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Perspektiven
02.03.2018  Hilde von Balluseck

BeziehungsarbeiterInnen aller Berufssparten - vereinigt euch!

Auf dem gemeinsamen 7. Dialog-Workshop von AWO, KTK und GEW zur Zukunft des Bundesqualitätsentwicklungsgesetzes am 1.3. trugen Bundestagsabgeordnete von CDU, SPD, Grünen und Linke ihre Einschätzungen zu den Chancen des geplanten Gesetzes vor. Einig waren sich - außer dem CDU-Abgeordneten - alle Anwesenden, dass der Vertrag für die geplante Große Koaltion die Notwendigkeit des Gesetzes und vor allem seine Finanzierung nicht ausreichend berücksichtigt hätte. Hierzu werden in den nächsten Tagen gewiss noch Meldungen mit weiteren Details auf diesem Portal erscheinen.
Die Debatte war getragen von dem Bewusstsein, alle wollten das Richtige, dies müsse den entscheidenden PolitikerInnen deutlich gemacht werden und  die Gesellschaft müsse mehr Druck machen. Eine Teilnehmerin rief: "Es muss doch ein Ruck durch die Gesellschaft gehen!".

Diese Art der Diskussion, so sinnvoll das angestrebte Ziel einer Qualitätsverbesserung auch ist, geht daran vorbei, dass die Prioritäten der Bevölkerung höchst unterschiedlich sind.

Der Lehrermangel, vor allem an der Grundschule, treibt Lehrkräfte und Eltern von Schulkindern um. Der Mangel an SozialarbeiterInnen lässt Jugendämter und Familien verzweifeln.  Der Mangel an Krankenpflegekräften führt zu Engpässen in Krankenhäusern. Der Mangel an Altenpflegekräften hat  inzwischen allseits beklagte Missstände in der stationären und ambulanten Pflege zur Folge.

Alle diese Berufe - Kita-ErzieherInnen, GrundschullehrerInnen, SozialarbeiterInnen, Kranken- und AltenpflegerInnen haben mehrere Merkmale gemeinsam:
  • Berufe, die auf Beziehungsarbeit  basieren, haben kein hohes Ansehen und werden schlechter bezahlt als solche, in denen die Wissensvermittlung (Gymnasium, Hochschule) oder die wissenschaftliche Expertise (Medizin) im Vordergrund stehen.
  • Sie schaffen keinen in Kosten messbaren Mehrwert
  • Die Produktivität kann nur in engem Rahmen erhöht werden.
Ein Qualitätsentwicklungsgesetz für die Kita beleuchtet ausschließlich die Interessen derer, die in der Kita arbeiten und/oder sich für die Kinder im entsprechenden Alter engagieren. Die grundlegende Problematik aller Beziehungsberufe wird nicht tangiert.

Engagieren können und werden sich für ein Qualitätsentwickllungsgesetz - neben den Professionellen in Praxis, Politik und Forschung - Eltern kleiner Kinder. Schon die Eltern von Grundschulkindern richten ihre Aufmerksamkeit nicht mehr auf die Kita, sondern auf  die Schule. SozialarbeiterInnen, die Beziehungsarbeit leisten, können nur ihr Amt oder ihre Jugendzentrum sehen. Das Pflegepersonal sowie Angehörige von Kranken und Alten richten ihre Aufmerksamkeit auf  die Qualität der Pflege. Dies gilt erst recht für die alte Bevölkerung. Über 20 % der Bevölkerung sind über 65, mehr als 5 % sind über 80 Jahre alt.

Religionen, Weltanschauungen, politische Parteien, Unternehmen konkurrieren um Aufmerksamkeit in der Gesellschaft und in der Politik. Eine Solidarisierung aller zu erhoffen angesichts der Vielfalt der Lebensentwürfe ist heute illusorisch: "Die leitenden Maßstäbe, an denen sich die Lebensführung orientiert, wechseln ... von denen des Allgemeinen und Funktionalen hin zu jenen des Besonderen und der Kultur." (Reckwitz 2017: 104).
Es gibt kein die eigenen Bedürfnisse und Einstellungen überspannendes Dach von allgemein anerkannten Werten mehr, für die ein größeres Engagement entwickelt werden könnte.

Eine Chance, den Bemühungen um ein Qualitätsentwicklungsgesetz mehr Nachdruck zu verleihen, bestünde darin, die Initiativen für die Behebung des Fachkräftemangels in Bildung und Pflege zu bündeln und das grundlegende Problem - die fehlende Wertschätzung der Arbeit am Menschen - zu thematisieren..und gemeinsam mit allen Betroffenen der Beziehungsberufe Strategien zu einer Veränderung zu entwickeln.  

Literatur
Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Suhrkamp  

Die Autorin ist Sozialwissenschaftlerin, Frühpädagogin und Chefredakteurin des Portals Frühe Bildung Online bis zum 31. März.
 

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