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Das Gute-Kita-Gesetz

Das Gute-Kita-Gesetz: Gut genug?

Das Gute-Kita-Gesetz ist Anfang des Jahres in Kraft getreten. Mit 5,5 Milliarden Euro soll die Qualität in Kitas verbessert werden. Hört sich gut an, aber ist es auch gut?

Tina Sprung

Noch keine zwei Monate ist es her, seit es in Kraft getreten ist: das „Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Teilhabe in der Kindertagesbetreuung“. Von der Familienministerin Franziska Giffey verheißungsvoll als das „Gute-Kita-Gesetz“ bezeichnet. Sie will die Qualität in der Kindertagesbetreuung verbessern und die Eltern bei den Beiträgen entlasten. 5,5 Milliarden Euro stellt der Bund dafür für die kommenden vier Jahre bereit. Doch hält das Gesetz auch, was der Name verspricht? Es hagelt viel Kritik von Bildungsexperten. Vor allem, weil das Gesetz nicht festlegt, dass die Länder das Geld in mehr Qualität investieren müssen. Sie können es auf Wunsch der SPD auch für die Gebührenfreiheit ihrer Einrichtungen verwenden. Neun von zehn Sachverständigen – darunter Professor Susanne Viernickel von der Universität Leipzig, Frank Jansen, Geschäftsführer Verband Katholischer Tageseinrichtungen, und Professor Bernhard Kalicki vom Deutschen Jugendinstitut –, hatten sich bei einer Anhörung im Familienausschuss daher gegen den Entwurf ausgesprochen.

 

Weitere Experten wie Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, bemängeln, dass keine einheitlichen Standards wie ein fester Betreuungsschlüssel defi niert werden. Um einen qualitativ hochwertigen Ausbau der Kitas zu stemmen, seien jährlich außerdem insgesamt 8,7 Milliarden Euro nötig. Investitionen, die helfen würden, Bildungsungerechtigkeit zu beseitigen und Kinder bestmöglich zu fördern.

 

Trotzdem: „Das Gesetz ist gut und notwendig, aber es darf nur der Anfang einer Entwicklung sein“, sagt Prof. Wassilios Fthenakis, Chefredakteur von Meine Kita und Didacta-Präsident. „Für eine nachhaltige Qualitätssteigerung muss das gesamte Konzept der frühen Bildung reformiert werden. Das System muss sich öffnen und die Bildungsorte außerhalb der Kitas in ihre Arbeit einbeziehen. Die Familie muss als Bildungsort anerkannt und eine Bildungspartnerschaft mit den Eltern etabliert werden.“ Und vor allem: Die Professionalisierung der Fachkräfte müsse vorangetrieben werden – mit allen Konsequenzen, auch für ihre Vergütung.

 

„Kinder brauchen sichere Bindungen“

„Die Wertschätzung frühkindlicher Bildung in der Bevölkerung, die Nutzung des Angebotes von Bildungsinstitutionen durch einen Großteil der Familien muss Ansporn sein, nach dem quantitativen Ausbau nun auch die Qualität der Kindertageseinrichtungen zu verbessen. Einen wesentlichen Einfl uss auf die Qualität der Arbeit der pädagogischen Fachkräfte haben die personellen Rahmenbedingungen. Dazu gehören vor allem die Gruppengröße und die Fachkraft-Kind-Relation. Diese Faktoren beeinfl ussen ja auch, wie viel Zeit eine Erzieherin oder ein Erzieher in der Kita für ein Kind hat, wie man auf die Wünsche und Interessen der Kinder eingehen kann, wie man auch sprachlich mit dem Kind interagieren kann. Bildungsprozesse hängen in hohem Maße von der Beziehung ab, die Kinder zu ihren Bezugspersonen in der Kita aufbauen können. Kinder können sich erst dann ihrer Umwelt zuwenden, sie erst dann entdecken und sich aktiv die Welt aneignen, wenn sie über eine sichere Bindung verfügen sowie eine vertrauensvolle Beziehung zu den Pädagoginnen und den Pädagogen in der Kita haben.“

Prof. Dr. Renate Zimmer, Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe)

 

„Jetzt muss die Politik liefern“

„In den vergangenen zehn Jahren hat sich Deutschland mit Blick auf das Angebot an Kindertagesbetreuung von einem Entwicklungsland zu einer familienfreundlichen Gesellschaft gewandelt. Neben dem erfolgreichen, aber keineswegs abgeschlossenen Ausbau der Betreuungsmöglichkeiten für ein- und zweijährige Kinder befasst sich die Politik nun endlich auch mit der dringend notwendigen Verbesserung der Qualität der frühen Betreuung und Bildung. Ein wichtiges Ziel dabei, das die Mitverantwortung des Bundes überhaupt erst begründet, ist der Abbau der Länderunterschiede in zentralen Qualitätsparametern, beispielsweise im Betreuungsschlüssel. Hierzu hat eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern – unter Beteiligung der kommunalen Spitzenverbände und flankiert durch einen Expertendialog – gemeinsam Handlungsbedarfe identifiziert, Qualitätsziele definiert und Umsetzungsmaß- nahmen skizziert. Gleichzeitig wurden die Investitionskosten kalkuliert und Wege einer nachhaltigen Mitfinanzierung durch den Bund aufgezeigt.

 

Nun wird sich erweisen, ob die Zielrichtung des gesamten Unterfangens, nämlich substanzielle Qualitätsverbesserungen zu erreichen, beibehalten wird. Die kritischen Punkte hierbei betreffen erstens das Investitionsvolumen – aktuell in der Planung sind zwei der veranschlagten 10 Milliarden Euro pro Jahr –, die Nachhaltigkeit einer Mitfinanzierung durch den Bund – zunächst nur bis 2022 gesichert –, sowie die Zweckbindung der zusätzlichen Bundesmittel. Der Referentenentwurf lässt den Ländern viel zu viele Freiheitsgrade bei der Mittelverwendung. Die Erwartungen von Eltern, pädagogischen Fachkräften und Gesellschaft sind hoch – jetzt muss die Politik liefern!“

Prof. Dr. Bernhard Kalicki, Leiter der Abteilung Kinder und Kinderbetreuung, Deutsches Jugendinstitut in München

 

„Wir betreiben Flickschusterei“

„Meine größte Sorge ist, dass die Länder frei entscheiden können, wofür sie die Gelder nehmen. Grundsätzlich sollte die Kita wie andere Bildungseinrichtungen kostenfrei sein, aber die Gelder müssen erst in die Großbaustellen, also in die Quantität und Qualität, fließen. Als Deutschland zu Beginn der 1990er-Jahre mit der Wiedervereinigung beschäftigt war, reformierten Länder wie Neuseeland das Bildungssystem. Wenn wir hier nicht endlich beginnen, zu investieren, fliegt uns alles um die Ohren. Wir benötigen, um gute Qualität in den Kitas zu gewährleisten, zehn Milliarden Euro jährlich. Die 5,5 Milliarden, die nun zur Verfügung gestellt werden, dürfen nicht in die Beitragsfreiheit fließen. Meines Erachtens ist das sowieso Aufgabe des Sozialministeriums. Heute hängt Qualität von der Familienfreundlichkeit der Städte, Kommunen und Bürgermeister ab. Mit dem neuen Gesetz wird sich daran nichts ändern – wir betreiben Flickschusterei. Was wir brauchen sind in jedem Bundesland gut ausgebildete, empathische Fachkräfte mit Hochschulabschluss und in den Kitas kleine Gruppen und große Räume. Jede Kita muss evaluiert werden von externen Experten und sicherstellen, dass die Qualität gegeben ist. Auch gleiche Rahmenbedingungen sind notwendig: Wir können nicht wegen Brandschutzmaßnahmen mit jeder örtlichen Feuerwehr diskutieren – das muss bundesweit geregelt werden. Was ich mir vor allem wünsche, ist, dass der Beruf wertgeschätzt wird und die Fachkräfte genauso viel verdienen wie Gymnasiallehrkräfte. Vorteilhaft wäre es, Politiker und Experten an einen Tisch zu bekommen, um über diese Punkte zu diskutierten.“

Dr. Ilse Wehrmann, Sachverständige für Frühpädagogik und freie Beraterin von Politik und Wirtschaft

 

„Ein Gute-Kita-Gesetz sieht anders aus“

„Mit der Weiterentwicklung der Qualität in der Kindertagesbetreuung kann man sich nicht zufrieden geben. Wir haben erwartet, dass die Finanzierung der Bundesmittel über ein Sondervermögen erfolgt. Erwartet haben wir eine dauerhafte Beteiligung des Bundes an der Finanzierung über 2022 hinaus: Nun sind die Länder gezwungen, für die weitere Finanzierung ihres Engagements über 2022 hinaus selbst in die Tasche zu greifen. Kritisch zu bewerten ist auch die Priorisierung von Handlungsfeldern. An erster Stelle steht das Handlungsfeld bedarfsgerechtes Angebot. Konzentriert sich ein Land hierauf, so können die Bundeszuschüsse unter anderem für eine Reduzierung der Elternbeiträge genutzt werden. Damit gehen wichtige Gelder für eine bessere Fachkraft-Kind-Relation und für Investitionen in angemessenere Leitungsressourcen verloren.“

Frank Jansen Geschäftsführer Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK)

Das "Gute-Kita-Gesetz"

  • ist zum 1. Januar 2019 in Kraft getreten
  • will die Qualität der Kindertagesbetreuung verbessern und Eltern bei den Beiträgen entlasten
  • bedeutet eine Investition von 5,5 Milliarden Euro bis 2022
  • umfasst zehn Handlungsfelder, die Bund, Länder, Kommunen, Verbände und Wissenschaft gemeinsam festgelegt haben, wie bedarfsgerechtes Angebot oder einen guten Betreuungsschlüssel.

Erstveröffentlichung: Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 1/2019, S. 4-6

Tina Sprung

Tina Sprung studierte Medien- und Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Medienpädagogik und Linguistik und absolvierte anschließend ein Zeitungs-Volontariat. Sie ist Redakteurin bei Frühe Bildung Online sowie Redaktionsleitung von Meine Kita – das didacta Magazin für die frühe Bildung. Ihr Freundkreis besteht fast nur aus Erziehern und Lehrern.

Von Tina Sprung • 06.02.2019

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