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Interview

Kompetenzförderung der Zukunft für Kita-Kinder

Herausforderungen wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Die Welt von morgen verlangt neue Kompetenzen. Grundsteine dafür werden in der frühen Bildung gelegt.

Interview: Tina Sprung

Frühe Bildung Online / Meine Kita: Welche Kompetenzen brauchen Kinder für die Zukunft?

Mandy Singer-Brodowski: Es sind viele Kompetenzen, die junge Kinder für die Gestaltung zukünftiger Gesellschaften brauchen. Wie unsere Zukunft aussieht, wissen wir heute noch nicht. Was wir wissen ist, dass der menschengemachte Klimawandel einen massiven Einfluss auf die Lebensbedingungen in vielen Ländern – vor allem im globalen Süden – hat und haben wird, mit Folgen wie Armut, politische Instabilität, gesellschaftliche Ungleichheiten und klimabedingten Migrationsbewegungen.

 

Diese Umbrüche und Veränderungen erfordern ein hohes Kompetenzniveau bei den Kindern, was beispielsweise im Rahmen der Gestaltungskompetenz definiert wurde: Mit Unsicherheit umzugehen, selbstständig Wissen aufzubauen und auch Wissen zu bewerten, die Fähigkeit, solidarisch mit anderen zu sein, Perspektiven zu übernehmen, individuelle und gesellschaftliche Leitbilder zu reflektieren und Veränderungsprozesse im Alltag wie im größeren gesellschaftlichen Zusammenhang zu realisieren.

Wie können Fachkräfte dies fördern?: Wie können Fachkräfte dies fördern?

Diese Kompetenzen zu fördern, setzt voraus, dass die pädagogischen Fachkräfte selbst eine Haltung in Sachen Nachhaltigkeit haben und den Kindern Bildung für nachhaltige Entwicklung vorleben. Kinder müssen das Gefühl haben, mitgestalten zu können.

 

Schon heute erleben wir in Kitas und Schulen eine große Heterogenität – wenn die pädagogischen Fachkräfte auch die anderen Religionen und Sprachen der Kinder selbstverständlich miteinbeziehen, die Kinder über nachhaltige Lösungen für die Umgestaltung der Kita mitentscheiden lassen, dann können Kinder schon früh Erfahrungen der Selbstwirksamkeit machen.

Wie lässt sich das in der Praxis umsetzen?

Pädagogische Fachkräfte könnten zum Beispiel ein Kinderparlament in der Kita gründen und sie in Entscheidungsprozesse involvieren. Das können Entscheidungen wie der Einkauf von Lebensmitteln beim Bio-Bauern um die Ecke sein oder eine Abstimmung über das Ziel des nächsten Wandertages. Die Kinder bekommen so früh ein Gespür für die Möglichkeiten, die ihnen ein demokratisches Umfeld bietet und merken, dass es unterschiedliche Interessen gibt, die in einer demokratischen Gesellschaft zusammengebracht werden müssen.

 

Ein weiterer Ansatz kann das Philosophieren mit Kindern sein – Diskussionen über die Lebensbedingungen von Menschen in anderen Erdteilen, die von Armut betroffen sind. Gespräche über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Menschen und Tieren können die Empathie gegenüber Tieren fördern und damit zu einer kritischeren Sichtweise auf Massentierhaltung beitragen. Dabei ist es wichtig, nicht zu moralisieren. Wir müssen lernen, Probleme anzunehmen, andere Perspektiven zu sehen und mit den Herausforderungen umzugehen.

 

Die frühe Bildung muss stark machen für einen konstruktiven Umgang mit Veränderungen und Gerechtigkeitsfragen. Menschen sollen offen sein, nach Lösungen zu suchen, und lernen, angesichts der globalen
Herausforderungen nicht in Ohnmacht oder Resignation
zu verfallen.

Welche Rahmenbedingungen braucht es dafür in den Kitas?

Wir müssen pädagogischen Fachkräften die zeitlichen Ressourcen zur Verfügung stellen, damit sie eine solch hochwertige Bildung für nachhaltige Entwicklung realisieren und sich dahingehend weiterbilden können. Denn wir brauchen top ausgebildete pädagogische Fachkräfte. Erzieherinnen und Erzieher haben eine große Fortbildungsaffinität und sind sehr engagiert. Deswegen brauchen wir – als eine der wesentlichen Rahmenbedingungen – einen besseren Betreuungsschlüssel und mehr finanzielle Ressourcen.

Beim Blick in die Zukunft fällt auch das Stichwort Digitalisierung. Wie sehen Sie hier die Entwicklungen?

Die Digitalisierung kann gut für die Einsparung von Ressourcen eingesetzt werden, beispielsweise Apps zum Teilen von Gütern wie Kleidertauschbörsen oder Nachbarschaftsnetzwerke. Sie kann aber auch zur Verschärfung von Nachhaltigkeitsproblemen beitragen, etwa wenn zusätzliche Server immer mehr Energie benötigen. Kinder sollten bereits in der Kita die Mündigkeit erlangen und digitale Medien als Werkzeuge verstehen, die sie sinnvoll einsetzen können. 

Wie sieht die Kita 2030 aus?

Ich stelle mir vor, dass es in vielen Kitas eine Medienecke geben wird. Für die unterschiedlichen Bedürfnisse wird es unterschiedliche Räume geben. Die personelle Ausstattung ist sehr gut und die Kommunikationskultur untereinander ist wertschätzend und stark demokratisiert – zwischen
Eltern und Fachkräften, Fachkräften und Leitungen und den Kindern.

 

Ich wünsche mir, dass Kitas auf erneuerbare Energien setzen, fair gehandeltes Spielzeug kaufen, sich mit der Kommune vernetzen und gemeinsam Ideen entwickeln, den Ort im Sinne einer vernetzten Bildungslandschaft zu gestalten.

 

Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 1/2020, S. 4-9, www.fruehe-bildung.online 

Die vollständige Ausgabe 1/2020  gibt es im Kima-Shop

Von Interview: Tina Sprung • 03.03.2020

Mandy Singer-Brodowski

Mandy Singer-Brodowski ist beim Institut Futur der Freien Universität Berlin beschäftigt und koordiniert das nationale Monitoring zum UNESCO-Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Tina Sprung

Tina Sprung studierte Medien- und Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Medienpädagogik und Linguistik und absolvierte anschließend ein Zeitungs-Volontariat. Sie ist Redakteurin bei Frühe Bildung Online sowie Redaktionsleitung von Meine Kita – das didacta Magazin für die frühe Bildung. Ihr Freundkreis besteht fast nur aus Erziehern und Lehrern.

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