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Lernräume

Wie man Lernräume auf Inklusion, Heterogenität oder Ganztag ausrichtet

Schulen können Herausforderungen wie Inklusion, Heterogenität oder Ganztag nur meistern, wenn die Lernräume darauf ausgerichtet sind. Expertin Karin Doberer erklärt, warum das nur funktioniert, wenn man alle Beteiligten in die Planung einbezieht.

Interview Vincent Hochhausen

didacta Magazin: : Die Schülerschaft wird immer heterogener, die Aufgaben immer differenzierter. Wie sollte sich das in den Unterrichtsräumen widerspiegeln?

Karin Doberer: Lehrkräften ist durchaus bewusst, dass es wenig erfolgreich ist, allen Schülern zur gleichen Zeit mit gleichen Mitteln das Gleiche beizubringen. In den Schulen wird experimentiert, zum Beispiel mit Gruppenarbeiten. Solche Experimente werden oft abgebrochen, weil der Raum diese Methoden nicht unterstützt – weder akustisch noch organisatorisch.

 

Der Lärmpegel von Gruppenarbeit in einem Raum, der auf Frontalunterricht ausgerichtet ist, schaukelt sich derart hoch, dass man das schnell wieder bleiben lässt. So etwas liegt selten an der Disziplinlosigkeit der Schüler, sondern am Raum. Besser wäre es, wenn die Frontalposition des Lehrers im Unterricht aufgelöst wäre – wenn nicht der gesamte Raum auf den Lehrer mit Pult, Tafel und Waschbecken ausgerichtet wäre.

Das heißt, die Ausstattung muss sich ändern?

Ja, ebenso wie die Schulorganisation. Ein Beispiel: Engagierte Lehrer versuchen, durch das Verrücken von Stühlen und Tischen Gruppenarbeiten oder Präsentationen zu unterstützen.
Aber die Möbel sind sehr schwer. Zudem gibt es in den Klassenräumen keine geordneten Plätze für Schultaschen, sodass diese neben den Tischen stehen. Ebenso Jacken und Fahrradhelme, denn die dürfen wegen Brandschutz nicht im Flur hängen.

 

Ich verstehe jeden Lehrer, der es sich unter diesen Umständen zweimal überlegt, den Raum für andere Unterrichtsformen extra umzustellen – und am Ende alles wieder umzuräumen. Allein die Zeit, die dafür verstreicht, ist ein Hindernis, denn die Schulen funktionieren ja im 45-Minuten-Takt. Es bringt als Lösung für diese Probleme auch nichts, einfach unter alle Schulmöbel Rollen zu machen. Das Problem muss ganzheitlich angegangen werden. Deswegen müssen solche Maßnahmen Ergebnis eines Schulentwicklungsprozesses sein.

Was ist dabei wichtig?

Es gibt mittlerweile viele Fortbildungsveranstaltungen für Architekten, Hochbauämter und Planer, in denen die Notwendigkeit Raum- und Austattungskonzepte vermittelt wird. Hier nähern wir uns einem Scheidepunkt, denn es gibt immer mehr Schulräume, die modern und flexibel gestaltet sind.

 

Aber das bringt gar nichts, wenn im Vorfeld kein Beteiligungsprozess stattgefunden hat, bei dem die Lehrkräfte ihre Erwartungen und Bedarfe formulieren. Es ist ein Wahnsinn, wenn Kolleginnen und Kollegen mit einem traditionellen Bild von Unterricht im Kopf in ein solches Schulhaus einziehen.

 

Wir stellen mit Erschrecken fest, wie viele Milliarden in den letzten Jahren in neue Gebäude investiert wurden, in denen Lehrkräfte jetzt anfangen, Sichtverbindungen zuzukleben, Türen zu gemeinsamen Lerninseln zu schließen und in der Denkweise „Ich und meine Klasse“ oder noch schlimmer „Ich und mein Fach“ verharren, anstatt das Potenzial der Räume voll auszuschöpfen.

 

 

Voraussetzung für die flexible Nutzung von Unterrichtsräumen ist, dass genügend Stauraum für Jacken, Taschen und Fahrradhelme eingeplant ist.

 

 

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Bisher konnte in Schulen kaum kollegiales Feedback zwischen den Lehrkräften stattfinden, es gab dafür zu wenig Zeit und Raum. Daher gibt es in vielen neuen Gebäuden Teamräume, die dieses kollegiale Zusammenspiel erleichtern sollen. Aber wenn die Pädagogen als Nutzer der Gebäude nicht in den Planungsprozess mit einbezogen werden, dienen solche Teamräume am Ende nur als Materialdepots. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, Pädagogik, Architektur und Ausstattung zu verknüpfen, werden viele teure Investitionen keinen Nutzen für unsere Kinder haben.

Wie muss denn ein solcher Beteiligungsprozess aussehen?

Ganz am Anfang, noch vor dem eigentlichen Planungsprozess, steht eine Workshop-Phase, in denen Lehrkräfte gemeinsam klar ihre Bedarfe formulieren. Die Rolle des Kollegiums ist nicht, die Schule zu planen. Aber es hat die Verantwortung, zu beschreiben, wo die Schule steht, wo sie hinwill und wie Bau und Ausstattung dabei helfen können. Vielen Kollegen fällt das Formulieren solcher Bedarfe schwer, weil oft KO-Kriterien kommen. Aber den Bedarf zu klären ist unerlässlich – auch aus finanziellen Gründen.

Inwiefern?

Wenn in so einem Planungsprozess viel zu spät – wenn alle wichtigen Entscheidungen schon getroffen sind – berechtigte Bedarfe angemeldet werden, verteuern sich öffentliche Bauten durch Nachtragsangebote enorm.

 

Auftragnehmer wissen das auch und kalkulieren bei den ersten Angeboten knapp, weil sie das eigentliche Geld mit den Nachbesserungen verdienen, die anfallen, weil der Kunde nicht weiß, was er will. Es besteht ein finanzieller Anreiz, die Lehrerseite von Anfang an einzubeziehen. Das schafft Kostensicherheit, denn umso genauer kann der Auftrag ausgeschrieben werden.

Wer sollte sich noch engagieren neben den Lehrkräften?

Wer einbezogen wird, kann von Projekt zu Projekt variieren. Schule ist kein abgeschlossener Komplex, sondern Teil der Gesellschaft. Sie ist nicht nur für die Bildung wichtig, sondern auch für die Demokratie. Es gibt viele Möglichkeiten, auch andere Gruppen einzubeziehen, etwa ältere Menschen. Die Teilnehmer der Workshops geben die Rückmeldung, dass man noch die Angestellten der Stadtbücherei oder Personal aus der musikalischen Früherziehung einbeziehen müsste.

Welche Grenzen sind den Überlegungen der Beteiligten im Vorfeld gesetzt?

Es gibt einige Gelingensbedingungen für Schulbauprojekte, die unerlässlich sind. Dazu gehören die Akustik oder bestimmte Ordnungsprinzipien bei der Ausstattung. In der Politik nennt man diesen Beteiligungsprozess vor Planungsstart „Leistungsphase Null“, die vor den klassischen Leistungsphasen 1 bis 9, also der Umsetzung des Projektes, steht.

 

Leider ist diese Leistungsphase Null in der Praxis oft einfach eine erweiterte Grundlagenermittlung der zuständigen Architekturbüros, die dann sagen können: „Wir haben euch doch gefragt!“. Es geht nicht darum, abzufragen, was die Lehrer sich wünschen, damit diese ihre Briefe an den Weihnachtsmann abgeben.

 

Denn die Leute, die aus diesen Wunschzetteln auswählen, wissen nicht, was konzeptionell dahinter steht. Und am Ende ist dann der Frust noch größer, weil die Pädagogen Zeit und Mühe in ihre Überlegungen investiert haben und enttäuscht werden.

Wie kann das vermieden werden? Es lässt sich ja nicht alles umsetzen.

Wir wollen einen kontinuierlichen Abgleich, ob das, was architektonisch passiert, im Einklang mit den formulierten Bedarfen ist. Nur so kann der berechtigte Frust mancher Lehrerinnen und Lehrer vermieden werden. Wir nennen das bei uns „Leistungsphase Plus“.

Wie sieht dieser Abgleich in der Praxis aus?

Nehmen Sie die Raumanzahl. In den Wunschlisten finden wir für Aufgaben, die es an der Schule – auch wegen der zunehmenden Heterogenität der Schüler – gibt, den Wunsch nach einem eigenen Raum. Das ist aber unrealistisch.

 

Deshalb muss man kontinuierlich auf solche Abwägungen hinweisen und sagen: Wir haben euren Bedarf verstanden. Aber nicht jede Funktion braucht einen eigenen Raum. Im Idealfall erarbeiten die Beteiligten im Vorfeld ein pädagogisches Raumfunktionsbuch, in dem die Bedarfe festgelegt sind. Dieses Raumfunktionsbuch dient dann den Architekten als Grundlage.

Was muss bei der Planung von Schulgebäuden in Hinsicht auf den Ganztag beachtet werden?

Wir empfehlen den Beteiligten, sich Gedanken darüber zu machen, wie die Nutzung aussehen muss. Denn einerseits ist es verrückt, neben eine Schule einen Hort zu bauen, in dem die gleichen Kinder sich nachmittags aufhalten. Andererseits bedeutet multifunktionale Raumnutzung auch, dass es zu Revierkämpfen kommen kann.

 

Deswegen muss von Anfang an herausgearbeitet werden, wo die Kernbereiche der schulischen Nutzung sind, wo die Nutzung am Nachmittag stattfinden kann und wo Potenzial für Nutzungsszenarien ist, die zwischen formaler und non-formaler Bildung liegen. Je genauer man beschreibt, welche Funktionen in eine Lernlandschaft gehören, desto weniger Fläche geht durch nicht nutzbare Flächen wie Flure verloren.

 

Foto: LernLandschaft

 

Erstveröffentlichung: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2020, S. 80-83, www.didacta-magazin.de

Von Interview Vincent Hochhausen • 23.03.2020

Karin Doberer

Karin Doberer ist Geschäftsführerin von „LernLandSchaft“. Das Unternehmen ist auf die Begleitung von Schulbauprojekten spezialisiert.

Vincent Hochhausen

Vincent Hochhausen ist Redaktionsleiter des Magazins Bildungspraxis und Teil des Redaktionsteams von Frühe Bildung Online.

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