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Grundschule
12.02.2018  Basil Wegener (Berlin)

Länder diskutieren Moratorium bei Inklusion an Schulen

Der Deutsche Lehrerverband hat mit der Forderung nach einem Aussetzen der Inklusion an den Schulen kontroverse Reaktionen in den Ländern ausgelöst. „Was wir jetzt brauchen, ist ein Moratorium bei der Inklusion“, sagte Präsident Heinz-Peter Meidinger der Zeitung „Die Welt“ am 5. Januar. Der Verband Bildung und Erziehung widersprach dem teils. „Wir brauchen keine Bedenkzeit, wir brauchen Gelingensbedingungen“, forderte VBE-Chef Udo Beckmann am 8. Februar.
Unter inklusiver Pädagogik versteht man das gemeinsame Unterrichten aller Kinder an Regelschulen, also auch Kinder mit besonderem Förderbedarf wegen einer Behinderung. Basis ist die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit einer Behinderung, die die Inklusion 2006 zum Menschenrecht erklärt hat und seit 2009 in Deutschland in Kraft ist.

Meidinger sagte, viele Bundesländer hätten den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht, also Förderschulen geschlossen, ohne die Regelschulen auf Inklusion vorzubereiten. Nötig sei eine Bestandsaufnahme: „Was funk-tioniert, und was funktioniert nicht?“ Man werde dann zu dem Schluss kommen, dass es ohne massive zusätzliche Finanzmittel nicht gehen werde. „Im Endeffekt braucht jede Klasse, die Inklusionsschüler hat, eine Zweitlehrkraft.“


Verbände einig: Inklusion erfordert zwei Lehrer in Inklusionsklassen

Das fordert auch der VBE. „Ohne die notwendigen Gelingensbedingungen, wie die Doppelbesetzung in inklusiven Lerngruppen, die Unterstützung durch multiprofessionelle Teams und ausreichend Fortbildungen, die innerhalb der Dienstzeit wahrgenommen werden können, kann Inklusion nicht gelingen“, erklärte Beckmann. Er wies zugleich auf die TV-Premiere des Films „Ich. Du. Inklusion“ am 10. Februar um 22.30 Uhr bei Phoenix. hin. „Hier sieht man in regelrecht bedrückender Weise, wie sich die Lehrerin mit einer sehr positiven Grundhaltung zur Inklusion um ein inklusives Miteinander bemüht, aber an der Realität regelrecht zerbricht.“

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Berlin braucht kein Moratorium bei der Inklusion. Wir sind hier auf einem guten Weg.“ Berlin habe im Vergleich mit anderen Ländern früh mit der Inklusion begonnen und gehe stufenweise vor. „Dabei nehmen wir auf den Elternwunsch Rücksicht.“ Förderzentren würden nur geschlossen, wenn es zu wenig Schüleranmeldungen für eine Schule gebe. „Für die Inklusion bekommen Schulen zusätzliche Mittel, es gibt auch die entsprechende Beratungsstruktur.“

Länder wollen kein Moratorium bei Inklusion

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien plädierte hingegen für eine Bestandsaufnahme der Inklusion an Schulen. Ein solcher Schritt sei jetzt richtig und wichtig, sagte die CDU-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. In Schleswig-Holstein wird seit 1990 das gemeinsame Unterrichten von behinderten und nichtbehinderten Schülern vorangetrieben. „Die qualitative Ausstattung und Organisation der Zusammenarbeit zwischen Regelschulen und Förderzentren muss so verbessert werden, dass das Inklusionskonzept allen Schülerinnen und Schülern gerecht werden kann und Lehrkräfte nicht dauerhaft überfordert werden“, sagte Prien.

In Mecklenburg-Vorpommern bekannten sich sowohl das Bildungsministerium als auch die Linke im Landtag zu Zielen und Wegen inklusiver Pädagogik. „Die UN-Behindertenrechtskonvention ist geltendes Recht und muss umgesetzt werden. Inklusion kann nicht ausgesetzt werden, sie findet längst überall statt“, konstatierte die Vorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Simone Oldenburg.

Ein Sprecher des Bildungsministeriums verwies auf die im Land über Parteigrenzen hinweg vereinbarte Inklusionsstrategie bis zum Jahr 2023. „Damit ist Mecklenburg-Vorpommern gut aufgestellt“, sagte der Sprecher. In Mecklenburg-Vorpommern sollen nicht alle Förderschulen aufgelöst werden. Ende 2016 hatte es im Land noch 79 davon gegeben.

Meidinger sagte, wenn die Unterschiedlichkeit der Leistungen eine gewisse Schwelle überschreite, dann stelle sie nicht nur das Lehrpersonal vor Herausforderungen. Sie gefährde mit Sicherheit den Lernfortschritt aller.


Internet:
- Lehrerverband http://dpaq.de/AoomK VBE zur Inklusion http://dpaq.de/DMTnX
- Inklusionsstrategie der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern http://dpaq.de/w0Bc1

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Kita

05.02.2018   Andreas Rabenstein
Kitas sind wichtig für das Deutschlernen
Kleine Kinder mit ausländischer Herkunft besuchen in Berlin weniger häufig Kindertagesstätten. Zudem beginnen sie mit dem Kitabesuch im Durchschnitt etwas später. Entsprechend gibt es einen deutlichen Anteil bei den Kindern im Vorschul- und Einschulungsalter, die die deutsche Sprache nicht oder fehlerhaft sprechen.
Das geht aus der Antwort des Berliner Senats auf eine Parlamentarische Anfrage der AfD hervor. Im März 2017 hatten demnach von den rund 156 500 Kindern in den Kitas 34 Prozent mindestens einen Elternteil mit einer ausländischen Herkunft. 30 Prozent kamen aus einer Familie, in der nicht überwiegend Deutsch gesprochen wurde. Der Gesamtanteil der Kinder mit nicht-deutscher Herkunft liegt in Berlin bei Kleinkindern und Jugendlichen unter 15 Jahren bei knapp 50 Prozent – was sich in den Kitas nicht im gleich Maß wiederfindet.

Die Betreuung in der Kita beginnt bei Kindern mit ausländischer Herkunft später als bei deutschstämmigen Kindern. Der größte Teil der Kinder, die im Sommer 2017 in einer Kita betreut wurden, war dort im Alter von weni-ger als einem Jahr oder zwischen ein und zwei Jahren angekommen. Die Anteile der Kinder nichtdeutscher Herkunft lagen dabei mit knapp 13 und knapp 27 Prozent deutlich unter ihrem Gesamtanteil. Bei älteren Kindern, die erst mit zwei, drei, vier oder fünf Jahren in die Kita kamen, stellten die nichtdeutschen Kinder hingegen die Mehrheit von 58 bis 72 Prozent.

Klar wird aus Zahlen der Schuleingangsuntersuchung 2016 auch, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Sprachfähigkeit und der Dauer des Kita-Besuchs gibt. „Eine längere Kita-Besuchszeit wirkt sich positiv auf die Sprachfähigkeiten der Kinder aus“, schreibt der Senat.

Sieben von zehn Migrantenkindern sprechen gutes Deutsch

Von den knapp 13 000 Kindern mit ausländischer Herkunft sprachen bei der Untersuchung 68 Prozent gutes oder sehr gutes Deutsch. 19 Prozent sprachen fehlerhaft, 13 Prozent kaum oder gar kein Deutsch. Die Unter-schiede werden durch den Kitabesuch erklärt: Ohne Kita oder mit nur einem halben Jahr dort konnten zwischen 70 und 80 Prozent der Kinder kein oder kaum Deutsch. Auch mit nur 1,5 bis 2 Jahren Kita sprachen 24 Prozent kein oder kaum Deutsch und weitere 32 Prozent fehlerhaft. Erst deutlich mehr als zwei Jahre Kita brachten den Durchbruch: der Kinder-Anteil mit sehr schlechter oder fehlerhafter Sprache sank auf 22 Prozent.

„Je länger die Kinder nichtdeutscher Herkunft die Kindertageseinrichtung besuchen, desto besser sind ihre Sprachkenntnisse“, schrieb der Senat. „Diese Kinder verfügen über einen altersgemäßen deutschen Wortschatz und ebenfalls altersgemäße gute Kenntnisse der deutschen Grammatik.“

Völlig fehlerfrei sprechen auch viele Kinder deutscher Herkunft nicht. 27 000 Kinder deutscher und nichtdeutscher Herkunft nahmen an der Untersuchung 2016 teil. Davon wiesen 26 Prozent zumindest Defizite beim Sprechen auf.

Mit der steigenden Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund und Einwanderern in Berlin gibt es immer mehr Kitas mit einem hohen Anteil von Kindern nichtdeutscher Herkunft. In knapp 24 Prozent der 2556 erfassten Kitas liegt der Anteil dieser Kinder über 50 Prozent.

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