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Bildungsräume

„Das ist meine Welt“ – Eine Cognitive Map gestalten

Kognitive Orientierung hilft Kindern besser in ihrer neuen Lebensumgebung zurecht zu kommen und fördert den Spracherwerb. Helfen können dabei sogenannte „Cognitive Maps“, die die Kinder aktiv und zusammen mit anderen Kindern und Erwachsenen entwerfen. Anbei findet Ihr ein Praxisangebot, dass sich schnell vorbereiten lässt.

Prof. Wassilios E. Fthenakis

Soziale und kulturelle Einbettung als Voraussetzung für Lernen

Inzwischen wird Bildung als sozialer Prozess definiert, an dem die Kinder zwar sehr wohl aktiv mitwirken – jedoch nicht allein, sondern in Interaktionen und Diskursen mit anderen. Dieser Lernprozess ist sozial und kulturell eingebettet und findet an verschiedenen Lernorten statt. Diese wurden in den Bildungsplan einbezogen und sollen systematisch genutzt werden, um jedem Kind beste Entwicklungs- und Lernchancen bieten zu können.
 
Bislang fehlte es allerdings an konkreten Ansätzen und Instrumenten, wie man dieser Herausforderung gerecht werden kann. In der Auseinandersetzung mit Fragen der Bildung und Integration von Kindern mit asylsuchenden Eltern habe ich darauf  hingewiesen, dass wir gut beraten wären, unsere bislang für Kinder mit Migrationshintergrund angewandten Ansätze zu überdenken. Denn sie haben sich als nicht besonders effizient erwiesen und Erwartungen, die mit der Integration solcher Kinder verbunden waren, konnten nicht erfüllt werden.

Erst Orientierung, dann Zweitspracherwerb

Deshalb habe ich vorgeschlagen, diese Kinder erst sozial und kulturell einzubetten, bevor man sie mit dem Erwerb der deutschen Sprache konfrontiert. Für den Spracherwerb ist dessen Alltagsorientierung und Einbettung in die soziale und kulturelle Umgebung von großer Bedeutung. Ein Praxis-Programm zur sozialen und kulturellen Integration könnte aus folgenden Punkten bestehen:

  • (kognitive) Orientierung der Kinder in ihrer neuen Lebensumgebung mittels sogenannter „Cognitive Maps“, die die Kinder aktiv und zusammen mit anderen Kindern und Erwachsenen entwerfen.
     
  • gezieltes Entdecken der sozialen und kulturellen Umgebung, um Bildungsressourcen (etwa Museum, Bibliothek) zu identifizieren und deren Nutzung zu erlernen
     
  • kulturelle Angebote kennenlernen und gegebenenfalls in Anspruch nehmen (etwa Bilderbuchkino in der Bücherei)
     
  • Erholungs- und Freizeitangebote identifizieren (etwa Parks, Spielplätze, Sportmöglichkeiten) und nutzen
     
  • Kinder mit Migrationshintergrund können in Familien eingeladen werden, um das Leben in deutschen Familien kennenzulernen. So entstehen für beide Seiten gewinnbringende Netzwerke.

Material:

  • pro Kind und Karte eine große Pappe
     
  • Stifte
     
  • eventuell Materialien zum Aufkleben
     
  • verschiedene Karten und Pläne

Vorbereitung:

Es bietet sich an, das Thema „Heimat“ oder „An welchen Orten bin ich gerne?“ mit einem Thema rund um Kartografie, zum Beispiel „Wie funktioniert eine Landkarte?“ oder „Wir verstehen den Kita-Fluchtplan“ zu kombinieren. So wird sowohl das nötige Bewusstsein für die umgebende Lebenswelt geschaffen als auch die Fähigkeit entwickelt, Vorstellungen und Orte auf Karten zu übertragen.

Durchführung:

Ist das Thema klar, kann die Erzieherin in Einzel- oder Kleingruppen mit den Kindern selbst eine Karte herstellen. Als Übung kann eine einfachere „Cognitive Map“ des Kita-Raumes oder der Spielgeräte im Garten dienen. Darauf aufbauend kann die Erzieherin den Radius erweitern und gemeinsam mit dem Kind eine kulturelle und soziale Umgebungskarte erstellen. Dabei kann das Kind den Ort, den es darstellen will, malen und die Erzieherin die gemalte „Sehenswürdigkeit“ schriftlich kommentieren. So haben später auch andere Erwachsene leichten Zugang zum Weltbild des Kindes und können es gemeinsam mit ihm thematisieren und wertschätzen. Die Erzieherin kann das Kind gerne durch Fragen und Hinweise unterstützen und ihm so die Erinnerung an besuchte Orte sowie die Orientierung in seinem Lebensumfeld ins Gedächtnis rufen.

Variation:

Es können auch Symbole für einige wichtige Lernorte verwendet werden. Etwa ein aufgeklebtes Blatt für den Wald oder ein Stück Zeitung als Sinnbild für die Bücherei.

Abschluss:

In einer Präsentation haben die Kinder die Möglichkeit, ihre Werke vorzustellen. Dabei erfahren sie viel von der Lebenswelt der anderen Kinder.

Von Prof. Wassilios E. Fthenakis • 16.05.2019

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