Anmelden
Familie
06.12.2015  Herbert Schlippert

Stellenwert und Wertschätzung der Heimerziehung

Dieser Vortrag vom IGfH-Fachtag am 7.10.2015 in Frankfurt a.M. beleuchtet die Entwicklung der Heimerziehung von den 1980er Jahren bis heute.
Ich habe lange überlegt, wie ich diese Rückschau gestalte und habe mir dann gedacht, dass ein Teil dieser thematischen Rückschau auch meine eigene persönliche und fachliche Rückschau ist, an deren Ende nach jetzt 41 jähriger sozialpädagogischer Tätigkeit auch meine in naher Zukunft stattfindenden persönliche und fachliche Umorientierung stehen wird.
 
Hinsichtlich unserer Thematik ist es immer sehr unterschiedlich, wer den Stellenwert einer Angebotsform beurteilt; dies kann z. B. betriebswirtschaftlich, soziologisch, gesellschaftspolitisch und natürlich standesgemäß sozialpädagogisch sein.
 
Wie oben schon erwähnt, werde ich mich ein bisschen an den Gegebenheiten + Entwicklungen entlanghangeln, die mein von mir sehr geschätzter Vorredner Frank Schmidt erläutert hat.
 
Ich beginne also mit dem 01.01.1991, dem Tag. An dem das KJHG offiziell in Kraft trat, der Tag, an dem ich nach mehrjähriger Tätigkeit in einem ostafrikanischen Land, die Leitung von zwei therapeutischen Gruppen im Martin-Luther-Haus, Nürnberg, übernahm.
 
Ich kam sozusagen von einer sehr fremden Kultur in andere fremde Kultur, auch deswegen, weil ich vorher noch nie in einer Heimeinrichtung gearbeitet hatte.
In der Nachbetrachtung war diese meine Anfangszeit sehr geprägt von der Tradition der „alten Heimarbeit“, also hier u.a.
  • Zentrierung auf Heimväter- + Mütter
  • Binnenorientierung der Einrichtung, Jugendämter wurden nicht gerne gesehen
  • Defizitorientiert
  • Gruppenpädagogisch orientiert,
  • Kaum multiprofessionel
  • Elternarbeit war nicht so gewünscht
 
Diese Welt traf dann, am 01.01.91, auf den großen Paradigmenwechsel in der Jugendhilfe den Übergang von JWG zum KJHG, in dem eine völlig andere Bedarfs- und Zielorientierung gefordert wurde.
(Ich erinnere mich, dass wir ein Kind hatten, bei dem nach sieben Jahren Aufenthalt in der Einrichtung zum ersten Mal so etwas wie ein Hilfeplan stattfand.)
 
Das  KJHG war im Grundgedanken eine sehr fortschrittlich formulierte Gesetzgebung.
 
So formuliert z.B. § 1 das Recht jedes jungen Menschen auf Förderung seiner Entwicklung + auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen + gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit,
 
§2 die Angebote zur Förderung der Erziehung in der Familie,
 
§4 die Partnerschaftlichkeit der öffentlichen Jugendhilfe mit der freien JH zum Wohle junger Menschen,
 
§8 die Beteiligung von Kindern + Jugendlichen, usw.,
 
weiterhin die Entwicklung des §35a mit seinem umfassenden Anspruch des Rechts jedes jungen Menschen mit einer seelischen Behinderung, oder wenn er von einer solchen bedroht ist, auf Eingliederungshilfe als Leistung der Jugendhilfe.
 
Last, but not least die spätere Entwicklung des §8a mit seinem umfassenden Schutzauftrag und die besonderen Pflichten für alle Fallbeteiligten.
 
Für die Jugendhilfeeinrichtungen bedeutete also die Inkraftsetzung des neuen Gesetzes der Beginn eines differenzierenden Prozesses.
 
Die neue Hilfeplanung verlangte klar umrissene Zielsetzungen, Operationalisierungen, Kooperationen, Angebotsdifferenzierungen sowie interne Qualitätsentwicklungen.
 
Wo Leistung gefordert wird, muss auch Leistung beschrieben werden.
 
Für viele Einrichtungen begann jetzt der Weg der internen Konzeptentwicklung, des Aufbaus modernerer Strukturen, die den neuen Ansprüchen genügten.
 
§34,KJHG beschreibt schon in seiner Aufzählung den gewünschten Weg in der Arbeit mit Kindern + Jugendlichen explizit genannt die
  • Rückkehr in die Familie
  • Erziehung in anderen Familien,
  • auf längere Zeit angelegte Lebensform.
 
Dieser implizierte Wunsch hatte für Jugendhilfeeinrichtungen zur Folge, dass die Aufenthaltszeiten der zu betreuenden Kinder und Jugendliche sukzessive kürzer wurden.
 
In dieser Aufenthaltszeit der Kinder und Jugendlichen wurden die Zielsetzungen für die Leistungserbringer  immer deutlicher formuliert, was auch zu Folge hatte, dass die Binnendifferenzierung der Einrichtungen, wenn sie denn den modernen Bedarfen folgen wollten, ausgebaut wurde.
 
Die qualitative Entwicklung zeigte sich in der Etablierung von
- Psychologischen Fachdiensten,
- Dienst für Familien,
- Heilpädagogische Fachdienste, 
- Kooperationen mit Kinder- + Jugendpsychiatrie und anderen medizinischen Leistungen.
 
Für Mitarbeitende in pädagogischen Prozessen der Heimerziehung begann hier eine neue fachliche Herausforderung, um einen heilpädagogischen, auch therapeutischen, gruppenorientierten und beziehungsintensiven Alltag in der Betreuung von jungen Menschen zu gestalten.
 
Einrichtungen entwickeln sich seither zunehmend zu Institutionen, die für eine psycho-soziale Rehabilitation zuständig sind,  durch Krisen begleiten und gleichzeitig verschüttete grundlegende soziale Basiskompetenzen wieder wecken oder neu erzeugen müssen.
 
Betrachten wir im Zusammenhang also einmal, was mittlerweile an Anforderungen an die pädagogisch Wirkenden  gerichtet wird:
  • Beziehungsarbeit muss geleistet werden,
  • Erziehungsarbeit ist notwendig,
  • Bildungsarbeit wird verlangt,
  • Elternarbeit wird gefordert,
  • die Umsetzung therapeutischer Konzepte in den Alltag ist gefordert
  • Partizipation soll gelebt werden,
  • Krisenintervention wird verlangt,
  • die Dokumentation aller Prozesse wird als selbstverständlich vorausgesetzt, usw.
  • fachliches Umgehen mit klinischen Bildern wird erwartet, Autismus, Trauma, Bindungsproblematiken, ADHS, Borderline, psychotisches Geschehen, Umgang mit Kontrollverlusten, sexueller, Missbrauch, uvm
  • aktive Zusammenarbeit mit Lehrern,  Psychologen, Ärzten, Logopäden im multiprofessionellen Teamwird gefordert und
  •  
  • das professionelle Erstellen von Berichten wird erwartet
  • die Partizipation der anvertrauten Kinder + Jugendlichen muss konzeptionell in den pädagogischen Alltag integriert werden
  • ein sexualpädagogisches Konzept muss umgesetzt werden
  • eine Mitbestimmungskultur muss etabliert werden
  • uvm.
 
Ich zähle die vorangegangenen Punkte auf, um zu zeigen, welche qualitativen Ansprüche auf Mitarbeitende  in den Heimkontexten zugekommen sind und in meisten Fällen auch umgesetzt wurden.
 
Damit kommen wir wieder näher zu den Fragen des Stellenwertes und der Wertschätzung.
 
Aber zuerst vielleicht noch ein paar Zahlen aus dem 14. Kinder- und Jugendbericht, die, wie Herr Thiersch es nennt, „das sozialpädagogische Jahrhundert“ erläutern:
  • Stand 2011 sind 640 000 Fachkräfte in der Kinder- + Jugendhilfe tätig.
  • In den letzten 3 Jahrzehnten hat sich die Anzahl der Beschäftigten (bezogen auf West- deutschland) verdreifacht
  • 2010 gab es mehr als 80000 Beschäftigte in den Hilfen zur Erziehung ein Plus seit 2006 von 29%
 
Was bedeutet das? Wie ist dieser Zuwachs, was die Heimerziehung betrifft, zu deuten?
  • Hilfeanfragen werden zunehmend komplexer und dramatischer.
  • Familiäre Hilfesysteme erweisen sich zunehmend überlastet.
  • Das System Schule in seiner jetzigen Struktur zeigt sich im Umgang mit „nichtleistungs-konformen“ Kindern zunehmen überfordert.
  • Auch Kindergärten stellen fest, dass sie mit ihrer bisherigen Struktur den Bedarf vieler Kinder nicht mehr decken können. 
 
 
Welches die Auswirkungen der zunehmenden Migration haben wird, wird die nahe Zukunft zeigen, aber eins ist sicher, die bisherige Welt wird sich weiterhin gewaltig verändern!
 
Im Kontakt mit (zunehmend ratlosen Jugendämtern (Partnerschaftlichkeit !) stelle ich fest, dass zunehmend die Kompetenz der Jugendhilfe angefragt und auch erbeten wird. Einrichtungen werden zunehmend als Kompetenzzentrum wahrgenommen, die individuelle Hilfekonzepte für Kinder + Jugendliche entwerfen, probieren und durchführen.
 
Und noch einmal zum Stellenwert:
In sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werden die Einrichtungen der Jugendhilfe angefragt im Rahmen ihrer
  • Kompetenz für psycho-soziale Rehabilitation von Kindern
  • Vermittlung zwischen Kindern und ihren Eltern, bei Interpretation der Ursache + Wirkung von „nichtkonformen“ Kindern
  • Vermittlung sozialer Basiskompetenzen (kein Kind im Doppelzimmer, Bedürfnisse sofort
  • Diagnostik in einem kindgerechten Umfeld
  • Erklärung von klinischen Diagnosen (z. B. Gesichtsblindheit, Autismus, ADHS, Angstsyndrom, Beziehungsunsicherheit, uvm.) und Maßnahmeumsetzung im Alltag
  • Gestaltung eines durch ein Miteinander geprägten Lernumfeldes
  • Bildung + Kultur
 
Wertschätzung entsteht auch durch kompetente Darstellung des eigenen fachlichen Vermögens, und da haben Jugendhilfeeinrichtungen und die in ihr arbeitenden Fachkräfte wirklich viel zu bieten.
 

Teilen auf
Teilen auf Facebook