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Perspektiven
12.03.2018  Dirk Bange

Auf dem Weg zur Integration geflüchteter Kinder in die Kindertagesbetreuung

Die Zuwanderung von vielen Kindern im Kita-Alter bedeutet für die Kommunen eine große Herausforderung. Im folgenden Artikel beschreibt der Autor, wie die Stadt Hamburg damit umgeht.

1. Einleitung

Die Zahl der Kinder mit Fluchthintergrund im Kitaalter ist seit dem Jahr 2015 bundesweit stark angestiegen. Genaue Zahlen darüber, wie viele Kinder zu uns gekommen sind, liegen nicht vor. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wurden 2015 in Deutschland von 422.000 und 2016 von 720.000 Personen Erstanträge auf Asyl gestellt, darunter 2015 für 56.200 (12,7 %) und 2016 für 105.900 Kinder unter sechs Jahren (14,6 %). Der Anteil von Kindern im Vorschulalter ist im Jahr 2017 prozentual gegenüber den Vorjahren angewachsen. Von den 2017 vom BAMF entgegengenommenen 198.000 Erstanträgen auf Asyl bezogen sich 52.400 auf Kinder im Alter von 0 bis 6 Jahren (26,4 %) (1). Addiert wären demnach mindestens 215.000 Kinder im Vorschulalter in den Jahren 2015 bis 2017 nach Deutschland geflüchtet. Trotz dieser hohen Zahlen ist dem Thema in der öffentlichen Debatte bisher verhältnismäßig wenig Beachtung geschenkt worden (2).

Die nach Deutschland geflüchteten Familien mit Kindern im Kitaalter stellen die Kommunen vor enorme Herausforderungen. Der bereits seit zehn Jahren laufende sehr dynamische Ausbau der Kindertagesbetreuung muss(te) noch einmal beschleunigt werden, um für diese Kinder ausreichend Betreuungsplätze zu schaffen. Die Kindertagesbetreuungseinrichtungen (Kitas) und die Tagespflegepersonen sehen sich ebenfalls mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert: Sie müssen sich auf Kinder und Eltern einstellen, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, aus anderen Kulturkreisen kommen, noch relativ häufig körperliche Strafen bei der Kindererziehung einsetzen und oft psychisch belastet bzw. manchmal auch traumatisiert sind.

Die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) in Hamburg hat vor diesem Hintergrund
in den vergangenen drei Jahren zwei vorrangige Ziele verfolgt: Für die geflüchteten Kinder sollen zügig Betreuungsplätze geschaffen werden und ihre Betreuung soll möglichst in wohnortnahen Kitas oder durch eine Kindertagespflegeperson stattfinden.

Der Kitabesuch besitzt aus Sicht der  BASFI ein großes Potenzial für die Entwicklung der Kinder und ihre Integration. Die Mädchen und Jungen können in der Kita die deutsche Sprache lernen, sie können dort Sicherheit, Zugehörigkeit und ein Stück weit Normalität erfahren. Sie finden dort Raum zum Spielen, können Freundschaften schließen und erfahren Zuwendung durch die Fachkräfte (3).

Um die Kitas bei der Integration zu unterstützen, hat die BASFI finanzielle Mittel für zusätzliches Personal bereitgestellt, Mittel aus Bundesprogrammen für diese Zielgruppe aktiviert und die Angebote der Familienförderung ausgebaut. Im folgenden Text werden die ergriffenen Maßnahmen und ihre Auswirkungen dargestellt. Dabei wird zwischen denen für Kinder und Eltern in Erstversorgungseinrichtungen (EA) und denen in öffentlich-rechtlicher Unterbringung unterschieden.

2. Kinderbetreuung und Familienförderung in Erstversorgungseinrichtungen

In den Jahren 2014 bis 2017 wurden Hamburg gut 44.000 Flüchtlinge zugewiesen, von denen knapp 38.000 zunächst in EA untergebracht wurden (2014: ca. 6.000; 2015: ca. 21.000; 2016: ca. 7.700; 2017: ca. 3.300). Lebten am 31. Dezember 2016 in den damals 32 EA mit rund 13.000 Plätzen noch rund 8.500 Menschen, ist die Zahl seitdem deutlich zurückgegangen. Ende Dezember 2017 gab es „nur“ noch 14 EA und ein Ankunftszentrum, in denen noch etwa 4.100 Menschen wohnten – davon etwa 2.400 länger als sechs Monate („Überresidente“) (4). Die Zahl in EA lebender Mädchen und Jungen zwischen 0 unter 5 Jahren hat sich dementsprechend auch auf knapp 530 verringert.

Für die Kinder von 3 bis 6 Jahren gibt es in den EA halboffene Kinderbetreuungsangebote: Ihre tägliche Öffnungszeit beträgt mindestens vier Stunden, sie verfügen über kindgerechte Räume und werden in der Regel von einer Fachkraft in Kombination mit Muttersprachlerinnen durchgeführt. In neun der 14 EA gab es im Dezember 2017 solche Angebote, die von durchschnittlich 150 Kindern genutzt wurden (ca. 250 Plätze). Sie bieten den Kindern Spielangebote, Unterstützung und führen sie hin zur Betreuung in einer Kita.
Die Zahl der Angebote wird parallel zum Abbau der EA reduziert. Sinkt die Zahl der Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren in einer EA unter 25, wird in Absprache mit dem Träger und dem Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge (ZKF) nach alternativen Lösungen wie der Kooperation mehrerer EA bei der Organisation von halboffener Kinderbetreuung gesucht.

Kinder, die sich mit ihrer Familie länger als sechs Monate in einer EA aufhalten, haben ab dem vollendeten 1. Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf Förderung in einer Kita. Es gelten die gleichen Regelungen wie für alle Kinder mit gewöhnlichem Aufenthalt in Hamburg. Ende Juli 2017 wurden 49 Kinder in Kitas und vier Kinder von Tagespflegepersonen außerhalb der EA betreut. Kitas sind bei der Aufnahme solcher Kinder manchmal vorsichtig, weil sie ihnen jederzeit und sehr schnell wieder „verloren gehen“ können. Hintergrund ist: Bekommt die Familie eine Wohnung zugewiesen, ziehen die Kinder oft von einem auf den anderen Tag in andere Stadtteile um. Die Eingewöhnung der Kinder in der Kita ist dann manchmal noch nicht oder erst seit kurzem abgeschlossen und die Kinder erleben einen Beziehungsabbruch, den die Kitas vermeiden möchten.

Für die Kinder unter drei Jahren bzw. ihre Eltern sind Maßnahmen der Familienförderung mit Kinderbetreuung
entwickelt worden. In EA, in denen 40 Familien mit Kindern unter drei Jahren leben, können Elterncafés eingerichtet werden. Ziel der Cafés ist es, die Eltern zu unterstützen und zu beraten sowie parallel Spielangebote für die Krippenkinder anzubieten. Die Elterncafés werden vom gleichen Träger wie die halboffenen Betreuungsangebote betrieben. Im Dezember 2017 gab es an sechs von 14 EA ein Elterncafé. Von den Eltern wird dieses Angebot stark nachgefragt.

Die Angebote der Frühen Hilfen wurden 2016 und 2017 ebenfalls verstärkt. Es wurden jährlich zusätzlich 387.000,– € für Familienhebammen und die Familienteams bereitgestellt, um die Familien in den EA zu betreuen (5). Das Berichtswesen der Familienteams zeigt, dass im Jahr 2016 mehr als ein Viertel der von ihnen betreuten Familien einen Fluchthintergrund hatten. Im ersten Halbjahr 2017 ist der Anteil weiter auf 32,5 % gestiegen.

Bis heute engagieren sich im Übrigen viele Ehrenamtliche bei der Unterstützung der Familien und Kinder. Gerade in den Jahren 2015 und 2016, als es schwierige Bedingungen bei der Unterbringung der Flüchtlinge (z.B. in Baumärkten) gab, sind sie eingesprungen. Mit Beginn des Ausbaus der professionellen Angebote gab es Abgrenzungsprobleme und bei den Ehrenamtlichen zum Teil auch „Ermüdungserscheinungen“. Um dem zu begegnen, sind z.B. von den Hamburger Frauenberatungsstellen in Zusammenarbeit mit Kita-Trägern Angebote entwickelt worden, um das Engagement der Ehrenamtlichen zu erhalten und sie vor einem Ausbrennen zu schützen.

Insgesamt ist es – nach Anfangsschwierigkeiten wegen des starken Anstiegs der Flüchtlingszahlen im Jahre 2015 – gelungen, in den EA ein gutes und differenziertes Angebot für die Kinder und Familien aufzubauen. Die Zahl der EA wird sich im Laufe des Jahres 2018 weiter verringern. Dabei wird darauf geachtet, dass an den verbleibenden Standorten die Angebote der Kinderbetreuung und der Familienförderung erhalten bleiben.

3. Kinderbetreuung und Familienförderung in Wohnunterkünften

In 122 Wohnunterkünften (WUK) lebten in Hamburg Ende des Jahres 2017 etwa 29.000 Menschen – davon etwa 4.100 Kinder im Alter von 0 bis 5 Jahren. Gemäß § 6 des Hamburger Kindertagesbetreuungsgesetzes haben die Kinder ab dem 1. Lebensjahr einen Anspruch auf Förderung in einer Kita oder bei einer Tagespflegeperson. Kinder mit ausgeprägtem Sprachförderbedarf sind gemäß § 28a des Hamburger Schulgesetzes im Jahr vor der Einschulung zum Besuch einer Vorschulklasse (VSK) und zur Teilnahme an additiven Sprachfördermaßnahmen verpflichtet.

Ende Juli 2017 wurden 1.584 Flüchtlingskinder in Kindertageseinrichtungen oder von Tagespflegepersonen betreut. Von ihnen waren 1.178 im Alter von 3 bis 5 Jahren (6) Da zusätzlich ca. 250 bis 300 Kinder gemäß den Bestimmungen des Hamburger Schulgesetzes eine VSK besuchen, kann davon ausgegangen werden, dass von den insgesamt etwa 1.850 Kindern im Alter von 3 bis 5 Jahren in WUK bereits ca. 85 % ein frühkindliches Bildungsangebot nutzen. Von den Flüchtlingskindern unter drei Jahren waren mehr als 400 in Betreuung, was einer Quote von knapp 20 % entspricht. Diese Zahlen sind aufgrund der unterschiedlichen Stichtage vorsichtig zu interpretieren und vermutlich eine Unterschätzung, da allein von Januar bis November 2017 3.000 Flüchtlinge in Hamburg auf dem freien Wohnungsmarkt eine Wohnung gefunden haben. Die sich darunter befindlichen Kinder in Kitas werden wegen des in der Datenbank fehlenden Merkmals „Flüchtlingskind“ nicht erfasst. Außerdem hat eine im November 2017 durch die BASFI erfolgte interne Überprüfung der Kinder aus drei WUK ergeben, dass alle Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren in Betreuung waren. Dem Ziel, bei den geflüchteten Kindern im Elementaralter eine vergleichbare Betreuungsquote wie bei den anderen in Hamburg lebenden Kindern zu erreichen, ist Hamburg damit schon sehr nahe gekommen.

Die Ende Juli 2017 in Kitas betreuten 1.507 Kinder mit Fluchthintergrund verteilten sich auf 350 von 1.069 Kitas. D.h. lediglich in etwa einem Drittel der Kitas werden Flüchtlingskinder betreut). In fünf der sechs Kitas mit mehr als 20 Flüchtlingskindern schwankt ihr Anteil an allen Kindern zwischen 13 und 31 %. Nur eine Kita betreut mit 96 % fast ausschließlich Flüchtlingskinder, da es im Umfeld keine weitere Wohnbevölkerung gibt. Das Ziel, die Kinder möglichst in bestehende Kitas zu integrieren und keine Kitas für Flüchtlingskinder entstehen zu lassen, ist also bisher auch weitgehend erreicht.

Das Deutsche Institut der Wirtschaft (DIW) führte 2017 eine deskriptive Analyse beruhend auf einer repräsentativen Befragung von mehr als 4.800 in den Jahren 2013 bis 2016 nach Deutschland geflüchteten Frauen und Männern durch. Die Haushaltsbefragung erfolgte durch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das BAMF und das Sozio-oekonomische Panel (SOEP). Die Betreuungsquote bei den Kindern unter drei Jahren lag bei 15 % und bei den 3- bis 6-jährigen Kindern bei 80 % (7).

4. Wie wird die Kita-Versorgung sichergestellt?

In Hamburg sind folgende Planungsschritte vorgesehen, wenn größere Wohnunterkünfte entstehen: Zunächst wird durch die zuständige Abteilung für Familie und Kindertagesbetreuung in der BASFI eine Analyse der Kita-Ange6botsstruktur im Umfeld der geplanten WUK erstellt. In einem zweiten Schritt werden „Runde Tische“ bzw. Gespräche mit den Trägern aus dem Sozialraum durchgeführt. Dabei wird abgesprochen, welche Träger bzw. Kitas noch Kapazitäten haben, um weitere Kinder aufzunehmen, und welche Kitas ihre Angebote durch einen Ausbau erweitern können. Wenn diese Anstrengungen nicht ausreichen, um alle Kinder versorgen zu können, werden Flächen für den Neubau von Kitas gesichert. Anschließend erfolgt ein Interessenbekundungsverfahren. Wenn es mehrere Interessenten gibt, die alle Anforderungen erfüllen, erfolgt eine Entscheidung über die Trägerschaft der Kita im Losverfahren. Ziehen in die WUK bereits Menschen ein ohne Fertigstellung einer Kita, wird eine Interimskita errichtet. Dies ist im Jahr 2017 dreimal geschehen.

In Hamburg werden zwölf große Unterkünfte mit der Perspektive Wohnen (UPW) gebaut. Sie sollen den Geflüchteten eine Unterbringung in einer sozialverträglichen Wohnform und schnelle Integration ermöglichen. Mit der Zeit sollen in diese Wohnungen, die im Standard des „sozialen Wohnungsbaus“ errichtet werden, auch andere Bevölkerungsgruppen wie z.B. Studierende einziehen. So sollen sich die UPW nach und nach zu „normalen“ Stadtteilen bzw. Wohnbezirken entwickeln. Dabei sollen wechselseitige Beziehungen zwischen den neuen und benachbarten Quartieren aufgebaut werden (8). Auf dem Gelände der UPW werden nach derzeitigen Planungen 13 neue Kitas gebaut (Stand: Dezember 2017). Neun weitere Kitas werden im Umfeld der UPW neu in Betrieb gehen (9).

Als erste UPW ist der „Mittlere Landweg“ in HamburgBergedorf in Betrieb genommen worden. Dort sollen etwa 2.500 geflüchtete Menschen leben. Um die Kita-Versorgung sicherzustellen, sind drei Kitas geplant und auch bereits eröffnet worden. Insgesamt verfügen sie über 280 Plätze (10). An einer der Kitas ist ein Eltern-Kind-Zentrum (EKiZ) eingerichtet worden. Zudem ist ein Elternlotsenprojekt an den Start gegangen. Da es dort – wie auch an einigen anderen UPW durch ihre Lage am Stadtrand – kaum weitere Wohnbevölkerung gibt, sind die Träger aufgefordert worden, Konzepte für eine sozialräumliche Vernetzung zu entwickeln (11). Dennoch gibt es begründete Sorgen, dass dort und an anderen Standorten die Integration der Kinder wegen der fehlenden Kontakte zu deutschsprachigen Kindern erschwert ist (12). Die folgenden Maßnahmen sollen die Kitas bei der Integration der Kinder deshalb unterstützen.

5. Maßnahmen zur Unterstützung der Kitas

Hamburg hat bereits 2013 das Kita-Plus-Programm gestartet. Kitas mit besonders vielen Kindern mit Migrationshintergrund und Kindern aus sozial benachteiligten Familien erhalten eine um 12 % verbesserte Personalausstattung. Von dieser Maßnahme haben 2016 mehr als 320 der 1.065 Hamburger Kitas profitiert. Darunter sind Kitas mit einem hohen Anteil von Kindern aus Flüchtlingsfamilien (Ausgaben 2016: ca. 16 Mio. € (13)). Zudem erhalten Ende 2017 etwa 270 Kitas eine halbe oder ganze zusätzliche Funktionsstelle aus dem Bundesprogramm Sprach-Kitas. Die Kitas mit einem hohen Anteil von Flüchtlingskindern wurden bei der Auswahl der am Bundesprogramm SprachKitas teilnehmenden Einrichtungen besonders berücksichtigt. Inhaltlich stehen bei beiden Programmen die alltagsintegrierte sprachliche Bildung, die Inklusion und die Zusammenarbeit mit den Eltern im Fokus (14).

Hamburg hat sich bewusst dafür entschieden, nicht den individuellen Kita-Gutschein für Flüchtlingskinder besser auszustatten. Es ist nicht zu vermitteln, warum der Gutschein für ein Flüchtlingskind mehr Ressourcen auslösen sollte als die Gutscheine für andere Kinder. Stattdessen stärkt die Stadt die Anbieterseite. Kitas erhalten für die Betreuung von Flüchtlingskindern, von Kindern mit Migrationshintergrund und mit vielen Kindern aus sozial belasteten Familien demgemäß „systemische Ressourcen“.

Parallel dazu sind die Fortbildungsangebote für die Fachkräfte massiv ausgebaut und mehrsprachige Broschüren wie z.B. „Herzlich willkommen in unserer Kita“ vom PARITÄTISCHEN Hamburg zur Eingewöhnung von Flüchtlingskindern für die Praktiker/innen entwickelt worden (15).

Seit Herbst 2017 werden diese Aktivitäten noch einmal durch das vom Bundesfamilienministerium geförderte Projekt „Kita-Einstieg: Brücken bauen in die frühe Bildung“ verstärkt. Es werden zehn „Kita-Kulturlotsen-Projekte“ eingerichtet, die das System der Kindertagesbetreuung gegenüber den Eltern im Quartier bekanntmachen und die Kitas bei der Integration geflüchteter Kinder in den Alltag unterstützen sollen. Die Projekte werden überwiegend im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften oder UPW eingerichtet. Darüber hinaus werden Qualifizierungsmaßen für die Fachkräfte durchgeführt, um Unsicherheiten und Vorurteile bei den Fachkräften abzubauen. Schließlich werden Qualifizierungsangebote entwickelt, um Menschen mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung eine Tätigkeit im Berufsfeld frühe Bildung zu eröffnen. Der Bund finanziert dieses Projekt mit insgesamt gut 3,7 Mio. € für die Jahre 2017 bis 2020. 10 % der Gesamtkosten in Höhe von 4 Mio. € werden von Hamburg übernommen. Das Projekt wird unter Federführung der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege von acht Kita-Verbänden in Kooperation mit der BASFI durchgeführt. In den letzten Jahren hat sich diese Kooperation der Stadt mit den Verbänden und Kita-Trägern bewährt und war eine der Erfolgsbedingungen bei der Integration von Kindern mit Fluchthintergrund.

6. Elternangebote als Voraussetzung für eine gelingende Integration

Die Besuche von Mitarbeiter/innen der BASFI in Erstversorgungseinrichtungen und Wohnunterkünften haben gezeigt, dass für eine erfolgreiche Integration die Elternarbeit verstärkt werden muss. Viele Familien aus anderen Kulturkreisen kennen das deutsche System der Kindertagesbetreuung nicht, fühlen sich von der neuen Situation überfordert und befinden sich nach der Flucht mit oftmals traumatischen Erfahrungen noch in einem „Ausnahmezustand“. Es muss deshalb behutsam auf die Eltern zugegangen und ihnen müssen niedrigschwellige Angebote gemacht werden.

Dafür werden zehn neue EKiZ an Kita-Standorten, die viele Kinder aus WUK bzw. UPW betreuen, eingerichtet. 2017 haben bereits drei EKiZ ihren Betrieb aufgenommen. Zudem ist für die bereits bestehenden 40 EKiZ ein neues Leistungsmodell entwickelt worden, um zusätzliche auf die Bedürfnisse der Flüchtlingsfamilien zugeschnittene Angebote direkt in einer WUK oder ihrem Umfeld anbieten zu können. Die Eltern lernen dadurch die Mitarbeiterinnen der EKiZ und deren Arbeit kennen, fassen Vertrauen und sollen auch auf diesem Weg dafür gewonnen werden, ihre Kinder frühzeitig in einer Kita betreuen zu lassen. Bis Dezember 2017 wurden 14 solcher Module eingerichtet und finanziert. Darüber hinaus werden Elternlotsenprojekte zur Ansprache, Information und Begleitung von Familien mit Flucht- bzw. Migrationshintergrund ausgebaut. In den Jahren 2016 und 2017 sind neun zusätzliche Standorte eröffnet worden (16).

7. Fazit

Der Integrationsprozess ist in Hamburg bisher gut gelungen. Mehr als 85 % der Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren sind in Kindertagesbetreuung und knapp ein Fünftel der Krippenkinder. Die Verteilung der Kinder auf die unterschiedlichen Kitas ist weitestgehend entsprechend der Zielsetzungen erfolgt. Nur sechs Kitas betreuen mehr als 20 Kinder mit Flüchtlingshintergrund.
Es gibt aber kulturelle Hürden bei der Inanspruchnahme der Kitas (z.B. Sprachbarrieren, fehlende Informationen) und teilweise andere Erziehungsvorstellungen der Flüchtlingsfamilien. Die Lotsenprojekte und Projekte der Familienförderung sollen dazu beitragen, diese Hürden abzubauen und die Eltern über die in Deutschland geltenden Regeln der Kindererziehung zu informieren. 

 Anmerkungen
1) Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF): Aktuelle Zahlen zu Asyl. Ausgabe: Dezember 2017, http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/ Statistik/Asyl/aktuelle-zahlen-zu-asyl-dezember-2017.pdf?__blob=publicationFile, S. 4 ff.; BAMF: Aktuelle Zahlen zu Asyl. Ausgabe: Dezember 2016, http://www.bamf. de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Asyl/aktuelle-zahlen-zuasyl-dezember-2016.pdf;jsessionid=8065D8C0563F94ADCBA8F7818484C02F.2_ cid286?__blob=publicationFile, S. 7, und BAMF: Das Bundesamt in Zahlen. Asyl, Migration und Integration, 2015, https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Broschueren/bundesamt-in-zahlen-2015.pdf?__blob=publicationFile, S. 22.
2) Baisch, B./Lüders, K./Meiner-Teubner, C./Riedel, B./Scholz, A.: Flüchtlingskinder in Kindertagesbetreuung, München 2016, https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/ bibs2017/Fluechtlingskinder_in_Kindertagesbetreuung.pdf, S. 11.
3) Baisch u.a. (Fußn. 2), S. 11 f.; Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ): Vielfalt. Kind. Gerecht. Gestalten. Interkulturalität, Vielfalt und Demokratieerziehung in der Kindertagesbetreuung. Positionspapier der AGJ, Berlin 2017, https://www.agj. de/fileadmin/files/positionen/2017/Vielfalt.Kind.Gerecht.Gestalten__002_.pdf, S. 6 ff.
4) Zentraler Koordinierungsstab Flüchtlinge (ZKF): Monatsbilanz Flüchtlinge Dezember 2017, http://www.hamburg.de/zkf-pressemeldungen/10194862/2018-01-03-zkfbilanz-dezember/
5) Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg: Antwort des Senats auf die Große Anfrage der CDU-Fraktion „Ausgangsbilanz Integration zum Konsens mit der Volksinitiative ‚Hamburg für gute Integration!’“ Teil B. Drucksache 21/5853 vom 4. Oktober 2016, https://www.buergerschaft-hh.de/ParlDok/dokument/54351/ausgangsbilanz-integration-zum-konsens-mit-der-volksinitiative-%e2%80%9ehamburgf%c3%bcr-gute-integration-%e2%80%9c-teil-b-.pdf, S. 5.
6) Anhand der Adressen der Wohnunterkünfte kann ermittelt werden, ob die dort lebenden Kinder in der Kita-Abrechnungsdatenbank als betreute Kinder erfasst sind.
7) Gambaro, L.: Kinder mit Migrationshintergrund: Mit wem gehen sie in die Kita? DIW-Wochenbericht, Jg. 84/2017, Nr. 51 und 52, http://www.diw.de/documents/ publikationen/73/diw_01.c.573917.de/17-51-3.pdf, S. 383 ff.
8) Fördern & Wohnen: Unterkünfte mit der Perspektive Wohnen. 2017, http://www. foerdernundwohnen.de/wohnen/einrichtungen-fuer-wohnungslose-menschenund-zuwanderer/unterkuenfte-perspektive-wohnen.html
9) Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg: Antwort des Senats auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Franziska Grunwaldt und Philip Heißner (CDU) „Wie weit ist jeweils der Kita-Ausbau in und außerhalb der verschiedenen Flüchtlingsquartiere fortgeschritten“. Drucksache 21/10898 vom 14. November 2017, https://www.buergerschaft-hh.de/ParlDok/dokument/59840/wie-weit-ist-jeweilsder-kita-ausbau-in-und-au%c3%9ferhalb-der-verschiedenen-fl%c3%bccht lingsquartiere-vorangeschritten-.pdf, Anlage 1.
10) Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg (Fußn. 9).
11) Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg: Antwort des Senats auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Franziska Grunwaldt und Dennis Gladiator (CDU) „Was tut der Senat, um in der Flüchtlingsgroßsiedlung Mittlerer Landweg die Entstehung eines sozialen Brennpunktes zu verhindern? (II)“ vom 13. Oktober 2017, https://www.buergerschaft-hh.de/ParlDok/dokument/59490/was-tut-dersenat-um-in-der-fl%c3%bcchtlingsgro%c3%9fsiedlung-mittlerer-landweg-dieentstehung-eines-sozialen-brennpunktes-zu-verhindern-ii-.pdf, S. 2 f.
12) Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg: Antrag der CDU-Fraktion „Damit die Integration gelingt – Kita-Ausbau für eine bessere Durchmischung außerhalb von Flüchtlingsquartieren neu planen“. Drucksache 21/10514 vom 27. September 2017, https://www.buergerschaft-hh.de/ParlDok/dokument/59387/damitdie-integration-gelingt-%e2%80%93-kita-ausbau-f%c3%bcr-eine-besseredurchmischung-au%c3%9ferhalb-von-fl%c3%bcchtlingsquartieren-neu-planen. pdf; siehe auch Gambaro (Fußn. 7).
13) Freie und Hansestadt Hamburg: Wir in Hamburg. Hamburger Integrationskonzept. Teilhabe, interkulturelle Öffnung und Zusammenhalt, 2017, http://www.hamburg. de/contentblob/128792/4fa13860dcb7a9deb4afdfb989fc78e2/data/konzept.pdf, S. 39 f.
14) Freie und Hansestadt Hamburg (Fußn.13), S. 40.
15) Der PARITÄTISCHE Hamburg: Herzlich willkommen in unserer Kita, Hamburg 2017, http://www.paritaet-hamburg.de/fileadmin/FBBE/Kindertagesbetreuung/PHH_ Broschuere_Kita_210x210_CC_final_mail.pdf
16) Iannaccone, D./Treu, M./Bange, D.: Elternlotsenprojekte in Hamburg, in. Forum für Kinder- und Jugendarbeit, Jg. 33, Heft 4/2017, S. 64.

Der Autor
Dr. Dirk Bange ist Leiter der Abteilung Familie und Kindertagesbetreuung der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration in Hamburg.

Wir übernehmen den Beitrag mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus dem Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für Öffentliche und Private Fürsorge, März 2018.

Kommentar der Redaktion
Man kann nur hoffen, dass diese Maßnahmen das gewünschte Ziel: Integration erreichen. Hier wäre ein großes Forschungfeld, dessen Ergebnisse wir dringend brauchen.




 

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