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Perspektiven
01.02.2018  Thomas Hahn

"Hochbegabung ist ein Persönlichkeitsmerkmal wie Freundlichkeit oder große Füße"

Ein hochbegabtes Kind ist der Traum vieler Eltern. Das bedeutet aber nicht automatisch sehr gute Noten und ein leichtes Leben
Max Volbers hat jetzt etwas ganz anderes im Kopf als das, was er im Kopf hat. Er ist einer der versiertesten Blockflötisten Deutschlands, vielmaliger Preisträger, Stipendiat der Deutschen Stiftung Musikleben. Er wurde in die Bundesauswahl „Konzerte Junger Künstler“ berufen, was ihm zusätzliche Auftritte bringen dürfte neben denen, die er ohnehin schon hatte, unter anderem in Singapur und Südkorea. Max Volbers, 23, ist eingebogen in eine Karriere als Profi-Musiker. Die alten Wunderkind-Geschichten rund um seine sogenannte Hochbegabung findet er deshalb nicht wichtig. Dass er mit vier lesen konnte, dass er mit fünf Jahren bis hundert zählte – „daran erinnere ich mich teilweise auch gar nicht mehr.“

Aber sein Vater Martin Volbers erzählt besagte Geschichten gerne. Denn damit kann er zeigen, was es heißt, mit Hochbegabung zu tun zu haben. Wie wunderbar das ist, aber auch wie anstrengend.

Hochbegabung ist ein Persönlichkeitsmerkmal wie Freundlichkeit oder große Füße. Sie ist zum Teil genetisch bedingt und messbar. Wer beim Intelligenztest 130 Punkte und mehr erreicht, gilt als hochbegabt, als Mensch mit besonderen Lern- und Denk-Fähigkeiten also. Nur zwei Prozent der Bevölkerung besitzen diese Eigenschaft. „Das ist leider weniger, als die meisten Eltern denken“, sagt Martin Holtmann, Ärztlicher Direktor der LWL-Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamm.

Das Talent des eigenen Kindes ist für viele Erwachsene der ganze Stolz, und Hochbegabung kann der süße Grund für bittere Erfahrungen sein. Hochbegabte Kinder haben manchmal Probleme in der Schule. Sie können schon, was der Rest der Klasse nur mühsam lernt, passen deshalb im Unterricht nicht auf und sind gereizt. Aber Hochbegabung ist eben die Ausnahme, und manche Eltern sind enttäuscht, wenn sich zeigt, dass ihr Kind normal begabt und trotzdem schlecht in der Schule ist.

Für die Hochbegabten selbst wiederum kann es quälend sein, in Dimensionen zu denken, die andere nicht erreichen. „Manche hochbegabte Kinder neigen dazu, mehr zu grübeln, als ihnen guttut, und deshalb in depressiven Stimmungen zu versacken“, sagt Holtmann. Und dass außerordentliche Intelligenz automatisch zu Verehrung und Beifall führt, stimmt auch nicht, wie Anke Bauer bezeugen kann.

Anke Bauer (Name geändert), 54, derzeit arbeitssuchend, hatte schon als Jugendliche das Gefühl, anders zu ticken als andere. Die Gleichaltrigen tanzten zu Popmusik, sie mochte mittelalterliche Minnelieder. Sie hinterfragte Lehrer und eckte an. Mitschüler ließen sie spüren, dass sie sie seltsam fanden. „Ich dachte immer, was bin ich für ein komisches Tier.“ Weil sie so viele Interessen hatte, fiel ihr die Berufswahl schwer. Archäologie war erst ihr Traum, dann machte sie Ausbildungen als Journalistin und als Schreinerin. Letztlich wurde sie kaufmännische Angestellte.

Sie arbeitete für verschiedene Firmen. Aber immer wieder hatte sie das gleiche Problem. Sie erkannte Verbesserungsmöglichkeiten in der Organisation früher als andere, sie machte darauf aufmerksam oder nahm selbständig Korrekturen vor. Andere legten ihr das als Anmaßung aus, Ausgrenzung, sogar Mobbing waren die Folge. Selbstzweifel plagten sie. Bei insgesamt drei Therapeuten suchte sie Rat. Vergeblich. Eines Tages gab ihr ein Bekannter ein Buch: „Außergewöhnlich normal“ von der Hochbegabten-Expertin Anne Heintze. Sie staunte: Das Buch beschrieb genau ihre Probleme. Sie machte einen IQ-Test.

Anke Bauer fände es nicht intelligent, jedes Problem auf ihren hohen Intelligenzquotienten zu schieben. Aber er erklärt manches. Das Testergebnis hat ihr Selbstwertgefühl gesteigert, zumal es sie für eine Mitgliedschaft bei dem Hochbegabten-Netzwerk Mensa qualifiziert. „Mensa hilft mir, Leute zu finden, die wie ich ticken.“

Hochbegabung ist kein Selbstläufer, man muss sie pflegen und begreifen, sie mal demütig zurücknehmen, mal mutig vertreten. „Man muss Strategien entwickeln, damit man sie nutzen kann, ohne dass sie zum Nachteil gereicht“, sagt Jugendpsychiater Holtmann. Und das gilt auch für alle, die mit Hochbegabten zu tun haben. „Das Problem liegt nicht in der Hochbegabung an sich, sondern am Umgang der Gesellschaft damit“, meint Anke Bauer. Es gab schon hochbegabte Kinder, die auf der Förderschule landeten, weil Lehrer nicht verstanden, was hinter ihrem auffälligen Verhalten wirklich steckte. Es gibt Eltern, die sich so auf die Hochbegabung ihrer Kinder versteifen, dass sie den Schulen misstrauen.

Martin und Gudula Volbers zählen zu den Eltern, die die Hochbegabung ihrer Kinder ernst nehmen, ohne sie zu überhöhen. Sie sitzen in ihrer Wohnküche in Havixbeck bei Münster und berichten mit leisem Stolz von ihren fünf Kindern, die alle auffällig intelligent sind. Max ist der Älteste, durch ihn lernten sie die Tücken und Herrlichkeiten der Hochbegabung überhaupt erst kennen. „Er war drei“, erzählt Martin Volbers, „da habe ich gemerkt, dass sich so ein Menschlein mit einer Wucht an mich lehnt, die mich überfordert.“

Der Bub sprach sehr früh in ganzen Sätzen und interessierte sich für Buchstaben. Er wirkte gewandter als andere in seinem Alter. Das Thema Hochbegabung kam ins Spiel. „Und dann muss man dazu stehen“, sagt Martin Volbers.

Das Unerklärliche kommt oft nicht gut an. Und wenn ein Fünfjähriger im Kindergarten Bücher vorliest, wie Max Volbers das einst tat, dann ist das für viele unerklärlich. Martin und Gudula Volbers mussten lernen, mit dem teilweise missgünstigen Staunen der anderen umzugehen – und gleichzeitig der geistigen Frühreife des Sohnes den nötigen Raum zu lassen. Das klappte nicht immer. Max langweilte sich in der ersten Klasse. „Er fing an zu provozieren, was doof ist, wenn man der Kleinste ist“, erzählt Vater Martin Volbers. Erst als er nach den Herbstferien in die zweite Klasse wechseln durfte, entspannte er sich. Und als ihm die Schule wieder zu leicht wurde, entdeckte er das Instrument, das seine rettende Herausforderung wurde: die Blockflöte. „Gott sei Dank“, sagt Martin Volbers.

Es gibt kein Muster für den Umgang mit Hochbegabten, und wohin das besondere Talent zum Denken jemanden trägt, ist auch unterschiedlich. Bei Paul, dem Zweitgeborenen, bestand mal der Verdacht auf Lese-Rechtschreibschwäche. Der Intelligenztest legte nahe: Der Junge denkt schneller, als er schreiben kann, deshalb ist das Schreiben für ihn eine Qual. Seine Möglichkeiten waren später vielfältig, aber am liebsten reparierte er Autos. Heute macht er eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker für Nutzfahrzeuge. Jonathan, heute 19, war 16, als er einem Professor die Entstehung des Universums erklärte. Wie Max studiert er am Mozarteum in Salzburg Blockflöte. Theresa, elf, und Catharina, neun, haben für ihre Berufsentscheidungen noch etwas Zeit. Und Papa Volbers, 54, Software-Architekt, weiß seit neun Jahren, dass er selbst hochbegabt ist.

So viel Intelligenz unter einem Dach – irgendwie erschreckend. Aber Martin Volbers kann alle beruhigen, die glauben, in seinem Haus ereigneten sich ausschließlich Meisterleistungen. „Die Fähigkeit, mit Starkstrom zu denken, produziert in jede Richtung – insbesondere in die völlig bekloppte – erstaunliche Ergebnisse.“ Er selbst ist schon mal beim Gurkenschneiden gescheitert, weil er übersah, dass das Schneidebrettchen zum großen Teil über der Tischkante lag. Volbers lächelt. Intelligenz führt nicht immer zum Erfolg.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

Foto: Fotolia

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