© Sergey Novikoc / Shutterstock.com
Stärken und Schwächen

Stärken stärken und Schwächen schwächen

Die verschiedenen Charaktere der Kinder in der Kita stellen Erzieher manchmal vor Herausforderungen: Wie fördern sie positive Persönlichkeitsmerkmale und gehen mit negativen Eigenschaften um? Eine Entwicklungspsychologin antwortet.

Redaktion

Das erzählt die Erzieherin:

Raphaela H., 36 Jahre, Braunschweig

„Ich bin Erzieherin in einer Kita, beschäftige mich viel mit der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und versuche, Kinder bei alltäglichen Situationen wie beim Morgenkreis oder bei Gruppenarbeiten optimal zu fördern.

Jede Erzieherin kennt wahrscheinlich die vielen, unterschiedlichen Charaktere und Persönlichkeitszüge: Kinder, die sehr nach Anerkennung streben und oft klammern, besonders in Situationen, die für sie ungewohnt sind. Kinder, die die komplette Zeit nach Abenteuern suchen, unruhig auf Stühlen hin und her zappeln und gar nicht mehr erwarten können, bis unser Morgenkreis vorbei ist. Dann gibt es Kinder, die viel fragen und sehr interessiert sind und jene, die sich zurückziehen und sich völlig aus dem Gruppengeschehen herausnehmen. Diese leiden vor allem unter dominanten Kindern, die bei Gruppenarbeiten schnell Ansagen machen und andere Kinder nicht zu Wort kommen lassen.

Wir versuchen natürlich, jedes Kind optimal in seiner Entwicklung zu fördern und zu fordern. Bei uns ist es jedoch leider oft ein Ermahnen, auch aus Zeitmangel: ‚Luca, wir hören alle jetzt mal der Emily zu. Du sollst nicht immer sprechen‘, ‚Alexander, du weißt, in unserem Morgenkreis sitzen wir alle ruhig an unserem Platz‘, ‚Emily, möchtest du auch etwas sagen?‘.

Ich möchte, dass wir den Kindern das Gefühl geben, dass wir sie genau so mögen, wie sie sind. Leider gelingt uns das nicht immer, vor allem nicht in den Gruppen und eben beim Morgenkreis. Wie können wir hier die Kinder unterstützen oder gegebenenfalls ihnen zeigen, dass ihr Verhalten nicht richtig ist, wie bei Luca, der alle unterbricht und ausschließlich redet? Wir wollen ihn nicht immer ermahnen, sondern dahin erziehen, dass die Kinder in einer Gruppe gut zusammen harmonieren, positive Charakterzüge fördern und negative Eigenschaften abbauen. Wie kann uns das gelingen, dass Kinder von sich aus mehr Rücksicht nehmen oder sich öffnen?“

Die Expertin antwortet:

Dr. Tina Eckstein:

„Ihre beschriebene Situation kennt jede Erzieherin und jeder Erzieher. Im Morgenkreis erzählen die Kinder von einem Erlebnis. Luca kommentiert die anderen oder möchte als Nächster dran sein. Schnell wird Luca als „Störenfried“ gesehen. Intuitiv reagieren wir darauf mit Zurechtweisung. Nach dem ressourcenorientierten Ansatz in der Pädagogik ist es aber gewinnbringender, bewusst auf die „positiven“ Eigenschaften, das erwünschte Verhalten und die Interessen des Kindes zu achten.

Anstatt Luca zu ermahnen, weist ihn die Erzieherin darauf hin, wenn er das erwünschte Verhalten zeigt. Lässt Luca andere Kinder hintereinander ausreden, wird ihm dies direkt rückgemeldet: ,Luca, ich fi nde es heute schön, dass du abwartest und jedes Kind sein Erlebnis erzählen kann.‘ Anschließend könnte Luca sein Erlebnis erzählen, so erhält er für sein erwünschtes Verhalten gleich zwei positive Rückmeldungen. In solchen Situationen ist es wichtig, Vorurteile gegenüber dem Kind abzubauen und stattdessen auf erwünschtes Verhalten zu achten, um dieses direkt in der Situation oder kurze Zeit später dem Kind zurückzumelden. Das unerwünschte Verhalten des Kindes wird dabei nicht ignoriert – es wird nur nicht mehr für das Kind sichtbar oder hörbar in den Mittelpunkt gestellt. Zeigt Luca während des Morgenkreises nicht das erwünschte Verhalten, kann man ihm eine Orientierung geben, wann er dran sein wird: ‚Luca, bitte lass die anderen Kinder ausreden. Nach Susi kannst du dein Erlebnis erzählen‘. Das hilft ihm, die Wartezeit besser auszuhalten. Der ressourcenorientierte Ansatz kann auch mit Bezug auf die anderen Kinder angewendet werden: ‚Welche Erfahrung mit welchen Kind in dieser Woche hat dir besonders gefallen?‘ So lernen sie, sich gegenseitig positiv wahrzunehmen und dies den anderen zu sagen. Diese Erfahrungen stärken das Selbstvertrauen – eine wichtige Grundlage für eine gesunde sozialemotionale und Persönlichkeitsentwicklung.“

 

Erstveröffentlichung: Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 4/2018, S. 32-33, www.fruehe-bildung.online

Mehr Themen lesen Sie in Meine Kita. Und mit dem kostenlosen Meine Kita Probe-Abo kommen die nächsten zwei Ausgaben mit dem Gutscheincode 1807MKOB bequem zu Ihnen nach Hause.

Dr. Tina Eckstein-Madry

ist am Institut für Angewandte Psychologie: Gesundheit, Entwicklung und Förderung der Universität Wien tätig. Sie forscht seit über zehn Jahren zu Krippen und Kindergärten, hält Weiterbildungen für  pädagogische Fachkräfte und berät sie.

Video-Seminar "Stärken stärken und Schwächen schwächen

Im Video-Seminar Stärken stärken, umso Schwächen zu schwächen erklärt Ursula Günster-Schöning, langjährige Kita-Leitung, wie Perspektivenwechsel möglich ist. Teil 1 von 6 Videos sehen Sie hier.

Von Redaktion • 30.10.2018

Zum Newsletter anmelden

Meine Kita