Kitapflicht?

Braucht Deutschland eine Kita-Pflicht?

Derzeit ist eine heiße Debatte um die Einführung einer Kita-Pflicht in Deutschland entbrannt. Experten und jene die sich für solche halten, spalten sich in zwei Lager.

Florian Esser

Von klarer Befürwortung über teilnahmsloses Wegnicken bis hin zu konfrontativer Ablehnung ist wirklich alles dabei. Den Stein ins Rollen gebracht hat die damalige Bezirksbürgermeisterin von Neukölln (Berlin), die heutige Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). Sie hat sich offen für die Einführung einer Kitapflicht für Kinder ab 3 Jahren ausgesprochen. Inhaltliche Gegner empfinden das als reflexhafte Handlung aus dem Raumschiff Berlin. Andere meinen eine solche Pflicht würde Eltern in der Ausübung ihrer Bestimmungspflicht übergehen. Einige wenige hingegen, scheinen den Vorschlag der Ministerin zu begrüßen. Aber was genau erhitzt die Gemüter? Ist es die gefühlte Einmischung des mächtigen Staates in die Erziehung der Kinder? Ist es die Furcht davor, den Zugriff auf sein eigenes Kind zu verlieren? Vielleicht sollte man es gar nicht Kitapflicht sondern Kitazwang oder noch besser „Häusliches Betreuungsverbot“ nennen? Komisch, dass sich bei der Schulpflicht wiederum nur eine erlesene Handvoll an Kritikern finden lässt. Die Pflicht, sein Kind in die Schule zu bringen, scheint keinem so wirklich übel aufzustoßen. Auch die Tatsache, uns beim Autofahren anschnallen zu müssen, empfinden wir nicht als erdrückende Pflicht. Obwohl sie ganz klar als solche aufgestellt wurde und ein zuwiderhandeln zu bitteren Konsequenzen führen kann. Bleibt die Frage, ob ein Staat souverän handelt der, sobald er feststellt, dass der freie Wille des Volkes nicht zum erwünschten Effekt führt,  als ultima ratio eine Pflicht daraus macht? Gut, nun könnte man als Leser den Eindruck gewinnen, es gäbe eine extreme Schieflage in unserer Gesellschaft, die dazu führt, dass kaum noch Eltern ihr Kind bundesweit in die Kitas bringen. Um der Wahrheit an dieser Stelle die Ehre zu geben, soll nicht unerwähnt bleiben, dass das absolute Gegenteil der Fall ist. Die Betreuungssituation ist in einigen Kommunen nahezu dramatisch. Hierzulande würden sich Eltern für einen Kitaplatz ein Bein ausreißen, ihr Kind auf den Namen der Kitaleitung taufen,  oder sogar ihr liebgewonnenes Haustier einschläfern. In gewisser Weise scheint der Begriff Schieflage plötzlich alles andere als unpassend. Denn es herrscht in der Tat ein gewaltiges Ungleichgewicht zwischen politischem Anspruch und der kalten, teils rauen Realität unzähliger Familien in Deutschland. Anstatt die Rahmenbedingungen, wie Personal und Ausstattung für die Kinder zu verbessern, die bereits in Kitas betreut werden, versucht man ungeachtet des drastischen Kitaplatzmangels noch die Eltern in die Kita zu zwingen, die sich aus guten Gründen den „Luxus“ einer häuslichen Betreuung der Kinder erlauben. Machen wir uns nichts vor: Klar gibt es Familien, die sich unserem Bildung System verschließen. Hier wäre ein kontinuierlicher Kitabesuch des Kindes ohne jeden Zweifel dringend notwendig und eine Pflicht mit Sicherheit ein guter Hebel. Ich bezweifle nur, dass es der richtige Ansatz ist die 94 % die ihr Kind in die Kita bringen, die Suppe derer auslöffeln zu lassen, die von der Gesellschaft in der Ausgestaltung ihrer Erziehungsaufgaben als fundamental oder abgehängt wahrgenommen werden.
Mit dem Ziel so das Haar aus der Suppe zu fischen, statt genau diesen Familien mit niedrigschwelligen Angeboten in ihrem Sozialraum zu begegnen.

Aber ein Gutes hätte diese Kitapflicht, sie würde uns als Fachkräfte in der Wahrnehmung der Eltern sowie der Gesellschaft klar aufwerten. In unseren Handlungsmöglichkeiten wären wir den Lehrern quasi ebenbürtig. Für uns ginge es dann Frühling, Sommer, Herbst und Winter in die wohlverdienten Ferien. Wenn ich es mir genauer überlege, fände ich eine Kitapflicht gar nicht mehr so schlecht. Nur an den Gong müsste ich mich anfangs noch gewöhnen.

Jetzt mal im Ernst, wollen wir das? Ich finde,  diese Debatte droht die wirkliche Situation sowohl in Kitas als auch an Schulen zu kaschieren. Plakative Überschriften helfen eine gewisse Aufmerksamkeit, für ein Thema zu erzeugen. Folgt darauf allerdings nur reflexhafter Aktionismus anstelle von handfesten Lösungen, bleibt der Hase weiter im Pfeffer begraben. Für mein "Dafürhalten" scheint die Einführung einer Kita-Pflicht zum jetzigen Zeitpunkt wenig zielführend. Vielmehr sehe ich die Verantwortlichen auf Landes-, wie Bundesebene in der Pflicht,  sich der wirklich drängenden Themen im Bereich der frühkindlichen Bildung anzunehmen. 

Von Florian Esser • 10.01.2019

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