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Pädagogische Ansätze
26.11.2015  Holger Küls

Selbstbildungsprozesse von Kindern unterstützen

Kinder lernen schnell und mit größtem Vergnügen, wenn ihr Interesse und ihre Neugierde geweckt werden und sie die Möglichkeit haben, sich aktiv mit dem auseinanderzusetzen, was sie interessiert. Deshalb sind Projekte in Kitas besonders wichtig. Knüpfen sie an den Themen und Fragen der Kinder an und geben sie Impulse zur eigentätigen Auseinandersetzung, so sind sie aus entwicklungspsychologischer Sicht sinnvolle Lernumgebungen für kindliche Selbstbildungsprozesse.

Kinder lernen in Projekten sich und die Welt kennen. Die Erzieherin ist dabei eine aktive Begleiterin, d. h. sie greift Fragen der Kinder auf, gibt Raum, regt „sinn"-volle Impulse an. Wird ein Projekt kindzentriert begleitet, so unterstützt es wesentlich die Selbstbildungsprozesse der Kinder. Um ein Projekt dahingehend sinnvoll vorbereiten und durchführen zu können, ist es wichtig, sich noch einmal vor Augen zu führen, wie Kinder eigentlich lernen.

Wie lernen Kita-Kinder?
Ganzheitlich

Seit dem Schweizer Pädagogen Johann H. Pestalozzi gehört es zum pädagogischen Grundbestand, dass das elementare Lernen im frühen Kindesalter ganzheitlich geschieht. Dass Kinder also vor allem dann effektiv lernen, wenn nicht nur ihre geistigen Fähigkeiten, sondern auch ihre Sinne und ihre Emotionen angesprochen werden. Bauen zum Beispiel mehrere Kinder gemeinsam im Sandkasten eine Burg, lassen sich dabei vielfältige Lernebenen erkennen: Die Nutzung unterschiedlicher Materialien führt zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über Konsistenz, Dichte, Schwerkraft und Statik; die notwendige Kooperation beim gemeinsamen Tun sowie die Lösung von Konflikten unterstützen das soziale Lernen und die sprachliche Bildung der Kinder; die Freude an der Tätigkeit löst einen ausdauernden Schaffens- und Forscherdrang und bewirkt (in diesem Fall) das Schaffen immer neuer Burgvarianten usw.

Spielerisch

Vor allem in den ersten Lebensjahren hängen Lernen und Denken eng mit dem Spielen und der Fantasie zusammen. Das Spiel ist die Methode des Kindes, sich in einem „Als-ob-Modus" mit bestimmten Erlebnissen und Themen auseinanderzusetzen und die eigene Umwelt zu erforschen, um sie zu verstehen. Im Spiel sind Kinder aktiv, hoch konzentriert und motiviert, weil ihr Handeln für sie bedeutungsvoll ist.

Wenn Kinder in der Kita z. B. „Hund" spielen, dann aktivieren sie ihr bisheriges Wissen über Hunde (dass sie bellen und treue Gefährten des Menschen sind usw.) und setzen es in ihrem Spiel um. Und weil es Spaß macht, wollen sie mehr über Hunde erfahren ...

Aus Wissbegierde

Kinder im Kita-Alter sind außerordentlich wissbegierig. Um das zu verstehen, was sie interessiert, erkunden sie es mit einer erstaunlichen Ausdauer und viel Experimentierfreude. So verändern sie gerne Rahmenbedingungen, um zu beobachten, welche Prozesse dadurch ausgelöst werden. Wer ein Kind beim Bau eines Wasserdammes in einem kleinen Bachlauf beobachtet hat, wird dies bestätigen.
Was Kindern in diesem Alter allerdings nur in Ansätzen gelingt, ist die Selbstregulation ihrer Aufmerksamkeit. Ihr Interesse erlahmt schnell, wenn kein neuer Reiz ihre Neugierde anstachelt oder wenn sie keine Möglichkeit mehr haben, selbst tätig zu werden.

Ausgehend von Alltagserfahrungen

Mädchen und Jungen sind im frühen Alter auf anschauliche und konkrete Anregungen, auf möglichst Greifbares und sinnlich Wahrnehmbares angewiesen, um lernen zu können. Deswegen werden sie v. a. durch Gegenstände aus ihrem nahen Umfeld zu Fragen und forschendem Lernen angeregt (von einem Küchenherd oder von Küchenutensilien, einem Feuerwehrauto oder einem Krankenwagen) sowie durch das, was sie beobachten (Wetterphänomene wie Schneefall oder Regen; der Umgang der Mutter mit einem Baby usw.).

Situativ und „zufällig"

Junge Kinder sind interessiert und neugierig, wenn sie Neuem oder etwas Gewohntem neu begegnen, deswegen lernen sie bei der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand ihres Interesses wie nebenbei etwas darüber. Was Kinder in der Kita lernen, hängt einerseits davon ab, was ihnen hier „begegnet" (welche Gelegenheiten und Herausforderungen ihnen hier geboten werden), andererseits davon, was ihnen hier „zufällt". So kann ein zufällig im Regal entdecktes altes Kinderbuch genauso zum Lernimpuls werden wie ein beobachteter Regenwurm im Garten oder der geplante Besuch eines Polizisten.

Zufällige Begegnungen können den Kindern also genauso wichtige Impulse geben wie geplante (Lern-)Gelegenheiten (ein Projekt z. B.) – oder wie eine bewusst gestaltete Umgebung, die ebenfalls einen positiven Einfluss auf die kindlichen Lern- und Bildungsprozesse haben kann. Es sollte jedoch berücksichtigt werden, dass Kinder in der Kita häufig situativ lernen, auch beiläufig bzw. zufällig, also weniger beabsichtigt und zielorientiert.

Eigene aktive Erfahrungen

Auch wenn Kinder gerne zuhören und auf diese Weise Wissen aus den Erzählungen der Erzieherinnen oder aus Bilderbüchern erwerben, lernen sie vor allem durch selbst gemachte Erfahrungen. Ein Kind muss den Regenwurm in die Hand nehmen, ihm ein Haus bauen und ihn hineinlegen o. Ä., um sich ein dauerhaftes Wissen über ihn anzueignen. Und die Initiative dazu muss vom Kind ausgehen.
Kinder sollten gerade in diesem Alter selbstgesteuert tätig werden und handelnd Erfahrungen machen, denn dadurch wird Neues in vorhandene Wissensstrukturen viel besser verankert als über Medien oder sprachliche Berichte. Setzt sich ein Kind selbst mit einem Gegenstand oder einem Thema auseinander, nimmt es die neuen Informationen über mehrere Sinne auf – vor allem dann, wenn es um eine praktische Handlung geht. Und das auf diese Weise Gespeicherte ist von Dauer.
Deswegen sollte dem Grundsatz Montessoris entsprochen werden: Dem Kind helfen, es selbst zu tun.

Pädagogische Folgerungen

Es gilt also, die pädagogische Arbeit so zu gestalten, dass sie dem ganzheitlichen, situativen und selbsttätigen Lernen der Kinder in der Kita Raum gibt. In der gegenwärtigen Fachdiskussion haben sich die indirekten Formen der Erziehung durchgesetzt (vgl. Liegle 2010), dementsprechend auch in den Kitas – und somit auch bei der Planung, Vorbereitung und Durchführung von Projekten. Besonders wichtig sind dabei die Orientierung an den kindlichen Interessen und Fragen sowie das Einrichten einer anregenden Lernumgebung – um auf diese Weise das eigentätige Forschen, Entdecken und Handeln der Kinder zu unterstützen.

Merkmale eines Kita-Projektes
  • Die Beschäftigung mit einem Thema in mehreren Aktivitäten über einen längeren Zeitraum.
  • Dabei von den Fragen, Interessen und Themen der Kinder ausgehen.
  • Die Mitwirkung und Partizipation der Kinder (ihre Beteiligung an Entscheidungsprozessen, an der Verlaufsplanung und den Aktionen) stehen im Mittelpunkt.
  • Den Kindern Raum und Zeit für ein selbsttätiges und ganzheitliches Handeln geben.
  • Verschiedene Medien und Methoden im Wechsel nutzen.
  • Ein soziales und kooperatives Lernen unterstützen.
  • Während der Aktionen: Gespräche und Interaktionen der Kinder untereinander und mit den Erzieherinnen fördern. (vgl. Küls 2012, S. 9)
  • Projekte, die diese Merkmale erfüllen, unterstützen die beschriebenen kindlichen Lernprozesse und stellen ein entwicklungspsychologisch begründetes didaktisches Format für das pädagogische Handeln dar.

 

Projekten Raum geben
Projektthemen finden

Es ist besonders wichtig, die ersten Schritte bei der Vorbereitung eines Projektes aus der Perspektive der Kinder zu betrachten und sie entsprechend durchzuführen – auch wenn das im hektischen Kita-Alltag nicht immer einfach ist.
Der erste zu klärende Punkt ist natürlich der nach dem Thema des Projektes. Dabei kann es sich um einen Gegenstand handeln oder um ein (bzw. mehrere) Lebewesen, eine Forschungsfrage oder um einen bestimmten Ort. Beliebt sind Themen wie „Zirkus" oder „Schnecken", „Naturerforschung im Wald", Kunstausstellungen oder die Erkundung ausgewählter Gebäude aus dem näheren Umfeld.
Wichtig ist, wie gesagt, dass das jeweilige Thema an den Interessen und Fragen der Kinder anknüpft. Um diese zu erfassen, sind die rechtzeitige Beobachtung der Kinder (z B. während des Spiels) und der Austausch darüber im Team unabdingbar. Natürlich können die Kinder auch direkt befragt werden. Das sollte kindgerecht und schrittweise erfolgen – z. B. in einer extra dafür einberufenen Kinderkonferenz oder im Sitzkreis. Auf diese Weise können Ideen und Anregungen gesammelt und aufgeschrieben werden. Eine weitere Möglichkeit ist, die Eltern oder andere Familienangehörige zu fragen, was die Kinder gerade beschäftigt.

Ein Thema auswählen und festlegen

An der Auswahl der gesammelten Themen müssen alle Kinder aus der Gruppe beteiligt werden, am besten ebenfalls während einer Kinderkonferenz oder im Sitzkreis. Wenn viele Themen vorliegen, sollte im Team eine Vorauswahl getroffen werden, damit v. a. jüngere Kinder nicht überfordert werden. Anders sieht es aus, wenn das Projekt mit nur wenigen Vorschulkindern durchgeführt werden soll; sie können intensiver in die Vorbereitungen einbezogen werden.

Die Beteiligung der Gruppe auch bei diesem Schritt der Projektplanung ist nicht nur deswegen von Bedeutung, weil auf diese Weise die Interessen der Kinder berücksichtigt werden. Dadurch werden auch ihre sozialen Kompetenzen gefördert sowie ihre Fähigkeiten, eigene Interessen und Wünsche zu artikulieren, vor einer Gruppe zu sprechen, anderen zuzuhören sowie Interessenkonflikte zu lösen.
Um den Kindern die Entscheidung für ein Thema zu erleichtern, sollten die einzelnen Themen präzise formuliert sein, z. B.: „Alte Gebäude in unserer Innenstadt erkunden", „Alles rund ums Wasser", „Fahrzeuge auf der Baustelle". Abstrakte Themen – wie „Gesunde Ernährung", „Medien", „Muster" usw. – können mithilfe von Bildern bzw. aussagekräftigen Gegenständen oder anhand von kurzen Filmen verdeutlicht werden. Dabei muss den Kindern Gelegenheit gegeben werden, Fragen, Ideen, Anmerkungen oder Bewertungen einzubringen.
Nach einer nicht zu langen Phase der Diskussion sollte die Entscheidung für ein Thema getroffen werden. Die Auswahl kann z. B. mithilfe einer Punktabfrage geschehen; das ist ein einfaches und anschauliches Verfahren: Jedes Kind bekommt dafür einen Klebepunkt, den es vor das – auf einem Blatt Papier oder auf einem Plakat anschaulich dargestellte – Thema seiner Wahl klebt.
Es ist natürlich besonders wichtig, dass die Entscheidung der Kinder ernst genommen und berücksichtigt wird. Jede Erzieherin hat auch in diesem Fall die Rolle der Ideenbegleiterin – und nicht die der Ideengeberin. Auf diese Weise ist gewährleistet, dass das Projekt mit seinem Thema von den Interessen und Fragen der Kinder ausgeht, und somit steht der Anregung von Bildungsprozessen bei seiner kindorientierten Durchführung nichts mehr im Wege!

Dr. Holger Küls, Lehrer in der Erzieherinnenausbildung in Niedersachsen.

Literatur
Küls, Holger: Projekte ko-konstruktivistisch planen und durchführen. Bildungsverlag EINS, 2012.

Liegle, Ludwig: Didaktik der indirekten Erziehung. In: Schäfer, Gerd E. et al. (Hrsg.): Kinderwelten – Bildungswelten. Unterwegs zur Frühpädagogik. S. 11-25. Cornelsen Scriptor, 2010.

 Den Beitrag haben wir aus der Zeitschrift klein & groß Lebensorte für Kinder mit freundlicher Genehmigung der Redaktion übernommen.



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