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40 Jahre BVKTP

Vom „Tagesmütter-Bundesverband“ zum Bundesverband für Kindertagespflege

Die Geschichte des Bundesverbandes für Kindertagespflege begann, als das „Tagesmütter-Modellprojekt“ 1978 zu Ende ging. Seit dieser Zeit ist viel passiert in der Kindertagespflege und der Bundesverband für Kindertagespflege ist heute von großer Bedeutung für die Politik und die Fachöffentlichkeit, nicht zuletzt für diejenigen, die täglich die Betreuung und Förderung mit großem Engagement leisten: die Kindertagespflegepersonen. In diesem Jahr hat der Bundesverband für Kindertagespflege sein 40-jähriges Jubiläum mit vielen Gästen groß gefeiert. Dessen wissenschaftliche Referentin Eveline Gerszonovicz fasst in der folgenden Darstellung die Entwicklung des Bundesverbandes zusammen. Wir übernehmen den Beitrag aus ZeT - Zeitschrift für Tagesmütter und -väter 6/2018 mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Eveline Gerszonowicz

Wie alles begann

 

Das Modellprojekt „Tagesmütter“, von 1974 – 1979 durchgeführt vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) und das erste dieser Art, kann als Beginn der Kindertagespflege als inzwischen etablierte Form der Kindertagesbetreuung in Deutschland angesehen werden. Den Anstoß dafür gab ein Artikel in der Zeitschrift „Brigitte“. Dort wurde von einem neuen Beruf in Schweden berichtet: „Dagmama“ (Tagesmutter).

In dem Modellprojekt wurde die Kindertagespflege aus verschiedenen Blickwinkeln untersucht: aus der Perspektive der Tagesmütter – damals war von Tagesvätern noch nicht die Rede –, der Eltern, der Fachberatung und auch der Kinder. Darauf wurde besonders geachtet, denn im Westdeutschland der 70er-Jahre war die Meinung vorherrschend, dass Kinder nur im Notfall in eine Krippe gegeben werden sollten. Marianne Schumann, damals als Sozialwissenschaftlerin im Modellprojekt beschäftigt, erinnert sich: „In Westdeutschland galt damals die Krippe als ein schrecklicher Ort der Kinderbetreuung. Für die Alleinerziehenden sah man das noch ein, aber für die Mittel- und Oberschicht war es undenkbar, dass sie ihre Kinder in die Krippe gebracht hätten, was bis dahin ging, dass von den renommiertesten Kinderärzten Deutschlands ein Aufschrei kam, als auch Mütter ihrer Schicht berufstätig sein wollten. Das Modellprojekt hatte in dieser Diskussion einen enormen Stellenwert. Damals wurde ganz extrem behauptet, dass innerhalb des Modellprojekts mit kleinen Kindern Experimente gemacht würden, die man zu Tagesmüttern gibt, denn das könnten Kinder von null bis drei Jahren nicht vertragen. Darum musste im Rahmen dieses Modellprojekts auch eine intensive kinderpsychologische Untersuchung durchgeführt werden. Und diese Rabenmütter-These schwebte über allem.“

Das Ergebnis der detaillierten und differenzierten Beobachtung der beteiligten Kinder bewies das Gegenteil. Der Großteil der Kinder war weniger ängstlich und gehemmt als Familienkinder, eher neugierig und offen für Spielangebote. Die Beziehung zur Mutter war durch die Betreuung durch eine Tagesmutter nicht beeinträchtigt. Es war allerdings auch ein Ergebnis des Modellprojekts, dass es günstiger ist, wenn sehr junge Kinder nicht zu viele Stunden am Tag fremdbetreut werden.

Zum Beginn der Geschichte des Bundesverbandes für Kindertagespflege ist im Abschlussbericht des Modellprojekts zu lesen: „Die Arbeitsgemeinschaft ‚Tagesmütter‘, Bundesverband für Eltern, Pflegeltern und Tagesmütter, entstand aus einer Anfang 1976 beginnenden Folge überregionaler Treffen von Delegierten der modellbeteiligen Gruppen und Vereine. In diesen Wochenendseminaren, welche ständig von Vertretern der Begleitforschungsgruppe des Deutschen Jugendinstituts und pädagogischen Beratern des Modells begleitet wurden, nahmen ab Ende 1976 häufiger auch Vertreter nicht am Modell beteiligter Gruppen und Vereine teil. (…) Die Existenz des Bundesverbandes der Arbeitsgemeinschaft ‚Tagesmütter‘, Dachorganisation von Gruppen und Vereinen des Tagespflegewesens, ist eines der bedeutendsten Ergebnisse dieses Modellprojektes. Die Arbeit innerhalb dieses Verbandes, in dem rund 30 Gruppen und Vereine mitarbeiten, hat wesentlich dazu beigetragen, Modellbestandteile in der jeweils möglichen örtlichen Modifikation beizubehalten bzw. auszubauen.“1

Das Bundesministerium hat die Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements der Vereine als Mitglieder und des Vorstands des Bundesverbandes erkannt und durch finanzielle Förderung unterstützt. Anfangs konnte dies nur punktuell in der Finanzierung einzelner Veranstaltungen erfolgen.

Ursula Trimpin, Gründungs- und Vorstandsmitglied und langjährige Vorsitzende des Bundesverbandes, erinnert sich bei der Jubiläumsfeier: „Als wir noch im Aufbau waren, bekamen wir noch wenig Zuschüsse für unsere Seminare. Diese haben wir dann immer genutzt, um uns anschließend zu treffen und eine Mitgliederversammlung zu machen. Das Ganze hat sich dann immer weiterentwickelt und irgendwann haben wir auch die Möglichkeit bekommen, einen Geschäftsführer einzustellen – Herrn Zühlke. Das Bundesministerium hat uns immer sehr unterstützt.

Nach der Wende wurden wir dann vom Bundesministerium beauftragt, in die neuen Bundesländer zu gehen und Tagesmüttervereine zu gründen. Das war manchmal nicht so ganz einfach. Ich habe diese Aufgabe übernommen und war in allen neuen Bundesländern unterwegs, habe die Qualifizierung eingeführt, und ich freue mich, dass ich noch einige Kontakte zu einigen Vereinen habe.“

Ab 1992 wurden kontinuierlich Personalkosten durch den Bund gefördert und die erste Geschäftsstelle in Meerbusch konnte ihre Arbeit aufnehmen. Die Veranstaltung von Fortbildungsseminaren, die Information und Beratung wurden intensiviert und es konnten Fachtagungen und Kongresse organisiert werden.

Große Kongresse und „runde“ Jubiläumsveranstaltungen wurden häufig durch Bundesministerinnen persönlich oder durch Vertreterinnen und Vertreter des Bundesministeriums eröffnet und durch Ansprachen entsprechend wertgeschätzt. Angela Merkel, Christine Bergmann, Renate Schmidt und in diesem Jahr Franziska Giffey würdigten das Engagement der Vereine und die Arbeit des Bundesverbandes. Eine ausführliche Dokumentation des 40-jährigen Jubiläums und einen Film, der die Geschichte des Bundesverbandes für Kindertagespflege in Originaldokumenten zeigt, finden Sie auf unserer Homepage unter www.bvktp.de/Bundesverband/Jubiläum 2018.

 

Von der Arbeitsgemeinschaft Tagesmütter zum Bundesverband für Kindertagespflege

 

 

Durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) waren die Zuständigkeiten für das Pflegekinderwesen und die Kindertagesbetreuung neu geordnet und voneinander getrennt worden. 1994 hat sich der Bundesverband im Nachgang grundlegend verändert, seinen Namen und auch sein Logo reformiert. So wurde aus der „Arbeitsgemeinschaft Tagesmütter, Bundesverband für Eltern, Pflegeeltern und Tagesmütter e.V.“ der „tagesmütter Bundesverband für Kinderbetreuung in Tagespflege e.V.“

Nach einer weiteren Reform des SGB VIII im Jahr 2005, in der der Auftrag der Bildung, Erziehung und Betreuung auch für die Kindertagespflege ausgeführt wurde, hat der Bundesverband erneut sein Erscheinungsbild verändert, seinen Namen und sein Logo verändert: „Bundesverband für Kindertagespflege – Bildung, Erziehung und Betreuung“.

 

Ein wichtiger Arbeitsbereich: Qualifizierung von Kindertagespflegepersonen

 

Die Qualifizierung und Fortbildung von Kindertagespflegepersonen war von Anfang an ein wesentliches Qualitätsmerkmal, zumal es immer möglich war, Kinder in Tagespflege zu betreuen, ohne eine einschlägige Fachausbildung durchlaufen zu haben. Der Bundesverband erarbeitete von 1994 – 1996 ein Curriculum im Umfang von 160 Unterrichtseinheiten als Basisqualifikation zuzüglich Zusatzmodulen zum Beispiel für die Betreuung von Kindern mit besonderem Förderbedarf, Großtagespflege und pädagogischen Themen als Fortbildung. Diese „Werkstattausgabe“ diente unter anderem als Grundlage für ein weiteres Modellprojekt beim DJI: „Entwicklung und Evaluation curricularer Elemente zur Qualifizierung von Tagespflegepersonen“, das von 1998 bis 2000 durchgeführt wurde. Aus diesem Modellprojekt resultierte das seit 2001 angewandte „DJI-Curriculum“. Seit 2004 vergibt der Bundesverband für Kindertagespflege das Zertifikat „Qualifizierte Kindertagespflegeperson“ und seit 2015, dem Jahr des Erscheinens des „Kompetenzorientierten Qualifizierungshandbuches Kindertagespflege (QHB)“, das Zertifikat mit dem Zusatz „nach dem Kompetenzorientierten Qualifizierungshandbuch Kindertagespflege (QHB)“. Inzwischen wurde ein solches Zertifikat mehr als 45.000 Kindertagespflegepersonen verliehen.

 

Auf dem Weg zur ZeT – Zeitschrift für Tagesmütter und -väter

 

Bereits im Juli 1978 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „tagesmütter“. Im Vorwort ist dort zu lesen: „Während unserer Arbeitstagung (des Modellprojekts) in Bad Boll wurde deutlich, dass wir dringend in regelmäßigen Abständen eine Zeitung brauchen, die den Kontakt zwischen den Gruppen herstellt. Um unser Ziel, eine Verbesserung im Pflegekinderwesen, zu erreichen, wollen wir Informationen austauschen und Erfahrungen weitergeben. Beeindruckend war bei der Tagung die Atmosphäre des aktiven Weitermachen-Wollens. Zukunftsperspektiven wurden in Arbeitsgruppen leidenschaftlich diskutiert und in den vorliegenden Resolutionen fixiert. Wir wollen gemeinsam, Tagesmütter, Eltern und Öffentlichkeit, die die Chance und die Notwendigkeit der Tagespflege erkennen, die Initiative ergreifen, um gemeinsam unser Ziel zu erreichen. Wir wissen, dass wir eine notwendige, wichtige Aufgabe innerhalb unseres Gemeinwesens erfüllen.“

Der Bundesverband für Kindertagespflege hat die „tagesmütter“-Zeitschrift bis 1998 selbst, mit Unterstützung des Kallmeyer Verlags, herausgegeben. Um sie noch weiter zu professionalisieren, wurde eine Kooperation mit dem Herder-Verlag eingegangen und die „ZeT – Zeitschrift für Tagesmütter und -väter“ ins Leben gerufen. Von 2000 bis 2016 erschien die ZeT beim Friedrich Verlag, seit 2016 gibt sie der Bundesverband gemeinsam mit dem Verlag Klett Kita heraus.

 

Quelle: ZeT - Zeitschrift für Tagesmütter und -väter 6/2018, S. 5-7

 

1Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit: Schriftenreihe. Kohlhammer Verlag 1980, S. 293 f.

Eveline Gerszonowicz

ist wiss. Referentin beim Bundesverband Kindertagespflege e.V.

gerszonowicz@bvktp.de

Von Eveline Gerszonowicz • 20.12.2018

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