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Perspektiven
21.02.2018  Julia Kilian

Broschüre zur sexuellen Vielfalt in Berlin umstritten

Berlin (dpa) – Eine Broschüre für Kita-Erzieher zur sexuellen Vielfalt sorgt in Berlin für Debatten. Die CDU-Fraktion will im Abgeordnetenhaus erreichen, dass das Heft gestoppt wird. Die Broschüre „Murat spielt Prinzessin, Alex hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben“ soll an Berliner Kindertagesstätten verteilt werden, wie eine Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung am 16. Februar sagte. Die Autoren schildern auf rund 140 Seiten zum Beispiel, wie Erzieher berücksichtigen können, dass das Geschlecht mancher Kinder nicht eindeutig männlich oder weiblich ist.
Es geht auch um Jungen und Mädchen, die nach ihrem Empfinden im falschen Körper aufwachsen. Oder um Kinder, die zwei Frauen oder zwei Männer als Eltern haben.

Die Broschüre richte sich nicht an Kinder, sondern sei eine Fachinformation für Erzieher, sagte die Sprecherin. „Erzieher haben mit diesen Themen im Alltag zu tun und natürlich muss man ihnen fachliche Informationen anbieten.“ Rund 2000 Exemplare wurden gedruckt und sollen auf die rund 2500 Kitas verteilt werden.

Die CDU-Fraktion will das mit einem Antrag am 22. Februar verhindern. „Fragen der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt gehören nicht in die Berliner Kindertagesstätten“, sagte Fraktionschef Florian Graf den Zeitungen „B.Z.“ und „Bild“. „Die dort betreuten Kleinstkinder sollen Kind sein dürfen, ohne in jüngsten Jahren mit Fragestellungen zur sexuellen Identität konfrontiert zu werden.“

Die AfD-Fraktion kritisierte die Broschüre als Geldverschwendung: „Eine solche frühkindliche Sexualpädagogik ordnet das Kindeswohl einer ideologisch motivierten Vision einer neuen Gesellschaft unter.“ Homosexuelle und transsexuelle Lebensweisen seien „zu tolerieren“. Das bedeute, etwas als „normabweichend“ zu begreifen, aber zu dulden. „Die Norm ist ganz klar die auf Fortpflanzung angelegte Beziehung zwischen Mann und Frau.“ Auch die Brandenburger AfD-Fraktion hatte die Broschüre kritisiert, wie der rbb berichtete.

„Es ist schon erschreckend, wie ähnlich CDU und AfD argumentieren“, sagte die Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung. Das schüre Vorurteile und sei der Sache überhaupt nicht angemessen. Sie frage sich, ob die CDU ein Weiterbildungsverbot für Erzieher fordere. Da SPD, Grüne und Linke im Abgeordnetenhaus die Mehrheit stellen, dürfte der Antrag der oppositionelle CDU wenig Chancen haben.

Die Broschüre wurde von der Senatsbildungsverwaltung, dem sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg und der Initiative Queerformat erstellt. Darin kommt zum Beispiel ein 9-jähriges Kind zu Wort: „Ich bin schon immer ein Mädchen, da ist nur der Penis falsch.“ Es geht auch darum, welche Bücher Erzieher für ihre Kita auswählen. Und eine Mutter erzählt davon, welche Erfahrungen ihr intersexuelles Kind gemacht hat.

Laut Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist unklar, wie viele Menschen intersexuell sind, also keine biologisch eindeutigen Geschlechtsmerkmale haben. Die Schätzungen variierten von 8000 bis hin zu 120 000 Personen, heißt es online. Es gibt auch Menschen, die sich selbst nicht einem Geschlecht zuordnen wollen.
Das Bundesverfassungsgericht hatte im November entschieden, dass es im Geburtenregister mit den Kategorien männlich und weiblich nicht getan ist. Eine dritte Option wie „inter“ oder „divers“ steht zur Debatte – oder der Eintrag des Geschlechts könnte ganz wegfallen.

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Foto: WavebreakMediaMicro/Fotolia
 
 

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