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Entwicklung Selbstkontrolle

Frühe Förderung ist entscheidend für die Entwicklung von Selbstkontrolle

Das im vorschulischen Alter erworbene fachspezifische Vorwissen ist entscheidend für den Schulerfolg. Wie sich dieses zeigt, erklärt Barbro Walker.

Prof. Dr. Barbro Walker

In der wissenschaftlichen Diskussion um kindliche Kompetenzentwicklung in der Frühen Bildung spielen fachspezifische kognitive Kompetenzen eine wesentliche Rolle. Im Zentrum steht dabei häufig die Frage, welche schriftsprachlichen und mathematischen Vorläuferfertigkeiten den nachfolgenden Grundschulbesuch von Kindern positiv beeinflussen und wie diese Fertigkeiten bereits im Vorschulalter gefördert werden können. Nicht ohne Grund – denn Forschungsergebnisse zeigen, dass das im vorschulischen Alter erworbene fachspezifische Vorwissen ganz entscheidend für den anschließenden Schulerfolg ist. Vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit schenkt man bisher noch sogenannten volitionalen Kompetenzen wie der Selbstkontrolle – in der Fachsprache auch als Selbstregulation bezeichnet –, obgleich diese kaum weniger bedeutsam für Entwicklung und schulisches Lernen sind, wie angloamerikanische Untersuchungen vielfach belegen konnten.

 

Selbstkontrollkompetenz beinhaltet Fähigkeiten wie Impulskontrolle und Belohnungsaufschub; also Kompetenzen, die sich umgangssprachlich am besten mit dem Begriff Selbstdisziplin beschreiben lassen. Bereits seit den 70er Jahren wiesen Untersuchungen darauf hin, dass die Ausprägung der Selbstkontrollfähigkeit eines Kindes im Zusammenhang mit erfolgreichem schulischem Lernen steht. Bekannt wurde der von dem Psychologen Walter Mischel an der Stanford University durchgeführte  Marshmallow-Tests: Mischel brachte Vorschulkinder in eine Versuchssituation, in der sie der Verlockung nach einem angebotenen Marshmallow widerstehen und eine in Aussicht gestellte Belohnung ein zusätzliches Marshmallow zeitlich aufschieben sollten. Kinder, die dies schafften, erzielten später bessere Schulleistungen, als Kinder, die dies nicht konnten. Auch nachfolgende Studien bestätigten einen Zusammenhang zwischen der im Kindergartenalter gemessenen Selbstkontrollfähigkeit und späterem schulischem Erfolg.

 

Die umfangreichste Langzeitstudie zur Bedeutung der Selbstkontrolle führte das Team um die amerikanische Psychologin Terrie Moffitt seit den 70er Jahren in Dunedin, Neuseeland, durch. Moffitt und ihre Kollegen verfolgten den Lebenslauf und die Entwicklung von mehr als 1000 Kindern ab deren Geburt bis zum 32. Lebensjahr. Ab dem dritten Lebensjahr wurden die Kinder – bis hin zum 11. Lebensjahr – immer wieder hinsichtlich ihrer Selbstdisziplin, ihrer Fähigkeit zum Belohnungsaufschub und ihrer Impulskontrolle untersucht. Die Ergebnisse der Langzeitstudie zeigten: Die im Vorschulalter erhobene Selbstkontrollkompetenz stand im Zusammenhang mit dem späteren Schulerfolg der Kinder. Darüber hinaus konnte demonstriert werden, dass sie nicht nur mit Schulerfolg, sondern auch mit vielen anderen Aspekten wie späterem beruflichem Erfolg, der Scheidungs- und Kriminalitätsrate und gesunder Ernährung im jungen Erwachsenenalter zusammenhing.

 

Angesichts der Erkenntnis, dass Selbstkontrolle also eine ganz bedeutende Rolle für eine erfolgreiche schulische Entwicklung (und nicht nur dafür) spielt, verwundert die bislang eher zurückhaltende Forschungsaktivität im deutschsprachigen Raum. Die Diskussion wäre aber nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht wichtig: Medien und pädagogische Ratgeber vermitteln Eltern und Pädagogen gelegentlich, formelles Lernen gehe – wenn man nur die richtige Technik anwende – spielend leicht vonstatten. Gerade aber formelle Lernprozesse, die nach der Kindergartenzeit ganz stark in den Mittelpunkt der Lernbiografie treten, fordern von Kindern immer wieder die eigene Disziplinierung bei der Überwindung von Widerständen. Der Erwerb einer gewissen Selbstdisziplin und Leistungsbereitschaft kann als Voraussetzung für eine allgemeine Lebenstüchtigkeit betrachtet werden, auf die es nicht nur in der Schule, sondern auch im Beruf und eigentlich im Leben immerzu ankommt. Wer schon als Kind lernt, auch in herausfordernden Situationen nicht gleich aufzugeben und innere Widerstände zu überwinden, wird das auch im späteren Leben leichter können. Über unser gesamtes Leben hinweg sind wir gefordert, unmittelbare Impulse und Wünsche zu kontrollieren, unliebsame Aufgaben zu erledigen, Pflichten nachzukommen und Belohnungen aufzuschieben.

 

Die Tatsache, dass sich Selbstkontrollfähigkeiten schon im frühen Kindesalter zeigen und bedeutsame Vorhersagekräfte für wichtige Aspekte im Leben eines Menschen sind, legt nahe, diesen Kompetenzen vermehrt Augenmerk zu schenken und Möglichkeiten ihrer frühen Förderung zu untersuchen. Dabei geht es keineswegs um spezifische Trainings- oder Förderprogramme, sondern vor allem um die Frage, welches Verhalten von Frühpädagogen der Entwicklung von Selbstregulation bei Kindern förderlich ist. Schon ganz kleine Herausforderungen des Alltags halten nämlich genügend Übungspotenzial bereit, wenn Pädagogen diese zu nutzen wissen. So kann in einer Spielsituation beispielsweise darauf geachtet werden, dass verwendete Spielsachen gemeinsam mit Kindern konsequent immer erst auf- und weggeräumt werden, bevor neue hervorgeholt werden. Im Morgenkreis kann man mit zunehmendem Alter der Kinder darauf achten, dass sie die Regel einhalten, dass nur ein Kind spricht und die anderen Kinder zuhören und warten, bis sie an der Reihe sind. Schon mit solchen kleinen Aufgaben im Kitaalltag können die Erziehenden bei Kindern die Fähigkeit zur Selbstdisziplin anbahnen. Dies empfiehlt sich etwa ab dem 2. oder 3. Lebensjahr zu tun, da ab dieser Zeit im kindlichen Gehirn allmählich diejenigen Areale heranreifen, die für die Selbstkontrolle zuständig sind. Ähnlich wie bei anderen kognitiven Kompetenzen ist auch bei der Selbstkontrolle davon auszugehen, dass sich eine frühe Förderung vorteilhaft auswirkt.

 

Die bislang überwiegend aus der englischsprachigen Literatur stammenden Forschungsergebnisse sollten hierzulande dringend in die Ausbildung von Erzieher/ -innen und Kindheitspädagogen einfließen. Bei Pädagogen und Eltern muss das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass sich die Fähigkeit zur Selbstregulation keineswegs von alleine entwickelt, sondern in hohem Maße von Erziehungs- und Erfahrungsprozessen abhängig ist. Die Diskussion um Förderung im frühen Kindesalter sollte deshalb zukünftig auch unter Berücksichtigung dieser wichtigen Kompetenz geführt werden.

                                                                                                                        

Duckworth, A. Seligman, M. (2005). Self-Discipline Outdoes IQ in Predicting Academic Performance of Adolescents. In: Psychological Science, Vol. 16, Nr. 12, S. 939 – 944.

Hasselhorn, M., von Goldammer, A. & Weber, A. (2008). Belohnungsaufschub als volitionale Kompetenz: Ein relevanter Bereich für die Schuleingangsdiagnostik? In: Psychologie in Erziehung und Unterricht, Jg. 55, Heft 2, S. 123 – 131.

Neubauer, A., Gawrilow, C. & Hasselhorn, M. (2011). Belohnungsaufschub: Ein Ansatz zur Frühprognose volitionaler Kompetenzen. In M. Hasselhorn & W. Schneider (Hrsg.), Frühprognose schulischer Kompetenzen. Göttingen: Hogrefe. S. 203 – 220.

Mischel, W. (2014). Der Marshmallow-Test. Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit. München: Siedler.

Moffitt, T. et al. (2011). A Gradient of Childhood Self-Control Predicts Health, Wealth, and Public Safety. PNAS, Vol. 108, Nr. 7, S. 2693 – 2698.

Prof. Dr. Barbro Walker

Prof. Dr. Barbro Walker ist Professorin für Kindheitspädagogik an der Hochschule für angewandte Pädagogik in Berlin.

Von Prof. Dr. Barbro Walker • 19.11.2018

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