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Der Deutsche Kita-Preis

Deutscher Kita-Preis Gewinner 2018

Das Maintaler Familienzentrum Ludwig-Uhland-Straße ist die beste Kita Deutschlands. Sie gewann den Deutschen Kita-Preis. Ein Gewinnerporträt.

Sara aus Serbien flüsterte, weil sie sich nicht traute, Deutsch zu sprechen. Und das über zwei Jahre. Doch irgendwann sprach sie laut. Zum ersten Mal im Musical-Kurs von Erzieher Michael Bergmann. Heute plaudert sie selbstbewusst in die Kamera: „Wir haben eine CD aufgenommen. Da hat man mich nicht gehört, weil ich so leise singe. Darum habe ich laut gesprochen“, erzählt Sara. Mit einem Lächeln im Gesicht tanzt sie zusammen mit den anderen Kindern, singt, macht Stimmübungen im Maintaler Familienzentrum Ludwig-UhlandStraße, nahe Frankfurt am Main. Erzieher und Musicaldarsteller Bergmann unterstützt die Kinder dabei.

Viele Kinder in der hessischen Einrichtung wachsen zweisprachig auf, zwei Drittel haben Migrationshintergrund. Über 140 Kinder aus 38 Nationen werden hier in sechs Gruppen betreut, fünf davon in der Einrichtung und es gibt eine Waldgruppe. Die Einrichtung im Stadtteil Bischofsheim, die Kinder bis zehn Jahre betreut, arbeitet eng mit dem Stadtteil und den Familien zusammen. Gabriele Steltner-Merz, Leiterin der Einrichtung, erinnert sich: „Wir haben früh – vor 20 Jahren – erkannt, dass die alleinige Erziehungsarbeit in der Kita nicht mehr ausreicht aufgrund von vielfältigen, sozioökonomischen und kulturellen Gründen.“ Eltern mit Migrationshintergrund kamen mit Unterlagen von Behörden in das Familienzentrum und fragten um Rat. Schnell wurde Steltner-Merz und ihrem Team klar, dass sie auch die Familien der Kinder unterstützen müssen. Neben Organisation von Sprachkursen führt sie regelmäßig Sozialraumanalysen und Elternbefragungen durch: Welche Bedürfnisse haben die Familien im Stadtteil? Mit wem kann ich zusammenarbeiten?

„Wir wissen, dass wir gute Entwicklungsarbeit leisten“

Gabriele Steltner-Merz leitet seit 24 Jahren die Einrichtung. Durch die lange Wirkungsdauer hat sie im Familienzentrum die komfortable Situation, langfristige Entwicklungsprozesse zu planen. Beispielsweise Reisen mit dem gesamten Team. Zusammen reisen sie während der Ferien eigenfinanziert durch Europa und suchen in Finnland nach Impulsen, holen sich Inspiration vom Early Excellence Ansatz – der Eltern als erste Erzieher wahrnimmt – aus England und reisen nach Italien, um Reggio Emilia-Einrichtungen zu besuchen. „Wir überlegen uns immer, wie wir die Bildungschancen der Kinder erhöhen können“, sagt Steltner-Merz. „Mein gesamtes Team ist hoch motiviert.“

PROJEKTBEISPIEL: „Die Tränen kommen aus dem Gehirn“

Ein neues Kind kam in die Kindergruppe und fiel dadurch auf, dass es viel und laut weinte in unterschiedlichen Situationen. Die Kinder machten sich Gedanken, warum es so viel weinen würde. Die Erzieherinnen fragten die Kinder danach, warum man weint und woher die Tränen kommen würden. Alle erzählten, wann sie selbst weinen würden.

 

Die Kinder zeichneten dann Bilder, wo denn die Tränen herkommen könnten. Dabei hatten alle ganz unterschiedliche Erklärungen. Ein Kind erzählte, dass das Gehirn ganz viel schwitzt, wenn man sich aufregt und dadurch entstünden die Tränen.

 

Nun überlegten die Kinder, welche Gefühle es noch gibt und was man gegen das Weinen alles unternehmen kann. Dadurch entstand ein Bilderbuch zum Weinen, das die Kinder heute noch anschauen und diskutieren. Die Bearbeitung mit dem Thema führte dazu, dass das neue Kind gelernt hatte, sich in verschiedenen Situationen zu regulieren, und dass es mit seiner Angst nicht allein war.

Nach der Italien-Reise war beispielsweise klar: Einen festen Wochenplan wird es nicht mehr in Maintal geben. „Wir wollten weg von der Angebotspädagogik“, sagt Steltner-Merz. Die Erzieher arbeiten heute mit den Stärken der Kinder und greifen ihre Themen mit Projektarbeit auf. In Räumen bereiten die Erzieher – Psychomotoriker, Foto: © Rawpixel.com / Shutterstock.com Natur- und Umweltpädagagogen, Sprach- und Tanzpädagogen, Musiktherapeuten – die Materialien vor, damit Kinder an ihren Projekten wie dem Tränenprojekt arbeiten können. Im Anschluss erzählen die Kinder, an was sie gerade arbeiten und was sie sich zukünftig vornehmen. Sie können auch in andere Gruppen gehen – das Familienzentrum arbeitet mit einem teiloffenen Konzept. „Wir haben viele Kinder mit unsicherem Bindungsverhalten. Die Kinder können sich frei in der Kita bewegen, haben aber eine feste Bezugsperson und eine feste Stammgruppe.“

Win-win: Forderung und Förderung

„Ich als Leitung verlange sehr viel und lege großen Wert auf ihre Qualifikation. Aber die Mitarbeiter bekommen auch viel“, ist Steltner-Merz überzeugt. Die Pädagogen können sich fachlich weiterentwickeln. Neben den Bildungsreisen gibt es regelmäßig Fortbildungen und Seminare, finanziert durch die Kommune.

Für die exzellente pädagogische Arbeit, die für die Kita selbstverständlich ist, und die Weiterbildungen der Fachkräfte wurde das Familienzentrum Maintal 2019 mit dem Deutschen Kita-Preis ausgezeichnet. „Wir wussten, dass wir gute Entwicklungsarbeit leisten“, sagt die Leitung. Aber damit haben sie nicht gerechnet. Für Steltner-Merz ist es die beste vorstellbare Auszeichnung. „Das ist mein Lebenswerk.“

 

Erveröffentlichung: Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 3/2018, S. 18-20, www.fruehe-bildung.online 

 

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