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Pädagogische Ansätze
01.02.2016  Rahel Dreyer

Gemeinsam einleben

Eine professionelle Eingewöhnung in Krippe oder Kita erleichtert es Kindern, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Verschiedene Modelle können dabei helfen – sofern die Rahmenbedingungen stimmen.
Krippen und andere Einrichtungen für unter Dreijährige schießen infolge des seit 1. August 2013 geltenden Rechtsanspruchs für alle Kinder ab einem Jahr wie Pilze aus dem Boden. Die Gründung von Großkrippen mit über 300 Plätzen ist dabei keine Seltenheit. Um bis zum Eintreten des Rechtsanspruchs noch möglichst viele Krippen-Plätze zu schaffen, treten qualitative Aspekte immer mehr in den Hintergrund. Öffentlich wird gefordert, die Standards hinsichtlich der personellen, zeitlichen und räumlichen Ausstattung zu senken, um das Ausbauziel zu erreichen.

Nicht der Kitabesuch an sich ist förderlich für die kindliche Entwicklung, sondern die dort erlebte Qualität der pädagogischen Arbeit und Beziehungsgestaltung.


Internationale Studien wie zum Beispiel die NICHD-Studie (National Institute of Child Health and Human Development) belegen jedoch, dass nicht der Kitabesuch an sich förderlich für die kindliche Entwicklung ist, sondern die dort erlebte Qualität der pädagogischen Arbeit und Beziehungsgestaltung. Sie beeinflusst das Verhalten und Wohlbefinden der Kinder und ihre soziale, emotionale, kognitive und sprachliche Entwicklung, dann fühlen sich Kinder wohler und ihre Entwicklung verläuft im Durchschnitt positiver als in Einrichtungen mit einer weniger hohen Qualität. Diese Zusammenhänge zeigen sich in Gruppen mit Kindern unter drei Jahren stärker und stabiler als in älteren Kindergruppen.

Höchstens zwei Kinder sollten pro Woche mit der Eingewöhnung beginnen.


Zu den Qualitätsmerkmalen gehört, neben strukturellen Merkmalen wie beispielsweise dem Erzieher-Kind-Schlüssel, der Gruppengröße und der Qualifikation des Personals, auch eine professionelle Eingewöhnung. Verschiedene Studien bestätigen, dass ein guter Personalschlüssel (1 : 3 bei unter dreijährigen und 1 : 7,5 bei über dreijährigen Kindern) sowie hoch qualifizierte Fachkräfte, die nach einem anerkannten Eingewöhnungsmodell arbeiten, es den Kindern erleichtern, sich in der neuen Umgebung einzuleben.
 
Es gibt in Deutschland derzeit unterschiedliche Modelle der Eingewöhnung. Das älteste und verbreitetste Konzept ist das von Laewen, Andres & Hédérvari-Heller (2011) vom infans-Institut in den 1980er-Jahren entwickelte Berliner Eingewöhnungs­modell, welches auf Erkenntnissen der Bindungs- und Hirnforschung basiert.
 
Es geht davon aus, dass die Begleitung des Kindes in der Tagespflege, Krippe oder Kita durch die Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen in der ersten Zeit Voraussetzung dafür sind, dass es eine sichere Bindung zu einer ihm bis dahin unbekannten Betreuungsperson aufbauen kann. Diese wird als Bedingung für gelingende Bildungs- und Entwicklungsprozesse gesehen.

Das Berliner Eingewöhnungsmodell zeichnet sich durch fünf Schritte aus.
  • In Schritt 1 erfolgt eine frühzeitige Information der Eltern darüber, dass ihre Beteiligung am Eingewöhnungsprozess erwartet und wie dieser gestaltet werden wird.
     
  • Schritt 2 besteht aus einer dreitägigen Grundphase, in welcher ein Elternteil das Kind in die Kita begleitet und dort circa ein bis zwei Stunden bleibt. Die Mutter beziehungsweise der Vater sollte das Kind aufmerksam beobachten und signalisieren, dass sie oder er ihm als „sicherer Hafen“ zur Verfügung steht. Gleichzeitig sollte sich der begleitende Elternteil aber möglichst passiv verhalten, um dem Kind Gelegenheit zur Kontaktaufnahme mit der Erzieherin zu geben.
     
  • Im 3. Schritt erfolgen ein erster Trennungsversuch sowie eine Entscheidung über die Dauer der Eingewöhnungszeit. Am vierten Tag – beziehungsweise wenn dies ein Montag ist, am fünften Tag – wird ein erster Trennungsversuch durchgeführt. Lässt sich das Kind bei der Trennung des Elternteils beruhigen, so kann die Trennungsphase auf maximal 30 Minuten ausgedehnt werden. Lässt sich das Kind hingegen nicht in kurzer Zeit beruhigen, kehrt die begleitende Bezugsperson nach zwei bis drei Minuten wieder zurück. In diesem Fall sollte mit einem weiteren Trennungsversuch bis zur zweiten Woche gewartet werden. Es ist eine längere Eingewöhnungszeit von zwei bis drei Wochen erforderlich.
     
  • Schritt 4 beinhaltet die Stabilisierungsphase: Unter Beachtung der Reaktionen des Kindes wird der Zeitraum, in dem das Kind alleine mit der einzugewöhnenden Fachkraft bleibt, immer mehr ausgedehnt.
     
  • In Schritt 5, der Schlussphase, hält sich der Elternteil nicht mehr gemeinsam mit seinem Kind in der Kita auf, ist aber noch jederzeit erreichbar. Abgeschlossen gilt die Eingewöhnung dann, wenn es die Fachkraft als „sichere Basis“ akzeptiert hat und sich von ihr trösten lässt.
 
Das Münchener Eingewöhnungsmodell nach Winner & Erndt-Doll (2009) ist neben dem bewährten Berliner Eingewöhnungsmodell ein weiteres erprobtes Modell, das stärker Erkenntnisse aus der Transitionsforschung einbezieht. Es geht davon aus, dass alle am Eingewöhnungsprozess Beteiligten von Anfang an eine wichtige Rolle spielen und dass sie aktiv daran beteiligt werden müssen. Eine zentrale Bedeutung für das Wohlbefinden des einzugewöhnenden Kindes nimmt dabei die Kindergruppe ein. Grundlage ist das Konzept der Transition, einem Konzept der Übergangsbewältigung. Im Vordergrund steht das „starke“ Kind, das diese Übergänge bewältigen kann, wenn es dabei Unterstützung erfährt. Gelingt dieser Übergang erfolgreich, wird davon ausgegangen, dass es dadurch gestärkt ist und auch weitere Übergänge erfolgreich bewältigen wird. Außerdem sieht das Münchener Eingewöhnungsmodell nicht so stark die eingewöhnende Fachkraft im Vordergrund, sondern geht davon aus, dass Kinder auch zu mehreren Personen eine gute Beziehung aufbauen können. Auch der Ablauf unterscheidet sich vom Berliner Eingewöhnungsmodell:
  • Nach einer Vorbereitungsphase der Kita und ersten Gesprächen mit den Eltern erfolgt eine Schnupperwoche, in der das Kind und der begleitende Elternteil jeweils für einen ganzen Vormittag oder Nachmittag die gesamte Kita mit allen Kindern und Fachkräften kennenlernt. Die Fachkräfte versuchen in dieser Zeit herauszufinden, was das Kind interessiert und wie man ihm die bevorstehende Trennung erleichtern kann.
     
  • Ein erster Trennungsversuch findet frühestens am sechsten Tag statt.
     
  • Wenn sich das Kind bei Trennungsängsten beruhigen lässt und sich auf die Situation in der Kita einlassen kann, wird die Trennungszeit in den darauf folgenden Tagen ausgedehnt.
     
  • Während der gesamten Eingewöhnungszeit werden Elterngespräche durchgeführt, die für den Vertrauensaufbau besonders wichtig sind.
 
Es gibt bislang keine systematischen Untersuchungen, aber Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass beide genannten Modelle, wenn sie richtig umgesetzt werden, funktionieren. Empfohlen wird, dass bei der Aufnahme mehrerer Kinder höchstens zwei Kinder pro Woche mit der Eingewöhnung beginnen sollten. Da auch unter günstigen Voraussetzungen im Eingewöhnungsprozess hohe Anpassungsleistungen von den Kindern verlangt werden, die sehr erschöpfend sind, sollten die Kinder während der ersten Wochen die Kita außerdem nur halbtags besuchen.

Kinder gewöhnen sich umso einfacher  ein, je stärker sie ihren Gefühlen Ausdruck verleihen.


Eine erfolgreiche Eingewöhnung zeigt sich darin, dass sich das Kind nach der Trennung von der Fachkraft trösten lässt, es danach neugierig den Raum erkundet und sich für die anderen Kinder interessiert, gemeinsam mit den anderen isst und sich von der Erzieherin wickeln und ohne Ängste schlafen legen lässt.
 
Bereits in den 1980er-Jahren wurde in einer Studie von Laewen (1989) an der Freien Unsiversität Berlin festgestellt, dass Kinder, die professionell eingewöhnt wurden und in den ersten drei Tagen von einem Elternteil ohne Trennungsversuch begleitet wurden, viermal weniger häufig im ersten halben Jahr erkrankten als Kinder, bei denen es schon in den ersten drei Tagen zu Trennungen gekommen war.
 
Die Wiener Krippenstudie, die von 2007 bis 2012 unter anderem von Datler durchgeführt wurde, zeigte auf, dass es von der Qualität der Einrichtung, aber auch vom Temperament der Kinder und Mütter, vom kindlichen Bindungsverhalten sowie vom Verhalten der Fachkräfte abhängt, wie gut und rasch die Eingewöhnung gelingt. Ein zentrales Ergebnis war, dass die Kinder selbst einen großen Beitrag zu einer gelungenen Eingewöhnung leisten. Es wurde festgestellt, dass die Kinder es umso einfacher haben, je stärker sie ihren Gefühlen Ausdruck verleihen. Meistens wurden die Kinder nämlich nur dann getröstet, wenn sie weinten. Die Kinder hingegen, die ihre Gefühle nicht nach außen zeigten, erhielten wenig bis keinen Trost und litten „still“ vor sich hin. Sie zeigten ein inneres Rückzugsverhalten, was dadurch sichtbar wurde, dass sie ziellos umher wanderten und beispielsweise ins Leere starrten. Häufig folgte darauf auch aggressives Verhalten. Aus diesem Grund ist gerade diesen Kindern eine besondere Aufmerksamkeit in der Eingewöhnung zu widmen, damit ihr Verhalten nicht als „gut eingewöhnt“ fehlinterpretiert wird.

Fazit

Eine entwicklungsorientierte und individuelle Eingewöhnung ist eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass Kinder einen guten Start in der Kita haben und von den Bildungsangeboten sowie von dem Austausch mit den anderen Kindern profitieren können.
Ein guter Personalschlüssel und hoch qualifizierte Fachkräfte, die nach einem anerkannten Eingewöhnungskonzept arbeiten, erleichtern es den Kindern, sich an die neue Situation zu gewöhnen.
Deshalb sollten gerade jetzt – parallel zum Krippenausbau – dringend die strukturellen Rahmenbedingungen verbessert und mit einer entsprechenden finanziellen Ausstattung hinterlegt werden.
 
 

Über die Autorin:
Rahel Dreyer ist Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie an der Alice Salomon Hochschule Berlin und wissenschaftliche Leiterin der berufsintegrierenden Studienform des Studiengangs „Erziehung und Bildung im Kindesalter“ (B.A.). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Entwicklung und Bildung im frühen Kindesalter, familienbezogene Bildungsarbeit und Frühpädagogik im internationalen Vergleich.
 


Quelle. MeineKitaClub
Foto: Yaruta Igor/Shutterstock.com
 

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