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Hausaufgaben

Wie sinnvoll sind Hausaufgaben?

Die Hausaufgaben sind ungerecht und völlig überholt, findet Bildungsjournalist Armin Himmelrath, der selbst Lehramt studierte. Wenn sie abgeschafft werden, profitieren alle davon – selbst die Lehrenden.

Frühe Bildung Online / didacta: Herr Himmelrath, in Ihrem Buch „Hausaufgaben – nein danke!“ sprechen Sie sich dafür aus, Hausaufgaben abzuschaffen. Warum?

Armin Himmelrath: Ich habe zusammengerechnet 36 Jahre Hausaufgabenerfahrung durch meine drei Söhne. Sie waren verschiedene Hausaufgabentypen – einer hat nur hin und wieder seine Hausaufgaben erledigt, der andere war fleißig und sehr zuverlässig und der Dritte hat so gut wie gar nichts gemacht. Diese Unterschiede hatten aber keine Auswirkungen auf die Leistungen. Deswegen begann ich, mich mit dem Dogma Hausaufgaben zu beschäftigen.

Was meinen Sie mit Dogma?

Es gibt Dinge im kollektiven Bewusstsein. Dazu gehören Hausaufgaben. In der ersten Klasse fragen Eltern am ersten Tag: “Und, hast du schon Hausaufgaben auf?“ Manchmal sind sie enttäuscht, wenn die Kinder an ihrem ersten Schultag keine aufbekommen haben. Und sogar die Kinder erwarten das ganz selbstverständlich. Für mich ist das ein Indiz, wie selbstverständlich Hausaufgaben ungefragt seit über einem halben Jahrtausend dazugehören. Die erste Hausaufgabenverordnung, die ich gefunden habe, stammt von 1448.

Wie sah diese Verordnung aus?

Die Schüler mussten Arbeiten daheim erledigen und lateinische Vokabeln lernen. Wenn sie alles konnten, bekamen sie belegte Brote. Wenn nicht, gab es Schläge. Deswegen frage ich mich, wie sinnvoll Hausaufgaben sind. Wir diskutieren mittlerweile seit 100 Jahren wissenschaftlich fundiert darüber, Hausaufgaben abzuschaffen.

Sind Hausaufgaben sinnvoll?

Mehrere wissenschaftliche Studien untersuchten, ob Hausaufgaben sich positiv auf das Lernen
auswirken.

  • Tina Hascher und Franziska Bischof: Integrierte und traditionelle Hausaufgaben in der Primarstufe – ein Vergleich bezüglich Leistung, Belastung und Einstellungen zur Schule
    Wissenschaftliche Auswertung eines mehrjährigen Versuches in der Schweiz, bei dem ein Kanton komplett auf Hausaufgaben verzichtete. Im Vergleich mit anderen Schülern zeigte sich, dass sich Schüler ohne Hausaufgaben geringer belastet fühlten und höher motiviert waren als ihre Altersgenossen, die nachmittags noch Hausaufgaben erledigen müssen.
     
  • John Hatti: Bildung sichtbar machen
    Hatties Metastudie gilt seit ihrem Erscheinen als Lehrwerk der evidenzbasierten Bildungsforschung. Der Autor berücksichtigt auch Studien zum Lerneffekt von Hausaufgaben, das Thema stellt bei ihm nur einen Randeffekt dar. Hausaufgaben haben nur einen sehr geringen Einfluss auf den Lernerfolg.
     
  • Jutta Standop: Hausaufgaben in der Schule: Theorie, Forschung, didaktische Konsequenzen
    Eine aktuelle Veröffentlichung, die die Rolle der Hausaufgaben im Kontext der Ganztagsschuldebatte beleuchtet und die Frage aufwirft, ob Hausaufgaben nicht besser in der Schule erledigt werden sollen.
     
  • Bernhard Wittmann: Vom Sinn und Unsinn der Hausaufgaben
    Eine mittlerweile 50 Jahre alte Studie, in der Wittmann den Lerneffekt von Hausaufgaben untersucht und zu dem Ergebnis kam, dass es diesen nicht gibt.

Was spricht aus wissenschaftlicher Sicht dafür?

Kinder, die keine Hausaufgaben machen müssen, haben weniger Stress in der Familie. Und: Sie gehen lieber in die Schule. Untersuchungen in der Schweiz haben gezeigt, dass der Leistungsstand nicht durch das Erledigen von Hausaufgaben beeinflusst wird. Zwar stellte Bildungsforscher John Hattie, der Faktoren für den Schulerfolg der Kinder bestimmte, fest, dass Hausaufgaben einen geringen, positiven Effekt haben, aber nur in der Oberstufe, wo Hausaufgaben aus einer Eigenmotivation heraus gemacht werden. In der Grundschule bringen sie nichts. Das einzige, was Schüler durch Hausaufgaben lernen, ist, Strategien zu entwickeln, nicht bei der Hausaufgabenkontrolle am Anfang der Stunde dran zukommen. Also eine Art systemische Intelligenz.

Was wäre aus Ihrer Sicht eine Alternative, um den Unterrichtsstoff nachzubereiten?

Der Trend geht zum Ganztag, Schule verändert sich. Hier können wir ansetzen: Aufgaben können im Unterricht, zusammen mit Unterstützung der Lehrkräfte, gelöst werden. Das bietet die Chance, selbstständiges Arbeiten zu fördern, unabhängig vom Umfeld zuhause. Zudem können sich Peers aus Schülern bilden und kollaborativ arbeiten.

Wie reagieren Lehrer, wenn sie fordern, Hausaufgaben abzuschaffen?

Oft denken Lehrer zu Beginn, Unterrichten funktioniert nicht ohne Hausaufgaben. Wenn ich aber drei Minuten mit ihnen spreche, geben sie mir Recht. Allein die Hausaufgabenkorrektur nimmt oft die Hälfte der Unterrichtszeit in Anspruch. Die Schüler erhalten außerdem kein individuelles Feedback, das ihnen zusteht. Wenn es um das Überzeugen geht, sind Eltern die härteren Brocken.

Warum?

Eltern halten sich für unglaublich kompetent, was Schule angeht. Das ist ähnlich wie bei der Fußball-WM: Da gibt es 80 Millionen Bundestrainer und jeder glaubt zu wissen, mit welcher Aufstellung Deutschland Weltmeister wird. In der Schweiz ging es sogar soweit, dass Eltern in einem Kanton, in dem es keine Hausaufgaben mehr gab und die Schüler nachweislich genauso erfolgreich in der Schule waren wie vorher, öffentlichen Druck ausübten, damit Hausaufgaben wieder eingeführt werden.

Und welche Argumente bringen sie?

Da kommen immer die gleichen: Durch Hausaufgaben haben sie die Möglichkeit, mitzubekommen, was Kinder machen, und es sei ja für den Lernprozess wichtig. Und: Hausaufgaben seien schließlich in den Lehrplänen verankert und international üblich.

Aber Hausaufgaben sind nicht vorgeschrieben.

Nein, Lehrkräfte können frei entscheiden, ob sie Hausaufgaben aufgeben. In einer Hauptschule in Hannover haben Lehrkräfte beispielsweise versucht, Hausaufgaben auf Freiwilligenbasis aufzugeben. Dort machten, als Hausaufgaben noch verpflichtend waren, rund die Hälfte der Schüler ihre Arbeiten. Nachdem sie freiwillig wurden, hat in den ersten zwei Wochen kein Schüler Hausaufgaben gemacht. Und dann gab es die große Veränderung: 75 Prozent der Schüler erledigten sie. Das zeigt: Es ist gut für Schüler, wenn ihnen der Druck genommen wird, und Hausaufgaben nicht als notwendiges Übel wahrgenommen werden.

 

Erstveröffentlichung: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 3/2018,
S. 60-67,  
www.didacta-magazin.de

 

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Von Frühe Bildung Online • 19.09.2018

Armin Himmelrath

Spiegel-Autor Armin Himmelrath ist freier Bildungsjournalist und Moderator. Nach seinem Lehramtsstudium arbeitet er als Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten und hat Bücher zu Bildungsthemen veröffentlicht.

Armin Himmelrath Hausaufgaben – nein, Danke

Warum wir uns so bald wie möglich von den Hausaufgaben verabschieden sollten, hep – der Bildungsverlag, 2015, 147 Seiten, 16 Euro

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