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Klimawandel

Kindern Klimawandel erklären

Wetter-Moderator Sven Plöger ist überzeugt, dass das Thema Klima in der Schule viel intensiver behandelt werden muss. Mit anschaulichen Geschichten, in einem eigenen Schulfach.

Silvia Schumacher

didacta / Silvia Schumacher: Herr Plöger, wie würden Sie einem Grundschulkind den Klimawandel erklären?

Sven Plöger: Ich würde auf das eingehen, was das Kind selbst fühlen kann: Das Kind hat vielleicht über die letzten Jahre gemerkt, dass sich das Wetter ändert. Dass es immer wärmer wird, an Weihnachten kein Schnee mehr liegt und es weniger Wintersport machen kann. Kinder können mit Erderwärmung um 1,5 Grad wenig anfangen, daher sollte man ihnen auf diese Weise die Klimaveränderungen erklären.

Im Interview mit dem Nachrichtenportal Bildungsklick sagten Sie, es gehe darum, Geschichten zu erzählen. Sollte das auch der Ansatz in Schulen sein?

Ganz genau. Man muss nah an das Kind heran und zwar nicht mit der Zielsetzung, Ideologien weiterzugeben, sondern um ein gesundes Verhältnis zur Umwelt herzustellen.

Wie kann das konkret aussehen?

Indem man mit den Schülern zum Beispiel einen Ausflug in den Wald macht, ein Experte ihnen anschaulich erzählt, welche Tiere es dort gibt und wie sie dort leben. So bekommt das Kind ein natürliches Gefühl dafür, wie die Natur funktioniert. Aufgabe der Schule ist darüber hinaus, Zusammenhänge altersgerecht zu erklären, sodass Kinder begreifen, warum sich das Wettergeschehen verändert und warum eine wärmere Atmosphäre bedeutet, dass es kräftigere Regengüsse gibt. Wenn ich mit Kindern arbeite, frage ich sie beispielsweise am Anfang: Habt ihr schon einmal in den Tropen Urlaub gemacht? 

 

Wie habt ihr euch dort gefühlt? Ist euch aufgefallen, wie schwül und heiß es dort ist? Man muss bei Kindern über Gefühle arbeiten, um ihr Interesse zu wecken. Und dann Wissen altersgerecht vermitteln.

Wie war das in Ihrer Schulzeit?

Ich bin 1973 eingeschult worden, da war Klimawandel kein Thema. Heute sollte es meines Erachtens ein eigenes Fach dafür geben. Ich hatte damals allerdings tollen Sachkundeunterricht und war so fasziniert, dass ich das „Wettergen“ in mir entdeckt habe. Ich kenne aus meiner Schulzeit grandiosen, spannenden, spaßmachenden Unterricht, aus dem man echt etwas mitgenommen hat, aber auch Unterricht, wo ich dachte: „Hä?“

Was hat den grandiosen Unterricht für Sie ausgemacht?

Der Lehrer konnte interessant erzählen und gleichzeitig Wissen vermitteln. Diese Kombination sollte ein wichtiger Aspekt der Lehrerausbildung sein. Nur so erreicht man die Kinder.

Sie sagten, es braucht ein eigenes Schulfach für Umweltthemen. Mit welchem Argument?

Aktuell werden in Fächern wie Physik, Erdkunde, Politik einzelne Aspekte behandelt. Man sollte diese in einem Fach bündeln, damit sich die Schüler stringent mit der Thematik auseinandersetzen können. Der Klimawandel ist die Menschheitsherausforderung schlechthin, also muss das doch
in der Schule zentral sein! Wir brauchen einen an der aktuellen Zeit angepassten Unterricht und müssen dort die Themen behandeln, die die Jugendlichen beschäftigen. Und an Fridays for Future sehen wir, was das im Moment ist.

Kostenloses Material "Nachhaltigkeit als Unterrichtsfach"

Auf der Seite der Zukunftsbauer finden sich hierzu erste kostenlose Materialien zur Fachimplementierung: ein Einführungsheft "Nachhaltigkeit als Unterrichtsfach", eine detaillierte Fachbeschreibung mit Lernzielen/ Kompetenzen und eine Präsentation zur Fachvorstellung bei Eltern und SchülerInnen. In den kommenden Monaten wird ein Team an Lehrkräften ein Curriculum erstellen, dass dann ebenfalls kostenlos online abrufbar ist.

Was halten Sie von der Bewegung?

Mich begeistert, dass eine Jugend, von der man dachte, dass für sie nur die virtuelle Welt des Handys wichtig ist, sich engagiert. Sie wollen politisch etwas ausrichten und machen Druck – da sie begriffen haben, dass sie ausbaden müssen, was ihnen unsere Generation einbrockt. Das ist ein sehr guter Anfang, aber nun ist die Frage, was in der Politik passiert.

 

Lassen Sie es mich mit der Titanic verdeutlichen: Wir befinden uns gerade an der Stelle, wo der Eisberg gesichtet wurde und man sofort umsteuern müsste, um das Schiff vor dem Untergang zu bewahren. Stattdessen hat man damals lange wertvolle Sekunden gewartet und geschaut, wie man sich dem Eisberg nähert. Dann wurde zwar panisch am Ruder gedreht, aber der Ozeanriese ist wegen seiner Trägheit doch in den Eisberg gekracht. Der Rest ist bekannt. Mit dem Klimasystem und seiner Trägheit ist es das gleiche – wir müssen deshalb sofort den Kurs ändern.

Klimafakten

  • Auf der Pariser Klimaschutzkonferenz im Dezember 2015 haben sich 195 Länder erstmals auf ein rechtsverbindliches weltweites Klimaschutzübereinkommen geeinigt: Die Erderwärmung soll auf 1,5 Grad Celsius, mindestens aber auf deutlich unter 2 Grad Celsius begrenzt werden.
     
  • Der 25. Juli 2019 war mit einer Spitzentemperatur von 41,4 Grad der heißeste Tag in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.
     
  • In Baden-Württemberg hat Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) im Juli 2019 den Notstand des Waldes ausgerufen – weil immer mehr Bäume sterben.
     
  • CO2 ist das am häufigsten durch menschliche Tätigkeiten erzeugte Treibhausgas, auf das die durch den Menschen verursachte Klimaerwärmung zu 63 Prozent zurückgeführt wird. (Quelle: https://ec.europa.eu/clima/change/causes_de)
     
  • Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist heute um 40 Prozent höher als zu Beginn der Industrialisierung. (Quelle: https://ec.europa.eu/clima/change/causes_de)
     
  • 32 Länder sind für 80 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich: China liegt bei den CO2-Emissionen auf Platz Eins, gefolgt von den USA und Indien. Deutschland liegt auf Platz 6. (Quelle: Klimaschutz in Zahlen, www.bmu.de)
     
  • Die jährlichen Pro-Kopf-CO2-Emissionen sind in Deutschland mit 9,6 Tonnen ungefähr doppelt so hoch wie der internationale Durchschnitt von 4,8 Tonnen pro Kopf. (Quelle: Klimaschutz in Zahlen, www.bmu.de)
     
  • Am 20. September haben sich Opposition und Regierung in Deutschland auf Eckpunkte zum Klimaschutzprogramm 2030 geeinigt, unter anderem soll es ab 2021 eine CO2-Bepreisung für Verkehr und Wärme geben, Bahnfahren sollen billiger, Kurzstreckenflüge teurer werden. Klimaschützer kritisieren die Maßnahmen als unzureichend.

Der Beitrag erschien als erstes in didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 4/2019, S. 4-6, www.didacta-magazin.de

Mehr Beiträge zu Klimaschutz gibt es in der Ausgabe 4/2019, erhältlich am Kiosk oder online als e-Magazin im ikiosk

 

Von Silvia Schumacher • 05.11.2019

Sven Plöger

Sven Plöger ist Diplom-Meteorologe, Moderator und Buchautor. Er moderiert das Wetter vor Acht im Ersten, beteiligt sich an Wissenschafts- und Diskussionssendungen im Fernsehen und hält Vorträge zu Wetter und Klima – auch für Kinder.

Silvia Schumacher

Silvia Schumacher studierte Sprach- und Erziehungswissenschaft an der Universität Augsburg. Heute ist sie Redaktionsleiterin von didacta – das Magazin für lebenslanges Lernen und Teil des Redaktionsteams von Frühe Bildung Online. Zuvor unterrichtete sie mehrere Jahre an einer privaten Bildungseinrichtung und weiß daher, wie der Alltag von Pädagogen aussieht.

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