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Erziehungspartnerschaft
27.10.2015  Bettina Ferk im Interview mit Wassilios E. Fthenakis

Schluss mit dem Helfersyndrom

Fest steht: Die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zu stärken, ist wichtig. Wie dies am besten gelingt, ist allerdings umstritten. Meine Kita-Chefredakteur Wassilios E. Fthenakis über das Bundesprogramm „Elternchance“ und die Möglichkeiten, die die Zusammenarbeit von Kita und Familie eröffnet. 
Meine Kita: Das Programm „Elternchance“ bildet Elternbegleiterinnen und -begleiter aus und möchte so die  Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit den Eltern verbessern. Inwiefern können Familien Ihrer Meinung nach von dem Programm profitieren?
Wassilios E. Fthenakis: Die Familie ist der wichtigste Bildungsort in der Lernbiografie des Kindes. Die Stärkung dieses Bildungsortes ist deshalb unverzichtbar und dahingehende Bemühungen sind grundsätzlich als positiv zu bewerten. Vor allem Familien, die nicht in der Lage sind, die für das Kind erforderlichen Bildungsanregungen zu bieten, profitieren davon. Eine Begleitung dieser Familien muss allerdings mit hoher Sensibilität erfolgen. Das Bundesverfassungsgericht hat in einer Presseerklärung, die anlässlich eines gefällten Grundsatzurteils zur elterlichen Sorge im November 2014 veröffentlicht wurde, ausdrücklich betont, dass der Staat seine eigenen Vorstellungen von einer gelungenen Kindererziehung grundsätzlich nicht an die Stelle der elterlichen Vorstellungen setzen dürfe. Dieser Grundsatz wird nicht immer hinreichend beachtet. Auch nicht bei der Konzeptualisierung staatlicher Programme für die Familie.

Gilt das auch für das Programm „Elternchance“?
Ob Eltern in ihrer Erziehungskompetenz hinreichend wahrgenommen werden, zeigt sich an der Perspektive, von der aus sich die Begleiterin oder der Begleiter der Familie nähert. Formulierungen, auf die ich auch beim Programm „Elternchance“ stoße, wie etwa „die Familie unterstützen“, „fördern“ oder „Eltern gewinnen“, deuten darauf hin, dass die Familie als defizitär gesehen wird. Dass sie jedenfalls nicht in der Lage sei, ihrer Erziehungsverantwortung in vollem Umfang nachzukommen. Dieses „Helfersyndrom“ ist ein Problem. Es gibt keine Familie ohne Stärken und nicht alle Begleiterinnen und Begleiter sind rundum kompetent.

Was ist also zu tun?
Das Beste ist, beide Seiten, Familie und Familienbegleiter, bringen ihre Stärken zusammen, lassen sich auf
einen Diskurs als gleichberechtigte Partner ein und gestalten das Verhältnis ko-konstruktiv, also als Bezugspersonen, die an der kindlichen Entwicklung gemeinsam mitwirken. Hinter dieser Haltung steht eine andere Philosophie. Eine, die der Familie die Anerkennung und den Respekt erweist, den sie verdient.


Richtet sich dieser Appell auch an Kita-Fachkräfte?
Ja. Kita-Fachkräfte müssen ihre Haltung der Familie gegenüber reflektieren. Und sie gegebenenfalls verändern. Die Familie als den wichtigsten Bildungsort für das Kind anzuerkennen und eine echte Bildungspartnerschaft mit den Eltern einzugehen, ist essentiell. Das alte Konzept der sogenannten „Elternarbeit“ hat mit grandiosem Misserfolg ausgedient.

Was können die Fachkräfte tun, um Eltern besser zu erreichen?
Zunächst müssen sie akzeptieren, dass Familien eine bemerkenswerte Vielfalt aufweisen, der nicht mit einem Angebot, sondern mit unterschiedlichsten Angeboten begegnet werden muss. Sie sollten die Stärken der Familie in den Mittelpunkt stellen, nicht ihre zu beseitigenden Schwächen. Dazu gehört, dass die Einrichtung auf ihre „Machtposition“ und auf Bevormundung verzichtet und stattdessen eine symmetrisch organisierte Beziehung zur Familie der Kinder aufbaut.

Also die vielbeschworene „Beziehung auf Augenhöhe“. Wie kann eine Fachkraft eine solche Beziehung fördern?
Dazu benötigt sie selbstverständlich Kenntnisse zum derzeit stattfindenden Familienwandel und zu den neueren Konzepten der Ausgestaltung der Kita-Familien-Beziehung. Leider werden die meisten Fachkräfte nicht angemessen darauf vorbereitet. Die Stärkung der Kooperationskompetenz mit der Familie muss zukünftig in die Aus- und Weiterbildung der Fachkräfte einfließen. Es besteht ein dringender Professionalisierungsbedarf.

Was wollen Sie den Erzieherinnen und Erziehern zum Thema Bildungs- und Erziehungspartnerschaft ans Herz legen?
Wir brauchen Herz und Verstand in der Bildung. Die Bildungspartnerschaft kann beides vereinen: Sie erleichtert die Kooperation mit der Familie, gibt ihr eine neue Grundlage, die es erlaubt, dass Eltern und Fachkräfte gemeinsam den kindlichen Bildungsweg gestalten. Dies verleiht dem Prozess nicht nur Erfolg, sondern bringt in hohem Maße auch subjektive Zufriedenheit. Denn beide, Eltern und Fachkräfte, werden in der schönsten und verantwortungsvollsten Aufgabe vereint: die gelingende Bildungsbiografie eines Kindes mitgestalten zu dürfen.


Quelle: Meine Kita
Foto: Halfpoint / shutterstock.com

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