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Pädagogische Ansätze
23.02.2018  Kathrin Hohmann

Abschied von der Windel - Auf dem Weg zur Sauberkeitsautonomie

Die Sauberkeitsentwicklung bleibt in den Kitas ein Thema, mit dem sich pädagogische Fachkräfte, besonders im Kleinkindbereich, immer wieder konfrontiert sehen. Für einige Eltern herrschen noch ältere Vorstellungen davon, dass ein Kind die Sauberkeit förmlich trainieren kann. Sätze wie: „Ich war mit einem Jahr trocken, das hat damals gut funktioniert!“ sind immer mal wieder zu hören. Die Sauberkeitsentwicklung ist von eigenen Erfahrungen geprägt und wird in verschiedenen Kulturen unterschiedlich praktiziert .
In Spanien beispielsweise müssen Kinder zum Schuleintritt mit circa drei Jahren ohne Windel auskommen. Dies erzeugt Druck und ist nicht an die individuelle Entwicklung der Kinder angepasst. Können Kinder ihre Windel zu einem beliebigen Zeitpunkt abgegeben? 

Der Entwicklungsprozess

Erwachsene benutzen häufig den Begriff der „Sauberkeitserziehung“. Die Erziehung sauber zu werden - dies assoziiert den Gedanken, dass Kinder zur Sauberkeit erzogen werden und nicht selbst diesen Prozess vollziehen. Hingegen sehen wir heute, dass sich die Autonomie in Schritten entwickelt und bevorzugen die Bezeichnung der „Begleitung des Kindes auf dem Weg zur Ausscheidungsautonomie“ (Gutknecht, Kramer, Daldrop 2017, S. 40). Voraussetzung für diesen Prozess ist die Kontrolle von Darm und Blase, welche von verschiedenen Faktoren, wie der körperlichen Ausstattung, der individuellen Entwicklungsgeschwindigkeit und den Einflüssen der Sozialisation (Erziehungsvorstellung, Pflegeverhalten und kulturellen Einflüssen) abhängt (vgl. Haug-Schnabel 2011, S. 3). Noch im Säuglingsalter wird die Blase ungefähr stündlich geleert. Bei Säuglingen von  sechs Monaten kann die Blase mehr Urin behalten und die Harnabstände nehmen zu. „Säuglinge nehmen ihre noch unwillkürlichen Harnabgaben bereits wahr, ver­mutlich über propriorezeptive Sinneszellen in der Harnröhre und Thermo- und Feuchtigkeitsrezeptoren auf der Haut. Bei manchen Kindern ist bei Harnaustritt ein kurzes Körperzittern zu beobachten, manche kommentieren den Vorgang auch lautlich“ (ebd.). BefürworterInnen der windelfreien Erziehung stützen sich auf diese Erfahrungen. Einige Kinder werden gänzlich ohne Windel groß und von den Eltern „abgehalten“. Diese nehmen die Signale des Kindes wahr, reagieren entsprechend und lassen das Kind ihr Geschäft auf der Toilette oder im Topf machen. Sie werden nach dem Trinken, Spielen oder nach dem Schlafen abgehalten und häufig mit Erfolg (vgl. Altmann). Es geht hierbei nicht um ein Training, vielmehr um die Wahrnehmung der Signale und Bedürfnisse. In der Kitagruppe mit vielen Kindern gestaltet sich dies komplizierter.

Zwischen 18 und 24 Monaten reifen Nervenbahnen zwischen Blase/Darm und dem Gehirn, die das Kind die Blasenfüllung und den Harndrang spüren lassen. Die Kontraktionen der Blasenwand werden weniger. Dies ermöglicht Schritt für Schritt eine bewusste Entleerung (vgl. Haug-Schnabel 2011, S. 3).  Die Herausforderung liegt darin, dass Urin häufiger als Stuhl abgegeben wird.  Der Harndrang der Kinder baut sich sehr rasch auf und es bleibt nicht viel Zeit, bis die Blase förmlich überläuft (vgl. Gutknecht, Kramer, Daldrop 2017, S. 40). Wie auch das Erlernen des Gehens und Sprechens, so ist auch die Sauberkeit ein Prozess und abhängig von der körperlichen und geistigen Entwicklung. Jedes Kind ist verschieden und so brauchen die einen kürzer und die anderen länger eine Windel. Entscheidend ist, dass der Reifungsprozess von außen nicht vorangetrieben oder beschleunigt werden kann! Um Darm und auch die Blase zu kontrollieren, „(…) sind intakte anatomische Strukturen sowie eine ausgereifte neurogene Steuerung notwendig“ (Haug-Schnabel 2011, S. 4). Ist eine biologische Reifung erreicht, lernen Kinder durch Nachahmung und auch durch die Anleitung der Toilettengewohnheiten der jeweiligen Kultur. „Für pädagogische Fachkräfte ist es sehr wichtig zu realisieren, dass mit der Ausscheidungsautonomie – also der Kontrolle über Blase und Darm – enorm viele Fähigkeiten verbunden sind“ (Gutknecht, Kramer, Daldrop 2017, S. 40).

Die Beziehungsarbeit in der Pflegesituation

Der Kontakt und die Erfahrungen mit dem eigenen Körper beginnt bereits sehr früh. Das Pflegen, Wickeln und die Begleitung zur Toilette sind intime Vorgänge. Das Kind muss sich wohl- und sicher fühlen. Die pädagogische Fachkraft sollte für das Kind eine sichere Basis darstellen und mit dem Kind eine durch Vertrauen und Einfühlungsvermögen geprägte Beziehung aufbauen (vgl. Gutknecht, Kramer, Daldrop 2017, S. 4). Bereits in Pflegesituationen Kinder zu Teilhabe aufzufordern und anzuregen ist förderlich. Dies unterstützt die Selbstständigkeit und lässt das Kind zum Akteur werden. Wichtig ist, dass nicht etwas mit ihm passiert, sondern es beteiligt wird.
 
Die Pflege stellt in der Krippe/Kita einen zentralen Bildungsbereich dar und nimmt  einen großen Teil des Tages ein. „Aufgrund des hohen Bildungspotenzials, des Stellenwerts als Beziehungszeit mit den Kindern, der Häufigkeit der Situation und als bedeutsamer Bestandteil der Entwicklung des Kindes auf dem Weg zur sogenannten Ausscheidungsautonomie ist es sehr wichtig, die Wickelsituation als Schlüsselsituation zu begreifen und diese achtsam und am Kind orientiert zu gestalten“ (Gutknecht, Kramer, Daldrop 2017, S. 36). Kinder benötigen responsive Fachkräfte. Responsiv sind sie, wenn sie sich auf das Kind „(…) abstimmen, seine Verhaltenssignale erkennen und diese prompt und angemessen beantworten können“ (ebd., S. 5). Besonders beim Wickeln ist die Abstimmung der Bewegung und Berührungen für das Wohlergehen des Kindes bedeutsam. Schnelles und vom Kind aus passives Wickeln, An- und Ausziehen erzeugt bei dem Kind und der Fachkraft Stress. Der spiralförmige Wickelvorgang lässt das Kind aktiv der Bewegung folgen, wohingegen die altbekannten Handgriffe in Rückenlage das Kind passiv, bewegungsunfähig und kontrolllos verweilen lassen(vgl. ebd., S. 36). 
 
Da sich Motorik und Bewegungen der Kinder ununterbrochen entwickeln, sollten auch die Wickelabläufe dem angepasst werden. Einige Kinder erfreuen sich bereits sehr früh daran, im Stehen oder auf allen Vieren gewickelt zu werden. Daneben trägt eine achtsame und respektvolle sprachliche Begleitung dazu bei, dass Kinder an der Wickelsituation aktiv beteiligt werden. Werden Abläufe klar benannt, kann das Kind partizipieren und kooperieren (vgl. ebd., 37 f.) Es handelt sich um den Körper des Kindes, um dessen Ausscheidungen und Intimitäten. Die verbale Ankündigung und Begleitung des Pflegevorhabens gibt dem Kind Klarheit und Sicherheit. Möchte es zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht gewickelt werden, ist dies zu respektieren, und eine erneute Einladung zu einem etwas späteren Zeitpunkt ist von Vorteil. Besonders im Falle von Spielunterbrechungen sollte das Kind das Spiel nach dem Wickeln wieder aufnehmen dürfen und dahin zurück begleitet werden. Lehnen Kinder die Pflegesituation ab, ist zu überprüfen woher dieser Protest kommt.
 

Signale beginnender Ausscheidungsautonomie

Sowohl Fachkräfte wie auch die Eltern sind aufgefordert die Entwicklungsschritte der Kinder beim Sauberwerden zu beobachten und in den gemeinsamen Austausch zu gehen, um die Sauberkeitsautonomie gemeinsam zu begleiten.
Folgende Signale/Etappen können beobachtet werden: (vgl. Haug-Schnabel 2011, S. 5; Gutknecht, Kramer, Daldrop 2017, S. 40)
  • Kind spürt Harn- und Stuhldrang und zeigt diesen an, unterbricht ggf. die Aktivität
  • Kind meldet, dass die Windel gefüllt ist
  • Es beobachtet und imitiert andere im Waschraum, zeigt Interesse
  • Windel bleibt über einen bestimmten Zeitraum leer
Wichtig ist, dass auf dem Weg von der Windel zur Toilette kein Bruch in der Beziehung entsteht. Einige Kinder schätzen die liebevolle ruhige Pflegesituation und möchten diese nicht missen. Der Übergang sollte so angenehm wie möglich gestaltet werden und die Waschräume ein Ort des Wohlfühlens sein (vgl. Gutknecht, Kramer, Daldrop 2017, S. 40). In dieser Übergangszeit sind Kinder häufig früher zuhause „sauber“, in der Kita passieren aber noch „Unfälle“. Zuhause ist es meist ruhiger und störungsfreier, dies ermöglicht dem Kind die Körpersignale gezielter wahrzunehmen. Ist ein Kind aber bereits zuhause auf dem Weg sauber zu werden, sollte an dieser Stelle das Gespräch aufgenommen werden, um gemeinsam (Kita, Elternhaus) die Ausscheidungsautonomie zu besprechen.

Im Umkehrschluss gibt es auch Kinder, die bereits ihre Ausscheidung sicher kontrollieren, deren Eltern aber aus diversen Gründen (Praktikabilität, Unsicherheit) weiterhin dem Kind eine Windel anziehen. Auch hier ist das Entwicklungsgespräch zu suchen, um mögliches Einnässen zu verhindern (vgl. ebd., S. 40).

Fazit

Fakt ist, dass jedes Kind eines Tages diese wichtige Entwicklung vollzieht und die Windel verabschiedet. Nicht selten wird der Zeitpunkt des Laufens, Sprechens und Sauberwerdens unter Eltern gemessen und verglichen. Jedes Kind ist individuell und in den meisten Fällen ist die Sorge der Eltern, das Kind müsste nun die Windel abgeben, unbegründet. Die Erwartung erzeugt Druck, beschleunigt aber den Prozess nicht. Wir sollten nicht vergessen, dass es bei diesem Prozess um weitaus mehr geht, als um die Sauberkeit. Das Kind ist stolz und glücklich, wenn es sich entwickelt und „größer“ wird. Es geht um eine wichtige Entwicklungsaufgabe, die das Kind zum einen unabhängiger werden lässt und zum anderen in seinem Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl stärkt.
 
Literatur:
Altmann, C.: Windelfrei. Online unter: https://www.windeln.de/magazin/baby/pflege-gesundheit/windelfrei.html. Zugriff am 21.02.2018
 
Gutknecht D., Kramer M., Daldrop K. (2017): Praxis kompakt: Kinder bis drei Jahre in
Krippe und Kita. kindergarten heute spezial. Freiburg
Haug-Schnabel, G. (2011a). Physiologische und psychologische Aspekte der Sauberkeitsentwicklung. Verfügbar unter: http://www.kita-fachtexte.de/uploads/media/FT_haug_schnabel_2011.pdf. Zugriff am 16.02.2018

Die Autorin
Kathrin Hohmann, 1983 geboren, hat Erziehung und Bildung im Kindesalter (BA) und Soziale Arbeit mit
dem Schwerpunkt Familie (MA) studiert. In Berlin gründete sie einen Verein und baute bilinguale Kindertagesstätten auf. Sie arbeitet im In- und Ausland als Kindergartenleiterin, Kindheitspädagogin und leitet Workshops für Eltern und Fachkräfte. Kathrin Hohmann bloggt auf ihrem Blog www.kindheiterleben.de. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Valencia/Spanien.
 
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