Bildung früher

Das Jahrhundert des Kindes: Vom Objekt zum Subjekt

Kinder waren früher Arbeitskräfte, sicherten die Eltern im Alter ab. Bis sie Rechte erhielten und die Rolle des Gestalters im Bildungsprozess einnahmen, war es ein weiter Weg.

Wassilios E. Fthenakis

Es dauerte lange, bis man Kinder nicht mehr als Objekte betrachtete, die Schutz und Fürsorge benötigen, sondern als Subjekte mit eigenen Rechten. Nach über vier Jahrhunderten begann man als Folge der französischen Revolution um 1800 über die Stellung des Kindes in der Gesellschaft nachzudenken.

 

Das Kind als Objekt der Fürsorge

Die ersten Auswirkungen waren in der Arbeitswelt sichtbar: Die Fabrikarbeit war für Kinder unter neun Jahren verboten, in der Gesetzgebung trennte man das Erwachsenenstrafrecht von dem Jugendstrafrecht. Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Deutschland 1919 war ein Signal dafür, dass Kinder Rechte, in diesem Fall das Recht auf Bildung, haben.

 

Auf internationaler Ebene sollte, nach der schwedischen Reformpädagogin Ellen Key, das zwanzigste Jahrhundert das Jahrhundert des Kindes werden. Bekannte Pädagogen wie Maria Montessori, Janusz Korczak, Alexander Neill und Eglantyne Jebb forderten Kinderrechte ein. Jebb entwarf die Children‘s Charter, die am 26. September 1924 die Generalversammlung des Völkerbundes als „Genfer Erklärung“ verabschiedete. Die beginnende Sensibilisierung für kindliche Rechte kam auch in weiteren Übereinkommen zum Ausdruck, etwa im Haager Abkommen von 1902 zur Regelung der Vormundschaft über Minderjährige, im Internationalen Übereinkommen zur Bekämpfung des Mädchenhandels 1910 oder im Haager Übereinkommen von 1961 auf dem Gebiet des Schutzes von Minderjährigen. Obwohl diese Reformen das Wohlergehen des Kindes fokussierten, behandelten sie das Kind als Objekt des Schutzes und der Fürsorge, nicht als Inhaber
eigener Rechte.

 

In der Nachkriegszeit versuchte man die Situation der Kinder über Institutionen zu verändern. 1945 riefen 37 Staaten die UNESCO, die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation, ins Leben. Sie tritt seitdem für die Sicherung des Grundrechtes auf Bildung ein. Ein Jahr später gründete die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) das Kinderhilfswerk UNICEF, um vom zweiten Weltkrieg betroffene Kinder zu unterstützen. Es ist seit 1953 fester Bestandteil der UN-Generalversammlung. In der Allgemeinen
Erklärung über die Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948, vor allem in den Artikeln 25 und 26, finden sich Maßnahmen, die auf das Recht auf Bildung verweisen. 1959 verabschiedete die UN-Generalversammlung einstimmig eine Erklärung über die Rechte des Kindes, sie blieb jedoch wegen fehlender Rechtsbindung weitgehend wirkungslos.

 

Eine wirkliche Wende wurde erst durch die Verabschiedung der UN-Konvention über die Rechte des Kindes am 20. November 1989, also dreißig Jahre nach der Erklärung von 1959, eingeleitet.
Ein Jahr später trat sie in Kraft.

In der Zeit des Kalten Krieges der 80er-Jahre forderten wir einen neuen Geist, Umdenken und Veränderungen. Wir fühlten die Chance, dass sich die geteilte Welt in Sozialismus und Kapitalismus zum Besseren wenden kann. Wir demonstrierten, um eine Entspannungspolitik einzufordern und wussten, dass es auch auf der anderen Seite des Vorhangs (Anm. d. Redaktion: in der Sowjetunion) den Wunsch nach Freiheit bei vielen jungen Menschen gab. Wir hofften alle, dass die Mächte abrüsten und sich annähern. Mit diesen Demonstrationen sind wir in die Geschichte eingegangen. Und auch heute gibt es Bewegungen durch junge Menschen, die Geschichte schreiben werden: die Fridays for Future-Demonstrationen. Spätere Generationen werden die Klimaaktivisten als Helden verehren.

Wolf Maahn, Musikproduzent, ging in den 80er- Jahren auf die Straße, um gegen das Wettrüsten zu demonstrieren

Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes kodifiziert erstmals das Kind als Subjekt, als Inhaber eigener Rechtspositionen. Die Bundesrepublik Deutschland stand der Einräumung eigenständiger kindlicher Rechtspositionen lange Zeit skeptisch gegenüber. Deswegen ratifizierte der Deutsche Bundestag diese mit Vorbehalten und nahm diese erst 2010 zurück. Eltern wurde die Verantwortung und der Schutz der Kinder vorbehaltlos und vollumfänglich anvertraut: Beispielsweise hat der Gesetzgeber die körperliche Züchtigung in der Familie erst 2000 mit dem Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung verboten.

 

Die Gesetzgebung hat die UN-Konvention auch heute noch nicht vollumfänglich umgesetzt. Zwar hat sie in mehreren Artikeln Maßnahmen zum Schutz des Kindes verankert, aber nur in wenigen Fällen erfolgte dies als Recht des Kindes. Auch die Bemühungen der Kinderkommission des Bundestages und Stimmen aus unterschiedlichsten Organisationen haben daran nichts verändert. Mittlerweile sieht der Koalitionsvertrag die Verankerung der Kinderechte in der Verfassung zwar vor, vollzogen haben es die Regierungsparteien bislang nicht.

 

Das Kind als aktiver Gestalter

Wenn es um Reformen geht, die unsere Kinder betreffen, herrscht in Deutschland ein Umsetzungsproblem. Die Regierungen haben es unterlassen, die Stellung des Kindes in Bildungsinstitutionen neu zu definieren. Wir haben lange Zeit die Kinder als Objekt des Bildungssystems und nicht als Mitgestalter ihrer eigenen Lern- und Bildungsbiografie angesehen. Erst jetzt, mithilfe moderner Lehr- und Bildungspläne, verändert sich die Situation: Kinder übernehmen eine aktive, mitgestaltende Rolle in ihrem Bildungsprozess. Aber auch hier sind wir weit davon entfernt, dies konsequent in der Praxis umzusetzen. Charakteristisch für Deutschland sind landesspezifische Bildungspläne, die sich in ihrer Qualität stark unterscheiden. Dies führt zur höchsten Bildungsdiversität im OECD-Vergleich, was den Nährboden für Bildungsungerechtigkeit bildet. Es bräuchte einen Bildungsplan, der für ganz Deutschland Gültigkeit hat. Zudem müssen Bildungspläne spätestens alle zehn Jahre überprüft, weiterentwickelt und wenn nötig auch reformiert werden.

 

Wenn Kinder ein Recht auf Bildung haben, dann haben Politik, Gesellschaft und Institutionen die Pflicht, dass diese Rechte erfüllt werden. Im 21. Jahrhundert haben wir die Chance, die Stellung der Kinder zu verbessern, ihre Rechtspositionen zu sichern und damit die Fundamente für eine zukunftsgerichtete Gesellschaft zu legen. Dann könnten wir Ansprüchen gerecht werden, die schon vor mehr als hundert Jahren angemahnt wurden: Kinder sind Subjekte, keine Objekte.

 

Die Mitbestimmer

Nicht erst seit 1989, als die UN-Kinderrechtskonvention Versammlungsfreiheit auch für Kinder und Jugendliche verankerte, demonstrieren junge Menschen. Schon deutlich früher gestalteten sie die Gesellschaft aktiv mit:

 

Studentenproteste/1968er-Bewegung

Kritik an den bestehenden Verhältnissen: So lässt sich die 68er-Bewegung heute zusammenfassen. Studierende demonstrierten gegen den Vietnamkrieg, lehnten sich gegen den als autoritär empfundenen Staat auf und forderten die bis dahin ausgebliebene Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit.

 

Umwelt- und Anti-Atomkraftbewegung

Anfang der 1970er-Jahre begannen junge Aktivistinnen und Aktivisten gegen Atomkraft zu protestieren. Wenige Jahre später erreichte die Protestbewegung ihren Höhepunkt: Bei Großdemos gegen den Bau von Atomkraftwerken schlossen sich Jugendliche aus Frankreich und der Schweiz an.

 

Die Wende-Jugend

Die Jugend Mitte der 1980er-Jahre entwickelte ein neues Selbstbewusstsein. Sie protestierte gegen den Kalten Krieg und das Wettrüsten zwischen den USA und Russland. Die Jugend in der Deutschen Demokratischen Republik lehnte sich erneut gegen das SED-Regime auf. Ihre friedlichen Proteste trugen dazu bei, dass die Mauer fiel.

 

Fridays for Future-Bewegung

Fridays for Future ist eine globale Bewegung von Schülerinnen und Schülern. Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt demonstrieren seit 2018 für mehr Klimaschutz. Die Streiks sorgen für Diskussionen, da die Kinder jede Woche freitags während der Schulzeit auf die Straße gehen und dadurch den Unterricht verpassen.

 

Erstveröffentlichung: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 2/2020, S. 6-10, www.didacta-magazin.de

Prof. Dr. mult. Wassilios Fthenakis

Wassilios E. Fthenakis, Chefredakteur von didacta, didacta DIGITAL, didacta Infodienst, Bildungspraxis und Meine Kita, initiierte und verantwortete unter anderem den Bayerischen und Hessischen Bildungsplan. Er ist Professor für Erziehungswissenschaft und Ehrenpräsident des Didacta Verbandes.

Von Wassilios E. Fthenakis • 10.07.2020

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