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Perspektiven
18.04.2018  

"Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz und Feinfühligkeit des Lehrenden ist entscheidend für den Lernerfolg“

Lernen findet in erster Linie im Gehirn statt. Es entstehen neue neuronale Verknüpfungen. Je öfter eine bestimmte Lernerfahrung gemacht wird, desto stabiler ist diese Verbindung der Nervenzellen. Neurowissenschaftler Prof. Dr. Gerhard Roth über die Zusammenhänge von Intelligenz, Begabung und Wissen.
  • Herr Prof. Roth, viele Forscher sind der Auffassung, Intelligenz sei quantifizierbar, im Sinne von: „Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst.“ Wie definieren Sie Intelligenz? Ist Intelligenz angeboren oder kann sie erworben werden?

Beides. Bis vor Kurzem standen sich zwei große Lager gegenüber. Die einen, überwiegend Begabungspsychologen, sagten: Intelligenz ist in hohem Maße angeboren und kann später nur unwesentlich verändert werden. Viele andere, darunter Psychologen und Lehrer, sagten: Angeborene Intelligenz gibt es gar nicht, sondern die Umwelt macht uns intelligent. Es gibt keine eigene Begabung, sondern die Lehrer begaben die Schüler, wie man so schön sagte. Der Umkehrschluss: Wenn ich dumm blieb, waren meine Lehrer schuld. Heute sieht man die Situation differenzierter. Es gibt etwa tausend Gene, die auf zum Teil sehr indirekte Weise mit Intelligenz etwas zu tun haben. Es gibt aber sogenannte epigenetische Prozesse, das heißt, Kontrollgene stellen zu verschiedener Zeit sehr viele dieser tausend Gene an oder ab. Diese Kontrollgene sind viel weniger zahlreich, aber viel entscheidender. Man weiß heute, dass schon vorgeburtlich der Körper und das Gehirn der Mutter eine wichtige negative Rolle spielen. Wenn die Mutter traumatisiert ist, dann hat sie in ihrem Gehirn ein hohes Niveau von Stresshormonen, und das wirkt sich sehr ungünstig auf die Entwicklung des Gehirns des ungeborenen Kindes aus. Und dann kommen die frühgeburtlichen Faktoren hinzu: gute Ernährung, eine friedfertige, wohlwollende, kommunikative, unterstützende Umgebung schon ganz früh in der Kindheit. Die ist entscheidend für die normale Entwicklung des Gehirns und der Intelligenz. Das heißt, Intelligenz hat einen genetischen Sockel, aber viel mehr hängt von spezifischen anregenden Faktoren aus der Umwelt ab.

 

  • Was für spezifische Faktoren gibt es, die anregend wirken?

Wie stark jemand als Kind motiviert wird. Welche Neugierde er oder sie entwickelt. Wie man durch Eltern und Lehrkräfte gefördert wird. Man sagt heutzutage, dass der spätere Lernerfolg und der Nachweis von Intelligenz von drei Faktoren bestimmt wird: Gene, Motivation und Übung. Du sollst fleißig sein und lernen. Alle Untersuchungen weltweit zeigen: Für jede Konsolidierung des Lernens ist Übung unabdingbar.

  • Wie funktioniert hirngerechtes Lernen?

Hirngerechtes Lernen hängt von mehreren präventiv unabhängigen Faktoren ab. Einer der wichtigsten Faktoren ist die Lehrperson. Die Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz und Feinfühligkeit des Lehrenden ist entscheidend für den Lernerfolg. Das macht etwa ein Drittel des Lernerfolgs der Schüler aus. Viele Pädagogen sind der völlig unsinnigen Meinung, man könne auf den Lehrer verzichten, die Kinder müssten alles tun. Es gibt weltweit keine einzige Studie, die das beweist. Der zweite Faktor ist schon eher spezifisch: Ich muss herauskriegen, was mein Schüler, der Lernende, schon weiß und was er noch nicht weiß. Das heißt, ich muss seinen Kenntnisstand ergründen. Das wird in der Schule außerordentlich nachlässig gehandhabt. Der Lehrer hat in 45 Minuten gar keine Zeit festzustellen, was seine 30 Schüler von der letzten Stunde überhaupt kapiert haben. Dabei sagt jeder Gedächtnis- und Lernforscher: Nur das bleibt hängen, was anschlussfähig ist an das, was vorher schon gelernt wurde. Der dritte wichtige Faktor ist die hirngerechte Darstellung. Das heißt, der Lernprozess darf nicht zu schnell ablaufen, er muss arbeitsgerecht sein. Der Lehrer muss abschätzen, wie viel er pro Zeiteinheit den zuhörenden Schülern, aber auch den selbst arbeitenden Schülern zumuten kann. Das ist meist viel weniger, als der Lehrer glaubt.

  • Hängt der Erfolg auch an der Lehrmethodik?

Es gibt keine allein seligmachende Unterrichtsmethode. Das Beste ist der Methodenmix, eine Kombination aus Frontalunterricht, Gruppenunterricht und selbstständigem Lernen. Schüler lernen unterschiedlich. Der eine hört besser zu, der andere muss etwas selber machen, der Dritte arbeitet gerne in der Gruppe. Und dann natürlich: üben, üben üben.

  • Wie hängen denn jetzt Intelligenz und Begabung zusammen?

Jemand kann begabt sein, das heißt aber nicht, dass er später auch wirklich eine gute Leistung vollbringt. Wichtig ist sicherlich die Motivation. Nur ganz wenige Hochbegabte brauchen keine Motivation, die machen alles von selber. Die Begabung ist das Potenzial, und je intelligenter ich bin, je schneller ich lernen und Dinge kapieren kann, desto besser kann ich natürlich meine Potenziale entfalten.

  • Warum braucht man neben Intelligenz vor allem Wissen, um zu lernen?

Das Wissen ist sozusagen das Produkt. Es ist eine komplizierte Beziehung. Wenn einer sehr intelligent ist, aber nichts weiß, dann ist er aufgeschmissen. Es gibt unglaublich intelligente Menschen, die aber, aus welchen Gründen auch immer, nichts wissen, weil sie vielleicht noch zu jung sind oder keinen Antrieb hatten. Umgekehrtmuss aber jemand, der viel weiß, nicht sehr intelligent sein, um erfolgreich zu sein. Das heißt, viel Wissen ist wichtig. Jemand, der keine große Intelligenz hat, aber sehr fleißig und ausdauernd ist, kann sich viel Wissen aneignen und kann sehr erfolgreich sein. Intelligenz im schnellen Lernen hilft natürlich, sehr schnell Wissen anzuhäufen. Wenn ich sehr intelligent bin und gleichzeitig viel weiß, dann bin ich top.

  • Was bedeutet das für den Schulalltag?

Sich Wissen anzueignen und etwas Neues kognitiv zu lernen ist für das Gehirn sehr teuer und anstrengend. Es kostet viel Energie, auch Stoffwechselenergie. Deshalb fragt sich jedes Gehirn, wenn es in der Schule sitzt und der Lehrer sagt, das lernst du jetzt: Warum soll ich das lernen? Was habe ich davon? Insofern muss das Gehirn immer einen guten Grund dafür haben, warum es sich besonders anstrengen soll. Deshalb ist der Lehrer so wichtig, der sagt: Konzentrier dich auf das, was du lernst. Er muss motivieren, eine Belohnung in Aussicht stellen. Das ist die Kraft der Motivation. Sie ist natürlich umso wirksamer, je intelligenter ich bin. Dann lerne ich umso schneller, und weniger Intelligente lassen sich eben nicht so motivieren. Die Lehrkraft muss Dinge plastisch darstellen, sodass sie anschlussfähig sind. Schüler müssen Gelegenheit bekommen, zu wiederholen. All das ist absolut notwendig für eine langfristige Verankerung im Langzeitgedächtnis. Das sind leider im Schulalltag, in dem so viel unter Zeitdruck steht, häufig Schwachstellen.

  • Welchen Einfluss haben Ihrer Meinung nach Internet, Tablet, Whiteboards und Smartphones auf das Lernen?

Auf der einen Seite können solche Instrumente wirklich gut sein, wenn sie den Lehrer unterstützen. Vorausgesetzt natürlich, der Lehrer kann selbst damit umgehen – was häufig nicht der Fall ist. Der Einsatz erfordert eine systematische Schulung der Lehrer im Umgang damit. Erst dann können sie einen entsprechenden Unterricht gestalten. Wenn Bildungsministerien glauben, die Einführung von digitalen Medien erleichtere den Lehrern den Job, dann geht das am Ziel vorbei. Die Kinder sind völlig überfordert. Es kommt darauf an, in wessen Hand die digitalen Medien sich in der Schule befinden. In der Hand eines kompetenten Lehrers, der genau weiß, wo und wie er sie einsetzen kann, sind sie ein wirkungsvolles Instrument.

  • Können Lehrkräfte bei Schülergruppen von mehr als 30 denn überhaupt noch adäquat differenzieren?

Das können sie. Es gibt große Untersuchungen, dass bis zu einer Grenze von 30 die Größe keine große Rolle spielt. Das hat Verwunderung ausgelöst, auch bei der Hattie-Studie. Die Klassengröße hat keine Relevanz. Natürlich muss auch das von Lehrern gelernt werden: wie ich zum Beispiel Gruppenunterricht oder Einzelunterricht mache, wie die Begabteren und die weniger Begabten unterstützt werden können. Die Lehrerausbildung ist absolut desolat. Sie werden einfach ins kalte Wasser geschmissen und müssen sehen, wie sie zurechtkommen.

  • Welche Rolle spielen Lernkulturen?

Auch das ist ein entscheidender Faktor. In nordeuropäischen Ländern steht eher die Persönlichkeitsbildung, das selbstständige Denken im Vordergrund, während man in Asien eher auf eine konfuzianische Lernkultur stößt. In China oder Japan ist das überhaupt keine Frage: Der Lehrende hat immer recht, man darf ihm nicht widersprechen. Sie argumentieren, dass sie im PISA-Leistungsranking der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ganz vorne stehen. Bei uns wäre es gut, wenn die Leute intensiver Wissenserwerb betreiben würden, anstatt nur ihre subjektiven Gefühle auszubreiten. Eine gesunde Mischung zwischen Persönlichkeitsbildung und Wissenserwerb ist auch bei uns noch nicht gefunden.

Quelle: www.bildungsklick.de (Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 1-2018 veröffentlicht.)

Foto: fotolia/highwaystarz


 



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