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Quereinsteiger Lehrer

Quereinstieg in den Lehrerberuf

Ehemalige Biologen, Musiktherapeuten, Historiker – um die Lehrer-Lücke zu schließen, setzen die Länder vermehrt auf Quereinsteiger. Bei deren Qualifizierung gilt Sachsen als Vorreiter. Axel Gehrmann, Professor an der TU Dresden, erklärt, wie dort die Ausbildung organisiert ist.

Redaktion

Silvia Schumacher: Die Technische Universität Dresden hat 2013 als eine der ersten Hochschulen in Deutschland ein spezielles Qualifi zierungsprogramm für Quereinsteiger im Lehrerberuf konzipiert: „QUER“. Wie kam es dazu?

Axel Gehrmann: Wir haben bereits 2007 davor gewarnt, dass in Sachsen durch den demografischen Wandel der Lehrerbedarf nicht mehr gedeckt werden kann. Damals hatte Sachsen die Absolventenzahlen gedrückt, weil man dachte, dass weniger Kinder geboren werden. Aber die Politik denkt in zu kurzen Zeitabläufen. Und jetzt fehlen tausende Lehrer. Mit dem Modellprojekt wollten wir herausfi nden, wie man Seiteneinsteiger am besten für den Lehrerberuf qualifi ziert, um den Bedarf zu decken.

Und wie qualifi ziert man sie am besten?

Damals mit einer anderthalbjährigen VollzeitAusbildung an der Universität. Das heißt, die Studierenden haben an der Hochschule ein komplettes wissenschaftliches und fachdidaktisches Programm durchlaufen, ohne dass sie schon beruflich vom Freistaat Sachsen beschäftigt wurden. Das Zertifikat, das sie bekamen, ermöglichte ihnen den Sächsischen Vorbereitungsdienst. Heute ist die Qualifizierung an den drei sächsischen Hochschulen aber berufsbegleitend organisiert.

Das heißt, die Seiteneinsteiger unterrichten von Anfang an?

Sie haben von Beginn an einen Arbeitsvertrag mit Sachsen und unterrichten drei Tage pro Woche. An zwei Tagen kommen sie an die Uni. Insgesamt dauert die Qualifikation vier Semester.

Sind sie nicht im Klassenzimmer überfordert, wenn sie gleich unterrichten müssen?

Wir versuchen so gut es geht, ihnen die Nervosität zu nehmen und bestärken sie, dass nicht alles sofort perfekt sein muss. Das ist es bei den grundständig ausgebildeten Lehrkräften auch nicht. Aber die jetzigen Seiteneinsteiger tun sich natürlich schon schwerer – auch, weil in den Schulen im Moment der Ersatzbedarf so hoch ist, dass sie sofort unter einem großen Druck arbeiten müssen und weniger Zeit haben, sich mit Kollegen auszutauschen. Bei dem Vollzeitmodell konnten wir erst die Kompetenzen wie in der grundständigen Ausbildung aufbauen, das ist jetzt nicht mehr der Fall.

Warum wurde das ursprüngliche Modell nicht weitergeführt?

Wir erhielten zur Finanzierung leider nur bis 2017 Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds und vom Freistaat Sachsen. Damals hatten wir eine sehr kommode Situation: Wir hatten die Zeit und Ressourcen, um in einem aufwändigen Bewerbungsverfahren zu prüfen, wer die Voraussetzungen für die Vollzeitausbildung erfüllt. Der Großteil hatte schon pädagogische Vorerfahrungen. 240 Personen hatten sich beworben, 40 haben wir ausgewählt. Zum Vergleich: Heute werden in Sachsen – in Chemnitz, Leipzig und Dresden – 900 Quereinsteiger ausgebildet.

Was sollte eine Person mitbringen, die als Quereinsteiger unterrichten möchte?

Sie benötigt ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Ansonsten braucht sie keine anderen Kompetenzen als die grundständigen Studierenden. Sie sollte besonderes Interesse an Kindern und Jugendlichen und ihrer Entwicklungsfähigkeit haben sowie Leidenschaft für ein bestimmtes Fach. Wir haben mittlerweile eine verpflichtende dreimonatige Vorqualifizierung eingeführt, die von der zweiten Phase der Lehrerausbildung organisiert wird. So können die Seiteneinsteiger zunächst herausfinden, ob sie wirklich Lehrer werden möchten. Das bietet meines Wissens keine andere Hochschule in der Bundesrepublik.

Welche Schlüsse konnten Sie aus den letzten Jahren für die erfolgreiche Ausbildung von Seiteneinsteigern ziehen?

Sachsen hat eine fixierte Qualifizierungsverordnung, die genau aufführt, was in der Ausbildung stattfinden muss, und eine eigene Organisationsstruktur, bei der Kultusministerium und Universität gut zusammenarbeiten. Das ist wichtig und erleichtert vieles. Wir binden die Qualifizierung außerdem an die Zentren für Lehrerbildung und nicht an eine Fakultät, sodass institutionell jemand verantwortlich ist und sich um die speziellen Belange der Seiteneinsteiger kümmern kann.

Wie sind die Rückmeldungen aus den Schulen zu den neuen Kollegen?

Die sind in der Regel positiv. Die Eltern sind hochzufrieden, dass überhaupt jemand vor der Klasse steht und die Betreuung gewährleistet ist. Sie wissen, dass sie parallel ordentlich ausgebildet werden. Im Einzelfall gibt es Schwierigkeiten mit den Kollegen.

Weshalb?

Die Lehrer, die bald in Pension gehen und die neuen Kollegen zum Teil als Mentoren unterstützen, verdienen weniger aufgrund der ehemaligen Ostgehälter. Da kann es vorkommen, dass nicht miteinander geredet wird oder es heißt: „Du bist doch gar kein Lehrer“

Kann ein Seiteneinsteiger, der eine Lehramtsausbildung im Schnelldurchgang durchläuft, denn eine genauso gute Lehrkraft sein wie die grundständig Ausgebildeten?

Quereinsteiger sind durchschnittlich 37 Jahre alt. Sie haben zwar nicht die grundständige Ausbildung durchlaufen, aber sie bringen andere Erfahrungen mit. Sie haben bereits gearbeitet, sind ruhiger und nicht mehr auf der Überholspur des Lebens. Durch sie entstehen eine neue Expertise und eine generationale Ergänzung, eine schöne Brücke zwischen Jung und Alt. Wir haben gar keine Wahl als über alternative Wege nachzudenken, um für manche Fächer den Lehrerbedarf zu decken, da es nicht ausreichend grundständige Studierende gibt. Deshalb ist es wichtig, solche Projekte gut zu evaluieren, um daraus Schlüsse für die zukünftige Ausbildung zu ziehen.

Als Seiteneinsteiger Lehrer werden

Beispiel Sachsen:

In Sachsen wurden im Schulhalbjahr 2017/18 über 60 Prozent der Stellen mit Seiteneinsteigern besetzt. Sie durchlaufen:

 

  • Dreimonatige Einstiegsfortbildung:
    Erfahrene Lehrkräfte vermitteln ihnen Kenntnisse und Fertigkeiten zu Abläufen des Schulalltages und der Unterrichtsgestaltung, Teilnehmer sammeln erste Unterrichtserfahrungen.
     
  • Berufsbegleitende Phase der Qualifizierung an der Hochschule (drei Tage Unterricht, zwei Tage Uni):
    In 24 Monaten werden fehlende pädagogische und fachliche Kompetenzen vermittelt. Die Qualifizierungsangebote sind auf den vorhandenen Hochschulabschluss aufgebaut und werden daran angepasst.
     
  • Referendariat:
    18 Monate schulpraktische Ausbildung

Das Sächsische Ministerium hat zum Thema Seiteneinstieg im Lehrerberuf 2017 das Sonderheft „Lehrer-Klasse – Wir sind die Neuen“ herausgegeben, unter anderem mit Erfahrungsberichten von Schulleitern, Lehrkräften und Seiteneinsteigern. Zu finden auf: https://publikationen.sachsen.de/bdb/ artikel/27570

 

Weitere Infos auf:

www.lehrer-werden-in-Sachsen.de

www.lehrerbildung.sachsen.de/15764.htm

Erstveröffentlichung: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2019, S. 100-102

Von Redaktion • 16.02.2019

Silvia Schumacher

studierte Sprach- und Erziehungswissenschaft an der Universität Augsburg. Heute ist sie Redaktionsleiterin von didacta – das Magazin für lebenslanges Lernen und Teil des Redaktionsteams von Frühe Bildung Online. Zuvor unterrichtete sie mehrere Jahre an einer privaten Bildungseinrichtung und weiß daher, wie der Alltag von Pädagogen aussieht.

Axel Gehrmann

ist Professor für Allgemeine Didaktik und Empirische Unterrichtsforschung, leitet das Zentrum für Lehrerbildung, Schul- und Berufsbildungsforschung der TU Dresden und ist dort unter anderem verantwortlich für die berufsbegleitende Ausbildung von Seiten einsteigern im Lehrerberuf.

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