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Perspektiven
15.04.2018  Stefanie Kirsten im Interview mit Kerstin Pack

Erzieherinnen streiken für gute Betreuung

"Wenn sich an dem Einkommensniveau nichts verändert und wir keine neuen Fachkräfte gewinnen können, bedeutet das [...] es wird viel mehr unbesetzte Stellen geben und das wiederum wird zur Folge haben, dass nicht alle Kinder in dem Umfang betreut werden können, wie das heutzutage Standard ist" sagte die Gewerkschafterin Stefanie Kirsten, ausgebildete Erzieherin und seit 17 Jahren Leiterin einer Kindertagesstätte in Troisdorf im Interview mit Kerstin Pack von Frühe Bildung online.
Darüber hinaus ist Stefanie Kirsten zertifizierte Fachkraft für Reggio-Pädagogik und Multiplikatorin für alltagsintegrierte Sprachbildung des Landes NRW. Für beide Bereiche arbeitet sie seit Jahren auch als Referentin. Kerstin Pack sprach mit ihr am Samstag, dem 14.04.2018.
                                                                                                                            
                                                                                                                              Foto: Stefanie Kirsten
 
Frühe Bildung Online:
Hallo Frau Kirsten! Schön, dass Sie sich die Zeit nehmen, um uns ein paar Fragen zur aktuellen Situation in den Tarifverhandlungen zu beantworten.  Als Leiterin einer Kindertageseinrichtung in Troisdorf und ehrenamtlich tätiges Gewerkschaftsmitglied sind Sie uns als Ansprechpartnerin empfohlen worden, um die Situation vor allem mit Blick auf die Auswirkungen im Bereich der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung zu analysieren.
 
Stefanie Kirsten:
Ich bin seit 11 Jahren Leiterin der Kita Am Burghof, deren Konzept sich an der Reggio-Pädagogik orientiert. Wir betreuen 115 Kinder im Alter von 3-6 Jahren. Etwa 10% der zu betreuenden Kinder haben eine Behinderung oder sind aufgrund erheblicher Entwicklungsrückstände von Behinderung bedroht.  Seit vielen Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich in der Gewerkschaft ver.di. Ein besonderes Anliegen ist es mir, die ständig steigenden Herausforderungen  des Erzieherberufes deutlich zu machen und dafür zu sorgen, dass man uns in der Öffentlichkeit anders wahrnimmt.
 
Frühe Bildung Online:
In zahlreichen Kommentaren auf Facebook und Twitter geben KollegInnen an, dass es ihnen nicht um mehr Geld, sondern vielmehr um mehr Anerkennung und einen besseren Personalschlüssel gehen würde. Was sagen Sie als Gewerkschaftsmitglied diesen KollegInnen?
 
Stefanie Kirsten:
Nun, zum einen können wir natürlich nicht über die Tarifrunde die Rahmenbedingungen in den Kitas verbessern, der Personalschlüssel und all' diese Dinge werden bei uns in NRW ja über das Kinderbildungsgesetz KIBIZ definiert. Das heißt, darauf kann auch ein Tarifabschluss keinen Einfluss nehmen. Was  wichtig gewesen ist in den letzten Jahren -  und das wurde eben auch vor drei Jahren in dem langen Streik deutlich, - viele Menschen in der Gesellschaft denken, Kindergarten ist noch so wie vor 30 Jahren. Landläufig herrscht immer noch die Meinung, im Kindergarten wird ein bisschen gespielt und im Grunde genommen steckt da keine große Herausforderung hinter und das kann jeder. Eine finanzielle Aufwertung des Berufsfeldes wird infrage gestellt. Es ist wichtig, deutlich zu machen, dass sich unser Berufsfeld in den letzten Jahren deutlich verändert hat.

Ich selber habe z.B. einen klassischen Realschulabschluss gemacht vor 30 Jahren und habe dann meine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. Diesen Weg könnte ich heutzutage gar nicht mehr gehen. Die Einstiegsvoraussetzungen in dem Bereich der Erzieher haben sich ja komplett verändert. Man muss Abitur haben, um den Beruf erlernen zu können. Die Ausbildung der Erzieher ist vergleichbar mit einem Grundschullehramtsstudium und dann kann es nicht sein, dass die Erziehergehälter im Einkommensniveau soweit unten rangieren, dass der Beruf nicht attraktiv ist für junge Leute. Wir haben immens große Probleme, Fachkräfte zu bekommen und das ja nicht nur im öffentlichen Dienst, sondern auch bei allen freien Trägern gleichermaßen. Das hat im Wesentlichen eben mit der Wertschätzung des Berufsfeldes in der Gesellschaft und ganz entscheidend auch mit dem Gehaltsniveau zu tun. Mit dem Gehalt einer jungen Erzieherin kann man keine Familie ernähren.

Wir haben einen klaren Bildungsauftrag, wir sind die Basis unseres Bildungssystems in Deutschland, aber das wird so nicht wahrgenommen. Aber wenn wir keine gute Arbeit in den Kitas leisten, ist es eben so, dass viele Kinder schlechtere Bildungschancen dadurch erhalten, weil sie vom häuslichen Umfeld deutlich weniger gut unterstützt werden, als das vielleicht vor 25 Jahren noch der Fall gewesen ist.
 
Frühe Bildung Online:
In der aktuellen Tarifrunde fordert die Gewerkschaft ver.di u.a. 6% mehr Gehalt für den öffentlichen Dienst und damit auch für die Beschäftigten in den Kindertageseinrichtungen. Die Ergebnisse der letzten Tarifverhandlungen und -auseinandersetzungen lagen bei einem  durchschnittlichen Plus von 2,3%.  Was gibt Ihnen die Hoffnung, dass es in dieser Verhandlungsrunde mehr sein könnte?
 
Stefanie Kirsten:
Ich weiß gar nicht, ob man da noch so viel Hoffnung haben kann. Wenn ich mir die Arbeitgeberseite anschaue, die immer wieder damit argumentieren, die Kassen seien leer, es sei kein Geld da. Ich weiß nicht, ob das so ohne weiteres zum Abschluss kommen wird. Das war ja auch der Grund, warum wir dann in der zweiten und dritten Warnstreikwelle einfach vermehrt die Menschen auf die Straße geholt haben, um deutlich zu machen, das kann so nicht weiter gehen. Wenn wir immer nur 2% Gehaltserhöhung bekommen, dann deckt das ja noch nicht mal die Teuerungsrate ab und unter dem Strich hat man damit ja nicht mehr Geld im Portemonnaie und wenn man dann aber auf der anderen Seite mitbekommt, dass sich unsere Politiker mal eben so ihre Diäten um ein paar hundert Euro erhöhen, also das sind bei mir – und ich hab' ja in unserem Bereich eine der höheren Einkommensgruppen –  keine drei bis vierhundert Euro, wenn ich 6% mehr bekäme.

Und das ist eben diese Ungerechtigkeit, die auch so wahrgenommen wird, dass man da eigentlich für dumm verkauft wird und die Wertschätzung der Arbeit, die wir leisten, überhaupt nicht gegeben ist. Ich bin sehr gespannt, wie die Verhandlungen morgen und übermorgen ablaufen werden und ob es auch danach tatsächlich zu einem Arbeitskampf kommt.
 
Frühe Bildung Online:
Unsere ehemalige Chefredakteurin Hilde von Balluseck hat in einem ihrer letzten Artikel von der notwendigen Solidarität der BeziehungsarbeiterInnen gesprochen. Was halten Sie von diesem Ansatz?
 
Stefanie Kirsten:
Absolut richtig. Die Beziehungs-, die Bindungsarbeit ist in allen sozialen Bereichen das A und O, um irgendetwas erreichen zu können. Wenn ich an unsere Kinder denke, wir betreuen zu einem hohen Prozentsatz bildungsfernes Klientel mit einem Migrationshintergrund, viele leistungsgestützte Familien. In vielen Familien gibt es keine stabilen Bindungen im häuslichen Umfeld mehr. Es gibt viele junge Frauen, die dann in wechselnden Partnerschaften leben, alleinerziehende Elternteile und für diese Kinder sind wir ErzieherInnen die einzige Konstante im Leben. Bevor wir überhaupt daran gehen, mit Kindern Ziele zu erarbeiten, muss erst mal die Bindung stimmen. Genauso ist es bei alten Menschen. In Alten- und Pflegeheimen bräuchte es viel mehr Personal, um den Bedürfnissen der alten Menschen besser Rechnung tragen zu können. Aber aktuell fehlen gerade hier viele Fachkräfte, was sicher auch den viel zu geringen Einkommen zuzuschreiben ist. Eine Anhebung der Gehälter ist zwingend notwendig!
 
 
Frühe Bildung Online:
Durch die Teil-, oder Komplettschließungen der Kindertageseinrichtungen im Verlaufe der Streiks sind zahlreiche Eltern in einer schwierigen Situation, da sie keine Alternativen zur Betreuung ihrer Kinder haben. Gab es auch Solidaritätsbekundungen von Seiten der Eltern?
 
Stefanie Kirsten:
Ja, es gibt  viele Eltern, die das sehr gut verstehen können, auch bei uns im Haus. Vor drei Jahren sind mit uns sogar Eltern auf die Straße gegangen, um das einfach zu unterstützen und zu sagen: „Nee, die Erzieher haben völlig recht. Die machen einen tollen Job und wenn es die Kita nicht gäbe, hätten wir alle ein großes Problem.“ Und das ist auch das, wo ich heute den Eltern dann sage, wenn heute schon mal der eine oder der andere vielleicht sich etwas kritischer äußert: „Muss das denn sein, die Teilschließung der Kita?“ Wo ich dann sage, na ja, wenn sich an dem Einkommensniveau nichts verändert und wir keine neuen Fachkräfte gewinnen können, bedeutet das im Umkehrschluss, es wird über kurz oder lang viel mehr unbesetzte Stellen geben und das wiederum wird zur Folge haben, dass nicht alle Kinder in dem Umfang betreut werden können, wie das heutzutage Standard ist. Und das ist dann der Punkt, wo Eltern dann sagen: „Okay, das ist nachvollziehbar. Da kann ich mitgehen.“ Natürlich nicht alle, es wird immer welche geben, die ihre individuelle Situation da einfach brisanter einschätzen, die dann argumentieren: „Ja, aber die Friseure verdienen ja auch nicht viel Geld.“ Ich finde, da gibt es einen Unterschied: Wir leisten grundlegende Arbeit an der Basis des Bildungssystems.

Das kann man nicht mit einem Friseur vergleichen, der die Menschen nur einfach ein bisschen hübscher macht. Das soll den Beruf nicht abwerten, aber ich glaube, die Bedeutung für die Gesellschaft in dem, was wir tun, sollte da noch mal einen anderen Stellenwert haben.
 
Frühe Bildung Online:
Was ist Ihr schönstes, bzw. bewegendes  Erlebnis in diesem Streik?
 
Stefanie Kirsten:
Am bewegendsten ist eigentlich in den allgemeinen Tarifrunden, dass eben Kollegen aus allen Bereichen auf die Straße gehen und man da im Austausch miteinander feststellt, ja, wir sitzen wirklich alle im selben Boot. Egal, ob es die Müllwerker sind, ob es die Krankenpfleger sind, ob es die Altenpfleger sind, oder die Erzieher, oder die Verwaltungskollegen. Wir haben alle damit zu kämpfen und das stärkt so ein bisschen zu wissen und man ist auch mit diesem Grundproblem des Fachkräftemangels nicht alleine. Es ist egal,  wo man hinschaut, es fehlen überall gute Leute und deswegen muss es definitiv da einen Zuwachs geben, damit das Ganze auch wieder attraktiv wird und da jemand in die Ausbildungsbereiche reingeht. Das Solidaritätsgefühl ist das, was bei den Streikveranstaltungen durchkommt. Wir waren am Dienstag in Köln. Da sind dann 18.000 Menschen auf dem Heumarkt, die alle das gleiche Anliegen haben und für das Gleiche da stehen. Das ist auch das, was in den früheren Tarifrunden und insbesondere auch 2015 in dem Streik eben sehr bewegend war. Dass man merkte, okay, da kämpfen jetzt viele für das Gleiche und wir sind von Woche zu Woche mehr geworden. Das ist das Positive, was man daraus zieht.
 
Frühe Bildung Online:
Vielen Dank, Frau Kirsten, für Ihre ausführlichen Schilderungen und viel Erfolg weiterhin!

Als Download die Antwort von Frau Kirsten zur zweiten Frage.

Photo by Christian Gertenbach on Unsplash
 

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