Ein Kind weint mit geöffnetem Mund
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Ursache, Ursprung und Umgang mit kindlicher Aggression

Mein Kind haut - was kann ich tun?

Manchmal nur ein kleiner Anlass - manchmal gibt es offensichtlich gar keinen Anlass - aus dem heraus, sich dennoch ein großes Problem entwickelt. Viele Eltern kennen diese Situation: Das eigene Kind schlägt ein anderes Kind! Den Fragen und Problemen, die sich daraus ergeben, stellt sich die Autorin Kathrin Hohmann in ihrem Artikel anhand eines konkreten Beispiels.

Kathrin Hohmann

Verzeichnis

  • Ein Blick in die Entwicklung eines Kleinkindes

  • Warum Aggressionen entstehen können?

  • Welche Bedürfnisse spielen eine besondere Rolle?

  • Welche Motive für Konflikte und Ärger können vorliegen?

  • Die Perspektivübernahme

  • Was hat es mit der Impulskontrolle auf sich?

  • Wenn wir wütend werden

  • Ein Blick auf das Temperament der Kinder

  • Die Rolle der Erwachsenen

  • Konkret, was kann ich nun tun?

  • Literatur und Literaturtipps

 

Eine Mutter fragte mich kürzlich, wie sie ihren einjährigen, lebhaften und intensiven Sohn bestmöglich begleiten kann. Sie beschreibt ihn ebenso als bewegungsaktiv und selbstbewusst, im Umgang mit anderen Kindern zeigt er sich hingegen eher schüchtern. Fühlt er sich von Kindern bedrängt, so haut er. Dazu nutzt er seine Hand oder auch mal einen Gegenstand. Eine Phase des Beißens verging durch konsequentes beiseite nehmen schnell. Wird das kleine Kind während dieser Bedrängungssituation am Hauen gehindert und aus der Situation genommen, beginnt er zu weinen und setzt mit dem Hauen bei Rückkehr fort. Die Mutter begleitet diese Situation sehr nah und liebevoll. In stressigen Situation fällt ihr dies aber deutlich schwerer.

Zu allererst ist es so wichtig zu sagen: Liebe Kleinkind-Mama, es ist so großartig, dass du dein Kind so wertschätzend begleitest und nach dem geeigneten Weg für euch suchst. Du möchtest sein Verhalten verstehen und ihm bei der Verständigung helfen und das gewaltfrei. Ein so wichtiger Schritt. 

Aus meiner Sicht ist es so hilfreich, wenn wir besser verstehen, was sich hinter dem Hauen verbergen kann. Nicht immer erschließt sich aus dem Verhalten der Kinder, wie wir sie unterstützen können. Daher möchte ich im Folgenden einen Versuch unternehmen, die Grundlagen von diesem und anderem Verhalten entwicklungstheoretisch einzuordnen. Ich frage mich, warum Kinder „aggressiv“ reagieren? Welche Auslöser gibt es dafür? Welche Bedürfnisse haben sie und was führt zu dem abwehrenden Hauen? Wie gehen wir selbst mit Wut um?

Ein so komplexes und wertvolles Thema, womit man ganze Bücher füllen kann. Aus meiner Sicht ist es enorm wertvoll sich früh damit zu beschäftigen, denn in den kommenden Jahren werden noch viele konfliktreiche Situationen in der Familie und mit Kindern entstehen. Um so früher wir uns also auf den Weg machen unseren Umgang damit zu üben und für welche Begleitung wir uns entscheiden, um so besser.

Ein Blick in die Entwicklung eines Kleinkindes

Im zweiten Lebensjahr passieren so weitreichende Fortschritte in der Grob- und Feinmotorik, aber auch in der sprachlichen Entwicklung des Kindes. Kinder verstehen bevor sie mit dem Sprechen beginnen passiv. Sie erforschen, entdecken und interagieren mit der Umwelt und der eigene Radius erweitert sich Stück für Stück. In diesen Monaten entdeckt das Kind sein eigenes „Ich“ und begreift sich als eigenständiges Wesen. Es erkennt sich eines Tages selbst im Spiegel. Sie streben danach, in Situationen selbst die Regie zu übernehmen. Eine weitreichende Entwicklung und jeden Tag passieren neue Dinge, dass wir beim Beobachten mit dem Staunen oft nicht aufhören können (vgl. Bensel/Haug-Schnabel 2017).

„Schon einige Einjährige, aber fast alle Zweijährigen haben das dominierende Entwicklungsthema »Alleine!«. Sie wollen die Welt erobern, und zwar mit so wenig Hilfe wie möglich. Typische Autonomiekonflikte entbrennen dadurch, dass das Kind eine eigene Handlungsabsicht und ein eigenes Handlungsziel hat. Jetzt stößt das Kind immer wieder an seine Grenzen, und zwar an von außen gesetzte genauso wie an die eigenen, da seine fein- und grobmotorischen wie auch vor allem seine sprachlichen Möglichkeiten noch begrenzt sind.“  (Bensel/Haug-Schnabel 2017, 91).

Kinder versuchen Widerstände „aggressiv“ zu überwinden und probieren aus, wann und wie sich der eigene Wille durchsetzen läßt. Sie möchten verstehen lernen, welche Grenzen unüberwindbar sind und bitten um Orientierung. Eine, für den Erwachsenen, herausfordernde Zeit: Das Kind möchte eine Antwort, welche wir ihm nicht vorenthalten sollten, auch wenn wir in manchen Momenten die Frustration scheuen (vgl. Bensel/Haug-Schnabel 2017).

Wir sehen, da passiert eine ganze Menge und bereits hier wird deutlich, dass sich neben dem Staunen über die Entwicklung auch viel Zündstoff versteckt, der nicht nur Freude und Glück in uns und den Kleinkindern hervorruft.

Warum Aggressionen entstehen können?

Kinder haben in der Regel einen enormen Explorationsdrang. Mit großer Motivation möchten sie Neues aufspüren und erreichen. Werden sie dabei unterbrochen, reagieren sie mit großer Verärgerung (vgl. Dornes 2013). 

Aggressionen werden unter bestimmten Voraussetzungen angeregt. So wird auch das Hauen des Kindes, von einem Reiz ausgelöst. Oft ist dieses Verhalten eines Kindes für eine unbeteiligte Person spontan und unerklärbar auftritt, nie aber grundlos (vgl. Kollmann 2013). Es möchte damit immer etwas mitteilen und benötigt uns Erwachsene als Übersetzer und Begleiter.

Verschiedene Theorien nutzen zur Erläuterung des kindlichen Verhaltens die Begriffe der reaktiven Aggression („Aversion“) und der Selbstbehauptung („Assertion“).

Die  Aversion wird von einem Reiz ausgelöst und benötigt für die Entstehung einen Auslöser oder eine Bedrohung. Die entsteht nicht von selbst. Sie erzeugt eindeutig negative Gefühle, welche verschwinden, sobald die Bedrohung vorüber ist (vgl. Dornes 2013). Dem gegenüber steht die Selbstbehauptung (Assertion), diese entsteht von allein und wird beispielsweise durch ein interessantes Objekt ausgelöst. Im Gegensatz zur „Abneigung“ treten bei der „Selbstbehauptung“ positive Gefühle auf. Beide können aber leicht verwechselt werden.

Am Beispiel erläutert:

Stellen wir uns vor unser lebhaftes Kleinkind erkundet mit einem Löffel einen Tisch. Es haut und klopft und erfreut sich sichtbar am Klang und den Geräuschen. Ein Erwachsener unterbricht diese Handlung und entnimmt dem Kind den Löffel. Wie wird das Kind reagieren? Vorstellbar ist, es reagiert mit Ärger, Frustration oder auch Rückzug, denn seine Handlung und der Wunsch nach Exploration wurde unterbrochen.

Der Ärger ist hierbei durchaus sinnvoll, denn durch diesen erhöht sich die Selbstbehauptungskraft und treibt das Kind an, Hindernisse zu überwinden. Für den weiteren Verlauf ist entscheidend wie die Erwachsenen die Situation weiterhin begleiten.

Für das Kind macht es einen großen Unterschied, ob ihm ein anderer, beispielsweise ein weicherer Gegenstand angeboten wird, oder ob es beschimpft wird. Bei letzterem fühlt es sich womöglich frustriert und es könnten reaktive, selbstschützende Aggressionen mobilisieren. Problematisch ist es, wenn das Kind in seinem Drang zu Explorieren häufiger gestört wird. Diese Einschränkung lässt ernsthafte Aggressionen wachsen. In diesem Fall könnte die Aggression als eine Folge auf die Reaktionen der Erwachsenen zu betrachten sein (vgl. Dornes 2013).

Es ist somit unheimlich wichtig genau zu beobachten:

  • In welchen Situationen reagiert mein Kind mit Aggression?
  • Wie äußert es dies?
  • Welche Situation ging dem voraus?
  • Wurde es in seinem Tun unterbrochen?
  • Welches Bedürfnis können wir erkennen?

Selbstbehauptung ist für das Kind im Alltag und für dessen gesunde und selbstbewusste Entwicklung wichtig. Unterbrechungen, Einschränkungen oder auch Fehlinterpretationen können sich hinderlich auswirken. Ein Kind muss erst erfahren, wie es sich angemessen durchsetzt, ohne dabei Ärger ausgesetzt zu sein (vgl. Dornes 2013).

Es geht bereits im Kleinstkindalter bei aggressivem Handeln immer um die Verteidigung von etwas oder um das Erkämpfen von etwas! Aggressionen ohne Ursache aus reiner Boshaftigkeit gibt es nicht. (Haug-Schnabel 2011, 12).

Wir können fest davon ausgehen, dass Kleinkinder nie in böser Absicht handeln. Ist etwas in ihrem System im Ungleichgewicht oder in Vernachlässigung, machen sie auf sich aufmerksam.

An dieser Stelle hilft ein Blick auf die kindlichen Grundbedürfnisse, die bei Erfüllung unheimliche Sicherheit vermitteln (vgl. Kollmann 2013).

Welche Bedürfnisse spielen eine besondere Rolle?

  • Die emotionalen Bedürfnisse: diese zeichnen sich durch Nähe einer empathischen, liebevolle und wertschätzenden Bezugsperson aus. Das Kleinkind braucht ebenso das Gefühl gehört und verstanden zu werden.
  • Die sozialen Bedürfnisse: das Kind möchte sich anerkannt und gemocht fühlen und selbst partizipieren können. Ein Gefühl des Verstanden-werdens ist für die Erfüllung ein wichtiger Bestandteil.
  • Die vitalen Bedürfnisse: diese betreffen die körperliche Gesundheit und umfassen einige wichtige Teilbereiche. So ist es für ein Kind von Bedeutung, dass es basisversorgt, sensibel gepflegt und gut ernährt ist. Darüber hinaus benötigen besonders kleinere Kinder Zeiten der Aktivität sowie ausreichend Phasen zum Entspannen und Ruhen. Sie sind ebenso auf Bewegungsfreiräume und ausreichende Raum und Platz zum Bewegen angewiesen. Auch die Gestaltung der Übergänge („Mikrotransitionen“) tragen zum Wohlbefinden bei. Häufig entsteht Ärger und Frustration bei Wechseln wie z.B. beim Anziehen, Essen, vom Spiel ins Bett etc.
  • Die kognitiven Bedürfnisse: welche sich hier auf das Lernen und Denken beziehen, stehen im Einklang, wenn Kinder sich auf Augenhöhe angesprochen und ihre nonverbalen Fragen verstanden fühlen. Sie benötigen Raum zum Erforschen und Entdecken und eine kindgerechte und abwechslungsreiche Umgebung.

In Anbetracht ihres Alters sind Kinder in der Lage bestimmte Bedürfnisse für einen Moment zurück zu stellen. Sie machen aber deutlich auf sich aufmerksam, wenn sie sich unsicher oder unwohl fühlen. Einige reagieren frustriert und verärgert und benötigen eine liebevolle Unterstützung. In Begleitung können sie so ihre Schwierigkeiten erleben und gemeinsam neue Lösungswege entdecken (vgl. Haug-Schnabel 2011).

„Optimal für ein Kind und seine Entwicklung ist also eine Balance zwischen der Erfüllung seiner Bedürfnisse und einer zu lernenden Bedürfnisvertagung. Eine mangelnde Erfüllung erhöht jedoch das Risiko aggressiven Verhaltens. Die Erfüllung zweier Bedürfnisse ist von besonderer Bedeutung, um späteres aggressives Verhalten zu vermeiden: des kindlichen Bedürfnisses nach Bindung und Beziehung sowie des Bedürfnisses nach Anregung, Ruhe und Bewegung“. (Kollmann 2013, 39). 

In unserem Eingangsbeispiel des einjährigen Jungen, der zu hauen beginnt, wenn ihm Kinder zu nahe kommen, könnte es sein, dass er seinen Bewegungsfreiraum in Gefahr sieht. Er fühlt sich womöglich bedrängt und braucht seinen eigenen Raum. Für manche Kinder wirkt ein „auf sie zukommen“ wie eine Bedrohung. Vielleicht sieht er aber auch ein Objekt in Gefahr, welches er verteidigen möchte?

Welche Motive für Konflikte und Ärger können vorliegen?

Bei Kindern im Alter von acht Monaten:

  • Unterbrochene Handlungen
  • Interesse an einem Objekt, Neugier und Exploration

Bei 14 Monate alten Kindern:

  • zusätzlich erweckte Bedürfnisse (das Verhalten eines Kindes erweckt Interesse oder eigenes Bedürfnis)
  • bewirken wollen (der Wunsch etwas selbst zu bewirken und zu beeinflussen kommt hinzu)

Bei 22 Monate alten Kindern:

  • zusätzlich Wunsch nach Besitz
  • Aufstieg in der Hierarchie
  • Kontakt- und Erregungssuche (Kontaktsuche und Vermeidung von Langeweile und Einsamkeit (vgl. Haug-Schnabel 2011).

Eingangs haben wir schon einiges über die entwicklungspsychologischen Hintergründe von Kleinkindern erfahren. Nennenswert und überaus prägend ist auch das Bindungsverhalten des Kindes, welches sich stärkend und schwächend auf das Verhalten auswirken kann. Kinder mit sicherer Bindung zeigen eindeutig größere soziale Kompetenzen, ein stärkeres Selbstwertgefühl und sind lern- und experimentierfreudiger. Wurden sie hingegen häufig zurückgewiesen und abgelehnt, so kann ihre Frustrationstoleranz leiden. Auf Grund ihrer Erfahrung gehen sie schneller auf Abwehr und vermuten auch schneller feinseliges Verhalten beim Gegenüber (begründet durch ihre Erfahrungen). 

"Mein Kind weiß doch, dass es nicht hauen soll. Das macht es doch mit Absicht!"

Ich kann euch beruhigen, das tut es nicht. Oft unterstellen wir Erwachsenen Kindern Absichten, die es nicht hat. In erster Linie reagiert es auf etwas, um sich zu schützen und auf sich aufmerksam zu machen. Kleinkinder sind egozentrisch und sehen sich als Mittelpunkt der Welt. Sie verstehen noch nicht, dass ein anderer Mensch anders denkt oder fühlt als es selbst. 

Die Perspektivübernahme

Sie können sich bereits früh (mit wenigen Monaten) betroffen fühlen und werden durch Gefühle eines anderen Kindes angesteckt. Mit dem Einfühlungsvermögen und der Perspektivübernahme dauert es aber noch viele Monate bis Jahre. Erst differenzieren sie die Gefühle eines anderen und erkennen, dass es sich dabei nicht um die eigenen Emotionen handelt. Die Empathie ist zu Beginn rein emotional. Aber noch entfernt davon, sich in einen anderen Menschen hineinzudenken und kognitiv zu überlegen, wie sie ein anderes Kind unterstützen oder trösten könnten. Dieser Reifungsprozess findet erst frühestens um den vierten Geburtstag statt. Verantwortlich hierfür ist die Reifung des Stirnhirns, des präfrontalen Kortex. 

Ein Kind zu hauen geschieht somit nicht, um ihm bewusst Schaden zuzufügen. Kinder in diesem Alter sind niemals „böse“ oder wollen uns gar mit ihrem Verhalten ärgern. Diese Absicht setzt das in uns oder andere hineindenken voraus (vgl. Bensel/Haug-Schnabel 2017). Sie können noch nicht darauf schließen, dass wenn ihnen etwas weh tut, es einem anderen ähnlich geht.

Was hat es mit der Impulskontrolle auf sich?

Erst wenn Kinder nachfühlen können, wie sich das Gegenüber fühlt, können sie lernen abzuwägen, wie sie reagieren. Ist es sinnvoll zu hauen oder besser ihren Impuls aufzuschieben. Die Beherrschung der Impulskontrolle fällt ihnen aber schwer. „Dem Gehirn fehlen aufgrund ihres Alters noch die notwendigen Voraussetzungen, um den Impuls zu stoppen oder weniger ausfallen zu lassen“ (Graf/Seide 2017, 40). Der Hauimpuls bricht aus manchen Kindern ungefiltert heraus.

Kleinkinder handeln und denken oft noch gleichzeitig. Daran ist der präfrontale Kortex schuld, solange dieser nicht „vollständig ausgereift ist“, fällt es den Kindern schwer ihre Kontrolle zu bewahren. „Wird ein Mensch auf irgendeine Weise bedroht, läuft in seinem Gehirn in Sekundenschnelle ein komplexes, automatisiertes Programm ab, das die Situation einschätzt.“ Das Zügeln der Impulse ist eine langjährige Übung, die viel Geduld und Begleitung benötigt. Besonders in Stresssituationen oder wenn die Bedürfnisse des Kindes nicht im Einklang sind, sind die Impulskontrolle sicht- und hörbar. Die eigenen Bedürfnisse aufzuschieben, lässt sich in ruhigen und „frischen“ Situationen gut begleiten und macht nach einem langen Krippentag hingegen weniger Sinn.

Wenn wir wütend werden

Fühlen wir nun in uns und machen uns einmal bewusst, wie es uns manchmal geht. Sind wir hungrig, müde nach einem stressigen Tag, fällt es uns weitaus schwerer uns in Gelassenheit und Harmonie zu üben. Dabei haben wir den großen Vorteil und dürfen bereits auf unseren völlig ausgereiften präfrontalen Kortex zurückgreifen. Aber mal ehrlich, wie sieht es mit unsere Impulskontrolle aus? Und dann sollten wir auch noch die Vorbilder für unsere Schützlinge sein. Ein intensiver Job, aber es lohnt sich, seine eigenen Impulse zu beobachten und zu reflektieren. Unser inneres Kind wird dann auch gern mal geweckt und meldet sich plötzlich ganz laut und wütend. Haben wir vielleicht selbst unsere Wut in der Kindheit stark unterdrücken müssen und nun will diese genau in herausfordernden Momenten mit unserem Kind raus? Wir wollen einen klaren Kopf bewahren, aber selbst fühlen wir uns von den Gefühlen unserer Kinder so  mitgerissen? Ganz ehrlich, dass passiert vielen Menschen und das zu erkennen, ist ein riesiger Schritt. Der erste Wichtige, um dagegen anzugehen und sich mit dem Kind auf die Reise zu machen. Denn wir wünschen uns ja so sehr, dass es ihm oder ihr anders ergeht, richtig?

Ein Blick auf das Temperament der Kinder

"Aber warum haut nun mein Kind und das meiner Nachbarin nie?"

Viele wundern sich, warum zwei Kind in der gleichen Situation auf Ärger und Frustration so anders reagieren. Das liegt unter anderem an ihrem Temperament. Während einige Kinder als „pflegeleicht“ gelten, gibt es noch die „langsam auftauenden“ sowie die „schwierigen“ Temperamenttypen. Alle dieser Kinder brauchen einen besonderen Umgang und Bezugspersonen, die stimmig auf ihre Frustrationen reagieren. Besonders Kinder, mit „schwierigem“ Temperament benötigen eine erhöhte Feinfühligkeit. Im Alltag kostet das alle Beteiligten mehr Kraft und Zeit. Statt der Formulierung des schwierigen Temperamentes bevorzuge ich die Begrifflichkeit des intensiven Verhaltens. Kinder tun dies hingegen nicht, um uns zu ärgern, sie können nicht anders.

Die Rolle der Erwachsenen

Nun ja, wir wissen nun was ein Kleinkind so alles kann und wo es eben noch auf Unterstützung angewiesen ist. Der Fakt, dass es noch keinen Perspektivwechsel vornehmen kann und die Impulskontrolle einige Jahre für ihre Reifung braucht, lässt uns vielleicht nicht aufatmen. Wichtig ist aber, dass wir das verstehen. Verstehen, dass wir unserem Kind keine falsche Absicht unterstellen, zu viel von ihm erwarten und womöglich auf Grund falscher Annahmen genervt und abwertend reagieren. Dies hätte leider keine Besserung zur Folge, ganz im Gegenteil. Bestrafen wir und lehnen es ab, versteht es die Welt nicht mehr und wir verschlimmern nur die Situation und das Verhalten.

Was das Kind braucht, sind Erwachsene, die es verstehen und begleiten, denn Kinder sind darauf so sehr angewiesen.

Wir alle wollen das Beste für unser Kind, also nehmen wir uns die Zeit und Kraft, in diesen schweren Situationen möglichst klar und liebevoll zu reagieren. Wir haben einen großen Einfluss auf die Regulation der Aggressionen und Gefühle der Kinder. Durch unsere Begleitung lernt das Kind den Kontakt zu sich selbst und zu anderen Kindern. Dabei tragen wir eine wichtige Aufgabe und betrachten jedes Kind auf Augenhöhe. Juul prägte den Begriff der Gleichwürdigkeit, was so viel bedeutet, wie dass jeder Mensch auf dieser Erde den gleichen Wert hat. „Die Führung bleibt beim Erwachsenen, doch die Welt der Kinder, ihre Gedanken, Gefühle, Eigenschaften und Wünsche werden genauso ernst genommen wie die der Erwachsenen“ (Kolbe/Bergmann 2016, 9). Kinder, die durch ihr Verhalten auffallen, benötigen Unterstützung und ein Gefühl der Annahme und Wertschätzung.

Konkret, was kann ich nun tun?

  • Deinem Kind mit Offenheit begegnen: „Ich bin für dich da und möchte verstehen, was du brauchst!“
  • Die Situation möglichst objektiv zu beobachten und zu schauen, was ist passiert, was braucht mein Kind und welches Bedürfnis scheint gerade verletzt.
  • Ich beobachte und beschreibe. Oft hilft es Kindern enorm, wenn sie sich verstanden und abgeholt fühlen und durch ein Sprachrohr wertfrei übersetzt werden. „Ich sehe du bist ganz aufgebracht und wütend. Brauchst du etwas mehr Platz und möchtest deine Ruhe haben?“
  • Kinder werden von ihren Gefühlen überrannt und können in diesem Alter ihre Gefühle noch kaum sprachlich äußern.
  • Schütze das Kind vor Gefahr und Schmerz! Das bedeutet, gehe dazwischen und schau, dass kein Kind verletzt wird. Kommt es zu einer schmerzhaften Situation ist Trost wichtig, wobei beide Kinder betroffen sind und sich nicht gut fühlen. Das Kind das haut und das gehauene Kind. Versuche ruhig zu bleiben, sie zu halten und mit ihnen zu sein.
  • Unterstütze dein Kind beim Spiel und schau, ob du den Kontaktaufbau und das Spiel begleiten kannst, sie wieder in eine gute Verbindung kommen.
  • Zeige deinem Kind, wie es die Situation lösen kann. Möchte es etwas Abstand und seine Grenze signalisieren, kann ein klares „Stopp“ mit einem Handzeichen hilfreich sein.
  • Zeigt dein Kind im Spiel vermehrt auffälliges Verhalten, sei präsent und setze dich mit zum Spielen und begleite die Situation sprachlich und wenn nötig biete Schutz und Unterstützung.
  • Spürst du Erschöpfung und Stress, sorge unbedingt auch für dich. Nur wenn es uns gut geht, können wir geduldig bleiben. Schau, ob deine Grundbedürfnisse erfüllt sind und gib Acht auf dich! Solche Phasen sind sehr intensiv und unter Überforderung entsteht bei uns Stress und Ärger weitaus schneller. Wir möchten Vorbilder sein, was unter Strom nur schwer gelingt.
  • Versuche das Verhalten deines Kindes zu verstehen und mach dir bewusst das Strafen das Fehlverhalten nicht verändern. 
  • Es erzeugt Angst, wodurch es vielleicht kurzzeitig zurück geht, die Ursache ist aber keineswegs behoben. Es fühlt sich dann gedemütigt und beschämt (vgl. Saalfrank 2017).
  • Mach dir außerdem bewusst, dass jedes Kind verschieden ist und sich im eigenen Tempo und mit eigenem Temperament und Charakter entwickelt – und das ist auch gut so!
  • Besonders in diesen Phasen loht sich ein Blick auf all die wundervollen Dinge, die dein Kind so großartig macht. Es ist so randvoll mit Kompetenzen und braucht dich, als Übersetzer, Tröster, Fels in der Brandung, größten Fan und der Gewissheit, der tiefen Liebe!

Literatur und Literaturtipps

  • Bedürfnispyramide (2017): Online unter: http://www.abraham-maslow.de/beduerfnispyramide.shtml abgerufen am 15.02.2017
  • Bensel, J., Haug-Schnabel, G. (2017), Grundlagen der Entwicklungspsychologie. Die ersten 10 Lebensjahre. Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau
  • Daldrop, K. & Hohmann, K. (2018). Wenn zwei sich streiten … Konflikte zwischen Kindern achtsam begleiten. Betrifft Kinder. Heft 03-04/2018, S. 17-21
  • Dieken, C./Dieken, J. (2014): Ganz nah dabei- Alltagssituationen in Kitas für 0- bis 3-Jährige. Arbeitsmaterial für Teamfortbildung, Ausbildung und Elternabend. Berlin (1. Auflage)
  • Dietz, H. (2017): Belohnen ist das neue Bestrafen. Wer still sitzt, bekommt ein Gummibärchen. Wer schön schreibt, einen Smiley. Belohnungen motivieren nicht, sondern sie schaden. Nicht nur Kindern. Online unter: http://www.zeit.de/kultur/2017-03/erziehung-belohnungen-psychologie-verhalten-motivation-10nach8, abgerufen am 06.05.2017
  • Dornes, M. (2002): Die Eltern der Bindungstheorie: Biographisches zu John Bowlby und Mary Ainsworth. In: Endres, M./ Hauser S. [Hrsg.]: Bindungstheorie in der Psychotherapie. München (2. Auflage)
  • Dornes, M. (2013): Die frühe Kindheit. Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre. Frankfurt am Main (10. Auflage)
  • Focali, E. (2011): Aggressionen und Gewalt begegnen. Konfliktbewältigung in der Kita. Köln (1. Auflage)
  • Friedrich, B. (2005): Trotzig, zornig, wütend: Umgang mit kindlichen Aggressionen. München
  • Gaschler, F., G., (2007). Ich will verstehen was du wirklich brauchst. Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern. München
  • Gutknecht, D. (2015): Wenn kleine Kinder beißen. Achtsame und konkrete Handlungsmöglichkeiten. Freiburg im Breisgau
  • Gutknecht, D., Kramer, M. (2018). Mikrotranistionen in der Kinderkrippe. Übergänge im Tagesablauf achtsam 
  • gestalten
  • Graf, D./Seid, K. (2019). Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch die Trotzphase
  • Haug-Schnabel, G. (2011): Aggressionen bei Kindern. Praxiskompetenz für Erzieherinnen. Freiburg im Breisgau (2. Auflage)
  • Hédervári-Heller, É. (2011): Emotionen und Bindung bei Kleinkindern. Weinheim und Basel
  • Hohmann, K. (2018). Konflikte im Team. abgerufen am 09.November 2018, von https://www.kita-fachtexte.de/texte-finden/detail/data/konflikte-im-team/
  • Hohmann, K. (2017). Beißen im Kindergarten – wie Kommunikation mit den Eltern gelingt. Abgerufen 14. September 2018, von https://www.nifbe.de/fachbeitraege/beitraege-von-a-z?view=item&id=738:beissen-im-kindergarten&catid=70
  • Hohmann, K. (2017). Wie Aggression entsteht. Abgerufen 14. September 2018, von https://www.nifbe.de/component/themensammlung?view=item&id=726:aerger-wut-und-agressionen&catid=70
  • Holler, I. (2010): Mit dir zu reden ist sinnlos! … Oder? Konflikte klären durch Mediation mit Schwerpunkt GFK. Paderborn: Junfermann 
  • Juul, J. (2010): Time out – Schluss damit!_ein familylab.de – Artikel, Online unter: http://familylab.de/files/artikel_pdfs/familylab-artikel/time_out_schluss_damit.pdf abgerufen am 16.03.2017
  • Juul, J. (2013): Grenzen, Nähe, Respekt. Auf dem Weg zur kompetenten Eltern-Kind-Beziehung. Hamburg (7. Auflage)
  • Juul, J. (2014): Aggression: Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist. Frankfurt am Main
  • Kollmann, Dr. I. (2013): Hauen, beißen, sich vertragen. Umgang mit aggressivem Verhalten 0-bis 3-Jähriger in der Kita. Berlin (1. Auflage)
  • Kolbe, B., Bergmann, W. (2016): Trotzphasen bei Kita-Kindern. Berlin
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  • Penthin, R. (2010). Wenn Kinder um sich schlagen. Trotz, Wut und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen. Kösel
  • Rogge, J. (2010). Wenn Kinder trotzen. Rororo, Reinbek
  • Rosenberg, M. (2011): Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Paderborn: Junfermann
  • Saalfrank, K. (2017): Wertschätzung statt Abwertung. Es geht auch ohne Strafen: Wie Sie Konflikte mit Ihren Kindern konstruktiv lösen. Online unter: http://www.focus.de/familie/experten/wertschaetzung-statt-abwertung-es-g... abgerufen am 16.03.2017
  • Shanker, S. Dr. (2016): Das überreizte Kind. Wie Eltern ihr Kind besser verstehen und zu innerer Balance führen. München
  • Staats, H. (2014): Feinfühlig arbeiten mit Kindern. Psychoanalytische Konzepte für die Praxis in Kita und Grundschule. Göttingen
  • Stechler, G./ Halton, A. (1987): The emergence of assertion and aggression during infancy: A psychoanalytic system approach. J. Amer. Psychoanal. Assn. 35: 821-838.

Erstveröffentlichung bei www.kindheiterleben.de

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KATHRIN HOHMANN

hat Erziehung und Bildung im Kindesalter (BA) und Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Familie (MA) studiert. In Berlin gründete sie einen Verein und baute bilinguale Kindertagesstätten auf. Sie arbeitet im In- und Ausland als Kindergartenleiterin, Kindheitspädagogin und leitet Workshops für Eltern und Fachkräfte. Kathrin Hohmann bloggt auf ihrem Blog www.kindheiterleben.de. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Valencia/Spanien.

Von Kathrin Hohmann • 17.03.2019

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