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Aus- und Weiterbildung
30.01.2018  Samira Hamid im Interview

Lücken im Berufspraktikum - Ein Erfahrungsbericht

Das Berufspraktikum ist eine wichtige Phase für die Professionalisierung von ErzieherInnen. Während dieser Zeit besteht die Chance, unter qualifizierter Anleitung engagierter KollegInnen langsam in den Beruf hineinzuwachsen. Dass diese Chance manchmal vertan wird und welche Gründe dafür maßgeblich sein können, beschreibt unsere Interviewpartnerin, die im letzten Jahr ihre Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin abgeschlossen hat.
Sie sind durch eine schulfremde Prüfung ins Anerkennungspraktikum gekommen. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?

Ich war inzwischen dreifache Mutter, als ich mich für die Ausbildung in Teilzeit entschied. So hatte ich zwei Jahre lang Präsenzunterricht an zwei Abenden die Woche - dank meines Mannes waren die Kinder also gut versorgt.

Wie haben Sie die Vorbereitung auf die Prüfung erlebt?

Die Vorbereitung auf die Prüfung empfand ich als intensiv und gründlich - unsere Fachlehrer waren sehr motiviert, uns gut durch die Prüfung zu bringen und auf das Praktikumsjahr vorzubereiten. Der Träger der beruflichen Schule war der Landkreis Rastatt, Baden-Württemberg.

Wieviel  praktische Erfahrung hatten Sie, als Sie nach der Prüfung das Anerkennungspraktikum antraten?

Ich hatte ein freiwiliges zweiwöchiges Praktikum in einem Stadt- und Familienzentrum absolviert.

Hatten Sie das Gefühl, dass die schulfremde Prüfung als Einstiegsportal in den Erzieherberuf geschätzt wird?

Was mir zunächst in der Schule vermittelt wurde, war, dass die Ansprüche an den Erzieherberuf, v.a. hinsichtlich des Bildungsauftrags, gestiegen sind. Dafür wurden wir methodisch und didaktisch besonders geschult. Wir fühlten uns, zumindest theoretisch, gut vorbereitet. Trotzdem gab es seitens der Lehrer schon Hinweise auf mögliche Vorbehalte, die man in den Einrichtungen gegenüber unserer Ausbildungsform wegen der fehlenden Praxisanteile haben könnte. Ich wollte mein Anerkennungsjahr aber mit positiven Erwartungen angehen.

Was ich dann in der Einrichtung zu hören bekam, war dann in der Tat mehrmals, dass ich einfach nicht wissen könnte, wie der Betrieb so abläuft. Konstruktive Kritik, worin genau mein Wissensdefizit bestehe, bekam ich nicht, nur, dass ich zu viele Fragen stellte. Auf der anderen Seite wurde ich von der Leiterin zu Beginn des Praktikums darauf hingewiesen, dass ich eigentlich laut Bewerbung überqualifiziert sei, sie meinte wohl meine akademische Vorbildung (ich habe ein anderes Fach studiert), die ich allerdings nicht „raushängen“ ließ.

Wie und wann hat sich Ihre Anleiterin Ihnen vorgestellt?

Noch vor Praktikumsbeginn schickte man mich zur Anleiterin, damit ich mich vorstelle. Diese tat jedoch erstaunt und zerknirscht, da sie anscheinend nichts von ihrer bevorstehenden Anleitung gewusst hatte. Das erste Anleitergespräch, das für mich wegen Reflexion und Feedback so wichtig gewesen wäre, fand dann erst vier Wochen nach Praktikumsbeginn statt.

Wie oft hat sich Ihre Anleiterin für Sie Zeit genommen und wie liefen die Gespräche ab? Wie ging es Ihnen dabei?

Das war der Beginn sehr sporadisch gehaltener Anleitergespräche- und sehr lustlos geführter. Es ging mir auch immer schlechter, weil diese unangenehmen Zusammenkünfte noch das Tüpfelchen auf dem „I“ waren: Schlechte Stimmung bereits morgens bei Dienstantritt seitens der Anleiterin, die grußlos in die Gruppe stapfte (erst später erfuhr ich, dass sie wohl unzufrieden war, weil sie einen anderen Funktionsraum wollte) oder „temperamentvolle“ Gefühlsausbrüche seitens der zweiten Erzieherin in der Gruppe, mit der die Anleiterin eng befreundet war. Meine Anleiterin fehlte dann immer häufiger und war nach Fasching bis Ende des Kindergartenjahrs voll krankgeschrieben.

Wie ging es den Kindern in der Gruppe?

Wir hatten viele Schulanfänger, die mehrere Tage die Woche in ihre Aktionen eingebunden waren und daher oft nicht wirklich anwesend in der Gruppe, da diese Aktionen im anliegenden Hort stattfanden. Die nächste größere Altersgruppe waren die Dreijährigen, naturgemäß als Neuankömmlinge aus der Krippe sehr betreuungsintensiv. Von Beginn an fiel mir auf, wie lieblos die Gruppe ausgestattet war, es gab kaum Spiele, Bücher sollten nicht rein, „wenn ich lesen will, gehe ich in Gruppe 5“, so meine Anleiterin entnervt.

Wurden Sie manchmal kurzzeitig mit den Kindern alleine gelassen? Und wie ging es Ihnen dabei?

Ich wurde täglich stundenweise allein gelassen, vor allem ab dem Zeitpunkt, als meine Anleiterin ausfiel. Die zweite Erzieherin war nur in Teilzeit beschäftigt und aufgrund ihres speziellen Angebots (Kinder-Yoga) auch selten im Gruppenraum.Daneben war noch ein FSJler in der Gruppe, so dass ich wenigstens kurzzeitig bei Bedarf den Gruppenraum verlassen konnte. 


Wie war der Fortgang der Anleitung?

Die Anleitung fiel bis auf Weiteres aus, denn obwohl ich die Leitung an den Bedarf erinnerte und sie mir genervt eine Ersatzanleitung versprach, wurde mir für die restlichen sieben Monate keine andere Anleitung zugewiesen. Sie ermahnte mich sogar nach mehreren Beschwerden meinerseits, dass wohl mein Anerkennungsjahr gefährdet sei, wenn ich nicht aufhörte, den „Druck“ an sie „weiterzugeben“.

Gab es Teamgespräche, in die Sie einbezogen waren?

In die wöchentlichen Teamsitzungen wurde ich einbezogen, da diese zur Arbeitszeit gehörten. Allerdings wurden außerplanmäßige relevante Informationen nicht systematisch weitergegeben, so dass ich von vielen Planänderungen erst verspätet oder gar nicht erfuhr. Wichtige Informationen wurden sogar als Machtmittel genutzt, die man nur an eine „Nahestehende“ weitergab. "Gemeinsam sind wir stark", dieser Slogan galt nicht für alle, sondern nur für die Cliquen unter den Erzieherinnen, die sich, oft auch unabhängig vom Gruppenkollegium, gebildet hatten.

Was haben Sie während Ihres Berufspraktikums lernen können, was fehlte?

Ich habe gelernt, dass unerwarteterweise der Beruf der Erzieherin vor allem durch den Draht zu Vorgesetzten und zu Schlüsselfiguren im Kollegium gekennzeichnet ist. Ein pädagogischer Konsens, der das Team untereinander verbindet, fehlte mir im Berufspraktikum völlig. So bekam ich zwar fachlich wenig zusätzlichen Input, dafür eher ein echtes Bild der knallharten Praxis.


Die Fragen stellte Hilde von Balluseck.

Kommentar der Redaktion

Es hat den Anschein, dass die Abvolventin der externen Prüfung allein deshalb in der Kita schon aufgrund ihres Ausbildungsweges nicht überaus willkommen war. Aber darüber hinaus zeigen sich in diesem Bericht schwerwiegende Mängel  in einer Kita:
  • Die Leitung informiert die Anleiterin nicht ausreichend,
  • die Anleiterin ist mit ihren eigenen Problemen beschäftigt,
  • die Leiterin ist unfähig, ein kooperatives Klima im Team zu schaffen.
  • wobei unbekannt ist, inwieweit die Leiterin vom Träger ausreichend unterstützt wird. 
Ein Qualitätssicherungsgesetz muss diesen Teil der Ausbildung mit bedenken. 

Foto: ferkelraggae/Fotolia

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