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"Glück" im schulischen Lehrplan

Glücklich sein kann gelernt werden

Kann man lernen glücklich sein? Oder ist Glück ein Zufall? Mit dieser Frage haben sich schon die großen Philosophen der Antike beschäftigt. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass ein Perspektivwechsel zu interessanten Erkenntnisse für ein gelingendes Leben führen kann. Was für ein Glück!

Jutta Häuselmann

Die Frage „Sind Sie glücklich?“ können die meisten Menschen nicht auf Anhieb beantworten. Sie zieht viele Fragen nach sich: Was ist Glück eigentlich? Ist Glück für jeden Menschen das Gleiche? Und wie misst man Glücklichsein überhaupt? Glück ist, wenn man sich glücklich fühlt. Allerdings stellt sich die Frage, wie wir mehr Glücksgefühle und Lebenszufriedenheit erreichen können. Die Glücksforschung zeigt uns, wie wir das trainineren und an andere weitergeben können - in Schule, im Beruf und im Privatleben. 66 Prozent der Deutschen sagen, dass sie momentan glücklich sind. 28 Prozent glauben sogar, dass sie in fünf Jahren noch glücklicher sein werden. Dann ist ja alles gut – doch die Grundstimmung sieht anders aus. Denn über die Hälfte ist der Meinung, dass sie in ihrem bisherigen Leben eher Pech als Glück hatten (Quelle YouGov-Studie 2019). Glück ist „eine angenehme und freudige Gemütsverfassung, ein Zustand innerer Befriedigung und Hochstimmung“, so definiert es der Duden. „Glück, das ist einfach eine gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis“, sagte Ernest Hemingway. „Es stimmt, dass Geld nicht glücklich macht, allerdings meint man damit das Geld der anderen“, meinte George Bernhard Shaw. Für Dr. Busch ist Glück nicht immer reine Glückssache. „Die modernen Neurowissenschaften erkennen in den letzten Jahren Zusammenhänge zwischen dem eigenen Lebenswandel und Zufriedenheit, Erfolg und psychischer Gesundheit“, erklärt der Wissenschaftler.

In der Philosophie setzten sich verschiedenste Strömungen mit der Idee vom Glück auseinander. In der Antike hat man sich die Frage nach dem Glück zum einen mit bildhaften Vorstellungen wie dem schicksalhaften Rad der Fortuna und mit Kriterien der sogenannten guten Lebensführung beantwortet. Es gab also eine erste grundsätzliche Unterscheidung zwischen dem „schicksalhaften“ und dem durch das eigene, stetige Handeln beeinflussbare Glück. Ausgehend von der Idee, dass allein ein auf lange Dauer oder auf die gesamte Lebenszeit gesehener Erfolg im Leben Glück erzeugen kann, befasste sich auch Sokrates mit der positiven Lebensführung. Der Begriff der Eudämonie bezeichnet die innere Anleitung zu einer positiven Lebensführung. Sokrates steht für eine moralische Verwendung des Glücksbegriffs. Durch seine eigene Biografie kann ein Rückschluss auf die Deutung des Begriffs Glück bei Sokrates gezogen werden. Sokrates, der die Möglichkeit hatte aus dem Gefängnis auszubrechen und sein Leben vor dem sicheren Tode zu bewahren, nahm diese Möglichkeit nicht wahr. Er bezog sich bei dieser Entscheidung auf das moralische, für ihn fundamental Richtige. Diese grundsätzliche Orientierung, die Tugenden hervorbringt, erschafft für ihn nachhaltiges Glück. Er machte Glück nicht abhängig von einem sozialen Status - für ihn hatte jeder Mensch das gleiche Recht und die gleiche Möglichkeit, ein glücklicheres Leben zu führen.

Für das persönliche Empfinden von Glück und Unglück sind aber auch chemische Prozesse verantwortlich. In der Neurobiologie wurde der Austausch von Botenstoffen, wie zum Beispiel das auch als Glückshormon bezeichnete Serotonin dem Glücksgefühl zugeordnet. Es handelt sich bei Serotonin um einen Neurotransmitter wie auch bei Dopamin. Eine Freisetzung dieser Stoffe, genauso wie Endorphine und Oxytocin, wird durch verschiedene Aktivitäten ausgelöst wie beispielsweise Geschlechtsverkehr, Essen, Entspannung und Sport.

In der Psychologie ist die Forschung über die Merkmale, die das Wohlbefinden steigern, relativ neu. Sehr lange hat sich die Psychologie in erster Linie mit der Beschaffenheit von Unglück sowie den pathologischen Aspekten der menschlichen Psyche auseinandergesetzt.

In der Psychologie wird Glück definiert als eine positive Emotion, die mit einem langanhaltenden Zustand der Zufriedenheit einhergeht. Die nähere Begriffsbestimmung ist allerdings problematisch, deshalb wurde versucht zwischen dem kurzfristigen Glückserleben und einem nachhaltigen Glückszustand zu unterscheiden. Der Psychologe Phillip Mayring trifft in seinem Werk die Psychologie des Glücks eine Unterscheidung. Im englischen gibt es diese Unterscheidung innerhalb der Wortbedeutung von Glück. Pleasure meint ein kurzes Vergnügen, happiness definiert einen längeren, glücklichen Zustand. Mayring unterscheidet zwischen trait und state. Begründet ist diese Unterscheidung in der Widersprüchlichkeit der Forschungsergebnisse, wenn das kurzweilige nicht vom langanhaltenden Glück unterschieden werden kann.

Das Schulfach Glück in der Praxis

2007 startete Ernst Fritz-Schubert als Oberstudiendirektor an seiner Willy-Hellpach-Schule ein interessantes Projekt. Um das Klima dort zu verbessern und der Forderung so vieler Organisationen wie WHO oder OECD nachzukommen, begründete er zusammen mit einem Kompetenzteam das "Schulfach Glück". Aufgabe war und ist es, Lebenskompetenz, Lebensfreude und Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und diese auch im Schulalltag zu realisieren. Ganz allgemein basiert der Glücksunterricht auf den Erkenntnissen aus der Wissenschaft der Positiven Psychologie im Kontext der Neurologie, Soziologie, Psychologie und Biologie. Das ist die Forschung für ein gelingendes Leben, die seit den 1990er Jahren immer größere Aufmerksamkeit findet. Ein Ziel ist es, beispielsweise den Fokus nicht auf Defizite zu legen, sondern auf das Positive zu lenken und lösungsorientiert zu denken. In einer ersten Reaktion sind wir Menschen oft geneigt ‚Schuld oder Versagen‘ statt ‚Lösung und Stärken‘ zu suchen. Diese Haltung zu lernen, ist eine der Grundlagen des Unterrichts.

Im Schulfach Glück werden die aktuellsten Forschungsergebnisse zusammengefasst und anhand eines roten Fadens über das komplette Schuljahr vermittelt. Dabei werden sechs Phasen aufgezeigt. Diese nennen sich: Eigene Stärken und Werte kennen, Visionen und Lebensmotive für sich selbst aufbauen, realistische Entscheidungen treffen können, Planen und mögliche Hindernisse vorab erkennen, tatsächliches Umsetzen der Ziele und schließlich die Reflexion bei Gelingen oder Misserfolg. Das ist der Kreislauf, den Menschen eigentlich bei jedem Wunsch und dessen Umsetzung immer wieder neu durchlaufen. Dies bewusster zu durchleben, daran wachsen wir. Die Schülerinnen und Schüler entdecken für sich ganz individuell:

  • Was brauche ich? Welche „Psychischen Grundbedürfnisse“ habe ich? Wann brauche ich mehr Freiheit, wann mehr Sicherheit? Wann brauche ich mehr Sinn bei meinen Tätigkeiten, wann weniger?  Zu erkennen, dass es bereichernd ist, anderen zu nützen und selbst aufgefangen zu sein. Ein pro-aktiver und angesehener Teil der Gesellschaft zu sein.
  • Was kann ich? Die eigenen „Kompetenzen“ zu kennen. Die eigenen Schwächen zu erkennen, an ihnen zu arbeiten und daran zu wachsen. Das Ausschöpfen des eigenen Potenzials, ohne sich dauerhaft zu überfordern. Ebenso sich nicht dauerhaft zu unterfordern = herausfordernd leben. Zur eigenen Reflexion der Kompetenz gehören die Fach- und Methodenkompetenzen (z. B. Fertigkeiten), die Sozialkompetenzen und die Selbst-Kompetenzen um im Leben mit den Herausforderungen, auch den Unerwarteten, adäquat umzugehen.
  • Wer bin ich? Welche „Konsistenz“ habe ich? Die positive Betrachtung des eigenen Selbst-Wert-Gefühls. Dies zu schützen und bei Bedarf zu fördern. Ein bewusstes Umgehen mit Vertrauen. Zu erkennen, was mich (vielleicht sogar unterbewusst) antreibt und dies gegebenenfalls zu korrigieren. Der bewusste Umgang mit den eigenen inneren Widersprüchen. Dem Bewusstsein der eigenen Verantwortung für mein Handeln und der eigenen Verantwortung für mich selbst. Somit auf sich selbst achten zu können.
  • Was will ich? Der „Kohärenz“-Gedanke bildet das persönliche „Selbst-Konzept“, welches aus den eigenen Wünschen und Zielen entsteht. Es reflektiert das eigene Handeln im Bezug zur Sinnhaftigkeit. Damit ist nicht der augenblickliche Sinn gemeint, sondern der Sinn, den die Handlung in Zukunft bringt. Die Betrachtung meiner Ziele und Handlungsweisen im Kontext der Handhabbarkeit um Unter- und Überforderung zu justieren. Die eigenen Ziele gesund erreichen, sie gegebenenfalls anzupassen. Oder sogar um bewusst und möglichst gesund daran zu scheitern. Um auch aus einem Scheitern die positiven Aspekte für die eigene Persönlichkeit und das eigene Leben zu ziehen. Das Gefühl, das Leben als ein geordnetes Ganzes wahrzunehmen.

Die Theorien dahinter sind umfangreich und vor allem das Praktische hinter den Theorien sind echte Arbeit mit hohem Freude- und Sinn-Faktor. Alles in allem soll mit dem Schulfach Glück gezeigt werden, dass Schule nicht bitter schmecken muss, sondern wirklich Freude machen kann. Es soll den Schülern gut gehen, an Körper und Seele. Lehrer sollten nicht Fehlersucher sein, sondern Schatzsucher.

 

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Von Jutta Häuselmann • 26.10.2019

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