Moderator vor Mindmap
© Karsten Herrmann / nifbe
Kitasystem

KiTa 2025: „Weiter so? Oder ganz anders?“

Die Zukunft des Kita-Systems einmal ganz kreativ und ohne Schere im Kopf zu durchdenken und zu durchspielen – das war das Ziel einer dreitägigen Zukunftskonferenz der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit e.V. (BAG-BEK) in Kassel, an der rund 140 Teilnehmer*innen aus allen Ebenen der Frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung teilnahmen.

Karsten Herrmann

Die Zukunft des Kita-Systems einmal ganz kreativ und ohne Schere im Kopf zu durchdenken und zu durchspielen – das war das Ziel einer dreitägigen Zukunftskonferenz der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit e.V. (BAG-BEK) in Kassel, an der rund 140 Teilnehmer*innen aus allen Ebenen der Frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung teilnahmen.

strehmel viernicke

Petra Strehmel und Susanne Viernickel begrüßten zur Zukunftskonferenz
Zum Auftakt umriss die BAG-BEK-Vorsitzende Prof. Dr. Petra Strehmel die Situation im KiTa-Feld und unterstrich: „Es gibt aktuell so viele Probleme vom Personalmangel bis zu fehlenden finanziellen Ressourcen und wir haben das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Jetzt gilt es aber nach vorne zu schauen!“ Wie ihre Vorstandskollegin Prof. Dr. Susanne Viernickel ergänzte, sei es Ziel der Konferenz „ohne Zeitdruck Räume zu schaffen um über die Zukunft des KiTa-Systems nachzudenken, kreative Ideen zu entwickeln und eine produktive Aufbruchstimmung zu schaffen.“

Unter der Moderation von Jutta Weimar und Frederik Wortmann richteten die Teilnehmer*innen ihren Blick aber zunächst einmal zurück in die Vergangenheit – und zwar im Hinblick auf „Persönliches“, „Weltgeschichtliches“ und auf die „Geschichte des Kita-Systems“ seit 1989. Auf drei großen Zeitleisten kamen so eine Vielzahl von zum Teil auf verblüffende Weise koinzidierenden historischen Ereignissen und Meilensteinen zusammen – von der Geburt eigener Kinder, dem „PISA-Schock“ und den Rechtsansprüchen auf Kindergarten- und Krippenplätzen bis zur Wahl Donald Trumps und dem Aufkommen nationalistischer und rechtspopulistischer Bewegungen.

 
 

In einem zweiten Schritt richtete sich der Fokus im Plenum auf politische, soziale, technische oder auch umweltbedingte Entwicklungen, die unsere Zukunft maßgeblich beeinflussen werden. So entstand eine weit verzweigte Mindmap, auf der die Teilnehmer*innen schließlich aus ihrer Sicht die wichtigsten Trends bepunkteten. Im Ergebnis kristallisierten sich folgende Haupttrends heraus:

Trends mit zunehmender Bewegung:

  • Digitalisierung aller Lebenswelten
  • Institutionalisierung der Kindheit
  • Kinderarmut
  • Diversität in KiTas
  • Organisationsentwicklungsprozesse in Kitas
  • Notwendigkeit von Fachberatung
  • Akademisierung der Fachkräfte
  • Multiprofessionalisierung von Teams
  • Risiko gesenkter Standards
  • Mangel an Fachkräften
  • Diskussion um Trägerqualität
  • Bedeutung der Kinderperspektive

Trends mit abnehmender Bewegung:

  • Qualifizierung der Fachkräfte
  • Bildungsgerechtigkeit
  • Kindliche Freiräume

Nach weiteren Reflexionsschleifen zur persönlichen Einschätzung der jeweiligen Entwicklungstrends sowie der in den letzten Jahren erreichten Dinge, die die Teilnehmer*innen mit Stolz bzw. Bedauern erfüllten, richtete sich der Blick schließlich in die Zukunft. In Kleingruppen wurden Visionen für das Kita-System 2025 entwickelt: Wie sind die Rahmenbedingungen für die frühkindliche Bildung, welche Beziehungen gibt es zwischen den Ebenen des Feldes oder zwischen den Erwachsenen und Kindern in der Kita? Welche Programme und Projekte wurden verwirklicht und welche Wirkung bringt das Kita-System 2025 hervor?
 

„Dem Trübsinn ein Ende“

Mit Lust, Kreativität und auch einem Schuss Radikalität entstanden in den Gruppen ganz unterschiedliche inhaltliche Szenarios für die Zukunft, die dann im Plenum unter großem Beifall szenisch dargestellt wurden: Als Jubiläumsfeier (der BAG BEK), als Nachrichtensendung „Kita vor acht“, als Szenen aus der „Kitopia in Diversien“ oder als hoffnungslos überlaufene Infoveranstaltung im Arbeitsamt für den neuen Traumjob Erzieherin. Schon hier kristallisierten sich große Schnittmengen heraus: In das Kitasystem fließen endlich die finanziellen Ressourcen, die notwendig sind und auch die Wirtschaft beteiligt sich daran großzügig. Nach einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof wird entsprechend der UNO-Kinderrechtskonvention jede Entscheidung unter dem Vorrang des Kindeswohl getroffen und das Bundesfamilienministerium ist zum größten in der Regierung geworden. Die Ebenen des Systems der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung sind von der Politik über die Träger, Fachberatung, Aus- und Weiterbildung, Forschung und KiTa-Praxis bestens vernetzt und die Kinder werden auf allen gesellschaftlichen Ebenen konsequent beteiligt – so auch in einem Kinderbeirat der Bundesregierung. „Die Welt gehört in Kinderhände / Dem Trübsinn ein Ende / Wir werden in Grund und Boden gelacht / Kinder an die Macht“ – ganz im Sinne dieser Liedzeilen von Herbert Grönemeyer wurde die Zukunft des Feldes von den Teilnehmer*innen visionär durchdekliniert.

In weiteren Arbeitsschritten wurden daraufhin die in den Zukunftsvisionen schon sichtbaren gemeinsamen Grundeinstellungen und Werte noch einmal fokussiert, präzisiert und schließlich in ein gutes Dutzend Kernsätze gegossen:

  • „Die Würde eines jeden Menschen ist zu achten und zu schützen!“
  • „Wir wollen ein gesellschaftliches System, in welchem die Kinderrechte konsequent und auf allen Ebenen umgesetzt werden“
  • „Wir wollen Anwälte der Kinder sein und Kinder dazu ermächtigen sprachfähig zu sein und ihr Wohl einzuklagen“
  • „Wir treten ein für Wohlbefinden und Wohlergehen von Kindern in allen Lebenslagen“
  • „Wir wertschätzen alle Ressourcen jedes Menschen und leben gleichberechtigte Teilhabe und Teilgabe“
  • „Die Kita ist ein mobiler Lebensort durch Kinder, Familien, Fachkräfte und Akteur*innen im Sozialraum“
  • „Wir wollen eine auskömmliche Finanzierung des Kitasystems mit einer dauerhaften Beteiligung des Bundes und der Wirtschaft“
  • „Wir fordern ein gemeinsames Bildungsverständnis, das durch einen Bildungsrat auf Bundesebene politisch vereinbart ist und Bildungsgerechtigkeit sichert“
  • „Wir wollen ein mehrperspektivisches Bundesqualitätsgesetz, das fachlich begründete Standards an allen Bildungsorten umsetzt“
  • „Wir setzten uns dafür ein, dass Fachberatung gesetzlich verankert und finanziert wird.
  • „Wir sind uns einig: Für ein attraktives Berufsfeld brauchen wir Anerkennung und Wertschätzung der Berufsgruppe, u.a. durch angemessene Arbeitsbedingungen und Bezahlung. Dafür setzen wir uns ein!“
  • „Wir wollen eine geteilte Verantwortung von Ausbildungsträgern und Praxis“
  • „Wir schaffen ein Fachforum zur kontinuierlichen Vernetzung von Akteur*innen aus Forschung und Praxis. Das Bündnis mit Vertreter*innen aus allen relevanten Gruppen des Systems agiert als Verantwortungsgemeinschaft zu dessen Weiterentwicklung“

Zum Abschluss der BAG BEK Zukunftskonferenz wurden den gesammelten Kernsätzen konkrete Vorhaben und Projekte zugeordnet und nächste Schritte verabredet – so zum Beispiel die Sondierung bzw. Vorbereitung einer Klage gegen das Gute KiTa Gesetz unter dem Aspekt des Vorrangs des Kindeswohls oder die Überprüfung von Curricula der Hochschulen im Hinblick darauf, ob hier die Kinderrechte und die Partizipation der Kinder ausreichend thematisiert sind. Als gemeinsame Plattform und Vernetzungsinstanz für alle relevanten Akteur*innen soll auch die BAG BEK weiter ausgebaut und Themen der Zukunftskonferenz auf ihren nächsten Tagungen weiter bearbeitet werden.

Insgesamt entstand in diesen Tagen so der gemeinsame Schwung für die stille oder auch laute Revolution des Kitasystems. Wie BAG BEK-Vorstand Prof. Dr. Susanne Viernickel zum Abschied formulierte, gelte es jetzt die nächsten Schritte tatsächlich zu gehen und dabei „radikal zu denken und rational zu handeln!“

Von Karsten Herrmann • 18.11.2019

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