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Grundschule
18.04.2018  Andrea Löbbecke (Wiesbaden), Göran Gehlen (Kassel)

„Früben“ entspannt den Alltag

Selbst entscheiden, wann die Schule startet: Für viele Schüler wäre das ein Traum. Einige Schulen in Hessen testen entsprechende Modelle. Der 13-jährige Julian etwa sitzt um kurz nach 8 Uhr im Klassenzimmer und lernt Französisch – obwohl er noch im Bett liegen könnte. Julian ist nicht allein: Len (11) und Sophia (12) pauken einen Tisch weiter Vokabeln. Sie sind freiwillig hier, versichern die Jugendlichen. Bei Fragen hilft Lehrerin Martina Schalles.

Der entspannte Start in den Schultag hat an der Kasseler Reformschule sogar einen eigenen Namen: „Früben“ – die Kurzform für freies Üben.

Frühprogramm selbst gestalten

An der nordhessischen Schule mit 550 Schülern wird seit dem Sommer der „offene Anfang“ getestet. Der Unterricht beginnt hier viermal die Woche erst um 8.35 Uhr. Was die Schüler vorher machen, bleibt ihnen überlassen: ausschlafen, Aufgaben machen, frühstücken oder eben „Früben“. Auch für Förderkurse ist Zeit.
Das Ergebnis ist verblüffend: Anfangs habe es im Kollegium noch Befürchtungen gegeben, dass kaum ein Schüler kommt oder trotz des späteren Schulbeginns zu spät kommt, sagt Berit von Carlowitz, eine von fünf Lehrerinnen und Lehrern, die das Konzept entwickelt haben.

Doch erste Erfahrungen zeigen: Rund die Hälfte der 150 betroffenen Schü-ler nimmt das Angebot wahr. Ganz ohne Regeln geht es aber nicht. Einmal pro Woche ist „Früben“. Und wer dabei stört, wird ermahnt. Ein Baustellenhütchen versperrt ab acht Uhr die Treppe zu den Klassenzimmern. Das soll Unruhe durch Nachzügler verhindern. Die können in der Kantine lernen oder spielen. Auch hier betreut ein Lehrer die Jugendlichen.

Evaluierung steht noch aus

Dass der „offene Anfang“ viele Schüler und Lehrer überzeugt hat, merkt man. Lehrerin Martina Schalles formuliert es etwas vorsichtiger, weil eine Auswertung des Versuchs noch läuft: „Es gibt eine Tendenz für das Beibehalten des offenen Anfangs.“ Was die Beteiligten überzeugt: Der Start in den Schultag sei entspannter, weniger Schüler kommen zu spät, die Selbstständigkeit der Jugendlichen werde gestärkt.

Vor allem Jungs kommen gern später

In Wiesbaden testet man ein ähnliches Modell. An der Alexej von Jawlensky Schule startet der reguläre Unterricht um 08.30 Uhr – also deutlich später als an vielen anderen Schulen. Vorbild für das Konzept sind die Niederlande, aus denen die Familie von Schulleiterin Elvira van Haasteren stammt. „Die meisten Schüler finden den späteren Start toll“, sagt die Pädagogin. Vor allem viele Mädchen träfen sich schon vor dem Beginn der Unterrichtsstunden an der Schule, die Gebäude sind ab 7 Uhr geöffnet.

„Die Kinder kommen dann langsam an, spielen noch mit dem Sekretariatshund oder bereiten sich auf den Tag vor“, sagt van Haasteren. Bei den älteren Jungs sehe es meist etwas anders aus, die seien nicht früher da. Das
hat nach Einschätzung der Direktorin mit der Pubertät zu tun, wenn sich der Biorhythmus verändert und das Aufstehen schwer fällt.

Mehr Entspannung im Alltag

In der Jawlensky-Ganztagsschule ist der Unterricht in drei 90-Minuten-Blöcke pro Tag eingeteilt und läuft bis 14.30 Uhr. Danach gibt es Arbeitsgruppen bis 16.30 Uhr. Braucht ein Kind besonderen Förderunterricht, ist dafür morgens ab 7.45 Uhr Zeit.

„Der spätere Beginn ist sehr entspannend, es war für uns ein Grund, die Schule auszuwählen“, sagt Britta Faßbinder-Lotz, die einen Sohn in der 9. Klasse hat. Auch Nicola Sachs, Mutter einer 13-Jährigen, sagt: „Ich finde das sehr angenehm, die Kinder gehen entspannt aus dem Haus.“ Auch nach dem Schulschuss um 14.30 Uhr sei noch genügend Zeit für Hobbys. Das betont auch Faßbinder-Lotz, allerdings müssten dazu Schule und Vereine am besten eng zusammenarbeiten.

Es sei manchmal ärgerlich, nachmittags noch nicht frei zu haben, sagt Schulsprecher Joshua Laubinger aus der 10. Klasse. Den etwas späteren Start in den Schultag fänden jedoch alle Schüler sehr gut. Manche schliefen eine halbe Stunde länger, andere träfen sich vor dem Unterricht noch mit Freunden oder machten die Hausaufgaben fertig.

Keine zentrale Vorgabe

Dass Schulen in Hessen eigene Modelle testen, ist kein Problem: „Der Unterrichtsbeginn ist an Schulen in Hessen nicht zentral festgelegt“, sagt Stefan Löwer, Sprecher des Kultusministeriums. Die Schulen könnten eigenständig darüber entscheiden – sofern eine Betreuung der Jugendlichen gewährleistet sei.

Internet
- Alexej von Jawlensky Schule http://dpaq.de/CwHYz
- Reformschule Kassel http://dpaq.de/GEPoy

Quelle: © dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH. Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Jegliche Nutzung von Inhalten, Texten, Grafiken und Bildern ist ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung der dpa unzulässig. Dies gilt insbesondere für die Verbreitung, Vervielfältigung und öffentliche Wiedergabe sowie Speicherung, Bearbeitung oder Veränderung.
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Foto: fotolia/monkey business

 

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