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Kindliche Entwicklung
22.04.2018  

Schlüssel für motorische Aktivität und deren Zusammenspiel

Sportwissenschaftler und Psychologen der Universität Münster zeigen erstmals in einer im Fachmagazin „Scientific Reports“ veröffentlichten Studie: Je genauer Kinder ihre Sportlichkeit einschätzten, desto mehr Sport treiben sie.

Für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen spielt eine hinreichende Bewegungszeit, die auch als körperliche Aktivität bezeichnet wird, eine große Rolle. Jedoch zeigen internationale Studien, unter anderem der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die körperliche Aktivität eher ab- als zunimmt. Um die Bewegungszeit zu erhöhen, spielen im Kindesalter die motorische Kompetenz und deren Selbstwahrnehmung (auch: physisches Selbstkonzept) eine große Rolle. Wie diese Faktoren zusammenspielen, zeigen erstmals Sportwissenschaftler und Psychologen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) in einer im Fachmagazin „Scientific Reports“ veröffentlichten Studie.

Die motorische Kompetenz und deren Selbstwahrnehmung sind jeweils Schlüssel für die körperliche Aktivität, aber deren Zusammenspiel ist besonders wichtig. Konkret: die Genauigkeit der Selbstwahrnehmung der motorischen Kompetenz beziehungsweise das Wissen über sich selbst. Genauigkeit bedeutet in diesem Fall, dass ein Kind einschätzen kann, ob es eher unsportlich, durchschnittlich oder eher sportlich ist. Dies ist bei Kindern aus Risikogewichtsgruppen besonders zentral, denn insbesondere bei unter- und übergewichtigen Kindern, im Vergleich zu normalgewichtigen, haben die Forscher einen positiven Effekt der Genauigkeit auf zukünftige physische Aktivität identifiziert.

Diesen Erklärungsansatz, der über die beiden einzelnen betrachteten (Haupt-) Effekte hinaus geht, haben die Wissenschaftler in einem interdisziplinären Verbund, bestehend aus den Arbeitsbereichen Sportpsychologie, EU Studies in Physical Education and Youth Sport sowie Psychologische Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie, entwickelt. Grundlage waren die Daten der internationalen Studie „Gesunde Kinder in gesunden Kommunen“. Die Studie wurde von Prof. Dr. Roland Naul vom Institut für Sportwissenschaft an der WWU geleitet und lief von 2008 bis 2014. Um die Forschungsergebnisse direkt in die Praxis zu übertragen, arbeiten die Wissenschaftler der WWU mit mehreren Projektschulen aus dem münsterschen Umland zusammen.

Dr. Till Utesch, Sportpsychologe an der WWU und federführender Autor der Studie, erklärt: “Im Gegensatz zu bisher etablierten Erklärungsansätzen gilt somit nicht mehr nur das Prinzip ‚je mehr motorische Kompetenz desto besser‘ und ‚je besser die motorische Selbstwahrnehmung desto besser‘. In Ergänzung zu den etablierten Befunden rücken wir das Zusammenspiel beider Faktoren im Sinne der Genauigkeit der Selbstwahrnehmung in den Fokus. Das ermöglicht uns, zukünftige körperliche Aktivität von Kindern vorherzusagen. Der Befund bedeutet praktisch, dass sich eine zu starke Selbstüberschätzung oder auch -unterschätzung der eigenen motorischen Kompetenz negativ auf die körperliche Aktivität beziehungsweise auf das zukünftige Sporttreiben auswirken.“

Methodisches Vorgehen


An der Studie nahmen 718 deutsche und niederländische Schülerinnen und Schüler zunächst in der dritten und ein Jahr später in der vierten Klasse teil. Die motorische Kompetenz wurde in beiden Jahren durch drei sportmotorische Balltests in der Sporthalle gemessen, außerdem die Selbstwahrnehmung der Kinder und ihre die Bewegungszeit mithilfe von Selbstberichten, für die Fragebögen eingesetzt wurden. Den Kern der Auswertung und Modellierung bildet ein spezielles mathematisch-statistisches Verfahren, nämlich polynomiale Regressionen mit „Response Surface“-Analysen.

„Die Besonderheit ist, dass wir die Genauigkeit der Selbstwahrnehmung ohne Zwischenschritte in einer statistischen Analyse modellieren und dieses Messmodell gleichzeitig gegen alternative Hypothesen testen konnten. Dies ist aus verschiedenen messmethodischen Gründen wichtig. Das Potenzial der eingesetzten statistischen Methode, die am Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaft der WWU weiterentwickelt wird, ist enorm. Mithilfe dieses neuen Verfahrens können wir neben herkömmlichen linearen und quadratischen Effekten, also beispielsweise je höher desto besser, auch ganz spezifische Effekte der Selbstkenntnis überprüfen“, erklärt Till Utesch.

Ko-Autorin und Persönlichkeitspsychologin Dr. Katharina Geukes unterstreicht: „Dieses Vorgehen erlaubt detaillierte Einblicke in das komplexe Zusammenspiel sportwissenschaftlicher und psychologischer Variablen und ermöglicht die Entwicklung und Überprüfung komplexer Erklärungsansätze für menschliches Verhalten. Beispielsweise kann das Wissen um Wechselwirkungen von Kompetenzen und deren Selbstwahrnehmungen auch in vielen weiteren Kontexten, zum Beispiel in der Schule, bedeutsam sein.“

Gefördert wurden die Arbeiten durch die Europäische Kommission.

Originalveröffentlichung:

Utesch, T., Dreiskämper, D., Naul, R., & Geukes, K. (2018). Understanding physical (in-) activity, overweight, and obesity in childhood: Effects of congruence between physical self-concept and motor competence. Scientific Reports, 8, 5908. doi: 10.1038/s41598-018-24139-y


Weitere Informationen:
https://www.nature.com/articles/s41598-018-24139-y Originalpublikation
http://gkgk-online.de/startseite/ Internationale Studie „Gesunde Kinder in gesunden Kommunen“

Quelle: Presseinfo WWU Münster
Foto: Fotolia/Sergey Novikov


 

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