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Übergänge/Kooperation im Sozialraum
29.11.2015  Jenny Kühne

Einbindung der Kindertagesbetreuung in die Frühen Hilfen

Die Stadt Altena als Best-Practise-Beispiel

Dass für eine Umsetzung der Bundesinitiative Frühe Hilfen die Beteiligung der Kindertagesbetreuung von hohem Stellenwert ist, machte schon die Arbeitsgemeinschaft Jugendhilfe in ihrem Positionspapier von 2013 deutlich (Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe 2013). Seitdem der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ab dem ersten Lebensjahr gegeben ist, kommen die Kinder  vorwiegend Kinder berufstätiger Eltern. Kinder bildungsferner Familien nutzen den Kindergarten im frühen Alter eher selten (Tietze et al. 2012). Frühe Hilfen sind niedrigschwellige Hilfsangebote für die Eltern, die meist kostenlos angeboten werden, wie zum Beispiel Schreiambulanz-Beratung, Familienhebammen und Ehrenamtsbesuchsdienste (Nationales Zentrum Frühe Hilfen 2009).

Demnach sind auch in der Kita Familien zu finden, die einen Bedarf an Unterstützung und Entwicklung von Erziehungskompetenz haben. Ein Beispiel: Ein Belastungsmerkmal von Eltern sind viele Kinder (Nationales Zentrum Frühe Hilfen 2013, S. 4). Die jüngeren Geschwisterkinder werden beim Bringen und Abholen in die Kitas mitgebracht, wobei die Erzieherinnen und Erzieher sehen könnten, wie und wann die Eltern Hilfe benötigen.

Altena machte sich früh auf den Weg

Die Stadt Altena ist eine Kommune im Märkischen Kreis bei Hagen, sie hat momentan etwa 17.000 Einwohner und ist die Kommune in Nordrhein-Westfalen, die am meisten vom demografischen Wandel betroffen ist. Hier schrumpfte die Einwohnerzahl seit 1990 um etwa 20 Prozent (Stadt Altena 2014). In diesem Jahr besuchen 423 Kinder den Kindergarten, im nächsten Jahr werden es unter 400 Kinder sein. In den letzten Jahren mussten drei Kitas geschlossen werden, es sind nun noch zehn übrig. Daher sind einige Leitungskräfte für zwei Einrichtungen in Leitungsfunktion tätig. Hier lag es auf der Hand, Strategien zu entwickeln, wie die Angebote auf die Wünsche der Eltern abgestimmt werden können, und zwar nicht nur mit einigen Leuchtturm-Kitas, sondern mit allen.

Das Lotsenmodell

Der Impuls für eine engere Zusammenarbeit zwischen bestehenden Einrichtungen kam jedoch aus einer anderen Richtung: Die Vernetzung wurde im Rahmen des sozialen Frühwarnsystems im Jahr 2005 angestoßen. In diesem Rahmen hatte die Jugend- und Familienförderung der Kommune die Idee entwickelt, Erzieherinnen und Erzieher zu Lotseninnen und Lotsen weiterzubilden, da diese alle Kinder und Familien kennen und sowieso schon begleiten. Für die Stadt war an dieser Stelle interessant, einerseits alle Informationen und Unterstützungsmöglichkeiten direkt an die Eltern zu geben und dafür von ihnen zu erfahren, wo die Bedarfe liegen.

Die Erzieherinnen und Erzieher werden seit 2007 zu Lotseninnen und Lotsen geschult. Sie kennen sich bestens aus, welche Angebote es gibt und wohin die Eltern vermittelt werden können. Zudem setzen sie erlernte Beratungstechniken ein. Pro Einrichtung sind heute ein bis zwei Fachkräfte tätig, die die Eltern niedrigschwellig zu allen Fragen des Erziehungs- und Betreuungsalltags beraten können und sie bei Bedarf auch z. B. in die weiterführende Beratungsstelle oder Schreiambulanz begleiten. Aber es geht beispielsweise auch um Spielkreise, Bewegungsangebote oder Frühförderung. Das heißt, hier beschränkt sich die Beratung nicht auf sekundäre Prävention, sondern setzt primärpräventiv wirklich bei allen Familien an.

Auch bezüglich Kinderschutzfragen wurden schon 2006 gemeinsame Abstimmungsprozesse eingeleitet. Es fand eine gemeinsame Fortbildung statt und ein Indikatoren-Katalog wurde entwickelt. Auch bei der Formulierung und Festlegung der Inhalte zur Kooperationsvereinbarung zum Umgang mit § 8a SGB VIII wurden die Beteiligten einbezogen.

Altena. Früh am Ball

Im Rahmen der Auftaktveranstaltung dieses Frühwarnsystems entstand im Jahr 2007 bei einer aktivierenden Methode der neue Namen für die Vernetzung: Altena. Früh am Ball (FaB) war geboren. Dieser Arbeitskreis trifft sich seitdem regelmäßig. Folgende Akteure sind beteiligt: Kinderärzte, Kinder- und Jugendärztlicher Dienst, Sozialpsychiatrischer Dienst, Ehe- und Familienberatungsstelle, Sozialdienst Katholischer Frauen, Kinderschutzzentrum, alle Kitas sowie das gesamte Familienzentrum, alle Grundschulen, Kindertagespflege-Büro, Hebammenpraxis, Frühförderstelle, Praxen für Logopädie und Ergotherapie, Familienbildungsstätte, verschiedene stationäre und ambulante Anbieter, Sozialpädagogische Familienhilfe und der Allgemeine Soziale Dienst.

Ein Produkt dieser Zusammenarbeit ist der Elternordner „Altena. Früh am Ball", welcher umfangreiche Informationen für Familien sowie eine detaillierte Adressliste mit allen Angeboten enthält (Stadt Altena 2008). Es geht um Hilfestellungen rund um die Geburt, die Beantragung von finanziellen Mitteln, Themen wie Behinderung und Erste Hilfe, die Kindertagesbetreuung inklusive Grundschulbetreuung und eben die Arbeitsweise des Frühwarnsystems.

Dieses Frühwarnsystem umfasst das Wahrnehmen der Entwicklung in den Kitas durch Beobachtung und Dokumentation im Rahmen des Bildungsauftrages. Die Lotseninnen und Lotsen informieren die Eltern über weiterführende Möglichkeiten. Das Handeln schließt sich bei Bedarf an. Dabei werden die Eltern begleitet sowie die Kinder durch die Kooperationspartner gefördert. Lotsen und Eltern agieren gemeinsam im Sinne des Kindes.

Damit die Angebote so nah wie möglich am Bedarf orientiert sind, trifft sich die Steuerungsgruppe Frühe Hilfen, um eine allgemeine Angebotsevaluation vorzunehmen. Hier sind die Bereichsleitung der Familien-und Jugendförderung involviert, die Koordinatorin des Familienzentrums sowie von „Früh am Ball" eine Mitarbeiterin der Jugendhilfe, ein Mitarbeiter der Sozialpädagogischen Familienhilfe, eine Familien-Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin sowie die Leitung des Familienbüros.

Das Alleinstellungsmerkmal des Familienzentrums Altena

Eine weitere innovative Herangehensweise bestand in der Umsetzung von Familienzentren. Da die Stadt selbst keine Kitas betreibt, wird der Zusammenarbeit mit den freien Trägern eine hohe Bedeutung zugemessen. Es ging ihr darum, die Arbeit in und um die Kitas im Interesse der Eltern besser abzustimmen. Dafür wurde 2008 auch im Zuge der Etablierung der ersten Familienzentren eine kommunale Koordinatorin eingestellt. Sie ist mit 15 Stunden für die Programmentwicklung aller Familienzentren und die Vernetzung in den Sozialraum zuständig.

Es wurden vier Familienzentren NRW gebildet, die zusätzliche Aufgaben der Beratung und Unterstützung für Familien, Familienbildung, Kindertagespflege und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf übernehmen (Stöbe-Blossey et al. 2010). Dabei war jedoch von Anfang an klar, dass nicht einzelne Kitas mit besonderen Angeboten vorgehalten werden sollten, sondern die Angebote sollten für alle Familien zugänglich sein. Das heißt, bei den Eltern und in der Stadt wurde ein großes Familienzentrum Altena kommuniziert, welches mit halbjährlichen Familienthemen ein breites Angebot macht. Dabei werden Angebote zu pädagogischen Fragen, Kreativnachmittage und Kurse angeboten. Diese finden in den verschiedenen Kitas statt. Am Nachmittag wird zudem eine Kinderbetreuung angeboten, damit so viele Eltern wie möglich teilnehmen. Darüber hinaus entwickelt jede Einrichtung einrichtungsspezifische Angebote.

Laut Flyer und Webseite des Familienzentrums Altena www.familienzentrum-altena.de geht es um die Stärkung der Erziehungskompetenz, was auch der zentrale Punkt bei den Frühen Hilfen (Nationales Zentrum Frühe Hilfen 2009) ist. Dies wird hier gewährleistet durch gezielte frühe Beratung bei Fragen rund um Erziehung, Bildung und Gesundheit sowie durch Unterstützung bei der Überwindung von Alltagskonflikten.

Weitere Aktivitäten

Ein weiteres Bemühen der Stadt zeigte sich im Erreichen des Audits Familiengerechte Kommune, wobei weitere Angebote auf die Bedürfnisse der Familien abgestimmt werden. Neben der erwähnten Vernetzung der verschiedenen Akteure folgten weitere unkonventionelle Ideen: Die Bereichsleitung der Jugend- und Familienförderung wurde als Familienmanagerin ausgebildet. So sind Familienthemen auf der Steuerungsebene präsent. Ein besonderer Schwerpunkt war und ist die Zusammenarbeit von Kitas und Grundschulen, es werden zum Beispiel ganztätige Kinderferienaktionen für alle Grundschüler angeboten.

Ein Kindertagespflegebüro wurde durch die AWO in enger Zusammenarbeit mit den Kitas umgesetzt. Tagespflegekräfte sind als feste Mitarbeiterinnen bei den Kita-Trägern beschäftigt und bieten eigene Gruppen an. Zudem sind in den Kitas in Kooperation mit Tagespflegekräften flexible Betreuungszeiten in der Zeit von 7.00 bis 18.30 Uhr möglich, dies auch, wenn z. B. die Kita-Betreuung bei 35 Stunden liegt.

Zudem wurde die Methode Marte Meo in den Kitas eingeführt. Bei der videogestützten Arbeit geht es um eine Entwicklungsunterstützung und -begleitung. Dabei wird das Hauptaugenmerk auf die Ressourcen und Kompetenzen der Kinder gelegt, die in Interaktion miteinander gestärkt werden. Transportmittel für diesen Lernprozess sind Bilder. So sehen die Erwachsenen, welche unterstützenden Verhaltensweisen ein Kind braucht. Im Rahmen einer kommunalen Weiterbildung konnten einige Erzieherinnen und Erzieher gewonnen werden, die seither in den Einrichtungen damit arbeiten. Der nächste Schritt wurde 2012 getan: Seitdem können Eltern, bevor das Jugendamt in die Familien geht, eine Begleitung durch Marte Meo kostenlos in den Einrichtungen erhalten.

Im Jahr 2013 wurde ein Familienbüro geschaffen, welches als Treffpunkt für Familien und als zentraler Ort für die Informationsweitergabe genutzt wird. Direkt daneben befindet sich das Kindertagespflegebüro, wodurch Synergien geschaffen wurden. Ganz neu sind die Familienthemen Mini für Eltern mit kleinen Kindern.

Ergebnisse

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in Altena die Abstimmung der Angebote auf (junge) Familien verschiedene Auswirkungen zeigen: In dem Aufbauprozess der dargestellten Netzwerkarbeit brauchten alle einen langen Atem. Es musste sich unter den Eltern erst herumsprechen, dass die Angebote gut sind und sich für Eltern lohnen. Dabei mussten die Referentinnen und Referenten bereit sein, eine Veranstaltung z. B. nur für zwei Personen durchzuführen. Die wenigen Eltern, die dann teilgenommen haben, konnten ihre individuellen Fragen klären und zum Teil sogar beraten werden. Wenn Eltern sich gut informiert fühlen, erzählen sie anderen Eltern davon. Dann kommen bei der nächsten Veranstaltung mehr Teilnehmende.

Die Geburtenanzahl hat sich nun seit etwa zwei bis drei Jahren bei 110 Geburten jährlich eingependelt und fällt demnach nicht mehr. Der Bedarf der Eltern wird dauerhaft evaluiert. Damit sollen die Angebote so nah wie möglich an den Bedürfnissen der Eltern sein. Zudem sind viele Rückmeldungen bekannt, wo Eltern sich gut unterstützt gefühlt haben. Das Lotsenangebot wird noch zurückhaltend genutzt. Bei der letzten Elternumfrage des Familienzentrums stellt sich heraus, dass vielen Eltern dieses Angebot nicht präsent ist. Daher wird es derzeit durch Flyer und Homepage bekannter gemacht.

Eine Konkurrenz der verschiedenen Träger untereinander gab es zwar, aber sie wurde aufgrund der Brisanz der demografischen Situation ins Positive gewendet. Eine ressourcenorientierte Zusammenarbeit unterstützt die Familien mit ihren Kindern.

Mögliche Übertragbarkeit: Wie dies gelingen kann

Natürlich kann man bei einem so gelungenen Beispiel überlegen, wie diese Erfahrungen an anderen Orten genutzt werden können. Die Größe der jeweiligen Kommune spielt dabei ebenso eine Rolle wie die politischen Prioritäten. Es ist demnach hilfreich, wenn Kitas nicht nur in Verbindung mit Frühen Hilfen, sondern auch beim Frühwarnsystem bzw. beim Kinderschutz aktiv mit eingebunden werden. Gerade wo diese strukturellen Aufgaben in einer Hand liegen, mach dies Sinn. Dazu braucht es eine Haltung, die die Kinderbildungseinrichtungen in den Kinderschutz hineindenken und mitnehmen. Demnach sollten sich kommunale Netzwerkkoordinatoren für Frühe Hilfen nicht scheuen, größer zu denken als das Bundeskinderschutzgesetz es vorschreibt (vgl. Burkardt 2014).

Jenny Kühne ist Diplom-Sozialarbeiterin (M.A.) und in verschiedenen Feldern der Kinder- und Jugendhilfe tätig.

Literatur

Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe (2013): Frühe Hilfen im Kontext institutioneller Kindertagesbetreuung. Diskussionspapier der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ. www.bke.de/166-5DF-5B7-A16/newsletter/128/index.html (22.12.2013).
Burkardt, J. (2014): Frühe Hilfen und Kindertagesstätten? Oder: Warum Kitas in den Frühen Hilfen bisher kaum Berücksichtigung finden. In: KiTa aktuell Recht, 12.Jg., H. 1, S. 31-32.
Nationales Zentrum Frühe Hilfen (Hrsg.) (2013): Interdisziplinäre Frühförderung und Frühe Hilfen – Wege zu einer intensiveren Kooperation und Vernetzung, Eigenverlag, Köln.
Nationales Zentrum Frühe Hilfen (2009): Was sind Frühe Hilfen. www.fruehehilfen.de/fruehe-hilfen/was-sind-fruehe-hilfen/ (19.12.2013).
Stadt Altena (Hrsg.)(2008): Altena. Früh am Ball. Leitfaden für Eltern. Eigenverlag, Altena. www.altena.de/fileadmin/user_upload/News/Fachbereich_2/51_Jugend-_und_Familienfoerderung/Begruessungstaschen_fuer_Babys/AktBegrTascheText.pdf, (12.06.2014).
Stadt Altena (2014): Zahlen, Daten, Fakten. www.altena.de/Zahlen-Daten-und-Fakten.53.0.html, (12.6.2014).
Stöbe-Blossey, S., Strotmann, M., Tietze, W. (2010): Gütesiegel Familienzentrum Nordrhein-Westfalen. Überarb. Aufl. Düsseldorf: Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen.
Tietze, W., Becker-Stoll, F., Bensel, J., Eckhardt, A. G. (Hrsg.) (2012): NUBBEK. Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit. Fragestellungen und Ergebnisse im Überblick. www.nubbek.de/media/pdf/NUBBEK%20Broschuere.pdf (23.4.2013).

Quelle: frühe Kindheit 03/15



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