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Pädagogische Praxis
22.04.2018  Herbert Renz-Polster

Erziehung ist schon schwer genug. Jetzt auch noch Werte-Erziehung?

Kinder lernen am ehesten, sich an Werten zu orientieren, wenn ihre Welt ein „gebender Ort“ ist. Herbert Renz-Polster, Verfasser mehrerer Bücher über Aufwachsen und Erziehung von Kindern, macht sich Gedanken über Werte und wie Kinder an sie herangeführt werden können. Wir übernehmen seinen Beitrag aus ZeT, Zeitschrift für Tagesmütter und -väter 2/2018 mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Tagesmütter und -väter sollen vieles: für frühe Bildung sorgen, für gesunde Ernährung natürlich auch, und ein bisschen musikalische Früherziehung darf auch im Angebot sein. Und selbstverständlich sollen sie den Kleinen „Werte vermitteln“. Als gäbe es dort draußen, in einer goldenen Schatulle, ein paar „Werte“, die alle Menschen wunderbar finden – und nach denen deshalb auch die Kinder tunlichst zu erziehen seien. ALLE Kinder, selbstverständlich, überall.

Nun ist das natürlich ein bisschen komplizierter. Denn zum einen sind wir uns nicht einig, was in diese Schatulle hinein gehört. Ehre, Disziplin und Gehorsam waren einmal wichtige „Werte“ für die Erziehung. Heute reden wir von Hilfsbereitschaft, Partizipation, Gewaltfreiheit. Aber eben auch von Konkurrenzfähigkeit, Wettbewerb, Leistungsfähigkeit. In anderen Ländern gilt nach wie vor die Achtung vor den Ahnen als wichtiger Wert. Manche Menschen aus diesen Ländern leben heute in Berlin oder Veitshöchheim.

Werte, so scheint es, werden immer wieder neu bewertet. In der Praxis sind „Werte“ deshalb schlicht und einfach das, was wir Großen, ob als Kindertagespflegepersonen oder Eltern, hier und jetzt für „wertvoll“ halten.

 

 

Die Umstände reden ein Wörtchen mit

Zudem scheint der Schlüssel zu der Schatulle manchmal zu klemmen. Wenn es uns gut geht, wenn wir im Leben Rückenwind haben und uns auf uns selbst verlassen können, neigen wir zu anderen (weicheren, inklusiveren, vertrauensvolleren) Werten, als wenn wir uns gestresst und „entwertet“ fühlen.

So zeigen viele Beispiele, dass soziale Isolation, Stress und fehlender Handlungsspielraum das moralische Empfinden des Menschen schwer beschädigen können. Wer als Mensch in Not ist, kommt moralisch unter Druck, ja, ganze Gesellschaften können in Barbarei abgleiten, wenn ihre Bürger sich entwurzelt und wertlos fühlen. Auch neigen gekränkte oder sozial entwertete Gruppen regelmäßig zu Fundamentalismus – also zu an Prinzipien, nicht aber an moralischen Standards orientierten Haltungen.

Ja, selbst ganz profane Kosten-Nutzen-Rechnungen scheinen zu beeinflussen, nach welchen „Werten“ wir unser Handeln ausrichten. Nehmen wir beispielsweise die Ehrlichkeit. Kinder (und übrigens auch Erwachsene) lügen umso hartnäckiger, je höher die Kosten der Wahrheit sind: Wer gewärtigen muss, für das Herausrücken der Wahrheit bestraft zu werden – sei es durch Schläge, Beschämung, Ächtung oder den Verlust von Beziehungen – wird eher geneigt sein, die Lüge statt der Wahrheit zu wählen. Auch das Lügen ist damit ein Vertrauensprozess. Kein Wunder also, dass Kinder, die unter einem strengen Regiment moralischer Disziplin groß werden, deutlich häufiger lügen als Kinder, die sich in ihren Beziehungen zu ihren Eltern sicher fühlen. Das gilt übrigens auch für Erwachsene: Natürlich kann man etwa in einer Liebesbeziehung hohe moralische Forderungen stellen, wie etwa: Wir wollen immer ehrlich zueinander sein! Wenn dann aber gleichzeitig der K.o-Schlag im Raum steht („Aber wenn du mich betrügst, dann verlasse ich dich sofort“) – dann liegt die Latte für die Ehrlichkeit rasch in kaum erreichbarer Höhe.


 

Zwang funktioniert nicht

Auch für das moralische Lernen gilt also das Grundprinzip des Lernens: Erzwingen lässt sich nichts. Im Gegenteil – Kinder lernen durch erzwungene Moral eher, wie man strategisch mit der Wahrheit umgeht („Entschuldige dich jetzt sofort bei Tim, dem du den Bagger weggenommen hast!“, „Ja, ich weiß, du magst keine grünen Schuhe, aber bedanke dich doch bitte TROTZDEM bei Tante Anna für das Geschenk.“). Kein Wunder, dass die hohen Erwartungen, wie sie etwa in sehr religiösen Gemeinschaften hochgehalten werden, nicht wirklich bis ins Herz gehen. In einem weltweiten Vergleich beispielsweise neigen gerade die besonders religiös erzogenen Kinder am wenigsten zu Hilfsbereitschaft und Altruismus.i Auch macht man bei einem Blick in die Welt die recht beklemmende Beobachtung, dass sich gerade die besonders religiös geprägten Kulturen oft mit erschreckend niedrigen moralischen Standards zufrieden geben. Tatsächlich gehören die religiösesten Gesellschaften dieser Erde regelmäßig zu den ungerechtesten, wie beispielsweise der Vergleich zwischen den USA und den traditionell säkular orientierten skandinavischen Ländern zeigt.


 

Moralisches Handeln ist anstrengend

Dazu kommt, dass zumindest das an Werten wie Altruismus und Hilfsbereitschaft orientierte Handeln anstrengend ist. Das liegt daran, dass wir dabei eben doch hier und da auf den unmittelbaren eigenen Vorteil verzichten müssen (nach einigen Theorien wird dies dadurch aufgewogen, dass uns langfristig aus altruistischem Handeln durchaus soziale Vorteile erwachsen, etwa durch einen guten Ruf in unserer Gemeinschaft, der ja auch eine Art sozialen Kapitals darstellt).

Eine Orientierung an universellen Werten ist aber auch deshalb anstrengend, weil sie der Verdrängung von Problemen in die Quere kommt. Wer beispielsweise Flüchtlinge kategorisch abqualifiziert („alles Kriminelle“) oder ihnen selbst die Schuld an ihrem Schicksal gibt („sollen sie halt nicht so viele Kinder bekommen“), drückt sich damit nicht nur vor dem Mit-Leiden, sondern auch vor konkreter Hilfestellung. (Vielleicht erklärt die anstrengende Seite der Moral sogar, warum Menschen, wie sich in Experimenten zeigen lässt, morgens höhere moralische Standards haben als abends).ii

 

 

Die Entwicklung eines Werte-Fundaments ein Beziehungsprozess

Warum das mit den „Werten“ eine derart komplexe Angelegenheit ist, hat einen Grund: Welche Werte uns ansprechen und welchen moralischen Haltungen wir zuneigen, hat eine Geschichte. Und sie wird unser ganzes Leben lang geschrieben, vor allem aber in der Kindheit. Denn das moralische Empfinden des Menschen spiegelt auch seine seelische Entwicklung wider: Hat dieser Mensch bei seinem Aufwachsen gelernt, sich in andere Menschen einzufühlen und einzudenken? Ist er zu Empathie fähig? Ist er belastbar (wir haben ja gesehen, dass an Werten orientiertes Handeln auch anstrengend sein kann)?

Tatsächlich scheinen die „Werte“, an denen wir unser Handeln ausrichten, einiges mit unseren eigenen Erfahrungen in den für unser Leben bedeutsamen Beziehungen zu tun zu haben: Wer sich bei seinem Aufwachsen als wertvoll erlebt, kann anderen Menschen auch einen „Wert“ zugestehen.

Damit ist auch eines klar: Bei den „Werten“ ist es nicht einfach mit dem Vorlesen von ein paar rührenden Geschichten getan, und mit Einsicht und der Kenntnis von Regeln eben auch nicht – auch die Moral und Werteorientierung des Menschen entwickelt sich letzten Endes in und über Beziehungserfahrungen. In diesem Rahmen erwerben Kinder die Voraussetzungen des moralischen Handelns, nämlich Einfühlungsvermögen, soziale Kompetenz, Selbstwertgefühl und damit die Kraft, für sich selber, aber auch für andere einzutreten. Moralisches Handeln, so könnte man es zusammenfassen, hat viel damit zu tun, wie wir selbst behandelt wurden und werden.iii

Und das erklärt gleichzeitig auch, warum der gesellschaftliche Rahmen auch in moralischer Hinsicht so entscheidend ist – „Werte“ kommen deutlich besser zum Tragen, wenn das Kind in seinem Lebensumfeld sozialen Rückhalt hat, mit Achtung behandelt wird und sich wohl in seiner Haut fühlt. Sie kommen besser zum Tragen, wenn die Welt des Kindes ein „gebender Ort“ ist.

Es ist deshalb ein Missverständnis, Eltern oder Tagesmütter und -väter, Erzieher/innen, Lehrer/innen könnten Kindern durch eine besondere Art der Pädagogik beibringen, später einmal „gute Menschen“ zu sein. Moralische Regeln lassen sich nicht einfach setzen – genau so wenig wie sich andere Regeln (oder auch „Grenzen“) einfach „setzen“ lassen. Regeln und Grenzen (so wie übrigens Freiheit auch) funktionieren nur dort, wo die Beziehungen funktionieren. Wo sich Menschen also etwas zu sagen haben, sich geschätzt und gut be„wertet“ fühlen.


 



 

Grundlegendes zur Frage, wie unser alltäglicher Umgang mit kleinen Kinder deren Entwicklung prägt, behandelt das neue Buch des Referenten: „Menschenkinder“, Kösel 2017.

Mehr unter www.kinder-verstehen.de


 

 

Literatur

i1 Decety, Jean et al.: The Negative Association between Religiousness and Children’s Altruism across the World. Current Biology, Volume 25, Issue 22, pp. 2951 - 2955. 2015. Online unter http://www.cell.com/current-biology/pdf/S0960-9822%2815%2901167-7.pdf


 

ii Kouchaki, Maryam, Smith, Isaac H.: The Morning Morality Effect. Psychological Science, Vol 25, Issue 1, pp. 95 – 102.

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iii Kochanska, G, Forman, D.R., Aksan, N., Dunbar, S.B.: Pathways to conscience: early mother-child mutually responsive orientation and children's moral emotion, conduct, and cognition. J Child Psychol Psychiatry. 2005 Jan; 46(1), pp. 19 - 34.

Quelle: ZeT - Zeitschrift für Tagesmütter und -väter 2/2018, Seite 17-19

Foto: Fotolia/Alexander Vasilyev

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