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Beschämung

Beschämung vermeiden in der Kita

Oft sind Auseinandersetzungen nicht vermeidbar, Dabei bringen pädagogische Fachkräfte Kinder ungewollt in beschämende Situationen. Wie lässt sich dies vermeiden?

Interview Benigna Daubenmerkl

Meine Kita / Frühe Bildung Online: Kitas sollen für Kinder ein sicherer Ort sein, an dem die Erzieherinnen und Erzieher ihre Rechte wahren. Dazu gehört auch, dass sie nicht beschämt werden. Was ist unter Beschämung in Kitas zu verstehen?

Jörg Maywald: Beschämung ist eine Form seelischer Gewalt gegenüber Kindern. Dabei geht es um das Bloßstellen eines Kindes, beispielsweise durch ungerechtfertigte Kritik vor der gesamten Gruppe. Beschämung passiert dann, wenn wir die Person des Kindes angehen und diese kleine und empfindsame, verletzliche Persönlichkeit beschädigen. Beschämung ist kurz gesagt das Gegenteil von Wertschätzung und Respekt vor der Individualität und Einzigartigkeit eines Kindes.

Wenn Kinder untereinander in Streit geraten, stellen Erwachsene die Frage: „Warum hast Du das getan?“ Ist das bereits Beschämung?

Respektloses Verhalten von Kindern anderen gegenüber müssen die Erzieherinnen und Erzieher natürlich benennen und dem Kind klare Grenzen aufzeigen. Denn auch ein Kind hat nicht das Recht auf Kosten anderer zu leben. In diesem Fall ist es wichtig, deutlich zwischen Kritik am Verhalten und Kritik an der Person zu unterscheiden. Denn sobald wir die Person des Kindes kritisieren, gerät das schnell zu einer Beschämung oder Herabwürdigung des Kindes. Die Frage „Warum hast Du das getan?“ ist generell problematisch.

Weshalb?

Wenn die Kinder wüssten, warum sie es getan haben, wäre es wahrscheinlich gar nicht dazu gekommen. Besser sind Fragen wie: „Wie ist es dazu gekommen?“. Dann können die Kinder die Vorgeschichte dazu erzählen. Die pädagogischen Fachkräfte sollten sich diese anhören. Sind mehrere Kinder an einem Vorfall beteiligt, sollten sie sich die Geschichte jedes einzelnen Kindes anhören. Denn jedes Kind nimmt ein solches Ereignis anders wahr.

 

Hilfreich ist es auch, sich selbstkritisch Fragen zu stellen, wie „Was haben wir übersehen?“, „Haben wir vielleicht viel zu spät reagiert?“, „Wie hätten wir vorgehen sollen, damit es gar nicht zu dem Vorfall gekommen wäre?“.

Wie sollten pädagogische Fachkräfte handeln, wenn ein Kind von einem anderen beschämt wurde?

Wenn Kinder sich falsch verhalten, muss man ihnen zeigen, dass es Konsequenzen und eine Form der Wiedergutmachung geben muss. Es muss klar sein, dass ein Fehlverhalten wieder in Ordnung gebracht werden muss. Ich sage bewusst Wiedergutmachung und nicht Entschuldigung, denn ein dahingesagtes „Entschuldigung“ ist eine leere Entschuldigungsfloskel und keine Wiedergutmachung.

 

Es geht außerdem darum, Fehlverhalten oder Schwächen eines Kindes sachlich und konkret am Verhalten eines Kindes orientiert anzusprechen. So sagt man beispielsweise zu einem Kind, das einem anderen etwas weggenommen hat: „ Was Du gemacht hast, ist nicht in Ordnung, denn Du hast nicht das Recht, dem anderen etwas wegzunehmen.“

Steht das nicht im Widerspruch zur stärkenorientierten Pädagogik?

Es ist natürlich wichtig, die Stärken eines jeden Kindes zu erkennen, zu benennen und zu fördern. Stärkenorientierung soll aber nicht heißen, dass wir seine Schwächen einfach ignorieren. Es ist wichtig, dass wir die Individualität der Kinder berücksichtigen. So kann man ein Kind, das Angst beim Klettern hat, zum Beispiel sagen: „Zwei Stufen an dem Klettergerüst hast du alleine geschafft, bis ganz oben traust du dich noch nicht. Was willst du als nächstes erreichen?“

 

Die Wissenschaft bestätigt, dass nicht nur jedes Kind anders ist, sondern dass sich die Unterschiede zwischen den Kindern sogar verstärken. In Bereichen wie dem kognitiven und körperlichen Bereich beobachten wir eine beschleunigte individuelle Entwicklung der Kinder. Das gilt aber nicht für den sozioemotionalen Bereich. Stärkenorientiert zu arbeiten heißt, auf Unterschiede zu achten und sie bei der Arbeit zu berücksichtigen. Neben der Stärkenorientierung ist die Partizipation eine wichtige Möglichkeit, um den Kindern Wertschätzung zu vermitteln.

Was ist dabei wichtig?

Ich finde, Beteiligung ist ein wichtiger Punkt, gerade in der frühen Bildung, weil sich Kinder dadurch als selbstwirksam empfinden können. Aber man muss sich bewusst sein, dass auch in Formen partizipativen Umgehens Beschämung stattfinden kann. Beispielsweise beim Morgenkreis, wenn alle Kinder sich äußern und beteiligen können. Das schließt aber nicht aus, dass dort ein Kind nicht nur wegen einer bestimmten Handlung, sondern auch als Person kritisiert wird. Beispielhaft wäre der Satz „Du bist immer so hibbelig.“

Was raten Sie für die praktische Arbeit, gerade im Hinblick darauf, Beschämung zu vermeiden?

Das wichtigste für die Arbeit der Fachkräfte ist ein respektvoller Umgang mit klaren, an den Rechten aller Menschen orientierten Regeln. Das lässt ihnen Raum und schafft die besten Bedingungen für die Entwicklung ihrer Stärken. Den einzelnen Fachkräften und den Teams rate ich, sich bewusst Zeit für Reflexion zu schaffen, um sowohl das eigene Verhalten zu reflektieren und sich auch einzelne Kinder oder Gruppen bewusst zu beobachten.

Zum Weiterlesen:

Jörg Maywald,
Gewalt durch pädagogische
Fachkräfte verhindern:
Die Kita als sicherer Ort für Kinder
Herder, 2019

Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 1/2020, S. 26-28, www.fruehe-bildung.online

Von Interview Benigna Daubenmerkl • 10.03.2020

Jörg Maywald

Jörg Maywald ist Professor für Soziologie an der Fachhochschule Potsdam und Sprecher der „National Coalition Deutschland“, ein Netzwerk zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention.

Benigna Daubenmerkl

Benigna Daubenmerkl arbeitete als Redakteurin und Journalistin im Bereich Kultur und Bildung für das Bayerische Fernsehen. Sie war im Bereich Kommunikation, Marketing und Weiterbildung tätig und schreibt heute als Redakteurin über Bildungsthemen.

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