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Grundschule
29.01.2018  Manfred Bönsch

Inklusiver Unterricht - einfallsreich organisiert

Inklusive Pädagogik ist die schulpädagogische Perspektive der Gegenwart. Sie gerät aber aktuell in die Gefahr, wegen als zu groß empfundener oder erfahrener Realisierungsschwierigkeiten in die Flaute zu geraten oder sogar ganz aufgegeben zu werden.

Aktuelle Lage

Der Ruf nach Bestandserhaltung der Förderschulen wird lauter, Abwehrhaltungen verstärken sich. Und es ist ja auch sehr berechtigt, die Vorteile der Förderschulen (kleine Lerngruppen, qualifizierte Lehrer und Lehre­rinnen, ein hohes Maß an personel­ler Zuwendung) nicht verloren gehen zu lassen. Die Begründungen für In­klusion sind überzeugend, sie brau­chen hier nicht wiederholt zu werden. Es wird vielmehr versucht, die anfangs vielleicht zu intensive Total­forderung mit den Einwänden (zu schwierig, nicht machbar, die Bedingungen sind zu schlecht) zu konfron­tieren, um nach differenzierten Lö­sungen im Sinne der Entlastung und größerer Praktikabilität zu suchen: Die Idee lebendig zu halten, aber ih­re Umsetzung variabel zu gestalten, das ist das Motto!

Differenzierte Inklusionsmodelle

Die Akzeptanz des Anliegens der In­klusion wird sich erhöhen, wenn man differenzierte Modelle prakti­zieren kann. Nachfolgend vier prakti­kable Modelle, die bereits in der Pra­xis angewandt werden.

Die Inklusionsregelklassen

In vielen Schulen gibt es inzwischen die (von mir sog.) Inklusionsregel­klassen. Zu diesen gehören nach den
jeweiligen Schlüsseln neben den „Normalschülern“ einige Schülerin­nen und Schüler mit Handikaps (Lernen,  sozial­-emotionale Entwicklung, Körperbehinderung u. a. m.). Der Grundsatz „wir leben und lernen mit unseren Verschiedenheiten wie selbstverständlich zusammen und lösen die Probleme, die sich daraus eventuell ergeben, zusammen“ gilt und ist bestimmend für den Alltag. Vieles kann ja in der Tat gemeinsam gemacht werden. Wenn es dann um die herkömmlichen schulischen Leis­tungen geht, greifen die bekannten Differenzierungskonzepte (Bönsch, 2013 und 2014). Sie ermöglichen je­dem Schüler sein persönliches Leistungsoptimum anzustreben. Zwei Säulen sind für den Unterricht bestimmend: Gemeinsame Erarbeitung und Besprechung sowie die Trassierung individueller Lernwege. Die personellen Ressourcen werden, so gut es geht, aufgestockt durch stunden­weise oder gar dauernde Doppelbe­setzungen (Förderschullehrer, pädag. Mitarbeiter, Schulassistenten, Schul­begleiter, Schulsozialarbeiter, Eltern). Einigermaßen vernünftige Klassen­frequenzen erleichtern die Tagesarbeit. Mit einem guten Konzept „Päda­gogik des ganzen Tages“ (Bönsch, 2017) können in den Ganztagsschu­len Lern- und Auszeiten, Anspan­nung und Entspannung, Arbeit und Spiel, Stillsitzen und Bewegungszei­ten in eine positive Balance gebracht werden, sodass die Zumutungen und Hilfen das richtige Maß bekommen.

Die Zeitressourcen, die Aufgabenva­rianten und die personellen Zuwendungen sind gut dosiert.

Die Kombination von Normal- und Kleinklassen

Wenn die Herausforderungen und Belastungen als zu groß angesehen werden, wird die Suche nach flexibleren Lösungen dringend. Eine Mög­lichkeit wäre, in einem Jahrgang, der z. B. vierzügig organisiert ist, eine Kleinklasse neben den „Normalklas­sen“ einzurichten. Sie umfasst nicht mehr als 10­15 Schüler, könnte als Inklusionsspezialklasse bezeichnet werden und die Vorteile der Förderschulklassen wahren. Die Mischung bleibt, aber sie ist zahlenmäßig geringer angesetzt. Diese Kleinklassen halten im Jahrgang, aber auch in der ganzen Schule engen Kontakt zu al­len anderen Schülern (Schulleben, gemeinsame Aktivitäten). Diese Kleinklassen lassen sich in zwei Vari­anten denken:

Inklusionsspezialklassen
Die erste Variante ist im Grunde eben schon beschrieben worden. Sie bleibt der Heterogenität verpflichtet
(Schüler mit und ohne Handikaps), die Verringerung der Quantitäten aber bringt Entlastung.

Integrierte Förderschulklassen
Die zweite Variante ist quasi eine herkömmliche Förderschulklasse. Sie gehört aber eben nicht mehr zu einer Förderschule, sie ist mit ihren Förderschulpädagogen in eine allgemeine Primar-­ oder Sekundarschule inklu­diert und nimmt wie alle andere Klassen an dem Schulleben teil. Temporär organisierte Kooperationen mit Patenklassen lassen sich immer wieder realisieren.

Jahrgangsübergreifende Lerngruppen und sog. Tagesgruppen

Wenn man die Flexibilität der Unterrichtsorganisation noch weiter erhöhen kann, kann man an eine Kombination von jahrgangsübergreifenden Lerngruppen mit einer zeitweisen Einrichtung von Tagesgruppen denken. Bekannt ist seit langem die Idee jahrgangsübergreifenden Lernens. Nimmt man einmal an, eine zweizügige Grundschule fasst jeweils die Jahrgänge 1 + 2 und 3 + 4 zusammen. Dann ergibt sich eine multifaktorielle Heterogenität, der mit einem elaborierten Differenzierungskonzept begegnet werden muss. Jahrgangsübergreifendes Lernen errmöglicht unterschiedliche Lerntempi und befreit vom Druck der Jahresziele. Sind in diesen Lerngruppen Schüler mit Handikaps dabei, könnte man bei aktuellen Indispositionen schnell und kurzfristig sog. Tages-gruppen einrichten. Gemeint ist damit die Bildung von Kleingruppen (3–7 Schüler), um für sie eine niedrigschwellige Lernarbeit und/oder Entspannungsphasen (kleine Auszeiten) zu organisieren. Die Reaktion auf regelabweichendes Verhalten oder einfach Entlastung für alle zu schaffen, würde möglich werden. Der spätere Vormittag oder der nächste Vormittag beinhaltet dann wieder die Lernarbeit in den Normalgruppen. Die Grundidee ist, Gemeinsamkeit über die Jahrgänge hinweg zu schaffen, aber bei aller Inklusion auch zeitweilige Diversität zu ermöglichen.

Gesamtschulen (Gemeinschaftsschulen) mit Förderschulzweig

Wenn man den Gedanken erleichterter Praktikabilität weiterverfolgt, kommen die bestehenden Schulstrukturen stärker in den Blick. So könnte man daran denken, in gesamtschulartigen Sekundarschulen einen Förderschulzweig einzurichten. Wenn die Anforderungen im Hinblick auf nahende Abschlüsse größer werden, werden Überforderungen auf beiden Seiten (Lehrer- wie Schülerseite) steigen. Die Vorteile der Förderschule könnten gesichert werden, gleichzeitig bekäme die Förderschule eine „neue Heimat“. Ihr immer wieder kritisierter Schonraumcharakter mit zu großer Separierung könnte mit dem intensiv gelebten Verbund mit den anderen Klassen vermieden werden. Kooperationen und auch partielle oder dauerhafte Wechsel in andere Klassen wären relativ leicht möglich. Das Schulkonzept sichert genügend gemeinsame Aktivitäten, es blieben aber eben auch Schutzräume mit kompetenter und spezifischer Betreuung. Wenn der Spagat zwischen der Förderung der guten Lerner und der Pädagogik für Lerner mit Handikaps zu groß wird, könnte man undogmatisch solche Konstruktionen verwenden. Die Förderschullehrer kämen aus ihrem Dasein als „Reisende für Inklusion“ heraus.

Bilanz

Ehe ein wichtiges pädagogisches Anliegen wegen persönlicher Aversionen und Widerstände, Ängsten vor
Überforderungen und schlechter Realisierungsbedingungen in eine größer werdende Flaute gerät, wäre das Bedenken von Ideen wichtig, die statt des absoluten Anspruchs pragmatische Lösungen beinhalten, das Grundanliegen aber aufrechterhalten. Wo die Inklusion keine Akzeptanz- und Realisierungsprobleme
hat, ist alles gut. Wo das noch nicht der Fall ist, könnten einfachere und differenzierte Wege vielleicht erst
einmal hilfreich sein. Wege entstehen beim Gehen, aber es dürfen nicht zu viele Steine das Vorankommen behindern!

Literatur
Bönsch, M. (2012): Gemeinsam verschieden lernen. Berlin
Bönsch, M. (2013): Erfolgreicheres Lernen durch Differenzierung im Unterricht. Braunschweig
Bönsch, M. (2014): Heterogenität ist der Alltag – Differenzierung ist die Antwort. Stuttgart
Bönsch, M. (2017): Starke Schüler durch starke Pädagogik. Braunschweig
 
Der Autor
Prof. Dr. Manfred Bönsch • Schulpädagoge/Autor • Leibniz-Universität

Wir entnehmen diesen Artikel der Ausgabe 1/2018 des Fördermagazins Grundschule des Oldenbourg Verlages.

Foto: Shutterstock

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