Verzweifelte Frau
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Kita-Öffnung

"Die KiTas können das nicht alleine wuppen!"

Im Interview mit Elke Alsago geht Karsten Herrmann der Frage nach, wie es mit der Kindertagesbetreuung in Corona-Zeiten weiter gehen kann und was wir dafür brauchen. Klar wird dabei: Die KiTas können den Betreuungsbedarf aktuell nicht alleine erfüllen und es braucht dringend Alternativangebote. Elke Alsago ist Referentin des ver.di Bundesvorstandes und Vorstandsmitglied der BAG BEK.

Karsten Herrmann

Karsten Herrmann: Bei der Frage der weiteren KiTa-Öffnung stehen wir in einer Dilemma-Situation, in der die Bedarfe von Volkswirtschaft und Eltern, von Kindern - incl. der Aspekte Kinderschutz und Bildungsgerechtigkeit - sowie dem notwendigen Gesundheits- und Infektionsschutz aufeinandertreffen. Nun wächst der öffentliche Druck täglich stärker die KiTas wieder zu öffnen und auch die meisten Stellungnahmen von Verbänden und Initiativen plädieren in diese Richtung. Nun haben auch Bund und Länder einen Vierstufen-Plan für die Wiedereröffnung vorgelegt. Wie schätzen Sie diese Forderungen und Pläne ein?

Elke Alsago: Grundsätzlich halte ich eine weitere Öffnung der KiTas sowohl im Blick auf die Kinder wie auch die Eltern für sinnvoll. Was mir in der Diskussion allerdings fehlt, ist der Blick auf die Fachkräfte vor Ort. Wir haben ja nur eine begrenzte Anzahl von Fachkräften zur Verfügung. Schon vor der Corona-Pandemie hatten wir eine problematische Fachkräftesituation und diese wird nun verschärft durch viele Fachkräfte, die aufgrund des Alters und oder gesundheitlichen Aspekten zur Risikogruppe gehören. Ich höre jetzt schon von einzelnen KiTas, dass selbst die Notbetreuung mit dem noch zu Verfügung stehenden Personal und den teilweise deutlich ausgeweiteten Betreuungszeiten kaum zu leisten ist, weil alles auf den Schultern von wenigen lastet. Im Moment werden die Regelungen für die berechtigten Personen ständig ausgeweitet, aber niemand berechnet, welche Betreuungskapazitäten im System unter den notwendigen Gesundheits- und Infektionsschutzmaßnahmen überhaupt vorhanden sind.

Gerade gestern habe ich von einer KiTa-Leiterin aus Göttingen gehört, dass sie knapp 20 Prozent der ursprünglichen Kinder in der Notbetreuung haben und dafür einen hundertprozentigen Personaleinsatz benötigen – durch eine auf vier reduzierte Gruppengröße und den notwendigen Schichtbetrieb mit festen Erzieher*innen. Machen wir uns da momentan große Illusionen, was die Ausweitung der Kindertagesbetreuung angeht?

Ja, absolut! Die KiTas können den vorhandenen Bedarf für die Betreuung auf keinen Fall alleine wuppen. Da müssen Alternativangebote her! Man könnte sich z.B. überlegen, ob man andere Räumlichkeiten wie z.B. Theater, Museen, Gemeindehäuser und solche, wo sonst auch Kinder sind, nutzt und versucht hier neues Fachpersonal für das Betreuungssetting zu finden. Wir haben ja auch den ganzen Bereich der offenen Kinder- und Jugendhilfe, der momentan so gut wie gar nicht stattfindet. Auch da könnte man überlegen, ob man die quasi zur regelhaften Kindertagesbetreuung umfunktioniert. Vor Ort in den einzelnen Kommunen gibt es auf jeden Fall viele Möglichkeiten, die man nutzen kann.

Aber wie kann das konkret angegangen werden?

Ich glaube, dass es dazu wichtig ist, dass man die Akteure vor Ort zusammenbringt und ihnen zuhört. Es müssen Krisenstäbe vor Ort eingerichtet werden, in denen natürlich die Kommune, aber auch die KiTa-Träger, die Vertretung der Beschäftigten und die Eltern vertreten sind. Gemeinsam muss man hier überlegen, was vor Ort nötig und möglich ist, damit den Bedarfen aller Beteiligten und gleichzeitig dem epidemiologischen Geschehen Rechnung getragen werden kann. Wir haben vor Ort, in Stadt und auf dem Land ganz unterschiedliche Konstellationen und Bedarfe, die man nicht durch allgemeine Masterpläne und Verordnungen regeln kann.
 

Aber braucht es nicht auch verbindliche Regelungen in Richtung Gesundheitsschutz, Hygienepläne, Gruppengröße für die KiTas? Damit kann doch nicht jeder einzelne Träger oder gar jede einzelne KiTa alleine gelassen werden!?

Die brauchen wir in der Tat auch und zu den verbindlichen Regelungen, zu denen auch das neue Arbeitsschutzgesetz von Arbeitsminister Heil zählt, gehören meiner Meinung nach eben auch die Krisenstäbe vor Ort dazu. Zugegeben sind einzelnen Aspekte des Arbeitsschutzgesetzes wie die Abstandsregel von 1,50 Meter bzw. alternativ der Schutz durch Masken natürlich extrem schwer in der KiTa mit Kindern zu realisieren. Aber zum Beispiel im Hinblick auf den Kontakt mit Eltern oder auch in der Wickelsituation kann und sollte man sie einhalten. Eine ganz gute Handreichung für all diese Fragen und auch pädagogische Fragen hat übrigens aktuell Bayern vorgelegt. (Download).

Schauen wir einmal auf die aktuelle Situation: Wir haben einerseits die Notbetreuung mit teilweise nur sehr wenigen Kindern in der KiTa. Wie kann hier eine professionelle pädagogische Arbeit aussehen und wie kann hier der Gesundheitsschutz für Kinder und Fachkräfte gestaltet werden?

Neben den gerade schon erwähnten Aspekten, den Rechnung zu tragen gilt, müssen für die Einrichtungen detaillierte Hygienepläne erstellt werden. Für entscheidend halte ich, dass man die Kontaktkreise möglich eng hält. Der beste Schutz für alle in der Pandemie sind kleine Gruppen und begrenzte Kontakte! Und auch nur in kleinen Gruppen kann man den aktuellen pädagogischen Ansprüchen gerecht werden. An den Kindern geht die aktuelle Situation nicht spurlos vorbei und auch sie befinden sich in einer Krisensituation. Sie haben jetzt oft viele Wochen nur im Kreis ihrer Familie verbracht und erleben jetzt draußen eine Welt, wo die Menschen Masken tragen und weite Bögen umeinander machen. Kinder erleben derzeit eine Situation, die schon für Erwachsene schwer zu verkraften ist und bräuchten daher eine intensive Betreuung und Zuwendung in der KiTa. Daher ist wie gesagt auch aus pädagogischen Gründen angezeigt die Gruppen so klein wie möglich zu halten.

Was bedeutet das konkret?

Die konkrete Gruppengröße hängt natürlich auch vom Alter und der Entwicklung der Kinder ab und ob zum Beispiel Kinder, die unter den Bedingungen von Behinderungen leben, darunter sind. Eine Gruppengröße von 3-5 halte ich für angebracht und unter bestimmten Bedingungen – z.B. Geschwisterkinder oder auch außerhalb der KiTa eng befreundete Kinder - kann man das auch noch ein bisschen ausweiten. Aber man muss sich immer bewusst bleiben, dass jedes Kind eine ganze Familie und möglicherweis auch Verwandtschaft im Hintergrund hat und hier sollte man immer auf die Infektionskreise achten und die möglichst klein halten. Gruppengrößen von 12, 15 oder wie in Dresden gar von 20 Kindern, wie es sie jetzt schon wieder gibt, gehen daher gar nicht!

Und was brauchen die Kinder aus pädagogischer Sicht konkret?

Ich glaube das wichtigste - und das macht ja auch das Dilemma aus - ist der enge Kontakt mit den Kindern. Die Fachkräfte sollten sehr aufmerksam sein und genau wahrnehmen, wie es den Kindern geht, ihre Fragen beantworten, über Emotionen sprechen, von sich selbst erzählen und eine große Offenheit signalisieren. Sie sollten sensibel und empathisch sein und Sicherheit bieten. Ein bisschen geht das in die Richtung der Arbeit mit traumatisierten Kindern und nicht ganz ohne Grund vergleichen viele Politiker und andere die aktuelle Situation ja mit einer Kriegssituation.

Aktuell haben wir neben der Notbetreuung zum anderen die vielen Kinder, die mit ihren Eltern zum Teil auf engsten Raum zuhause sind. Wie kann hier eine professionelle pädagogische Begleitung und Unterstützung aussehen?

Ich glaube, dass diese Familien in den letzten Wochen teilweise sehr aus den Blick geraten sind. Es muss aber ein Bewusstsein dafür her, dass die professionelle pädagogische Arbeit hier auch auf Distanz geleistet werden muss. Dafür braucht es kreative Ideen und Konzepte, wie der Kontakt mit den Kindern und den Eltern zuhause aufrechterhalten werden kann – z.B. kann man regelmäßig mit Eltern und Kindern telefonieren, kleine Päckchen mit Bilderbüchern, Spielen oder Bastelanleitungen schicken, Online-Chats einrichten, virtuelle Morgenkreise durchführen oder Videos schicken. Es ist absolut notwendig die Kommunikation aufrecht zu erhalten – zum einen, um die Kinder in Kontakt mit dem KiTa-Kontext zu halten und zum anderen auch aus Gründen des Kinderschutzes, um zu sehen oder zu spüren wie die aktuelle Situation in den Familien ist und ob da möglicherweise Gefährdungslagen vorliegen.

  • Schauen wir abschließend noch einmal auf das große Ganze: Seit Jahren werden besseren Rahmenbedingungen wie mehr Personal und kleinere Gruppengrößen für die Kindertagesbetreuung gefordert. Rächt sich in der heutigen Situation auch, dass das System KiTa schon seit Jahren an der Belastungsgrenze fährt?

Absolut! Wenn wir nicht so eine schlechte Ausgangslage hätten, wie wir sie haben, hätten wir diese Probleme so nicht und es könnten deutlich mehr Kinder betreut werden. Das sind jetzt ein Stück weit hausgemachte Probleme. Wenn unsere berechtigten Forderungen vorher erfüllt worden wären, könnte man jetzt vielleicht statt nur 20 immerhin 60 Prozent der Kinder wieder in die Kita bringen. Daher dürfen wir in unserem Bemühen um bessere Rahmenbedingungen nicht nachlassen! Andere Länder machen es vor. Dort sind die Arbeitszeiten der Mütter und Väter und das Kita-Angebot in kleinen Gruppen besser aufeinander abgestimmt.

In einer Krise liegt ja auch immer eine Chance und vielerorten gehen Fachkräfte ja auch sehr kreativ und flexibel mit der Situation um. Wo sehen Sie positive Entwicklungsmöglichkeiten in dieser beispiellosen Zeit?

Meines Erachtens nach erweist sich jetzt in der Krise, wie gut sich miteinander arbeiten lässt und ob es gelingt, gemeinsam gute Lösungen für alle Akteur*innen, Kinder, Mütter und Väter, Fachkräfte und Trägervertreter*innen auszuhandeln. Wenn dies gelingt, kann eine neue Kultur des Miteinanders entstehen, die von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Wenn nicht, werden sich Konflikte zuspitzen. Das wird sich jedoch erst in den nächsten Monaten herausstellen.
 

Von Karsten Herrmann • 05.05.2020

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