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Bewegung U3

Wie Erzieherinnen und Erzieher Bewegung bei U3-Kindern fördern können

Bewegung fördert Kognition, Sprachbildung und Motorik. Wie pädagogische Fachkräfte im U3-Bereich mehr Bewegung in die Kita bringen, erklärt Expertin Renate Zimmer.

Redaktion

Frühe Bildung Online / Meine Kita: Warum ist die Bewegung gerade in der frühen Kindheit so wichtig?

Prof. Dr. Renate Zimmer: Bewegung ist vom ersten Lebenstag an Motor der Entwicklung. Durch die Bewegung gewinnt das Kind zunehmend mehr Selbstständigkeit, es erkundet aktiv seine Umwelt und setzt alle Sinne ein. Es macht dabei Erfahrungen über sich selbst, gewinnt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, lernt, sich mit anderen Kindern auseinanderzusetzen und Regeln für das gemeinsame Spiel zu akzeptieren. Über den Körper gewinnt das Kind aber auch Erkenntnisse über die Beschaffenheit der Umwelt, über die Dinge und Gegenstände und ihre spezifi schen Eigenschaften. Diese Erfahrungen sind eng mit der kognitiven Entwicklung verknüpft. Auch der Spracherwerb kann über Bewegung unterstützt werden.

Inwiefern?

Sprache baut auf dem Handeln auf: Zuerst kommt das körperlich-sinnliche Erkunden einer Sache, dann erst folgt die sprachliche Begleitung. Das Kind spielt beispielsweise mit einem Ball, lässt ihn fallen und springen. „Ball springt“ sagt es, aber nicht bevor, sondern nachdem es sich mit ihm beschäftigt hat. Bewegungssituationen können als Sprachanlässe genutzt werden. Dabei wird der Wortschatz erweitert, das Kind lernt die Bedeutung von Begriffen kennen und hat Gelegenheit, Satzmuster einzuüben. Unsere Untersuchungen zeigen deutlich, dass die Kinder von einer bewegungsorientierten Sprachförderung profitieren.

Wie können Erzieher Bewegung fördern?

Kinder sind von Natur aus kreativ und haben meist viele Spielideen, selbst wenn sie sich mit den einfachsten Alltagsmaterialien beschäftigen. So wird ein Karton als Tunnel zum Hindurchkriechen genutzt, sie bauen damit ein Haus oder versuchen, in verschieden hohe Kartons hineinzuspringen. Hier kann die Erzieherin ansetzen, die Ideen der Kinder verstärken, aber auch erweitern, indem sie Materialien kombiniert und neue Spielvarianten aufzeigt. Der Karton kann zum Beispiel ebenso als Behälter beim Zielwerfen mit einem Ball dienen. Jedes Kind legt selbst fest, von welcher Entfernung aus es werfen möchte. Manche Kinder brauchen auch Unterstützung, Ermunterung. Dafür muss die Erzieherin die Kinder in ihrem Verhalten beobachten und erkennen, wo sie indirekt Hilfe geben kann.

Wie sollte ein Bewegungsraum, speziell für U3-Kinder, beschaffen sein?

Wichtig ist, dass die Kinder sich möglichst frei bewegen können. Räume sollten also grundsätzlich nicht mit Möbeln vollgestellt sein. Optimal ist es, wenn sie eine Fußbodenheizung haben, damit die Kinder viel barfuß laufen können. Der Bodenbelag sollte aus gut abwaschbaren und rutschfesten Materialien wie Holz oder Kunststoff bestehen. Neben der Schaffung einer offenen und freien Bewegungsfläche fördern besonders Bewegungsräume mit Strukturen die Entwicklung der Kinder, zum Beispiel durch auf den Boden geklebte Markierungen. Die Kinder nutzen diese dann zum Springen, Hüpfen und Balancieren. Es ist wichtig, dass Kinder viele Bewegungsoptionen haben, um sich täglich neu zu erfahren und weiterzuentwickeln.

Was darf bei der Ausstattung nicht fehlen?

Das Mobiliar sollte multifunktional sein, Hocker, Schaumstoffwürfel und stabile Bänke können bei Bedarf als Sitzgelegenheiten genutzt werden. Mit ihnen bauen die Kinder und schaffen einen „Raum im Raum“. Bodenmatten laden zum Rollen und Krabbeln ein und bieten auch den Kleinsten viele Bewegungsanlässe. Raumelemente mit eingebauten stabilen Treppen ermöglichen das tägliche Üben des Steigens, Kletterns und Springens. Die Treppen sollten rutschfest, möglichst breit und abgerundet sein, damit die Kinder sie selbstständig erobern. Schön ist es, wenn sie sich mit einer Rutsche verbinden lassen. Kästen und Balancierbalken eignen sich zum Balancieren und zum Erproben des Gleichgewichts. Gut ist es, wenn es in den Räumen auch Möglichkeiten zum Klettern und Hangeln gibt, beispielsweise an Kletternetzen.

Und wie soll der Außenbereich gestaltet sein?

Sand und Erde sind als formbare Materialien wichtig. Hier können die Kinder matschen, buddeln, graben und bauen. Daneben sollte es auch befestigte Flächen geben, auf welchen die Kinder mit Rollgeräten oder Laufrädern fahren können. Kleine Hügel und modellierte Bodenflächen mit einem natürlichen Gefälle nutzen Kinder zum Rennen, Steigen und Springen. Auch Klettermöglichkeiten, die sie selbstständig bewältigen können, gehören in die Außenanlagen. Kinder brauchen vielfältige Bewegungsmöglichkeiten, wobei gerade im U3- Bereich darauf geachtet werden sollte, dass die Kinder sie gefahrlos allein bewältigen. Neben der Gestaltung des Außengeländes ist es wichtig, dass die Kinder es täglich – bei jedem Wetter – nutzen können. Kinder lieben es, auch bei nassem Wetter, bei Regen oder Schnee, die Veränderungen der Umwelt zu erleben, sie lieben Matsch und Pfützen. Sie brauchen nur Kleidung zum Wechseln – alles andere ergibt sich im Spiel mit der Natur von selbst.

 

Zum Weiterlesen: Renate Zimmer Wilde Spiele zum Austoben Durch Bewegung zur Ruhe kommen Herder Verlag, 2018 112 Seiten, 20 Euro

Erstveröffentlichung: Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 4/2018, S. 18-20, www.fruehe-bildung.online

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Von Redaktion • 29.10.2018

Prof. Dr. Renate Zimmer

ist Expertin für Frühpädagogik und Autorin zahlreicher Fachbücher. Sie setzt sich mit den Themen Bewegung, Wahrnehmung, Sprachbildung, Psychomotorik und frühkindlicher Entwicklungsförderung auseinander.

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