Raum und Zeit für die selbstständige Bewegungsentwicklung. Bewegungsanregungen im Sinne der Pikler-Pädagogik aus dem SpielRaum für Bewegung
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Pädagogische Praxis
22.07.2018  Andrea von Gosen

Raum und Zeit für die selbstständige Bewegungsentwicklung

Orientiert an der Pädagogik Emmi Piklers, nach der Kinder das Tempo ihrer Bewegungsentwicklung selbst bestimmen können sollen, werden im SpielRaum für Bewegung Kleinkindern Bewegungsmöglichkeiten angeboten, aber sie werden zu nichts aufgefordert, sondern können selbst entscheiden, was sie tun möchten. Wir übernehmen den Beitrag von Andrea von Gosen aus ZeT, Zeitschrift für Tagesmütter und -väter 3/2018 mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Gesunde Kinder gelangen ohne Hilfe zum freiem Sitzen, Stehen oder Gehen! Diese Erkenntnis, von der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler vor über 70 Jahren wissenschaftlich belegt, hat den Blick auf kleine Kinder in den letzten Jahren verändert. Viele Krippen und SpielRäume orientieren sich inzwischen an den Ideen der Piklerpädagogik. Das Zusammensein von Erwachsenen und Kindern beginnt sich in Folge zu verändern.

Hier einige Beispiele aus dem SpielRaum für Bewegung Berlin:

Lotta (acht Monate) löst sich sofort von ihrer Mutter, als sie den SpielRaum betreten. Sie krabbelt neugierig zu einer stabilen Dreiecksleiter, die mit einer flachen Schräge verbunden ist. Ben (zehn Monate) schmiegt sich zunächst ganz eng an seine Mutter, schaut sich aber mit großen Augen im Raum um. Er benötigt den engen Körperkontakt und möchte nicht auf den Boden abgesetzt werden.

Der SpielRaum in der Berliner Körtestraße ist mit einem behaglichen Holzfußboden ausgestattet, die Wandfarben wirken zurückhaltend und sanft. Als Angebote für die fünf Kinder zwischen acht und zwölf Monaten, die heute zum ersten Mal den SpielRaum besuchen, stehen verschieden große Kisten, die zum Hineinkrabbeln einladen, ein Kriechtunnel, ein Holzpodest, verbunden mit Schrägen zum Hinaufkrabbeln, und die sogenannte Dreiecksleiter zur Verfügung. Kleine Materialien – wie Holzringe, verschieden große Bälle, weiche bunte Tücher und handliche Bausteine – liegen zum Greifen und Sammeln am Boden verteilt.

Für die Eltern sind Kissen am Rand des Spielfeldes vorbereitet. Hier können sie mit ihrem Kind ankommen und von hier aus die Aktivitäten ihres Kindes in Ruhe begleiten. Für die Kinder ist es der sichere Ort, wo sie bei Bedarf Nähe und Trost finden.

 

 

Die Erwachsenen beobachten nur und drängen nicht

 

Häufig sind die Eltern zunächst irritiert, wenn wir sie einladen, hier nicht mit ihrem Kind zu spielen, sondern sich zurückzulehnen, ihrem Kind „nur“ zuzuschauen und für es ganz da-zu-sein. Das schließt die Bitte ein, sich zurückzuhalten und dem Kind keine Spielvorschläge zu machen.

Viele Eltern sind es gewohnt, mit ihrem Kind zu spielen und stets für neue Spiel- und Lernimpulse zu sorgen. Häufig steckt die Befürchtung dahinter, das Kind könne sich langweilen und nicht genügend angeregt werden.

Im SpielRaum erleben die Eltern eine gänzlich andere Atmosphäre.

Wir überlassen dem Kind die Initiative, drängen es nicht, sondern warten ab und schauen interessiert zu, für was sich das Kind interessiert. Wenn das Kind spürt, dass die Erwachsenen wohlwollend da sind und es nicht gedrängt wird, kann es sich – seinem Temperament entsprechend – entfalten. Wir erkennen, wo das Kind in seiner Entwicklung steht und was es interessiert.

Wir sind davon überzeugt, dass jeder Mensch von Geburt an das innere Bedürfnis und die Fähigkeiten hat, sich zu bewegen und etwas Neues auszuprobieren. Dies gelingt, wenn sich das Kind innerlich emotional sicher und geborgen fühlt.

Es ist ungewöhnlich ruhig. Ben sitzt neben seiner Mutter und hat begonnen, sich mit den Holzringen zu beschäftigen er scheint jetzt ganz vertieft zu sein.

Kommentare oder Gespräche unter den Erwachsenen würden jetzt stören. Die konzentrierte Atmosphäre wäre beeinträchtigt und die Aufmerksamkeit der Erwachsenen von den Aktivitäten abgelenkt.

Lotta hat sich von der Leiter abgewandt und untersucht jetzt das Holzpodest mit seinen unterschiedlichen Aufstiegsmöglichkeiten. Nach mehrmaligen Versuchen gelingt ihr der Aufstieg. Sie sieht sichtlich zufrieden aus. Ein Blick zur Mutter bestätigt ihr, dass sie gesehen worden ist.

 

 

Was das Kind aus eigener Initiative unternimmt, stärkt sein Selbstvertrauen

 

Dies begleitende Dabeisein ist ein wichtiger Motor, um die Eigenaktivität des Kindes zu unterstützen. Die Rückversicherung zur Mutter genügt als Bestätigung. Lotta kann in ihrem Rhythmus ungestört weiter erkunden.

Ein unsicheres Kind, das hilfesuchend um sich blickt, braucht vor allem unsere Geduld. Es hilft ihm nicht, wenn es gedrängt wird, etwas zu tun, wozu es noch nicht reif ist oder was es sich noch nicht zutraut. Zutrauen muss wachsen. Es ist auch keine Hilfe, wenn der Erwachsene das Kind auf ein Podest hebt oder mit ihm an der Hand das Gehen übt. Das nimmt dem Kind die Chance, herauszufinden, wie es in die neue Position gelangt und wie es sein Gleichgewicht halten kann. Alles, was das Kind aus eigener Initiative unternimmt, stärkt sein Selbstvertrauen. Die Piklermaterialien unterstützen diese Entwicklung. Sie sind so aufeinander abgestimmt, dass die einzelnen Entwicklungsschritte vom Liegen über das Kriechen und Krabbeln bis zum Aufstehen und freien Gehen erarbeitet werden können. Wenn hier nicht eingegriffen wird, lernt das Kind achtsam mit seinen Grenzen umzugehen.

Auch Ben hat sich inzwischen auf den Weg zum Holzkasten gemacht.

Im gemeinsamen Nachgespräch am Abend in der Elternrunde berichtet seine Mutter, wie schwer es ihr zunächst fiel, Ben nicht zu überreden und ihn aufzufordern, den Raum zu erkunden, aber auch davon, wie entspannend es dann für sie war, nicht ständig das nächste Spielzeug anzubieten.

 

 

Kinder, die ihr Entwicklungstempo selbst bestimmen können, fühlen sich angenommen

 

Wenn Eltern sich auf den Piklerweg einlassen, werden auch sie sicherer im Umgang mit ihrem Kind. Durch Beobachtung wächst ihr Gespür und das Verständnis für ihr Kind. Sie entwickeln nach und nach das Vertrauen in seine Fähigkeiten und erkennen die Bedeutung der Kooperation mit dem Kind.

Können Kinder ihr Entwicklungstempo selbst bestimmen, machen sie die Erfahrung: Ich werde als Person respektiert. Für Emmi Pikler ist zunächst die Pflege der wichtigste Bereich der sozialen Kommunikation. Wickeln, waschen, anziehen: Wird das Kind von „sanften Händen“ berührt, wird mit ihm dabei gesprochen, fühlt es sich angenommen. Auch wenn vielleicht manches etwas länger dauert, ein so liebevoll behandeltes Kind ist emotional gesättigt und kooperiert gern. Das macht sich später im Spiel mit anderen Kindern bemerkbar. Ein Kind kann feinfühlig reagieren, weil es selbst Feinfühligkeit erlebt hat.

 

 

Wer war Emmi Pikler?

Emmi Pikler, 1902 in Wien geboren, erforschte mit Beginn ihres Medizinstudiums die Bewegungsentwicklung von Kindern. Gemeinsam mit ihrem Mann, einem Mathematiker und Pädagogen, entschied sie, ihrer erstgeborenen Tochter freie Bewegungsmöglichkeiten zu geben und ihre Entwicklung mit Geduld abzuwarten. Zunächst als Kinderärztin in Budapest tätig, vertiefte sie ihre Erkenntnisse über die Kompetenzen und Bedürfnisse von Kindern weiter. Mit der Gründung des Säuglingsheim für verlassene und unterernährte Säuglinge schuf sie ab 1946 einen einzigartigen Ort, an dem Heimkinder ohne Hospitalismus aufwachsen konnten. Emmi Pikler, die als Mutter von drei Kindern und als Kinderärztin bis zu ihrem Tod 1984 wissenschaftlich tätig blieb, hinterließ eine Fülle an Forschungsergebnissen, die für die heutige Kleinkindpädagogik von großer Bedeutung sind.

Informationen über ihr Lebenswerk, das das Pikler-Institut fortführt, und Literaturhinweise unter: www.pikler-verband.org ( Pikler Verband Europa e.V. )

 

 

Nach der ersten Begegnung mit der Pikler-Pädagogik Anfang der 90er Jahre entstand bei Andrea von Gosen der Wunsch, die Erkenntnisse Emmi Piklers an Eltern und Erzieherinnen weiterzugeben. Der SpielRaum für Bewegung gab ihr die Möglichkeit dazu und wurde neben ihrer Tätigkeit als Fortbildnerin und Beraterin im Bereich der Kleinkindpädagogik ein zweites berufliches Standbein.

Inzwischen stehen Spielräume in vielen Orten Eltern mit Kindern als Experimentierfeld zur Verfügung.

Hier erhalten Sie weitere Hinweise zum Thema und zu Gruppen an anderen Orten:

Andrea v. Gosen
Piklerpädagogin

andrea@vongosen.de

www.pikler-spielraum.de


Quelle: ZeT, Zeitschrift für Tagesmütter und -väter 3/2018, Seite 14-15


 

 



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