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Interview Kultusminister Michael Piazolo

Wertebildung: Interview mit Michael Piazolo

Fake News, Polarisierung, Hass im Netz: Täglich begegnet uns Hetze im Internet. Umso mehr muss Wertebildung in den Vordergrund rücken, ist Bayerns neuer Kultusminister überzeugt.

Redaktion

Tina Sprung: Welche Rolle haben die Schulen beim Thema Wertevermittlung?

Michael Piazolo: Wir wollen unsere Schülerinnen und Schüler „im Geiste der Demokratie“ ganz im Sinne der freiheitlich demokratischen Grundordnung erziehen. Dazu verpfl ichtet uns Artikel 131 der Bayerischen Verfassung. Den Schulen kommt hier eine verantwortungsvolle Aufgabe zu, denn neben der Familie ist die Schule eine wichtige Sozialisationsinstanz. Wir wollen an unseren Schulen Werte ganz konkret vermitteln und vorleben. Das beginnt im täglichen Miteinander in der Schulgemeinschaft und reicht bis zur politischen Bildungsarbeit oder Demokratie- und Werteerziehung in den einzelnen Unterrichtsfächern. Von der Begrüßung am Morgen, über den respektvollen Umgang auf dem Pausenhof, bis hin zur gemeinsamen Erarbeitung von Gesprächsregeln in der Klassengemeinschaft, die Diskussion über Werte und Normen oder dem Erlernen unserer demokratischen Grundordnung im Unterricht: Schule bietet einen besonders vielseitigen und umfassenden Erfahrungs- und Vermittlungsraum in der Wertebildung. Hierbei sind schulart- und fächerübergreifend vor allem unsere Lehrkräfte gefragt, die über ihre Fachkompetenzen hinaus mit der Werteerziehung vertraut sein sollten. Das bayerische Kultusministerium unterstützt die Lehrkräfte dabei bereits in der Ausbildung, aber auch danach mit passenden Materialien und Fortbildungen.

Mit dem Projekt „Werte machen Schule“ ist in Bayern die Wertevermittlung als ein fächerübergreifendes Bildungsziel verankert. Das erste Schwerpunktthema ist die „Wertebildung 4.0“. Worum geht es genau?

Mit unserer Initiative wählen wir in Bayern einen neuartigen Zugang in der Werteerziehung. Jugendliche an allen weiterführenden Schularten werden als Werte-Botschafter ausgebildet und setzen neue thematische Schwerpunkte. So geht es im Schuljahr 2018/19 um das Thema „Wertebildung 4.0: Wertebildung in der digitalen Welt“. Denn einerseits bewegen sich unsere Kinder und Jugendlichen ganz selbstverständlich in der digitalen Welt, aber erahnen und kennen anderseits deren Risiken und Gefahren kaum. Vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen des digitalen Wandels wie etwa Extremismus, Gewalt oder tendenziöser Informationsvermittlung zum Beispiel in Fake News ist es dringend notwendig, unseren Schülern konkrete Handlungsstrategien mitzugeben.

Was war der Anlass, die Initiative ins Leben zu rufen?

„Werte machen Schule“ baut die Erfolge des Konzepts „Werte machen stark“ weiter aus, in dessen Rahmen bereits Lehrerinnen und Lehrer als Werte-Multiplikatoren im Einsatz sind. Bei „Werte machen stark“ stehen dabei ganz unterschiedliche Themen im Mittelpunkt: die Entwicklung von Leitbildern im Schulalltag, der Übergang von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen oder etwa das Thema „Beachtung schenken – Anerkennung zeigen“. Dabei zeigen die Multiplikatoren, wie ein Wertekonsens nicht nur auf dem Papier bestehen bleibt, sondern konkret im Unterrichtsalltag und in der Schulkultur systematisch verankert werden kann.

Bei der Vermittlung wesentlicher Werte des Miteinanders wie Toleranz, Gleichberechtigung, Respekt und Meinungsfreiheit wollen wir auch die Jugendlichen unmittelbar einbinden. Denn Demokratie braucht junge Menschen, die sich für ein freiheitliches, demokratisches Miteinander einsetzen. Genau hier setzt unsere neue Initiative „Werte machen Schule“ mit jugendlichen Werte-Botschaftern an. Die teilnehmenden Jugendlichen werden sensibilisiert und können sich aktiv für ein Miteinander in der Gesellschaft engagieren, das von gegenseitigem Respekt und Zivilcourage geprägt ist.

Inwieweit unterscheiden sich Werte in der analogen und digitalen Welt?

Die digitale Welt darf kein rechtsfreier Raum sein, keine wertefreie Zone. Hier müssen die gleichen Werte wie in der analogen Welt gelten: Freie Meinungsäußerung in Internetforen ist genauso ein geschütztes Gut wie in realen Gesprächssituationen und findet ihre Grenzen dort, wo Äußerungen beleidigend, verletzend, rassistisch oder sexistisch werden. Den Jugendlichen muss klar sein, dass die sogenannten sozialen Medien nur durch ihr Zutun auch wirklich „sozial“ sein können. Denn die Anonymität des Internets verführt im Gegensatz zur persönlichen, analogen Kommunikation viel leichter dazu, verbal ausfallend zu werden oder andere zu mobben. Da besteht noch großer Nachholbedarf.

Falschmeldungen, Cybermobbing, Hass im Netz: Die Werteerziehung wird immer wichtiger. Wird sie auch schwieriger?

Mit der Digitalisierung wird Wertevermittlung in unseren Schulen immer wichtiger und komplexer. Kinder und Jugendliche wachsen als Digital Natives ganz selbstverständlich in der analogen wie in der digitalen Welt auf: Kommunikation, soziale Interaktionen und Informationsbeschaffung finden dabei immer mehr im digitalen Raum statt. Zugleich begegnen sie hier den genannten Gefahren. Wir müssen jungen Menschen also dabei helfen, zu lernen, dass die Werte und Spielregeln des täglichen, analogen Miteinanders auch hier gelten. Werteorientiertes Handeln muss dabei zunächst von den Erwachsenen vorgelebt werden. Darüber hinaus müssen wir Kindern und Jugendlichen bei der Werteorientierung und -weitergabe im digitalen Raum mit ganz konkreten Angeboten zur Seite stehen.

Wie wollen Sie die Wertebildung mit der Initiative konkret stärken?

Unsere Werteinitiative in Bayern ruht auf zwei Pfeilern. Wir haben seit inzwischen zehn Jahren in ganz Bayern Lehrerinnen und Lehrer, die als Werte-Multiplikatoren arbeiten und die Wertebildung im Unterricht, aber auch im Schulleben in ihrer Region stärken. Neu hinzukommen jetzt die jugendlichen Werte-Botschafter: Nach einer Ausbildung in den Basiskompetenzen zu Wertebildung, Kommunikationsfähigkeit und Teamführung gestalten sie schülerorientierte Module zur Wertebildung, zum Beispiel für Projekttage, Schulfeste oder zur Schulung von Klassensprechern. Ich finde es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler auf Augenhöhe mit ihren Altersgenossen gemeinsame Regeln aushandeln oder Strategien entwickeln und weitergeben, wie sie an der eigenen Schule etwa gegen Mobbing vorgehen können. Junge Menschen lernen mehr über Werte, Teilhabe und ein demokratisches Miteinander, wenn sie selbst Mitgestalter der Verhaltensregeln und Normen sind, die für sie in der Schulfamilie prägend sein sollen. Wir starten mit der Ausbildung der WerteBotschafter zunächst in den Regierungsbezirken Oberfranken, Schwaben und Niederbayern. Die übrigen bayerischen Regierungsbezirke folgen im Schuljahr 2019/20. Je Bezirk werden 20 bis 25 Jugendliche aus der achten und neunten Jahrgangsstufe aller weiterführenden Schularten als Werte-Botschafter ausgebildet.

Welche Werte sollen gestärkt werden?

Wir stärken die Grundwerte, die in unserem Grundgesetz und der Bayerischen Verfassung verankert sind. Mir ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler unter anderem ein freiheitliches, demokratisches Miteinander, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Mitmenschlichkeit und Toleranz, Respekt vor anderen Menschen sowie vor der Pluralität der Meinungen und Lebensformen und natürlich Mut und Zivilcourage erlernen. Dabei geht es vor allem darum, dass Kinder und Jugendliche zur kritischen Reflexion, zum Hinterfragen von alltäglichen Situationen angeregt werden – in unserem analogen Alltag, aber auch in der digitalen Welt.

 

Projekt „Werteerziehung 4.0“

Im Projekt „Werte machen Schule“ orientieren sich Werte-Botschafterinnen und Werte-Botschafter an den Grundwerten, legen aber für sich und ihre Schulfamilie eigenständig fest, welchen Werten eine besondere Priorität zukommt. Mit diesen Werten setzen sich die Schülerinnen und Schüler in einem aktiven Aushandlungsprozess intensiv auseinander.

 

Grundwerte

Laut Artikel 1 des Bayerischen Erziehungsund Unterrichtsgesetzes sind wichtige Bildungsziele der Werteerziehung:

 

  • Ehrfurcht vor Gott
  • Achtung vor religiöser Überzeugung, vor der Würde des Menschen und vor der Gleichberechtigung von Männern und Frauen
  • Selbstbeherrschung
  • Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit
  • Hilfsbereitschaft
  • Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne
  • Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt

 

Erstveröffentlichung: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2019, S. 36-39

Von Redaktion • 04.02.2019

Tina Sprung

Tina Sprung studierte Medien- und Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Medienpädagogik und Linguistik und absolvierte anschließend ein Zeitungs-Volontariat. Sie ist Redakteurin bei Frühe Bildung Online sowie Redaktionsleitung von Meine Kita – das didacta Magazin für die frühe Bildung. Ihr Freundkreis besteht fast nur aus Erziehern und Lehrern.

Michael Piazolo

Michael Piazolo studierte Jura und Politikwissenschaft und war Professor für europäische Studien an der Hochschule München. Seit 2008 gehört Prof. Dr. Piazolo als Abgeordneter dem Bayerischen Landtag an. Er war bildungs- und hochschulpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion der Freien Wähler und bis zu seinem Amtsantritt als Minister Mitglied des Ausschusses für Unterricht und Kultus sowie Vorsitzender des Ausschusses für Wissenschaft und Kunst.

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