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Pädagogische Ansätze
14.05.2018  Redaktion

Was tun bei aggressiven Kindern?

Aggressive Kinder belasten Eltern, andere Kinder der Gruppe und Fachkräfte. Wichtig ist, den Grund dafür herauszufinden.
Das erzählt die Erzieherin:
Sandra L., Leiterin einer öffentlichen Kita in München

„Wir haben enorme Probleme mit einem fünfjährigen Jungen in der Kita, der seit einem Jahr äußerst aggressiv ist. Wir wissen uns nicht mehr zu helfen.

Seit über zwei Jahren ist Max* bei uns in der Kita. Am Anfang hat er sich gut in der Gruppe eingefügt. Wir hatten keine Probleme. Seit Oktober hat sich aber alles geändert. Max begann, uns Erzieher zu schlagen. Auch in seiner Familie ist er aggressiv. Max hat einen kleinen Bruder, der drei Jahre alt ist. Seine beiden Eltern sind berufstätig.

Um Max zu helfen und die Situation in der Einrichtung zu verbessern, begannen wir zu dokumentieren, wann er aggressives Verhalten an den Tag legt. Daraufhin erklärten wir ihm, dass sein Verhalten nicht in Ordnung ist. Zunehmend begann er auch, andere Kinder zu stören und sich aggressiv gegen alles zu verhalten – beispielsweise setzte er sich auf eine Kiste und trommelte und trat über eine halbe Stunde dagegen. Die Gespräche mit Max brachten jedoch keine Ergebnisse. Wir führten Kinderkonferenzen durch, zeigten ihm klare Regeln und Strukturen auf und probierten auch die Eins-zu-eins-Betreuung – ohne Erfolg. Gespräche mit den Eltern zeigten uns, dass Max auch zu Hause aggressiv ist und die Mutter bereits die Messer in der Schublade wegsperren musste, weil Max danach griff. Sie selbst fühlen sich hilflos.

Nachdem wir keinen Erfolg mit den Maßnahmen hatten und sich das Verhalten nicht besserte, holten wir die Frühförderung ins Haus. Das war ein interdisziplinäres Team aus Heilpädagogen und Psychologen sowie Ergotherapeuten und Logopäden. Sie konnten uns nicht helfen. Zur weiteren Abklärung wurde Max in eine Klinik für Psychologie gebracht. Das Ergebnis hat uns überrascht: Er sei nur in einer Phase und zeige hochbegabte Züge. Aber wer weiß, wie lange diese Phase noch dauert. Wir wissen nicht mehr, was wir machen sollen. Als letzte Konsequenz darf Max nicht mehr in die Kita kommen, und das wollen wir verhindern. Wie können wir weiter vorgehen?“

* Name von der Redaktion geändert

Das sagt der Experte:
„Ich finde es persönlich sehr schade, dass die Situation, in der Sie und Ihre Kita sich befindet, schon so weit fortgeschritten ist und Sie schon viele Maßnahmen ergriffen haben, die nicht wirken. Ich kenne Max und
sein Umfeld nicht persönlich und kann Ihnen daher nur allgemeine Anregungen geben, wie Sie mit dieser oder ähnlichen Situationen umgehen können.

Grundsätzlich gilt es zu überprüfen, ob es sich wirklich um aggressives Verhalten handelt, oder ob das Kind aus einer Not heraus auf sich aufmerksam machen möchte. ‚Hallo, ich bin auch noch da, ich will ernst genommen werden und gesehen werden. Kann mir bitte jemand helfen, wie ich mit meiner Situation klar komme!’ So oder ähnlich könnte man das in Worte fassen, was Kinder oft durch ihr Verhalten ausdrücken – Erwachsene nennen das aggressives Verhalten. Kinder befinden sich im Spannungsfeld zwischen Kooperation und Integrität. Muss ich mich anpassen oder kann ich meinen Bedürfnissen nachgehen und werden diese ernst genommen?

Ruhige Momente nutzen
Mein Tipp: Nutzen Sie eine entspannte Atmosphäre, in der Sie mit Max in Beziehung treten. Das heißt, wenn er nicht aggressiv ist. Erforschen Sie dann die Gründe für sein Verhalten. Zeigen Sie Verständnis für seine Gefühle, die hinter dem aggressiven Verhalten liegen. Ein Beispiel: Max sitzt ruhig auf dem Bauteppich und spielt. Da kann die Erzieherin hingehen und Max ansprechen: ‚Hey Max, ich sehe, du spielst hier mit den Bauklötzen. Heute Morgen habe ich gesehen, dass es dir nicht gut ging – du warst ziemlich wütend. Kannst du mir vielleicht sagen, was dich so wütend macht, weil das interessiert mich sehr!’ Es ist dann nicht wichtig, dass Max antwortet. Aber er fühlt sich gesehen und ernst genommen. Kinder haben zwei wichtige Grundbedürfnisse. ‚Ich will dazu gehören’ und ‚Ich will mich autonom entwickeln’. Häufig reagieren Erwachsene erst, wenn das Kind auffälliges Verhalten zeigt, das ist dann meist zu spät. Wenn Max nicht mehr in die Kita kommen dürfte, verschlimmert sich meines Erachtens seine Situation nur. Vielleicht gibt es einen Zusammenhang zwischen Max‘ familiärer Situation und seinem Verhalten, das er in der Kita zeigt. Max ist fünf Jahre alt, seit drei Jahren hat er einen Bruder. Wenn Geschwisterkinder auf die Welt kommen, müssen Eltern zwangsläufig ihre Aufmerksamkeit den Kindern gegenüber teilen. Dass beide Elternteile berufstätig sind, kommt erschwerend hinzu. Nehmen Sie sich hier ebenfalls Zeit und fragen Max in einem entspannten Moment, wie es ihm denn eigentlich geht, seitdem er ein Brüderchen hat. Suchen Sie das Gespräch mit den Eltern, damit sie gemeinsam Wege finden, um mit Max in Beziehung zu treten. Die Eltern könnten ehrlich sagen, dass es ihnen aufgrund der Arbeit und der Geburt des Bruders leider nicht möglich ist, sich so wie früher voll und ganz auf Max einzustellen. Das wäre die Wahrheit – und Kinder können mit der Wahrheit gut umgehen.

Und besonders wichtig ist: Warten Sie nicht erst eine halbe Stunde, wenn ein Kind zu laut trommelt. Gehen Sie auf das Kind zu, zeigen Sie Verständnis für sein Gefühl und sagen Sie mit persönlicher Sprache und möglichst ruhiger Stimme, dass es Ihnen zu laut ist. Sprechen Sie mit Max, nicht über das Trommeln: ‚Max, ich sehe, dass du auf die Kiste trommelst. Wahrscheinlich ärgert dich irgendwas. Das ist ok, vielleicht magst du mir verraten, was dich ärgert? Aber das Trommeln ist mir zu laut.’ So oder ähnlich könnten die Botschaften lauten, die Max helfen, mit seinen Gefühlen konstruktiv umzugehen.“

Der Experte:
Wolfgang Bergmann ist selbstständiger Familienberater, Coach und Trainer für Fachkräfte im Bildungsbereich. In Bielefeld führt er die Beratungspraxis „Leichtsinn – Leichtigkeit & Sinn“. Er ist Autor und Referent.


Foto: Alena Ozerova / Shutterstock
 

 



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