Kinderarmut ist der Renner
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Ariadnes Blog
27.03.2018  Ariadne Morgenrot

Kinderarmut ist der Renner

Kinderarmut ist ein Thema, mit dem sich jeder kleine oder größere Lorbeeren verdienen kann. Wer will schon, dass Kinder unter Armut leiden?
In der Tat: Kinderarmut in einem reichen Land wie Deutschland ist ein Skandal, auch hier wurde schon darauf hingewiesen. Bildungs- und Teihabechancen verringern sich bei Armut, und eigentlich halten wir ja das Ideal der gleichen Chancen hoch. Oder doch nicht?

Merkwürdig, dass sich die Lorbeeren nur mit dem Zusatz "Kinder" verdienen lassen. Dass die Eltern der Kinder, vielleicht auch ihr ganzes Umfeld, arm sind - das verschwindet hinter der Formal "Kinderarmut".

Mit diesem Wort wird auf die Tränendrüse gedrückt, und die kommt nicht so schnell in Gang, wenn es um arme Erwachsene geht, die -  vielleicht aufgrund traumatischer Erfahrungen in der eigenen Kindheit - in der Ausbildung oder im Berufsleben gescheitert sind, die einfach Pech gehabt haben, oder  durch Krankheit aus dem beruflichen Wettbewerb katapultiert wurden, oder  - last not least -, die als Alleinerziehende auf keinen grünen  Zweig kommen.

Armut ist so gar nicht sexy. Abstoßend kann sie sein, wenn dir nicht süße Kinderaugen entgegensehen, sondern ein menschliches Wrack, das sich aus den Abfalleimmern der Stadt Flaschen rausholt, um etwas zu verdienen. Oder unter der Brücke liegt und damit demonstriert, dass die Wohnungsnot auch dahin führen kann. Oder wenn du beim Einkaufen Männer oder Frauen erlebst, die sich an den Supermärkten die Beine in den Bauch stehen, um an ein paar Euro ranzukommen, damit sie sich selbst etwas kaufen können. Oder denke an die Armen, die in der "Tafel" auf Essbares warten.

Wenn die Ärmsten Kinder haben, dann sind diese meist nicht mehr in der Familie, sondern als Pflegekinder untergebracht oder im Heim. Diese spezielle Form von Kinderarmut lässt sich finanziell überhaupt nicht beziffern - die Startbedingungen sind unter diesen Umständen stark erschwert.

Eine Kindergrundsicherung, bei der auch Wohlhabende aus Steuergeldern unterstützt werden, ist ein Ansatz,  löst aber das Problem  nicht. Denn eine Sozialpolitik, die bei den Kindern ansetzt, vernachlässigt die Bedingungen, unter denen manche Eltern leben, ohne eine Chance, Anerkennung zu erhalten, mit dem ständigen Zwang zu sparen und nochmal zu sparen. Das ist ein Leben ohne Würde. Aber wenn die Eltern das Gefühl für ihre Würde verlieren, wie sollen ihre Kinder dieses Gefühl entwickeln? Kita und Schule können vieles leisten - die Defizite der Sozialpolitik können sie nicht auffangen.

Was könnte helfen? Den Mindestlohn drastisch erhöhen, Pflegende und Erziehende in Familie und Beruf materiell besonders absichern, durch eigene Kindheitserlebnisse Geschädigten Therapien und Supervision anbieten, damit sie ihre schrecklichen Erfahrungen nicht an die nächste Generation weitergeben müssen...

Ein solidarisches Grundeinkommen wäre ein Fortschritt, es reicht aber nicht. Geld ist in Deutschland im Überfluss vorhanden - man denke nur an die Managergehälter und Boni, die Autofirmen ihren Vorständen zukommen lassen. Von den großen Vermögen ganz zu schweigen. Die Differenzen zwischen Armut und Reichtum sind es, die das Vertrauen in die Demokratie untergraben.

Die Autorin ist Sozialwissenschaftlerin im Ruhestand und gibt diese Kolumne Ende März auf.
Kontakt: ariadne.morgenrot@freenet.de

Foto: shutterstock



 

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