzung des Weiblichen gehört zum Beispiel, mit kleinen Mädchen über andere Dinge als ihre Frisur oder ihr Glitzer-T-Shirt zu sprechen. Ein anderer Aspekt ist, Kindersätze wie „damit spiele ich nicht, das ist für Mädchen“ zu hinterfragen.

Erst recht gilt das, wenn Kinder anfangen, gegenderte Schimpfwörter wie Zicke, Schlampe oder gar „Du Mädchen“ zu verwenden. Der Steigerung „Du F***e“ kann man vorbeugen, indem vom Kleinkindalter an alle Körperteile eine Bezeichnung bekommen, die jeder in der Familie aussprechen kann ohne zu kichern. Was im Alltag ständig benannt wird, funktioniert nicht mehr gut als Schimpfwort. Daher keinesfalls verschämt von „da unten“ sprechen. Auch bei Mädchen ist da etwas, und es heißt zum Beispiel Scheide. Oder Vagina. Oder auch ganz anders – Hauptsache, niemandem fehlen im Ernstfall die Worte.

Der Ernstfall, das ist die sexuelle Belästigung. Wer verhindern will, dass Kinder später mal Täter werden oder als Opfer glauben, selbst schuld zu sein, muss ihnen das Recht auf körperliche Selbstbestimmung vermitteln. „Nein heißt Nein“ und „Ja heißt Ja“, diese Slogans aus der Debatte um das Sexualstrafrecht sind in der Erziehung zentral. Schon kleinste Kinder sollen bestimmen dürfen, wer sie wann wo anfasst. Auch Eltern sollten bei Berührungen sicher gehen, dass das Kind das gerade möchte und – noch wichtiger – ein etwaiges Nein akzeptieren. Sicher gibt es Ausnahmen, Kleinkinder müssen gewaschen und gewickelt werden, gelegentlich auch dann, wenn sie nicht möchten. Doch das soll genau das bleiben: eine Ausnahme.

 „Teaching consent“, wie dieses Konzept im Englischen heißt, beinhaltet zudem, dass man Kinder nicht dazu zwingt, Verwandte zum Abschied zu umarmen oder zu küssen. Und es bedeutet, es nicht mit „Der mag dich halt“ zu entschuldigen, wenn ein Junge im Kindergarten ein Mädchen an den Haaren zieht oder sonst wie piesackt. „Das kommt leider immer noch oft vor“, berichtet Almut Schnerring, die mit ihrem Mann Sascha Verlan auch Fortbildungen in Sachen geschlechtersensible Pädagogik anbietet. „Doch wir müssen uns fragen, welches Bild wir den Kindern hier vermitteln: den Jungs, dass Grenzüberschreitungen in Ordnung sind. Und den Mädchen, dass sie Übergriffe tolerieren müssen, weil sie nett gemeint sind.“

Es sind genau diese Punkte, mit denen sich Erwachsene derzeit in der #metoo-Debatte herumschlagen: Männer, die glauben, sie dürfen. Frauen, die glauben, sie müssen es aushalten. Wer will, dass das aufhört, muss bei sich selbst anfangen – und bei seinen Kindern.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

Foto: Shutterstock
 

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