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Welt
24.01.2018  Christoph Neidhart

Südkorea: Streit um Englisch im Kindergarten

In Südkorea legen sich Eltern für die Ausbildung ihrer Kinder sogar mit der Regierung an: Sie wollen Englischunterricht im Kindergarten.
Tokio – Kleine Kinder sollen spielen, nicht Englisch büffeln. Mit dieser Begründung hat Südkoreas Regierung ein Gesetz beschlossen, dass es Kindergärten verbietet, den Kleinsten Fremdsprachen beizubringen. Oder auch nur, englische Muttersprachler als Lehrpersonen einzustellen. Der frühe Fremdsprachenunterricht setze die Kinder zu sehr unter Druck. Das Gesetz hätte dieser Tage in Kraft treten sollen. Vorige Woche jedoch hat das Erziehungsministerium dem Druck vieler Eltern und der privaten Kindergärten nachgegeben und es ausgesetzt, vorerst für ein Jahr. Begründet wurde die Suspension des Verbots genau gleich wie zuvor das Verbot: Kleine Kinder sollen spielen, nicht Englisch büffeln. Das Englisch-Verbot werde sie noch mehr Stress aussetzen.

Der Streit, ob ein Schulsystem schon die Jüngsten an Fremdsprachen heranführen soll, tobt in vielen Ländern. In der koreanischen Presse warnen Konservative vor dem Verlust der Muttersprache und der eigenen Kultur. Außerdem sei ein früher Fremdsprachenunterricht ineffektiv. Die Gegenseite warnt, in einer globalisierten Welt verpasse Südkorea (wirtschaftlich) den Anschluss. Südkoreanische Konzerne sind auf der ganzen Welt präsent, aber die Südkoreaner gehören zu den Nationen mit den geringsten Englischkenntnissen.

Im Streit um den Fremdsprachenunterricht für die Kleinsten gibt es Experten, die zeigen zu können glauben, er bringe nichts. Mehrsprachig aufwachsende Kinder beweisen zwar das Gegenteil, aber die Theoretiker erklären sie zu Sonderfällen. Oder behaupten, mehrsprachige Kinder seien später in keiner Sprache wirklich zu Hause. Allerdings gibt es in vielen Ländern „Früh-Englisch“, das ja auch spielerisch unterrichtet werden kann. In China zum Beispiel.

Im „überhitzten Erziehungssystem“, wie der in Seoul lebende Brite Christopher Briscoe Südkoreas Schulen im Korea Herald nannte, erreicht dieser Streit ganz andere Dimensionen. Englisch stand nie auf dem südkoreanischen Lehrplan für kleine Kinder. Es soll erst ab der dritten Grundschulklasse unterrichtet werden. Private koreanische Institutionen, die Englisch unterrichten, dürfen sich deshalb nicht „Kindergarten“, „Kindertagesstätte“ oder „Vorschule“ nennen.

Das ist schon lange so. Dennoch bieten die meisten privaten Kindergärten Englisch an, ihre Zahl hat stetig zugenommen. Viele dieser „illegalen“ Kindergärten beschäftigen sogar Englisch-Muttersprachler als Erzieher. Koreanische Eltern zahlen bis zu 20 Millionen Won pro Jahr, umgerechnet 15 000 Euro, für einen solchen Kindergartenplatz. Drei- bis viermal mehr als für eine Vorschule, in der nur Koreanisch gesprochen wird. Schon seit 1995 gibt es in Korea Kindergarten-Versionen bekannter Englisch-Sprachtests.

Als die Erziehungsbehörden von Seoul vor drei Jahren gegen einen Kindergarten mit Englischunterricht vorgingen, wehrte dieser sich vor Gericht. Und gewann. Das neue Verbot sollte dem Staat nun das juristische Instrument an die Hand geben, Strafen bis zur Schließung solcher Kindergärten durchzusetzen.

Wegen des Verbots, das auch für die ersten beiden Grundschulklassen gelten sollte, werde kein einziges Kind nicht ins Früh-Englisch geschickt, argumentieren dessen Gegner. Es würde die Kleinen sogar noch mehr Stress aussetzen. In der äußerst kompetitiven südkoreanischen Gesellschaft tun Eltern alles für die Ausbildung ihrer Kinder. Sie ziehen dafür sogar in andere Städte oder Stadtteile, falls die Schulen dort als besser gelten. In der Umgebung namhafter Schulen sind die Immobilienpreise deutlich höher. Das ganze Leben mancher Mütter dreht sich darum, die Kinder am Lernen zu halten.

Solche Eltern würden, sollte das Verbot durchgesetzt werden, ihre Jüngsten einfach in die sogenannten „Hagwon“ schicken, warnen die Gegner des Verbots. Hagwon sind Abendschulen, von denen einige bis Mitternacht unterrichten. Auch das ist eigentlich verboten. Im Jahre 2010 hat Seoul eine Sperrstunde von 22 Uhr für die Paukschulen eingeführt. Aber sie lässt sich nicht überall durchsetzen.

In Korea ist Bildung ein Milliardengeschäft. Die Tageszeitung Joongang Ilbo zählt 70 000 Hagwon. Koreas Haushalte geben mehr als zehn Prozent ihres Budgets oder zusammen jährlich etwa 19 Billionen Won, 14,5 Milliarden Euro, für die Hagwon aus, einen großen Teil davon für Englisch-unterricht. Selbst jene Kinder, die keine Nachhilfe bräuchten, wollen in die Hagwon. Alle ihre Klassenkameraden gehen schließlich auch. Zudem bereiten die Paukschulen Mittelschüler gezielt auf die Universitäts-Aufnahmeprüfung vor, deren Ausgang die Weichen für das ganze Leben stellt. Wer es an eine gute Uni schafft, findet später in einem der großen Konzerne Arbeit.

Viele andere junge Koreaner sind zwar gut, aber falsch ausgebildet. Sie finden keine Stelle. Obwohl die Arbeitslosenrate in Südkorea mit 3,8 Prozent insgesamt gering ist, liegt sie bei den 15- bis 24-Jährigen bei über elf Prozent. Wenn Eltern für eine möglichst optimale Ausbildung ihrer Kinder kämpfen, dann nicht nur, weil Bildung in dieser Nation, die den Buchdruck lange vor Gutenberg erfand, einen sehr hohen Stellenwert hat. Sie tun es auch deshalb, weil die Aufnahmeprüfung für die Universität über ihren künftigen Lebensstandard mitentscheidet. Dafür müssen schon die Kleinsten pauken. Mit ihrem nun vorerst suspendierten Verbot entscheidet die Regierung bloß, ob sie das im Kindergarten tun oder abends danach.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

Foto: Shutterstock
 

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