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Kinderbetreuung international
25.01.2016  Alexa Glawogger-Feucht

Konsequente Ausrichtung am Kind: Studienreise in finnische Tageseinrichtungen

Wie wird Inklusion hier umgesetzt und gelebt? Mit dieser Frage begann eine Studienreise nach Finnland, um dort Tageseinrichtungen für Kinder zu besuchen und sich über fachspezifische Schwerpunkte auszutauschen. Im Rückreise-Gepäck befanden sich interessante Eindrücke, die hier dargestellt werden.

Kindertageseinrichtungen und Inklusion in Finnland kennen lernen, das war das Ziel einer Studienfahrt, die der Verband katholischer Kindertageseinrichtungen Bayern e.V. vom 7. bis 11. Juni nach Finnland unter dem Motto „Professional enhancement for inclusive child-care institutions“ organisierte. Unter der Leitung von Geschäftsführerin Pia Theresia Franke war eine 20-köpfige Reisegruppe mit Fachberaterinnen aus allen bayerischen Diözesen und mit Vertretern aus Sozialministerium und Fachakademien sowie Freier Wohlfahrtspflege in Kajaani im Norden Finnlands unterwegs. Im Zentrum standen die „Inklusion“ und deren konkrete Umsetzung. Auf dem Programm standen Besuche in privaten und kommunalen Kindertageseinrichtungen, in einer 24-Stunden Krippe und einer Schule sowie Vorträge über frühkindliche Bildung und Gesundheitswesen in Finnland.

Parallelen in der Pädagogik

„In der Studienreise konnten wir deutlich den Ansatz der finnischen Kindertageseinrichtungen sehen, sowohl in Krippen, der 24-Stunden-Kita, Kindergärten oder Vorschule. Alle Überlegungen und Ausrichtungen der fachlichen Praxis gehen konsequent vom Kind und seinen Bedürfnissen aus. Das war eindrucksvoll und durchaus für uns auch eine Vision“, betonte Franke. Trotzdem gebe es auch parallele institutionelle Entwicklungen in Finnland und Deutschland. Die Wurzeln des finnischen Ansatzes gehen auf Fröbels Kindergartenpädagogik zurück, die auch heute noch präsent sind. 1973 fand in Finnland die erste rechtliche Verankerung im Kinderbetreuungsgesetz statt, das sogenannte „Children's Day Care Act“ wurde verabschiedet. Auch in Bayern wurde 1972 das Kindergartengesetz veröffentlicht. Kinderbetreuung in Finnland fällt heute in den Zuständigkeitsbereich des Sozialministeriums analog ebenso wie in vielen Bundesländern Deutschland.

Besuche in den Einrichtungen haben diese grundlegende pädagogische Ausrichtung deutlich gemacht: Feinfühliger Dialog, Erziehungspartnerschaft und Fort- und Weiterbildung sind die aktuellen Schwerpunkte für die Kindertageseinrichtungen in der Stadt Kajaani. Diese werden immer wieder überprüft und neu festgelegt.

Inklusion

Die Inklusion und deren Umsetzung ist ein wichtiges Thema. Inklusion ist mehr als ein pädagogisches Konzept, es ist eine gelebte Haltung, die sich durch das gesamte pädagogische Handeln zieht. „Unsere Nachfragen nach möglichen Umsetzungsschwierigkeiten haben eher Verwunderung bei unseren Gastgebern ausgelöst“, erklärt Franke. Da stringent vom einzelnen Kind aus gedacht wird, werden auch die sich daraus ergebenden erforderlichen Rahmenbedingungen an den konkreten Erfordernissen angepasst. Wesentliche Fragen sind dabei, welcher Unterstützung das jeweilige Kind bedarf oder welche Einrichtung die beste für dieses Kind ist. In den Einrichtungen selbst liegt der Fokus auf der Eigenaktivität der Kinder. Ein wichtiges Hilfsmittel ist dabei die Arbeit mit den Piktogrammen, die als Materialien zur Verfügung stehen. „Mit Hilfe der Piktogramme sind die Schränke organisiert, auch die Teewagen und Spielmaterialien. Jede Erzieherin trägt eine Sammlung mit sich“, erläutert Franke. Sie fördern die Kommunikation, die Sprachentwicklung und nehmen einen wichtigen Teil der Dokumentation ein. Für jedes Kind werde ein Ordner angelegt. Dies sei nicht nur als Hilfe für behinderte Kinder gedacht, sondern werden von allen Kindern genutzt – beispielsweise auch für die sprachliche Entwicklung.

Feinfühliger Dialog

Die pädagogischen Fachkräfte zeichnet eine exzellente Qualifikation aus. Die ausgebildeten Erzieherinnen haben in der Regel einen Hochschulabschluss (Bachelor) in Erziehungswissenschaften – jedoch auch mit einem klaren Praxisbezug. Gemeinsam mit ausreichend Personal in den Kindertageseinrichtungen werden diese Merkmale dort als Grundlagen eines erfolgreichen Bildungssystems verstanden. „Beim Besuch der Einrichtungen konnten wir sehr kompetente und von ihrem Fach überzeugte Pädagoginnen erleben. Die Präsentation ihrer Arbeitsweise und die fachlichen Diskussionen haben auf sehr hohem Niveau stattgefunden“, so Franke. Während den Zeiten der Hospitationen konnte die Reisegruppe auch die Interaktionen der Erzieherinnen beobachten. „Die Interaktionsqualität der Erzieherinnen zu den Kindern war sehr gelungen. Im direkten Kontakt mit den Kindern erlebten wir die Fachkräfte als responsiv und konnten durchgehend feinfühligen Dialog wahrnehmen“, betont Franke.

Familien und Kinder im Blick

Die Kinder- und Familienorientierung hat einen großen Stellenwert in Finnland. Über die Einrichtungen hinaus gibt es auch freiwillige Angebote für Eltern: Ein wichtiger Part beim gesunden Aufwachsen der Kinder nimmt in Finnland das Elternprogramm „Neuvola“ ein. Ob Vorsorgeuntersuchungen, Impfen oder medizinische Beratung: „Neuvola“ unterstützt bereits werdende Eltern in der Schwangerschaft. Diese Unterstützung setzt sich bis weit ins Schulalter fort. „Neuvola“ stellt Eltern und Kinder ebenso eine Babygrundausstattung zur Verfügung wie auch eine medizinische Betreuung und Beratung zu Erziehung allgemein und zur psychischen und sozialen Entwicklung der Kinder im Besonderen. Anstelle des finnischen Babypaketes können sich Eltern auch einen Zuschuss (140 Euro) auszahlen lassen, aber 95% nehmen das Paket in Anspruch. Für „Neuvola“ arbeiten Sprach- und Physiotherapeuten, Psychologen, Fachärzten und Sozialarbeitern, die „Neuvolas“ Gesundheitspfleger gegebenenfalls mit einbeziehen können. Sie sind in jedem kommunalen Gesundheitszentrum zu finden. Das finnische „Neuvola“-System gibt es seit den 1920er Jahren, seit 1944 ist es flächendeckend in ganz Finnland organisiert. „ ,Neuvola‘ wird in hohem Maß von Eltern akzeptiert, die Teilnahme liegt bei mehr 97%“, betonte Fachberaterin Laila Lassila. Beratung der Eltern sei immer im Sinne einer Unterstützungsleistung zu sehen. Für die Eltern sei es selbstverständlich dort Rat, Hilfe und medizinische Versorgung zu erhalten. Auch die Kindertageseinrichtungen arbeiten interdisziplinär mit ,Neuvola‘ zusammen.

Bedeutung und Rolle der Kommunen

Der Besuch in Kindertageseinrichtungen in Finnland ist eine freiwillige Leistung. Das sogenannte vorschulische Jahr ist für die Kinder verpflichtend. Eingeschult werden die Kinder mit 7 Jahren. Die Personalressourcen sollten nach den Bedürfnissen der Kinder geplant werden. „Deutlich wurde dies besonders im Umgang mit Kindern mit besonderen Förderbedarf“, so Franke. Kinder mit Förderbedarf sind der Kinder- und Jugendhilfe zugeordnet. Außerdem fände jede Therapie in der Kindertageseinrichtung statt, Eltern und Kinder müssen nicht zu einem anderen Ort. „Das ist ein ressourcenorientieres Vorgehen und nicht defizitorientiert und bedeutet eine Entlastung und Unterstützung für alle Beteiligten“, so Ricarda Mursch, Fachreferentin im Verband und Mitorganisatorin der Reise. In den Einrichtungen sind auch integrative Kleingruppen möglich, in denen jeweils eine zusätzliche Heilpädagogin ist. Auch die Vernetzung mit der Schule ist bedeutsam. Mirko Saari, Leitung des kommunalen Bildungsmangements stellte der Reisegruppe das Kultur- und Bildungswesen der Stadt Kajaani vor. Dort organisieren insgesamt sechs Personen die vielseitigen Angebote zur Betreuung von Kindern, angefangen von der Krippe und Tagesmüttern bis hin zu Spielgruppen, Kindertageseinrichtung und 24-Stunden-Kita sowie die Vorschule. Die Kommunen übernehmen die zentrale Anmeldung, so dass die Leitungen weitgehend von den umfangreichen bürokratischen Aufgaben entbunden sind. Sie sind neben der zentralen Anmeldung außerdem für Fort- und Weiterbildung und die Verteilung der finanziellen Mittel zuständig. Mit Hilfe eines Chips werden auch zentral die Buchungszeiten abgerechnet.

Beeindruckende Erlebnisse

Was hat die Reisegruppe besonders an dieser Reise beeindruckt? Um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, wurde im Anschluss an diese Reise ein Interview mit Pia Theresia Franke über ihren Besuch in Finnland geführt.

Sie haben sich mehrere Monate auch in Vortreffen mit den anderen Teilnehmenden vorbereitet. Was haben Sie sich von der Studienreise erwartet?

Franke: Wir sind mit vielen Ideen, Fragen und Erwartungen nach Finnland gereist. Vieles wollten wir von den Kolleginnen und Kollegen vor Ort erfahren, was sie im Umgang mit dem Thema Inklusion anders oder auch besser machen. Natürlich war uns bewusst, dass der Personalschlüssel ein anderer sein muss. Doch waren wir über die Möglichkeiten, die in Finnland geboten werden – sowohl Kindern als auch den Familien – angenehm überrascht und mit Umsetzungsmöglichkeiten zugleich beschäftigt.

Was hat sie besonders beeindruckt?

Franke: In der Finnischen institutionellen Kinderbetreuung gehen alle Überlegungen und Ausrichtungen der fachlichen Praxis konsequent vom Kind und seinen Bedürfnissen aus. Besuche in den Einrichtungen haben immer die grundlegende pädagogische Ausrichtung deutlich gemacht. Feinfühliger Dialog, Erziehungspartnerschaft mit den Eltern und Fort- und Weiterbildung sind dort die Schwerpunkte für die Kindertageseinrichtungen in der Stadt Kajaani. Zentral war dabei auch immer: das Vertrauen in die pädagogische Einrichtungen geht vor Kontrolle. Denn nur durch das große Vertrauen zwischen Kommunen und Staat funktioniert das System.

Wie wird die konsequente Ausrichtung auf die Kinder noch umgesetzt?

Franke: Bemerkenswert ist der Personalschlüssel, der bei 3:12 liegt. Außerdem ist es in Finnland möglich, bei Ausfall einer Erzieherin in Krankheitsfällen sofort für Ersatz zu sorgen. Dies ist gesetzlich geregelt. Prinzipiell ist auch die Teilzeitbeschäftigung für Erziehungspersonal geregelt. Es gibt jedoch nur sehr selten Beschäftigung mit weniger als 32 Stunden. Auch die Vereinheitlichung und Vernetzung von unterstützenden und fördernden Maßnahmen war beeindruckend. Auf unser System mit der Pluralität der Finanzierungssysteme lässt sich das jedoch nicht einfach übertragen, denn Finnland ist zentral organisiert. Dies heißt jedoch nicht, dass wir in unserem System keine Änderungen einführen können. Verbesserungen sind immer möglich und gerade im Bereich der Inklusion besteht bei uns noch viel Luft nach oben. Gerade zum katholischen Profil unseres Verbandes gehört Inklusion und damit die Frage, wie wir Teilhabe und Teilgabe umsetzen. Sie betonten immer wieder, dass sie Frühpädagoginnen seien und die Bildung, Erziehung, Betreuung und Förderung der Kinder zum Ziel haben. Dies ist auch für uns eine Vision.

Derzeit wird bei uns auch die 24-Stunden-Kita diskutiert. Sie haben in Finnland eine besucht. Wie sind die 24-Stunden-Kitas organisiert?

Franke: Der Besuch einer 24 Stunden Kita erfolgte mit gewisser Spannung. Wie kann das gehen, eine 24 Stunden Betreuung? Eine 24 Stunden Kita ist auch in Finnland als Angebot eher die Ausnahme ist und nicht die Regel. Eltern müssen nachweisen, dass sie für ihre Kinder eine längere Betreuung benötigen. Dies ist aufgrund unterschiedlicher Arbeitszeiten erforderlich. Schichtarbeit ist ein zunehmendes Arbeitsmodell, da dies besser vergütet wird. Ebenso nehmen Alleinerziehende eine große Gruppe ein, die Beruf und Betreuung der Kinder miteinander verbinden. Kinder werden manchmal abends gebracht und morgens nach dem Frühstück wieder abgeholt. Wenn Eltern eine Doppelschicht arbeiten, verbleiben die Kinder länger in der Einrichtung. Zwei Tage in der Woche besuchen sie nicht in der Einrichtung, dies muss jedoch nicht Samstag oder Sonntag sein. In der Schlafsituation muss zwingend eine Erzieherin anwesend sein. Bei mehr als acht Kindern, die schlafen, sind zwei Personen verpflichtend. Die Situation dieser Einrichtung, die wir besuchten, weist einen hohen Personalstand auf, um familienähnliche Gruppensituationen zu gestalten.
 

Dr. Alexa Glawogger-Feucht, Öffentlichkeitsreferentin und interne Verbandskommunikation im Verband kath. Kindertageseinrichtungen Bayern e. V., München.

Pia Theresia Franke, Geschäftsführerin im Verband kath. Kindertageseinrichtungen Bayern e. V., München.


Quelle: klein & groß Lebensorte für Kinder, 01/16, Seiten 44-47


 



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