Fächer oder Themen? Unterricht mehrperspektivisch und integrativ planen
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Pädagogische Praxis
09.06.2017  Horst Bartnitzky

Fächer oder Themen? Unterricht mehrperspektivisch und integrativ planen

Wird der Unterricht nach Fächern organisiert oder nach überfachlichen Themen? Hier Sachunterricht, da Deutsch, dort Kunst? Hier Lesen, da Schreiben, dort Rechtschreiben? Oder mehrperspektivisch: Thema Märchen mit allen Deutschbereichen, mit sachunterrichtlichen Erkundungen und ästhetischer Gestal-tung? Im Trend liegt das Erste, didaktisch ergiebiger und kindgerechter ist das Zweite. Wie bei der Unter-richtsplanung dazu die Weichen gestellt werden, zeigt der Beitrag.

Nicht fachlich parzelliert, sondern themenbezogen 

Ein Gang durch die Lernmittel-Angebote der Verlage macht deutlich: Der Trend geht hin zur fachlichen Parzellierung:  Sachunterricht als getrennte Abteilung, Deutschunterricht mit jeweils eigenen Lernmitteln getrennt in:  Texte planen und schreiben. Lesen. Richtig schreiben. Sprache untersuchen.
Der Trend ist erklärlich: Bei VERA wird Lesen schwerpunktmäßig Jahr für Jahr geprüft, also muss Lesen besonders geübt und gefördert werden. Arbeitshefte sollen es richten. Angesichts der Klagen über schlechte Rechtschreibung wähnt man sich mit Rechtschreiblehrgängen auf der sicheren Seite. Hinzu kommt das Differenzierungsgebot bei heterogener werdenden Lerngruppen und schwierigeren Kindern. Da kann die Zuteilung von Arbeitsheften und das Abarbeiten individueller Lernziele als eine Überlebensstrategie erscheinen oder gar als Königsweg der Individualisierung und der Förderung des selbsttätigen Lernens.
Wenn Lebenswelt-Bezug und Welterschließung, sinnstiftendes und entdeckendes Lernen die didaktische Richtschnur sind, dann ist die Parzellierung in fachliche Lehrgänge aber der falsche Weg. Dann sind Lebenswelt-Bereiche die Ausgangspunkte für überfachliche Unterrichtsthemen. Die Anforderungen der Fachbereiche werden als Perspektiven wirksam, unter denen die Themen er- und bearbeitet werden.

 Mehrperspektivisch und fachbezogen integrativ

Überfachlich sind die didaktisch relevanten Bereiche der Lebenswelt:  Menschen miteinander, Raum und Welt, Technik und Medien, Natur und Naturschutz, Zeit und Geschichte, Kulturelle Tradition und Praxis, Fantasie und Erfindungen. Unterrichtlich wirksam werden sie, wenn sie mit Themen konkretisiert werden. Nehmen wir den Bereich Menschen miteinander. Konkrete Themen können sein: das Miteinander regeln, Streit und Schlichtung, Fairness und Respekt, Krieg und Flucht, Menschenrechte – Kinderrechte. Themen wiederum können aus verschiedenen Perspektiven bearbeitet werden: aus sachbezogener, sprachlicher, ethischer, ästhetischer und kreativer Perspektive. Diese Mehrperspektivität der Themenarbeit macht erst den Lebensbezug wirksam, gibt Kindern die Möglichkeit, eigene Erfahrungen, Gedanken, Fantasien einzubringen und ihren Lebenshorizont zu erweitern.
Aus fachlicher Sicht ergeben sich dabei fachübergreifende Bezüge. Häufig ist Fachlernen geradezu angewiesen auf das Zusammenspiel der verschiedenen Fächer, auf die Integration der Fachaspekte.
Sachunterricht bedarf des sprachlichen Handelns: fragen und vorschlagen, nachdenken und argumentieren, beschreiben und benennen, befragen und beantworten, berichten und verallgemeinern – mündlich, kommunikativ, schriftlich, was auch z. B. das Richtigschreiben einschließt.
Deutschunterricht wiederum ist auf Inhalte angewiesen, weil  „man eben ohne Wolle nicht stricken kann“. Am Beispiel der Sprechakte fragen und berichten:  Sollen Fragen entwickelt, formuliert und kommunikativ gestellt werden, sollen Antworten notiert und anderen davon berichtet werden, dann braucht man einen für Kinder sinnvollen Anlass,  z. B. einen Supermarkt erkunden, was wiederum den Sachunterricht betrifft. Wird das Richtigschreiben geübt, dann braucht man einen Grund, gerade mit diesen Wörtern zu arbeiten. Das sind beim Supermarkt-Thema die schreibwichtigen und fehleranfälligen Wörter, die für die Erkundungstexte gebraucht werden.
 
Ein Thema wie Wetter hat neben seinen sach- und sprachbezogenen auch ästhetische Aspekte: Zahlreiche Gedichte poetisieren Wetterlagen und Wettererscheinungen. „Das Gewitter“ von Guggenmos ist im Grundschulunterricht vielleicht das gebräuchlichste („Hinter dem Schlossberg kroch es herauf: / Wolken – Wolken! / Wie graue Mäuse, / ein ganzes Gewusel …“). Es kann sprechgestaltend mit mehreren Sprechern, pantomimisch und instrumental interpretiert werden. Leitwörter wie Wolken, Blitz, Donner, Platzregen, Sonne bieten sich zur Gestaltung von Wortbildern an. Sachverhalte erhalten hier eine ästhetische Dimension. Das Wort Sonne kann wie Wetter oder Sommer Modellwort sein, das die Regelung der Konsonantenverdopplung klären hilft; dann ist es als Modellwort Auftakt zur Suche weiterer Wörter mit gleicher Schreibweise.
Ein Thema wie Märchen hat neben dem literarischen auch weitere sprachbezogene, sachbezogene, ästhetische  und kreative Aspekte, wenn ein Märchenlexikon angefertigt, wenn mit erkannten Schreibmustern eigene Märchen geschrieben und für ein Märchenbuch gestaltet werden, wenn zu einem Märchennachmittag im märchenhaft gestalteten Klassenraum eingeladen wird.
 
Kurz: Der Unterricht geht bei solcher Arbeit nicht von den Fachzielen aus, um sie dann lehrgangsartig zu erarbeiten, sondern von Aspekten der Lebenswelt und präzisiert sie zu Themen. Erst dann wird gefragt: Was können die Fachziele zur mehrperspektivischen Erarbeitung beitragen - bezogen auf die Sachklärung, die Spracharbeit, den ästhetischen, den kreativen, den ethischen Bereich.  
Mit dieser auf ihre Lebenswelt bezogenen Arbeit, begründet sich für die Kinder ihr Lernen. Sie arbeiten nicht vorgegebene Aufgaben ab, sondern erarbeiten sich handelnd und aktiv das Thema. Werke entstehen, mit denen sie ihr Arbeiten und deren Ergebnisse für sich und für andere sichtbar machen können. Unterricht trägt bei zu Lebensverständnis und Lebensgestaltung.
 

Drei Aufgaben lebensweltbezogener Unterrichtsarbeit

Bezogen auf die Lebenswelt der Kinder hat der Unterricht drei Aufgaben:

1. Erfahrene Lebenswelt klären 

Der durch das Thema gewählte Bereich der erfahrenen Lebenswelt wird inhaltlich und sprachlich geklärt, gegebenenfalls werden ästhetische, kreative und ethische Perspektiven einbezogen.
Das kann für die o.a. Beispiele folgende Aspekte bedeuten:
Supermarkt: Austausch von Erfahrungen beim Einkaufen,  Einkauf für ein gesundes Frühstück…
Wetter: Erfahrungen mit Wetterlagen und wetterbedingten Situationen, Lieblingswetter, Wettervorhersagen in verschiedenen Medien und im Alltag… 
Märchen: Märchenkenntnisse, Fantasie-Welten, die Guten und die Bösen in Geschichten…

2. Erfahrene Lebenswelt erweitern

Der Lebenswelt-Horizont der Kinder wird durch neue Erfahrungen zum Thema erweitert. Auslöser können Fragen und Vorschläge der Kinder sein. Es gibt daneben bedeutsame Aspekte, zu denen Kinder bisher noch keinen Zugang hatten, für die Kinder also aufgeschlossen werden müssen und die dann den Horizont ihrer Lebenswelt-Erfahrungen erweitern:
Supermarkt: Blicke hinter die Kulissen, Funktionsweise eines Supermarkts, Werbung …
Wetter: Wetter messen, Wetterprotokolle, literarische, bildnerische Gestaltungen, Abhängigkeiten: Wetter und Ernährung, Abhängigkeit des Lebens vom Wetter, Klimazonen und Klimawandel …
Märchen: Märchen aus aller Welt. Vielen Kindern fehlen Erfahrungen mit Märchen. Sie müssen erst in ihren Interessenhorizont gebracht werden, damit Erfahrungen gewonnen werden können…  

3. Lebenswelt mitgestalten

Die Kinder erarbeiten die Klärung (Aufgabe 1) und die Erweiterung (Aufgabe 2) aktiv und interaktiv. In kleineren oder größeren Projekten handeln sie im Lebensweltbereich und erstellen Werke: 
Supermarkt: Interview mit der Geschäftsführerin des Supermarkts, mit der Frau an der Kasse, dem Fleischfachverkäufer, Präsentation des Erfahrenen…
Wetter: Bau einer eigenen Wetterstation, Wetterdarstellung, Forscherbuch zum Wetter…
Märchen: das eigene Märchenbuch, Schattenspiel zu einem Märchen, Märchennachmittag für Bekannte und Verwandte…

Planungsschritt: Leitfragen zu Kind und Sache

Von zwei Ebenen her muss, wie bei jedem Unterricht, auch die thematische Arbeit geplant werden: von der Ebene Kind her und der Ebene Sache. Beide sind aufeinander zu beziehen. Einige heuristische Fragen können helfen, im Brainstorming, bzw. mit einer Ideensammlung Möglichkeiten für den Unterricht zu finden:

Fragen vom Kind aus:

  • Welche bisherigen Erfahrungen haben die Kinder zu diesem Lebenswelt-Bereich / zu diesem Thema gemacht?
  • Welche Situationen können herbeigeführt werden, damit die Kinder ihre bisherigen Erfahrungen und Kenntnisse sich vergegenwärtigen und klären, sie miteinander austauschen und abgleichen?
  • Welche neuen Erfahrungen wären lohnend, wichtig, möglich?
  • Welche Situationen können herbeigeführt werden, damit die Kinder neue Erfahrungen erarbeiten?
  • Mit welchen Handlungen / Projekten können die Kinder aktiv am Thema arbeiten?
  • Mit welchen Handlungen/ Projekten können die Kinder ihre Lernerfahrungen sich und anderen präsentieren? 

Fragen von der Sache aus:

  • Was sind bei diesem Thema die möglichen Perspektiven und Lernsachen?
  • Welche Perspektiven und Lernsachen sind für die Kinder zugänglich?
  • Welche sachadäquaten Methoden können sie für die Kinder zugänglich machen?
  • Mit welchen Methoden können die Lernsachen sachgerecht bearbeitet, bzw. erarbeitet werden?
  • Welche Möglichkeiten bietet die Sache und ihre Erschließung für die Arbeit auf verschiedenen Schwierigkeitsniveaus?
  • Welche sprachlichen Mittel können gewonnen und bevorzugt verwendet werden?
  • Welche Lernbereiche / Fächer, welche Fachbereiche können dazu beitragen, die drei Aufgaben zu erfüllen:  Klärung – Erweiterung – Mitgestaltung des Lebenswelt-Bereichs / des Themas? 

Planungsschritt: Arbeitsplan

Nach der Ideengewinnung kann ein Arbeitsplan erstellt werden, der sich an den drei Lebenswelt-Aufgaben orientiert und in dem die unterrichtliche Realisierung mit den beteiligten Fächern und Fachbereichen notiert wird. Das soll am Beispiel Märchen vorgestellt werden. (Den Arbeitsplkan können Sie downloaden, indem Sie auf den Link am Seitenende klicken.)

Vom didaktischen Wert des integrativen Unterrichts

Mehrperspektivischer und fachlich integrativer Unterricht ist zweifellos didaktisch komplexer und anspruchsvoller als parzellierter. Kinder lernen dabei anders und sie lernen mehr:  Sie arbeiten sich nicht an vorgegebenen Aufgaben oder Lernzielen ab, sondern klären und erweitern ihre Lebenswelt. Sie siedeln sich in einem Thema an, sie wirken durch Fragen, Formen aktiven Handelns an der Erarbeitung mit, erfahren dabei auch den Sinn ihrer Mühen, können in vorzeigbaren Werken ihr Arbeiten und dessen Ergebnisse dokumentieren und für andere präsentieren. 
Dass solcherart mehrperspektivisches und integratives Unterrichten auch amtlich gefordert ist, mögen zwei Zitate belegen:
2004 stellte die KMK in den Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Primarbereich klar: „ Die Kompetenzbereiche sind im Sinne eines integrativen Deutschunterrichts aufeinander bezogen.“ (S. 8)
2015 forderte die KMK in den Empfehlungen zur Arbeit in der Grundschule:  „Im Kontext aller Fächer ist fachübergreifendes und fächerverbindendes Arbeiten handlungsleitend.“ (S. 12)
 
Diesen Beitrag haben wir aus der Grundschule aktuell (138, Mai 2017, S. 9-12) übernommen. Über folgenden Link gelangen Sie zur Zeitschrift und auf die Seite des Grundschulverbandes:
http://grundschulverband.de/grundschule-aktuell/
Bild: fotolia Wavebraek Media

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