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Interview mit Peter Daschner

Fortbildung für Lehrer: Unterfinanziert und unterentwickelt

Die Fortbildung der Lehrkräfte ist der Schlüssel für guten Unterricht – wenn die Qualität der Angebote stimmt. Die gehen aber oft am Bedarf vorbei und sind zu wenig auf Wirksamkeit angelegt, sagt Experte Peter Daschner.

Redaktion

Silvia Schumacher: Sie haben in einer neuen Studie die Lehrerfortbildung in Deutschland untersucht. Wie lautet Ihr Ergebnis?

Peter Daschner: Dr. Peter Daschner: Die Lehrerfortbildung hat keinen großen Stellenwert bei uns. Zwar ist die Papierlage gut – in den Schulgesetzen aller Länder ist die Fortbildung verpflichtend verankert – aber wirklich ernst nimmt es die Bildungspolitik mit der Umsetzung nicht, auch was die Informationspolitik betrifft.

Inwiefern?

Es mangelt an Transparenz und Information. Nur Bayern macht jedes Jahr Angaben zu Angeboten, Formaten, Kosten und Teilnahmen. Ansonsten gibt es keine regelmäßige und öffentliche Berichterstattung, wie man es aus anderen Bereichen kennt. Die „empirische Wende" ist hier noch nicht angekommen.

Woran liegt das?

Vielleicht fehlt das Interesse, vielleicht will man sich nicht in die Karten schauen lassen. Für unsere Studie haben wir Fragebögen für die Ministerien und Landesinstitute entwickelt. Vom zuständigen KMK-Gremium kam die Reaktion, es sei zu aufwändig, die Fragen zu beantworten, und zu brisant – wir hatten auch nach den Kosten gefragt. Also haben wir selbst recherchiert und Interessantes herausgefunden.

Zum Beispiel?

Eine systematische Erfassung des Fortbildungsbedarfs an Schulen gibt es nicht. Die angebotenen Fortbildungen treffen oft nicht das, was für die Unterrichtsentwicklung nötig wäre. Auch aus den Erkenntnissen der Schulinspektionen ließen sich wichtige Hinweise gewinnen. Aber auch das passiert kaum. Zudem fehlt es an Qualitätsstandards und Wirkungsanalysen mit Blick auf den Transfer der Fortbildungsergebnisse in den Unterricht und deren Nachhaltigkeit. Das gängige Format sind nach wie vor einmal stattfindende Kurse ohne Nacharbeitung. Die Bildungsforschung zeigt jedoch, dass diese Formate nicht nachhaltig sind.

Wie müssten nachhaltige Formate aussehen?

Damit Fortbildungen Wirkungen auf den Unterricht, auf Routinen und Haltungen erzielen, müssen sie sequenziell angelegt sein, mit Input- und Erprobungsphase, Reflexion sowie Austausch mit Kollegen. Das ist natürlich aufwändiger, aber dafür wirksamer. Wenn man schon einen schmalen Etat hat, muss man ihn doch wenigstens gewinnbringend einsetzen.

Wieviel geben die Länder für die Fortbildung der Lehrkräfte aus?

Offizielle Angaben für jedes Land finden sich versteckt im Bildungsfinanzbericht, der im Auftrag von KMK und Bildungsministerium erstellt wird. Die Ausgaben in den Bundesländern schwanken gewaltig, zwischen 90 Euro und 900 Euro pro Lehrerstelle. Die Daten sind jedoch teilweise falsch und lassen sich nicht immer vergleichen, da die Länder die Ausgaben unterschiedlich berechnen. Ein Bundesland, das die höchsten Ausgaben angab, rechnete beispielsweise die Ausgaben für das Referendariat einfach dazu. Was wir sicher sagen können ist, dass die Ausgaben für Fortbildungen zwischen 2002 und 2015 gesunken sind, obwohl die Ausgaben für Schulen gleichzeitig um 36 Prozent stiegen. Zum Vergleich: In der Schweiz, Südtirol und den Niederlanden wird deutlich mehr in die Lehrerfortbildung investiert, die Betriebe in Deutschland geben für ihr Personal circa dreimal so viel aus.

Das heißt, die Länder investieren zu wenig in die Fortbildung?

Der Bereich ist eindeutig unterfinanziert. Wenn von Lehrerbildung die Rede ist, ist meistens nur die Ausbildung an der Universität gemeint. Das zeigt sich auch an der Qualitätsoffensive Lehrerbildung des Bundes und der Länder, die 500 Millionen Euro schwer ist: Anträge können nur Hochschulen stellen, fast alle Projekt betreffen nur die erste Phase. Das oft beschworene Zusammenwirken der drei Phasen ist reine Sonntagsrhetorik.

Woran liegt es, dass die Lehrerfortbildung in Deutschland einen so geringen Stellenwert hat?

Deutschland hat die Tradition, viel Zeit und Geld in die Erstausbildung zu stecken. Dabei geht es um die Berufsfähigkeit. Die Berufsfertigkeit dagegen entsteht im Beruf, sie wandelt sich auch aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen, wird angereichert durch Reflexion der Praxis und durch Kooperation mit anderen.

Das heißt Fortbildung ist mindestens genauso wichtig wie die Ausbildung der Lehrkräfte.

Bildungsforscher wie Hattie, Oelkers, Terhart oder Lipowsky zeigen in ihren Untersuchungen, dass gute Lehrerfortbildung der Schlüssel für die Verbesserung des Unterrichts und für die Schulentwicklung insgesamt ist. Wie soll sich aber an einer Schule etwas ändern, wenn neue Methoden nur über die Referendare kommen? Es wurde kürzlich festgestellt, dass am Ende der Grundschulzeit ein Drittel der Kinder nicht sinnentnehmend lesen kann. Da bringt es wenig, nur in der Lehrerausbildung anzusetzen, man muss die 800 000 Lehrer im Dienst erreichen. Denken Sie an die Digitalisierung: Soll man die ältere Lehrergeneration nun abschreiben? John Hattie rät deshalb dringend, stärker in die Primärprozesse zu investieren, also in die Qualität des Lehrerhandelns und der Voraussetzungen dafür.

Wonach orientieren sich denn die Angebote der Landesinstitute?

Viele Länder geben bestimmte Hauptthemen vor und die Landesinstitute bieten Kurse dazu an. Das ist prinzipiell sinnvoll, wie zum Beispiel zu Inklusion und digitaler Bildung, hat aber den Nachteil, dass andere wichtige Angebote heruntergefahren werden, weil die Ressourcen nicht erhöht werden. Qualität entsteht aber im Klassenzimmer, deshalb brauchen wir dafür maßgeschneiderte Anzüge und kein Allerlei.

Sie fordern bei der Planung und Konzeption der Formate außerdem eine stärkere länderübergreifende Kooperation.

Es gibt an vielen Stellen kreative und erfolgreiche Praxis, aber zu wenig intelligente Formate für produktiven Austausch und sinnvolle Arbeitsteilung. Dabei könnte man die Vorteile unserer föderalen Strukturen viel besser nutzen. Allerdings bräuchte man dazu gemeinsame Standards, die gibt es für die Fortbildung bisher nicht (siehe Infokasten; Anm. d. Redaktion).

Was müsste sich mit Blick auf die Qualität, neben den Formaten, noch ändern?

Auch für die Fortbildner braucht es Professionalisierung, Austausch und Feedback. Das ist mit zwei bis drei Stunden Unterrichtsermäßigung oder mit überwiegend Freelancern nicht zu schaffen. Und ganz wichtig: Wir brauchen mehr qualifizierte Fortbildung in den Schulen, mit externer Expertise, und dazu definierte Zeitgefäße.

Wie lautet da Ihre Empfehlung?

Schule und Schulleitung erstellen eine Fortbildungsplanung, alle Lehrkräfte sind daran beteiligt. Das wäre ein großes Potenzial für Austausch, Kooperation und Schulentwicklung. In drei Ländern – Bayern, Bremen und Hamburg – gibt es bislang eine Festlegung, wieviel Stunden an Fortbildung die Lehrer besuchen: in Hamburg und Bremen sind es 30, in Bayern 25 Stunden pro Schuljahr. Auch in anderen Ländern würden Schulen gerne mehr fortbilden, schaffen es aber nicht, weil die Vertretungsreserve zu klein ist. Wir schließen uns da dem Bildungsrat von 1970 an: Er hat damals eine Lehrerausstattung von 105 Prozent gefordert, damit die Fortbildung nicht mit dem Unterricht konkurriert.

 

Erstveröffentlichung: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2019, S. 4-7

Von Redaktion • 04.02.2019

Silvia Schumacher

Silvia Schumacher studierte Sprach- und Erziehungswissenschaft an der Universität Augsburg. Heute ist sie Redaktionsleiterin von didacta – das Magazin für lebenslanges Lernen und Teil des Redaktionsteams von Frühe Bildung Online. Zuvor unterrichtete sie mehrere Jahre an einer privaten Bildungseinrichtung und weiß daher, wie der Alltag von Pädagogen aussieht.

Dr. Peter Daschner

Dr. Peter Daschner war 20 Jahre Lehrer und Schulleiter und danach Landesschulrat in Hamburg sowie Direktor des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung. Er leitete den Expertenkreis für die aktuelle Lehrerfortbildungsstudie des Deutschen Vereins zur Förderung der Lehrerfortbildung.

Handlungsempfehlungen

Der Deutsche Verein zur Förderung der Lehrerfortbildung, die GEW und der VBE fordern:

  • Herstellung von Transparenz und Vergleichbarkeit durch regelhafte Berichterstattung nach definierten Kriterien 
  • Länderübergreifende Kooperation, zum Beispiel bei der Entwicklung nachhaltiger Formate und aussagekräftiger Evaluationsverfahren 
  • Systematische Erfassung des Fortbildungsbedarfs durch gezielte Befragung der Lehrerschaft und Nutzung vorhandener Daten wie der schulischen Fortbildungspläne sowie der Ergebnisse von Schulinspektionen

Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung:

  • gemeinsame Standards
  • gemeinsame Kriterien für Monitoring, Evaluation und Berichterstattung
  • Umsteuerung bei den Formaten: Entwicklung und Einsatz wirksamer Angebote mit Input-, Erprobungs- und Reflexionsphasen
  • länderübergreifender Austausch zu good practice und Kooperation bei der Vergabe von Forschungsaufträgen
  • Professionalisierung des Fortbildungspersonals (spezifische Qualifizierung, Einsatz mit mindestens einer Drittelstelle; Zertifizierung der freien Anbieter)
  • definierte Zeitgefäße für die Lehrerfortbildung (100 Prozent + x Versorgung im Lehrerstellenplan) zur Ermöglichung wirksamer Formate und zur Vermeidung von Unterrichtsausfall
  • Ressourcenabbau stoppen, Angleichung an die Entwicklung der Ausgaben für das staatliche Schulwesen
  • Offenlegung der tatsächlich für Lehrerfortbildung eingesetzten Mittel
  • Einigung auf Kostenkriterien › Beteiligung der Lehrerfortbildung an der Qualitätsoffensive Lehrerbildung

Zum Weiterlesen:

Die Studie „Recherchen für eine Bestandsaufnahme der Lehrkräftefortbildung in Deutschland“ sowie ein Musterorientierungsrahmen mit Empfehlungen an Politik, Landesinstitute, Regionalebene und Schulleitungen ist online zu finden auf www.lehrerinnenfortbildung.de und erscheint in erweiterter Form in Kürze beim Beltz Verlag.

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