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Ästhetische Bildung
20.02.2018  Elisa Läubin

Singen statt sprechen - Singendes Erzählen schafft eine ganz besondere Atmosphäre

Wenn auch Sie finden, dass im Unterricht und im Kita-Alltag viel zu viel gesprochen wird, versuchen Sie es doch einmal mit gesungener Kommunikation! Schalten Sie um vom Sprechen auf‘s Singen – und Sie werden feststellen, dass das singende Erzählen Aufmerksamkeit und eine ganz besondere Atmosphäre schafft – und die Kinder ­näher zur Musik bringt. Elisa Läubin zeigt, wie es geht. Wir übernehmen ihren Beitrag aus "Musik, Spiel und Tanz mit Kindern von 0 bis 6" mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Der bewertungsfreie Raum


Stellen Sie sich einen Raum vor, in dem es weder falsch noch richtig gibt. Jede Idee, jeder gesungene oder gespielte Ton ist gut, so wie er ist.
Mit einer offenen und wertfreien Haltung kann die Lehrperson dazu beitragen, dass dieser Raum entsteht. Jeder Versuch und jeder gesungene Ton bekommt seine Anerkennung. Diese braucht es, um Mut wachsen zu lassen und ein angstfreies Spielfeld zu eröffnen.
Bewertungsfreie Räume zeichnen sich u. a. aus durch:
  • eine wertfreie Haltung der Zuhörenden,
  • eine Atmosphäre ohne Angst,
  • Offenheit,
  • Spielfreude und
  • die Anerkennung der dargestellten Musik.

Ausgangsüberlegungen


Dass sich das Singen und Musizieren in vielerlei Hinsicht positiv auf den Menschen und seine Entwicklung auswirkt, ist längst wissenschaftlich bewiesen. Neben dem Effekt, dass Singen glücklich machen kann, fördert es die Musikalität, die Sprachentwicklung der Kinder, die Konzentrationsfähigkeit im Allgemeinen und bezüglich des gemeinsamen Singens ganz grund­legend auch soziale Kompetenzen.
Das erzählende oder auch spontane Singen spielt in den Anfängen des kindlichen Singens eine wichtige Rolle und ist bei vielen Kleinkindern zu beobachten. Dazu zählt sowohl das Erfinden von Melodien, als auch das fantasievolle Ausschmücken von bekannten Texten – das Fabulieren – und natürlich das beschreibende Singen: Dinge, die in diesem Moment erlebt werden, werden direkt vokal geäußert. Das Variieren, Imitieren und Experimentieren von Lauten spielt schon in der ersten Lautgestaltung eine grundlegende Rolle.
Warum also nicht die von Beginn an bestehenden Strukturen verstärkt auch im Singen wieder aufgreifen? Kinder können so viel mehr, als die eingeübten Lieder wiederzugeben.

 

Die Lehrperson als Vorbild

Einfach drauflossingen oder sich singend unterhalten, wann haben Sie das selbst zum letzten Mal ausprobiert? Bei uns, bei den Lehrpersonen fängt es an. Wir sind die InitiatorInnen dafür, dass das „singende Erzählen“, das „erzählende Singen“ oder das „improvisierte Singen aus dem Moment heraus“ auch verstärkt im Unterricht der Elementaren Musikpraxis oder im Alltagsgeschehen in der Kita stattfindet.
Erst wenn wir selbst Freude am Spiel mit unserer ­eigenen Stimme haben, können wir für die Kinder ­Gelegenheiten schaffen, die ihre zu erforschen, kennenzulernen und einzubringen. Somit kann sich schon in den frühen Jahren ein spielerischer, freier und vor allem gesunder Umgang mit der eigenen Singstimme entfalten.
All dies setzt jedoch eine sehr wesentliche und unumgängliche Grundlage voraus: den bewertungsfreien Raum, in dem alle noch so ungewöhnlichen und unerwarteten musikalischen Phrasen ihre Anerkennung bekommen (siehe Kasten). Das singende Erzählen hat viel mit Mut und Vertrauen zu tun, zu sich selbst und zu der Gruppe. Ebenso sind auch die Motivation und der Ansporn in Form von motivierenden Spielformen wichtige Werkzeuge, die dazu beitragen, dass mehr und mehr Sicherheit gewonnen werden kann.
Ein bewertungsfreier Raum zeichnet sich außerdem durch seine schützende Atmosphäre aus. Es ist wichtig, den Kindern zu zeigen, dass alle gesungenen Phrasen gut und richtig sind. Dies lässt sich beispielsweise durch ein paar aufgestellte Regeln oder klare Spielformen verdeutlichen.
Ist es gelungen diesen vertrauensvollen motivierenden Spielraum für das singende Erzählen aufzubauen und haben wir als Lehrperson unsere wachsamen Ohren gespitzt, kommt irgendwann der Moment, in dem die Kinder von sich aus auf uns zukommen und uns singend eine Frage stellen, uns antworten oder uns einfach etwas erzählen.

 

Singendes Erzählen im Alltag

An dieser Stelle soll ein Beispiel verdeutlichen, wie wichtig das eigene Vorbild ist, wie das singende Erzählen anfänglich gestaltet werden kann und wie schön der erste Moment sein kann, wenn die Bemühungen Früchte tragen.
Es handelt sich bei diesem Beispiel um eine Gruppe von zehn Kindergartenkindern im Alter von vier bis fünf Jahren. Ich unterrichtete die Kinder wöchentlich und hatte begonnen, ihre Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichste Art und Weise einzufangen. Direkt zu Beginn der Stunde holte ich die einzelnen Kinder aus ihren Gruppen ab, indem ich ihren Namen auf einer improvisierten Melodie sang.
Die zuerst etwas erstaunten oder auch schüchternen, aber sehr neugierigen Blicke – auch von den Erwachsenen – verwandelten sich schnell in freudige Erwartung. Es dauerte nicht lange, da erklang mal hier, mal da ein „ich komme“ oder ein „ja“, zuerst gesprochen und bald auf einem erkennbaren Intervall oder einem gesungenen Ton.
Diese Art, die Kinder zu begrüßen, lässt sich ebenso mit den Namenslisten umsetzen, die bei dem einen oder anderen zu Beginn der Stunde genutzt werden. Anstatt den Namen des Kindes aufzurufen, kann dieser als Frage „Hallo Ella, bist du da?“ von der Lehrperson improvisiert werden, worauf das Kind – oder auch die gesamte Gruppe – mit einer leichten Wiederholung der Melodie antwortet: „Ja, ich bin da“. Zu Beginn kann das bekannte Frage-Antwort-Spiel auf nur einem Ton gesungen werden, um dies mit der Zeit um Intervalle und später auf kleine Melodiefolgen zu erweitern.

 

Weitere Möglichkeiten

Im Verlauf der folgenden Wochen nutzte ich die gesungene Kommunikation auch für neue Aufgaben und Fragestellungen an die Kinder in Bezug auf die Themen und Inhalte, die uns beschäftigten. Die Aufmerksamkeit der Kinder war bei jeder gesungenen Ansprache deutlich höher als bei der gesprochenen. Sie folgten meinen gesungenen Worten und hingen förmlich an meinen Lippen: Was passiert nun? Was will sie uns sagen? Was tun wir als Nächstes?
Vor allem bei Ritualen, wie dem gemeinsamen Aufräumen, nutzte ich begleitend improvisierte Melodien und Texte, die beschrieben, was wir gerade taten. Dies führte dazu, dass sich in den darauffolgenden Stunden einige Kinder direkt daran erinnerten und in die improvisierte Melodie einstimmten.
Ich nenne diese Art des Mitsingens das „Schattensingen“. Sie kennen sicherlich den faszinierenden Moment, dass Sie ein Lied anstimmen, das keines der Kinder vorher gehört hat, und doch gibt es Stimmen, die teilweise fast einwandfrei die gleiche Melodie mitsingen, die Sie gerade anstimmen.
So entstanden immer wieder aufs Neue, frei aus dem Moment heraus, ungereimte oder gereimte Texte folgender Art: „Kommt, wir räumen alle auf, alle auf, alle auf, kommt wir räumen alle auf, dann gehen wir nach Haus. Der Dominik räumt Reifen weg, die Ella nimmt die Tücher, der Jonas nimmt das Zeitungspapier – raddeldipuddeldidir“.
Nach einigen Wochen wartete dann ein Junge in der Eingangstür der Kita. Er sang mich direkt mit einer Frage an, die in etwa lautete: „Hallo, was machen wir heute und wann geht es endlich los?“ Er strahlte über das ganze Gesicht und ich antwortete ihm singend, dass wir doch schon längst begonnen hätten.

 

Schlussgedanken

 

Checkliste für gesungene Kommunikation

Die Singstimme kann die Sprechstimme in vielen Momenten ersetzen. Generell gilt, dass es keine besonderen Anlässe braucht um zu singen, es sollte vielmehr ganz selbstverständlich im Alltag integriert sein. Trotzdem gibt es Situationen, die sich als Einstieg besonders gut eignen.


Für Einsteiger
  • um einen Namen zu rufen
  • um eine oder mehrere Personen zu begrüßen oder zu verabschieden


Für Fortgeschrittene
  • in Momenten, die sich von anderen abheben sollen
  • beim Erklären einer Aufgabe
  • bei der Einführung neuer Inhalte oder Themen
  • in Bezug auf stimmbildnerische Inhalte: vor, während und nach einer Übung
  • um Aufmerksamkeit aufzufrischen
  • um in Tagesstrukturen Rituale zu schaffen, beim Zähneputzen, Aufräumen, Kochen etc.


Für Könner
  • in tröstenden, Schutz gebenden Momenten
  • in freudigen, erwartungsvollen Momenten
  • in spaßigen Quatsch-Momenten
Das Singen aus dem Moment heraus schafft eine spielerisch-konzentrierte und aufmerksame Atmosphäre. Es lohnt sich, diese in den Kita-Alltag zu integrieren. Das „wachsame Zuhören“ kann für sehr intensive und aktivierende Momente sorgen und fördert spürbar die Konzentration und Aufmerksamkeit der Kinder. Wenn die Freude und Lust dieser Sing-Kunst geweckt ist, werden die Versuche immer unbeschwerter – sowohl bei den Kindern als auch bei uns.
Das Erfinden von Melodien und Texten kann dann vertieft und erweitert werden, in Echo- oder Call-Response-Spielen, durch das Vertonen eines Textes/Verses, das Erfinden von eigenen Melodien, das Verändern und Ergänzen von bekannten Liedern und vieles mehr. Bei diesen Beispielen spielt vor allem auch das Einbeziehen der Bewegung eine große Rolle.
Je mehr Raum, Unterstützung und Förderung die Kinder beim erzählenden Singen bekommen, desto mehr zeigt sich diese „Sing-Kunst“ als eine wunderbare und nachhaltige Grundlage für die spätere Musizierfähigkeit.
Dem einen oder anderen mag diese Art des Singens zu Beginn etwas befremdlich sein und Unsicherheit auslösen. Ich kann Ihnen nur Mut machen, es dennoch auszuprobieren und z. B. mit der oben beschriebenen Übung der gesungenen Namen zu starten. Mit nicht ganz so hoch gesteckten Erwartungen und der Freude am Spiel und an einem Experiment wird es immer leichter. Probieren Sie es einfach aus!


Elisa Läubin ist Professorin für Elementare Musikpädagogik an der Musikhochschule Hannover.

Quelle: Musik, Spiel und Tanz mit Kindern von 0 bis 6, Ausgabe 1/18, S. 6-9

Foto: highwaystarz/Fotolia

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