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Pädagogische Ansätze
17.01.2018  Kathrin Hohmann

Strafen im Kindergarten

Seit dem Jahr 2000 haben Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung (§1631 Abs. 2), Gewalt darf nicht mehr zum Zwecke der Erziehung eingesetzt werden. Dieses Gesetz bezog sich auf die elterliche Erziehung. An deutschen Schulen war die Prügelstrafe vorher schon verboten worden: In der DDR 1949, in der BRD 1973, aber in Bayern erst 1980 (vgl. Wikipedia). Auch wenn Gewalt an Kindern strafbar ist, so werden Demütigungen und körperliche Züchtigungen nach wie vor, teilweise auch aus Überzeugung, eingesetzt (Juul 2014, S. 30).

 Auslöser für das Bedürfnis nach Strafe

Unter Stress, Hektik, Überforderung und Druck entsteht Ärger oder auch Wut. Im Umgang mit den Kindern wird die eigene Frustrationsgrenze überschritten und die Impulskontrolle geschwächt. Obwohl die meisten Fachkräfte sich geschworen haben, durch Worte oder Handlungen auch selbst erlittene Gewalterfahrungen auf keinen Fall weiterzugeben, werden sie laut und/oder übergriffig. Nach dem Motto „wie du mir, so ich dir“ werden dann die Grenzen der Kinder verletzt.
 
Beliebte Strafen im Kindergarten sind der Ausschluss aus der Gruppe, die Streichung einer Aktivität oder eines Ausfluges oder der Entzug einer Belohnung. Diese Strafen werden als Druckmittel in Konfliktsituationen eingesetzt.
 

Die Last der eigenen Erfahrungen

Erwachsene strafen eher, wenn sie selbst Bindungspersonen erlebten, die so vorgegangen sind. Wird das eigene Erleben nicht reflektiert und hinterfragt, wiederholt sich das bekannte Muster meist fast automatisch (vgl. Saalfrank 2017, S. 79 ff.). „Denn jemand, der selber in der Kindheit in Konfliktsituationen abgewertet, gedemütigt, kleingemacht und gestraft wurde, hat dadurch in seinem Bindungs- und Beziehungssystem einen Reflex eingepflanzt und verankert bekommen. Einen Reflex, der etwas Kämpferisches birgt (…). Diese eingebrannten Beziehungsmechanismen kommen bei Stress und Überforderung zutage, in Form von wenig liebevollem Handeln durch Strafen, Sanktionen und Konsequenzen (…)“ (ebd., S. 81).

Durch die Reflexion des eigenen Handelns ist es möglich neue Handlungswege zu entwickeln. Dieser Weg ist aber häufig auch für Fachkräfte unter Stress und Überforderung sehr schwierig. Im emotionalen Nervensystem sind die eigenen Erfahrungen tief verwurzelt. Diese werden unter Umständen im Schnellverfahren abgerufen.
 
Erwachsene tragen immer die Verantwortung für das eigene Handeln, aber selbst ausgebildete Fachkräfte müssen sich eingestehen, dass sie verletzlich sind und dementsprechend unter Umständen reagieren.
„So sind frühe unerfüllte emotionale Bedürfnisse an bestimmte Handlungsimpulse gekoppelt (…). Sich diese unerfüllten emotionalen Bedürfnisse anzuschauen und einzugestehen, ist nicht einfach. Es ist heikel, sich den tiefer liegenden emotionalen Ursachen, die zu diesem Kreislauf führen, im Einzelnen zuzuwenden, denn sie bergen mitunter frühen Schmerz und Trauer über ungestillte Bedürfnisse. Und doch ist es ein wesentlicher Baustein auf dem Weg, den Kreislauf zu unterbrechen“ (ebd., S. 82).

Die Folgen von Strafen

Fachkräfte sind bestrebt, Kinder und die Kindergruppe zu bilden und zu erziehen, im Sinne des Bildungsauftrages und den Ansprüchen der Eltern und KollegInnen. Sie verfolgen mit dem Einsatz von Strafen also vordergründig das Ziel, Fehlverhalten zu minimieren und zu verändern (vgl. Haug-Schnabel 2011, S. 127 f.).  Ob Strafen aber im Sinne der Kinder von den Fachkräften eingesetzt werden, ist fraglich. Durch den Einsatz von Strafen wird automatisch die Schwäche der Kinder in den Vordergrund gerückt und die Fachkraft tritt in die mächtige, autoritäre Position.

Wenn die Fachkraft reflexartig, machtvoll und autoritär reagiert und Demütigungen des einzelnen Kindes oder der Kindergruppe in Kauf nimmt, wird sie ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag nicht gerecht.

Die Überforderung ansprechen!

Die Arbeit mit Kindern ist sehr herausfordernd, sowohl physisch wie auch psychisch. Jede Situation erfordert eine hohe Aufmerksamkeit und die PädagogIn im Ganzen.  PädagogInnen stehen täglich im „Rampenlicht“ und werden unabhängig von der eigenen Verfassung und Befindlichkeiten stark gefordert. Es ist ratsam mit Ängsten, Gefühlen der Überforderung und Zweifeln offen umzugehen und diese zu benennen.

Fühlen sich Fachkräfte in ihrem Selbstwert gekränkt und reagieren mit Ärger und Wut, verhängen Strafen, Sanktionen oder richten die eigenen Gefühle gegen die Kinder, so ist unabdingbar diese Dynamik zu hinterfragen. Kinder haben ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung, auch bei schlechten Rahmenbedingungen.
Diese „reflexartigen Momente“ gilt es in Ruhe zu betrachten, um mit externer Unterstützung (z.B. Supervision) oder im vertrauten Team gemeinsam nach Veränderungen und Lösungen zu schauen und andere Handlungsalternativen einzuspielen.

Fazit

Erwachsene tragen die Verantwortung für die Form der Beziehung zu den Kindern und für das eigene Handeln. Kinder tragen keine Schuld für den  Ärger der PädagogInnen und deren Reaktionen. Sie lösen lediglich Handlungen aus und wecken alte Muster, die gefühlt Fässer zum Überlaufen bringen können. Kinder sind dafür die falschen Ansprechpartner. Denn grundsätzlich möchten Kinder kooperieren und sich in Beziehungen wertvoll und anerkannt fühlen, wie Erwachsene auch.

Um den Umgang mit schwierigen und herausfordernden Situationen zu lernen, benötigen Kinder verlässliche Erwachsene, die ihnen dies vorleben. Es geht vor allem darum, die Grenzen der Kinder zu achten und zu respektieren, wenn erwartet wird, dass auch die Kinder die Grenzen der anderen Mitmenschen schützen.
Kinder achten viel stärker darauf was ihnen vorgelebt, als was ihnen gesagt wird. Wird von ihnen erwartet/gewünscht, sich in gefühlsstarken konfliktreichen Situationen gewaltlos und empathisch zu verhalten, ist es am wichtigsten, ihnen dies zu zeigen. Auch wenn seitens der Fachkräfte ein kindliches Verhalten nicht nachvollziehbar ist, darf kein Kind herabgewürdigt oder gedemütigt werden. Die Fachkraft sollte ihren Standpunkt für das Kind verständlich und klar formulieren. So erhalten Kinder die Möglichkeit dies zu erlernen.  Werden ihre Grenzen und Bedürfnisse gewahrt, achten sie auch auf die der anderen.
 
Literatur
Focali, E. (2011): Aggressionen und Gewalt begegnen. Konfliktbewältigung in der Kita. Köln (1. Auflage)
Haug-Schnabel, G. (2011): Aggressionen bei Kindern. Praxiskompetenz für Erzieherinnen. Freiburg im Breisgau (2. Auflage)
Juul, J. (2014): Aggression: Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist. Frankfurt am Main
Saalfrank, K. (2017): Kindheit ohne Strafen. Neue wertschätzende Wege für Eltern, die es anders machen wollen
https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6rperstrafe

Die Autorin
Kathrin Hohmann, 1983 geboren, hat Erziehung und Bildung im Kindesalter (BA) und Soziale Arbeit mit
dem Schwerpunkt Familie (MA) studiert. In Berlin gründete sie einen Verein und baute bilinguale Kindertagesstätten auf. Sie arbeitet im In- und Ausland als Kindergartenleiterin, Kindheitspädagogin und leitet Workshops für Eltern und Fachkräfte. Kathrin Hohmann bloggt auf ihrem Blog www.kindheiterleben.de. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Valencia/Spanien.
 
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