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Inklusion/Diversity
22.01.2016  

Herausforderungen durch Flüchtlingszustrom

Der Zustrom von schulpflichtigen - und -willigen - Flüchtlingskinder stellt Länder, Schulleitungen und Lehrkräfte vor immer neue Herausforderungen. Die erste ist die, einen neuen Umgang mit Heterogenität zu erlernen.
Die Schüler einer Klasse unterscheiden sich in vielen Merkmalen: Geschlecht, ethnische oder soziale Herkunft, Alter, Körpergewicht und anderes mehr. Sie alle beeinflussen aus verschiedenen Gründen den Schulerfolg. Welche Fähigkeiten benötigen Lehrkräfte, um der Vielfalt einer Lerngruppe gerecht zu werden?

Den Artikel, den die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht hat, können Sie hier lesen.

Aber Lehrkräfte benötigen nicht nur eine Ausweitung ihrer Fähigkeiten bei der Bewältigung der Herausforderungen durch Flüchtlinge. Der Städte- und Gemeindebund NRW weist in seiner Presseerklärung auf Probleme durch Raum- und Personalmangel hin:

Die Integration von Flüchtlingskindern an Schulen stellt die Kommunen als Schulträger vor Herausforderungen, die ohne zusätzliche Unterstützung kaum zu bewältigen sind. Darauf hat der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes NRW, Dr. Bernd Jürgen Schneider, heute in Düsseldorf hingewiesen: "Nach den Berichten aus vielen Städten und Gemeinden reichen die vom Land zusätzlich geschaffenen oder in Aussicht gestellten Lehrerstellen nicht aus." Viele Klassen seien bereits jetzt überfüllt". Dies habe eine telefonische Blitzumfrage des kommunalen Spitzenverbandes ergeben.

Auch in diesem Jahr müssten wahrscheinlich weitere 60.000 Kinder mit schulischen Angeboten versorgt werden. Es gehe aber nicht nur um eine Anpassung an höhere Schülerzahlen, sondern auch darum, dass die betroffenen Kinder überdurchschnittliche Betreuung und Förderung benötigen, betonte Schneider. Zum Teil seien die Kinder durch Kriegs- und Gewalterfahrung sowie durch die belastenden Umstände der Flucht traumatisiert. "Es fehlt an Unterstützungspersonal wie Dolmetscher/innen, Schulpsycholog/innen und Schulsozialarbeiter/innen", legte Schneider dar.

Einige Kommunen meldeten Schwierigkeiten, die erforderlichen Räumlichkeiten für den Unterricht, für Differenzierungsangebote sowie für offene Ganztagsangebote zur Verfügung zu stellen. "Aktuell weiß man nicht, was man den Kommunen mit Blick auf ihre Schulentwicklungsplanung raten soll", erklärte Schneider. Völlig unklar sei, wie viele Kinder im schulpflichtigen Alter in diesem Jahr zusätzlich in die jeweilige Kommune kommen und wie viele von diesen länger dort bleiben. Denn stets sei denkbar, dass sich die Familien in andere Städte und Gemeinden orientierten.

In der Regel dürfen Kommunen zusätzlichen Schulraum nur dann schaffen, wenn belegt werden kann, dass dieser für einen längeren Zeitraum benötigt wird. "Im Moment fehlen sämtliche Grundlagen für eine vernünftige Planung", fasste Schneider die Schwierigkeiten der Fachleute zusammen. In diesem Zusammenhang sei das vom Land im Dezember 2015 angekündigte Städtebau-Sonderprogramm mit einem Umfang von 72 Mio. Euro für den Neu- und Umbau respektive die Modernisierung von Betreuungseinrichtungen wie Kindertagesstätten, Jugendtreffs, Schulen und Sporteinrichtungen wohl zu begrüßen. Es könne die Probleme aber auch nicht lösen, machte Schneider deutlich. Aus heutiger Sicht müsste eine Reihe von Maßnahmen mit höchster Priorität in Angriff genommen werden:

  • Sprachunterricht: Entscheidend für eine reibungslose Integration und einen raschen Wechsel in eine Regelklasse ist, dass die Kinder so schnell wie möglich Deutsch lernen. In der Schule braucht es dafür Deutschlehrer und -lehrerinnen mit der Zusatzqualifikation Deutsch als Fremdsprache oder Deutsch als Zweitsprache.
  • Personal: Bei der Gewinnung geeigneter Lehrkräfte müssen sämtliche denkbaren Wege ausgeschöpft werden. Statt der derzeit vorgesehenen rund 2.600 zusätzlichen Lehrer/innen werden mindestens 5.000 gebraucht. Die regulären Besetzungsverfahren müssen mit Nachdruck vorangetrieben und zügig abgeschlossen werden. Für die Verwendung qualifizierter Seiteneinsteiger/innen im Schuldienst sind formale Hürden abzubauen - etwa bei Altersgrenzen oder bei der Anerkennung von Abschlüssen und Qualifikationen. Auch pensionierten Lehrkräften sollten attraktive Angebote zum befristeten Wiedereinstieg in den Schuldienst unterbreitet werden.
  • Soziale Unterstützung: Dringend erforderlich sind mehr Schulpsycholog/innen, Sozialpädagog/innen und Dolmetscher/innen.
  • Raumprogramm: Die Schulträger benötigen Unterstützung bei der Schaffung von Klassen- und Differenzierungsräumen sowie von Plätzen in der Offenen Ganztagsschule. Hier muss sich - etwa nach dem Vorbild des erfolgreichen Programms "Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB)" - auch der Bund engagieren.
  • Baurecht: Wo erforderlich, müssen baurechtliche Erleichterungen gewährt werden, um schnelle, pragmatische Lösungen zu ermöglichen.
  • Volkshochschulen: Bei Sprachlernangeboten außerhalb der Schule erbringen die kommunalen Volkshochschulen exzellente Leistungen. Deshalb müssen die Mittel für Sprachkurse an Volkshochschulen aufgestockt sowie für jüngere Teilnehmende zugänglich gemacht werden.

Aus kommunaler Sicht - so Schneider - müsse dringend auch das Potenzial gehoben werden, das mit den Asyl suchenden Menschen ins Land gekommen sei: "Wir müssen fragen: Welche Flüchtlinge haben welche Sprachkenntnisse? Wer war im Herkunftsland eventuell Lehrer/in oder verfügt über eine pädagogische Ausbildung?". Über dieses "Humankapital" müsse sich der Staat möglichst rasch einen Überblick verschaffen - am besten bereits bei der Registrierung der Flüchtlinge.

Berlin stellt neue LehrerInnen ein
Derzeit laufen die Einstellungsverfahren für das kommende Schulhalbjahr im Februar 2016.

Flankiert werden die Bewerberverfahren durch kontinuierliche Auswahlverfahren für die Willkommensklassen. Lehrten zu Beginn des Schuljahres 472 Lehrerinnen und Lehrer in den besonderen Sprachlerngruppen, sind es heute bereits über 700. Die berlinweite Anzahl der Schülerinnen und Schüler in den Willkommensklassen ist im gleichen Zeitraum von rd. 5.000 auf fast 7.000 gestiegen.

Der starke Anstieg der Willkommensklassen für Flüchtlingskinder hat sich zusammen mit der Integration von Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf einen erhöhten Lehrkräftebedarf niedergeschlagen. Neben den zusätzlichen Lehrkräften für weitere Willkommensklassen ist gleichzeitig der benötigte Anteil an Lehrkräften für Schülerinnen und Schüler in der Integration um 133 Lehrkräfte gestiegen. Ursächlich hierfür war ein unerwarteter Anstieg von Schülerinnen und Schülern, vor allem in den Förderschwerpunkten Autismus und Geistige Entwicklung. Die Schulen, an denen Schülerinnen und Schüler integrativ beschult werden, erhalten schülerbezogen zusätzliche Ressourcen.

„Diese Entwicklung stellt einen erheblichen Vertrauensbeweis der Eltern in die Integrati-onsarbeit der Berliner Schulen dar. In diesem Schuljahr werden 12.632 Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen integrativ beschult, das sind inzwischen mehr als 60 % aller Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarfen“, so Bildungssenatorin Sandra Scheeres.

Mit Stichtag 1. November hatten die Berliner Schulen anlässlich der jährlichen Bedarfsfeststellung eine Ausstattung von 99,3 % gemeldet. In der 100 % Definition ist der Bedarf für die Stundentafel, für Teilungsstunden und Förderunterricht, für strukturelle Unterstützung (Integration und Sprachförderung) sowie für Profile der Schulen enthalten. Bezogen auf die reine Versorgung der Stundentafel lag die Bilanz an den öffentlichen Schulen bei 117 %. Seit Dezember laufen nun die Bewerberverfahren für das nächste Schulhalbjahr. Rund 600 Einstellungsvorgänge sind bereits in der Bearbeitung. Ziel ist es, darüber hinaus noch bis zu 300 Lehrkräfte im Januar einzustellen.

Alle Ausschreibungsdetails finden Sie unter: www.berlin.de/sen/Bildung/Lehrer_werden/Einstellungen/

Quelle: Pressemeldung des Berliner Senats

Protest in Thüringen
Nicht in allen Bundesländern wird dieser Aufruf gehört. Vielmehr weigert sich die Schulverwaltung Thüringen, mehr Lehrkräfte einzustellen, was vom Thüringer Lehrerverband stark kritisiert wird:

Es müsse den neuen Herausforderungen mit einer massiven personellen Aufstockung begegnet werden, so Rolf Busch, Landesvorsitzender des tlv. „In Bayern ist die Einstellung von 1700 zusätzlichen Lehrern längst beschlossen worden. Auch Thüringen braucht umgehend einen derartigen Beschluss. Für die Beschulung von Flüchtlingskindern in den sogenannten Willkommensklassen müssen mindestens 500, für die Sicherstellung einer Doppelbesetzung im regulären Unterricht mindestens 300 zusätzliche Lehrer eingestellt werden – und zwar unbefristet und vor allem zusätzlich zu dem Ersatzbedarf von 500 Lehrern, der sich durch die Altersabgänge ergibt.“  Mehr Details finden Sie hier



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